Der Fall eines Prinzen

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und der zurückbleibende moralische Scherbenhaufen

Zwei Perspektiven fehlen mir in den derzeitigen Guttenberg-Zu-Rücktritt-Berichten. Einmal: Die Gefühle und zum zweiten: die Rücksicht auf den Menschen.

Auch wenn ich weder Anhängerin der CSU bin und vor allem ihre Wertvorstellungen und konservativen Einstellungen nicht teile oder gut finde; auch wenn ich negativ bzw. etwas spöttisch über den Guttenberg-Vorgang geschrieben habe (und er im Kern ein politischer Skandal bleibt und auch für einen Rücktritt gereicht hat) und auch, wenn ich die Einstellung und die Bewegungen in der Netz-Gemeinde eher progressiv und gut, als schlecht finde; bei all den „trotz“ und „abers“…

Der Mensch Guttenberg tut mir leid. Er tut mir leid, weil er in ein System der Macht und Selbstbezogenheit gezogen worden ist. Er tut mir leid, weil er beneidet wird und die Medien und andere Menschen kollektiv auf ihn eingedroschen haben. Er tut mir leid, weil er gut reden konnte, meistens einen freundlichen bis authentischen Eindruck gemacht hat und eine neue Klasse von Politikern dargestellt hat. Wenn schon CSU, dann wäre Guttenberg das kleinstmögliche Übel gewesen. Der Mut zu Veränderung ist in dieser Partei ein kleiner Lichtblick und die Partei wäre gut beraten, diesen Aspekt weiter auszubauen. Für eine Pauli hat es ja dann leider doch nicht ganz gereicht, aber die Richtung stimmt schonmal!
Die Menschen haben Guttenberg gemocht, weil sie auf ihr Herz vertraut haben und nicht nur, weil sie ausschließlich die Springer-Presse gelesen haben.

Die Soldaten tun mir leid, weil sie eine wichtige Bezugsperson verlieren und jemand, der sich ihrer Sorgen und Nöte angenommen hat. Weil mit Guttenberg eine reisefreudiger und aufrichtiger, anteilnehmender Politiker zurückgetreten ist. Die jungen Menschen, deren Begeisterung für einen freiwilligen Dienst nun erst geweckt werden muss (und damit das eigentliche Problem an der „Reform“ darstellen)… aber auch die alten und kranken Menschen, die von Zivis versorgt worden sind und über die kaum jemand mehr spricht. Ein Guttenberg hätte mit seinem Charisma viel Gutes bewegen können. Er war in vielerlei Hinsicht ein Vorbild, jemand zu dem man aufschauen konnte und leider auch jemand, den man hassen oder beneiden konnte.

Menschen lassen sich nicht täuschen, wenn es um Beliebtheit von Menschen oder Politikern geht. Guttenberg ist jung und mit seiner aristokratischen Wurzeln stellte er für viele Menschen eine Art „Ersatz-König“ dar. Es passte einfach alles zusammen: Jung, vermögend, eine hübsche Frau, fotogen, redegewandt, gebildet, ehrgeizig, erfolgreich und eine kometenhafte Karriere. Beliebtheit bei Partei-KollegInnen und bei den Menschen im Volk. Was kann ein Mensch mehr sein, wenn es um die reine Äußerlichkeit geht? Aber diese gläserne Podest, auf das er von allen gehoben worden ist, war zugleich sein Untergang. Während Frauen meistens vor gläsernen Barrieren oder Decken stehen und schon allein auf Grund ihres Geschlechtes niemals diesen Ruhm und diese Beliebtheit erlangen können, profitierte Guttenberg auch von seiner sportiven Männlichkeit, die den Idealtypus unserer Zeit wie kein zweiter repräsentierte. Auch gerade, dass er kein typischer Politiker zu sein schien und irgendwie locker und natürlich herüberkam, wurde an ihm geschätzt.

Mir tut er leid, aber mir tut auch das ganze Politik, Medien und Internetgeschäft leid. Eine Sache, warum ich immer weniger Lust darauf habe und mich schrittweise immer weiter davon distanziere, weil ich merke, wie falsch alles und jeder ist. Jeder beneidet und kritisiert den anderen, eine wirkliche Bindung gibt es zwischen den Leuten nicht. Und was ist die vielgelobte „Netzgemeinde“ denn oft, als ein sich mit Hilfe technischer Mittel zusammenrottender Mob, der danach schreit, den König zu stürzen? Mir tun die Leute leid, die nicht verzeihen können. Die solange auf den Fehlern und der Schwäche eines Menschen herumreiten, bis dieser unter dem Druck zusammenbricht (oder alternativ: sich umbringt). Mir tun die Leute leid, die von vornherein behaupten müssen, dass das Leben kein Ponyhof sei oder Mitleid grundsätzlich nicht zu erwarten sei. Nein, Mitleid gibt es nicht in der Welt „da draußen“. Und gibt es Mitleid in der Welt „da drinnen“ oder ist sie schon gänzlich ausgehöhlt und zerfressen von Ehrgeiz und Neid?
Was ist Neid? Neid deutet darauf hin, dass dem Menschen etwas fehlt und weil es ihm so sehr fehlt, gönnt er es auch einem anderen nicht. Neid ist Mangel im menschlichen Bereich und er ist ziemlich verbreitet. Niemand ist zufrieden, niemand ist gesättigt. Der Konsum oder die Arbeit allein sorgen nicht für Glück. Glück sind kleine, unsichtbare Momente. Großmut, Verzeihen, sich etwas schenken, Zeit geben, die Stärken sehen, loben.

Mir tun die Menschen leid, die in so einem System leben und so eine Art von Politik hervorbringen. Wo sich Neid und Betrug mehr auszahlt, als intensive Arbeit und qualifizierte Recherche. Wo die Titel und Posten, das Gehalt mehr zählt, als der langsame und auf gesunden Füßen gewachsene Fortschritt. Das ist das traurige daran. Es ist traurig, wie qualifizierte Menschen an so einem System zerschellen, weil sie den Verlockungen nicht widerstehen können. Das System wird auch nicht besser, wenn wir darüber schimpfen. Es entsteht kein menschlicher Wandel auf der Basis von Neid, Gier oder Hass.

Das einzige was man braucht, um glücklich zu sein ist Toleranz, Vergebung und viel, viel Geduld.

14 Gedanken zu „Der Fall eines Prinzen“

  1. Du, Julia, in einem Buch über kreatives Schreiben habe ich mal sinngemäss so etwas gelesen, dass man Gefühle am Überzeugendesten rüberbringen kann, wenn man sie nicht hat. Wenn man sie schauspielert.
    So viel zu authentisch.

    Ich habe das Buch zwar selbst, aber ich weiss nicht mehr, wo diese Aussage steht, sonst würde ich zitieren.

  2. Hallo Violine, meinst du, Guttenberg hat geschauspielert? Also wenn, dann auf jeden Fall ziemlich gut! 😉

    Vielleicht fällt dir ja die Quelle auch ein, wäre interessant.

    Was sagst du denn zu seinem Rücktritt? Findest du es gut oder schlecht?

    viele Grüße!

  3. Ich habe in einem anderen Kommentar geschrieben, Julia, das ich glaube, das Guttenberg selbst und die ganze Affäre nur eine „Stellvertreter“_Position einnehmen. Ich frage, für was?

    Sie haben ihn abgeschlachtet und es ist ihnen noch nicht mal die Frage wert, was hat das Ganze mit mir zu tun?

    Jetzt aufhören zu schreiben, Julia, das wäre Kapitualtion. Das ist, als hätten die Menschen in Ägypten nach 5 Tagen den Tahrir Platz geräumt. Ich will nicht die Welt verbessern, das können wir gar nicht, weil sie so ist, wie sie ist. Aber nun sind wir schon zwei ähnlich Denkende. Wenn wir abtreten, und kommentarlos Menschen wie Hr. Trittin nicht sagen, das niemand von Demut reden sollte, der andere Menschen ins unwürdigste demütigt, dann überlassen wir denen das Feld, die im Engelskostüm sich morgen zu den schlimmsten Schergen mausern werden.

    Deshalb habe auch ich dazu schreiben müssen, und ich oute mich, indem ich sage:
    Auch ich bin ein Guttenberg.

  4. @ Menachem: ich habe deinen letzten Blog-Artikel gelesen und ich finde ihn gut. Aber was genau meinst du mit „ich bin ein Guttenberg“ ? Bist du auch adlig? 😉

    Ich denke einfach, dass man zwischen der Menschlichkeit und der Sache unterscheiden muss. Das eine hat oft nichts mit dem anderen zu tun und so entstehen dann die Probleme.

    Aufhören mit Bloggen will ich nicht, aber empfinde eine „natürliche“ Distanz im Moment wohltuender und auch streßfreier. Vielleicht kommen auch wieder blog-reichere Tage, ich bin mir sogar ganz sicher, dass sie kommen. 😉 (mit dem Frühling..)

    Viele Grüße,
    Julia

  5. @Julia, ich weiß im Moment gar nicht, ob ich ein Adeliger sein wollte? 🙂 Aber nein, ich bin es nicht, ich bin nur ein kleiner Gauner und Schummeler, so wie Hr. Guttenberg, und damit gehöre ich ja auch schon wieder in die besseren Kreise, wie man so zu sagen pflegt 🙂

    In der neuen Ausgabe der ZEIT, die morgen erscheint, heißt es, das sich Deutschland in der Guttenberg Affäre spaltet. Das ist gut so. Ich hoffe nur, das wir im Ansatz erfahren werden, was uns das Ganze lehren sollte und das es wieder eine Ebene der Sachlichkeit findet, die leider im Moment auch mir noch nicht ganz gegeben ist. Zumindest meine ich, das wären wir Hr. Guttenberg schuldig.

    Das NICHT-Schreiben empfinde auch ich manchmal als sehr schöne Phase. Nicht tun zu müssen, was man nicht tun will. Ich wünsche dir eine schöne Zeit und werde mich freuen, ab und zu von dir zu lesen.

  6. Hallo Julia,

    ich habe die Textstelle jetzt schneller gefunden, als ich dachte. Es ist im Buch von Fritz Gesing „kreativ schreiben“, erschienen bei DuMont, zweite, aktualisierte Auflage 2005, S.14. Der Autor zitiert hier seinerseits Gustave Flaubert (weiss aber nicht, wo er das nun wiederum her hat): „Nicht die Leidenschaft macht die Verse. Je persönlicher sie sind, desto schwächer. Je weniger man eine Sache fühlt, um so fähiger wird man, sie so auszudrücken, wie sie wirklich ist, aber man muss die Gabe besitzen, sie sich fühlbar zu machen.“

    Zu seinem Rücktritt: Unbedingt notwendig. Wer derart skrupellos und noch dazu gewieft fälscht – so einfach ist es ja nicht, für eine Dissertation summa cum laude zu bekommen – der ist sehr gefährlich und nicht haltbar auf einem verantwortungsvollen Posten. Er scheint noch dazu jede Bodenhaftung verloren zu haben (sein Rücktrittsauftritt soll ziemlich widerwärtig gewesen sein (siehe http://textundblog.de/?p=3987 )), aber ich sehe das auch daran, in welchem Umfang er gefälscht hat. 60%!!! Wenn man bedenkt, dass im wissenschaftlichen Betrieb Dissertationen weiter benutzt werden und mit ihnen weitergearbeitet wird – mit einer Summa-cum-laude-Arbeit sowieso – dann war die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass er ertappt wird. Was hat er sich eingebildet?

  7. Hallo Julia!

    Diesmal muß ich Dir leider ganz heftig widersprechen. Den Freiherrn von Guttenberg habe ich von seinen ersten Tagen in der Bundesregierung an als selbstverliebten und eher arroganten Menschen wahrgenommen, der dann auch recht schnell durch unüberlegte Äußerungen sowie durch eine beängstigende Nähe zur Boulevardpresse unangenehm aufgefallen ist. Sollte er tatsächlich – wie Du es formulierst – ein Vertreter einer neuen Klasse von Politikern sein, so wird mir angst und bange.
    Die genannten Eigenschaften sind keine, mit denen man in der Politik Vertrauen schaffen kann oder mit denen ein verläßliches, unaufgeregtes und sachorientiertes Regieren möglich wäre. Guttenberg mag gewisse Talente zur Selbstdarstellung haben, und er ist sicher aufgrund seines Aussehens und seiner adeligen Herkunft eine interessante Persönlichkeit, weswegen die Yellow Press ihm auch so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat. Aber es kann doch nicht im allgemeinen Interesse sein, daß unsere Politik derart stark und unreflektiert vom Boulevard mitbeeinflußt wird.

    Guttenbergs Fall, der letztendlich nur deshalb so hart und so tief ausgefallen ist, weil er selbst seinen vorangegangenen Höhenflug mitbefeuert hat, mag eine menschlich tragische Komponente enthalten, da gebe ich Dir recht. Ich würde ihre Ursachen aber nicht im Neid der anderen oder in einem aus der sogenannten Netzgemeinde stammenden Mob suchen, sondern in der Selbstüberschätzung, der Realitätsferne und der mangelnden Erfahrung (bzw. schlechten Beratung) im Umgang mit den Medien des Freiherrn selbst. Er ist sicherlich kein Opfer von dritten und meiner Meinung auch nicht besonders gut dazu geeignet, daß man eine Dolchstoßlegende um seinen (notwendigen!) Rücktritt herum strickt.

    Viele Grüße,
    Yva

  8. @Violine,

    das Zitat teile ich nicht ganz in seiner Aussage. Es wirkt auf mich auch widersprüchlich. Natürlich muss man eine Sache fühlen, um sie glaubhaft vermitteln zu können. Im Idealfall sind Gefühl und Ausdruck eins, das würde ich als einen gesunden „normalen“ Menschen bezeichnen. Jedes Mal wenn es da eine Spaltung gibt, zwischen dem was man fühlt und dem was man sagt, entsteht ein Fehler oder eine leichte Verschiebung, die dann auffällig ist.

    Ich weiß nicht, auf wen oder was du das Zitat beziehst, da es so leer im Raum steht, aber ich vermute, hauptsächlich auf Guttenberg?
    Dann kann ich dazu nicht viel sagen, da er auf mich schon glaubwürdig gewirkt hat, aber ich kann auch nicht in seinen Kopf schauen. Und wie ein Mensch sich auf einer großen Bühne repräsentiert und wie er wirklich ist, da entstehen schon auf Grund der Natur der Sache große Diskrepanzen.

    Das ist zumindest auch etwas, für das ich Mitleid empfinden könnte: Der Zwang, sich verstellen zu müssen, um andere überzeugen zu können. Dass die Normalität oft nicht mehr ausreicht oder nicht schillernd genug ist. Auf der anderen Seite ist das „sich verstellen“ so sehr in die menschliche Natur übergegangen, dass es schon fast an der Tagesordnung ist und man es überall findet, im Guten wie im Schlechten..

    @Yva:

    Doch ich glaube, dass es genau so ist: Die Politik wird vom Boulevard beeinflusst, und die Äußerlichkeit spielt dabei eine große Rolle, auch wenn wir vom Verstand vielleicht sagen, dass es anders sein „sollte“. Ich finde das auch traurig und eine seltsame Entwicklung. Genauso wie die Guttenberg-Gegner denke ich, dass die einzig mögliche Entscheidung der Rücktritt war.

    Für mich bleibt aber die Frage: Wer beeinflusst wen? Die Politiker das Volk oder das Volk die Politiker? Wie ist die Wechselwirkung zwischen beiden Systemen? Ich fand es z.B. interessant, dass es erst gar nicht so einfach war, einen passenden Verteidigungsminister-Nachfolger zu finden und ein paar aus „privaten Gründen“ abgelehnt haben. Der Stuhl ist einfach zu heiß und die betroffenen Menschen wissen das.

    Politik ist auch deswegen so schwierig, weil die Menschen Politiker so hassen und ihnen so sehr misstrauen. Das eine verstärkt das andere. Wir sehen immer nur die Negativbeispiele, aber dabei wird vergessen, dass es auch sehr viele gute Politiker gibt, die ihren Job sehr gut machen. Und bei Guttenberg denke ich, dass er seinen Job zu 90 Prozent gut gemacht hat. Aber niemand spricht mehr darüber. Alle sehen nur noch diese 5 Prozent an ihm, die verfehlte Doktorarbeit; sie ist im Blickfeld verzerrt und das andere wird unwichtig. Das wäre der einzige Kritikpunkt, den ich daran sehe und mir ist es einfach wichtig, beide Sichtweisen zu verstehen.

    @Menachem: Sachlichkeit ist immer gut. Die hätte ich auch gerne wieder in der Politik.

    Ich wünsche Dir eine schöne Zeit zurück und danke für die Kommentare!

    mfg, Julia

  9. Hallo Julia!

    Ja, die Politik wird vom Boulevard (mit)beeinflußt, da gebe ich Dir uneingeschränkt recht. Das ist schlimm genug, und deshalb sollte besonders an den Stellen, an denen dieser Einfluß überhand nimmt, ein Riegel vorgeschoben werden. Dies ist im Fall Gutenberg geschehen, denn gerade hier wurde nicht nur glorifiziert sondern auch massiv versucht, mit gefärbter und teilweise unzutreffender Berichterstattung Einfluß auf die öffentliche Meinung zu nehmen.

    Daß Guttenberg „seinen Job zu 90 Prozent gut gemacht hat“, ist in erster Linie eine Aussage der Boulevardpresse (allen voran Springer), die erschreckend unkritisch von den Menschen aufgenommen wurde. Wer sich im letzten Jahr durch die Kommentare der seriöseren Presse gearbeitet und auch Politik-Runden bei Phönix und 3sat verfolgt hat, dem zeigte sich ein ganz anderes Bild. Guttenbergs Verhalten in der Kundus- und in der Gorch-Fock-Affäre war schlicht unprofessionell (er hat noch nicht einmal aus seinen Fehlern im ersten Fall gelernt, um sie zumindest im zweiten zu vermeiden), und seine Vorbereitungen der großen Bundeswehrreform werden von vielen Experten kritisch und vor allem unausgereift gesehen (viele Fragen sind nach wie vor völlig ungeklärt). Was an seiner Arbeit jetzt besonders herausragend gewesen sein soll, erschließt sich mir nicht. Bestenfalls hat er es genau so gut oder so schlecht gemacht wie die meisten seiner Ministerkollegen.

    Und die gefälschte Dissertation, über die Guttenberg letztendlich gestürzt ist, darf man nicht klein reden. Violine hat das oben schon sehr treffend beschrieben: Diese Verfehlung offenbart über den strafrechtlichen Aspekt hinaus sowohl eine erschreckende Skrupellosigkeit, mit der er die Wissenschaft mißbraucht hat, um seine eigene Person durch einen Doktortitel aufzuwerten, als auch einen ordentlichen Verlust an Bodenhaftung, als er bis zum Schluß versucht hat, mit dieser Nummer durchzukommen.

    Aber das Boulevard stört das alles nicht. Es ruft jetzt schon nach seiner Rückkehr in die Politik und versucht, das Land zu spalten, in dem es gnadenlos auf alle Kritiker eindrescht und selbstverständlich keines der berechtigten Argumente gelten läßt. Und dieses Trommelfeuer an Meinungsmache hat nach wie vor enormen Erfolg.

    Bei der Frage, wer wen beeinflußt, stehen übrigens meiner Meinung nach Politik und Volk an unterster Stelle. Beide Gruppen werden von der Presse sowie starken Interessengruppen der Wirtschaft vor sich her getrieben, und sie müssen aufpassen, daß sie dabei nicht gegeneinander ausgespielt und aufgerieben werden.

    Entschuldige bitte meine kompromißlose Art in diesem Thema; ich möchte damit auch keinen verbissenen Ton in Dein Blog hineintragen. Aber gerade in der Causa Guttenberg empfinde ich die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität als dermaßen groß und ungewöhnlich, daß ich meine Verwirrung darüber nur schwer mit sanften Worten zum Ausdruck bringen kann.

    Liebe Grüße,
    Yva

  10. Ja, ich habe den zu Guttenberg gemeint. Du hast mich doch um das Zitat gebeten. (Nach meinem ersten Kommentar.)
    Nun, das Zitat stammt von Gustave Flaubert, es geht um das Schriftstellern. Ich finde, es passt auch sonst aufs Leben.
    Mein Vater, zum Beispiel, der sich anderen immer als vorbildlicher, liebender Vater präsentiert. Anscheinend wirkt es sehr glaubhaft, es wird ihm mir nichts, dir nichts abgenommen. Tja, was mein Vater da präsentiert, ist leider ein Phantasieprodukt, das mit der Realität nichts zu tun hat. Ausser dem Wunsch, zu beeindrucken.

  11. @Yva und Violine:
    nochmal danke, dass ihr so aufmerksame Leserinnen seid und gute Argumente für den Guttenberg-Rücktritt gesammelt habt. Wie schon gesagt, teile ich diese Gedanken und daher kann ich auch nicht dagegen argumentieren.

    Mit meiner Einstellung bewege ich mich leider in eine schizophrene Diskussions-Position: Vom Kopf her denke ich, dass der Rücktritt richtig ist und vom Gefühl auch. Dennoch versuche ich, wie eingangs beschrieben, auch den Mensch und das „Mitgefühl“ zu sehen.

    Zumindest ist es das, womit ich mit dem Artikel hinweisen möchte. Ich denke einfach, dass man mit jedem Menschen Mitleid empfinden kann, egal was er macht.. und das interessante dabei ist, dass hierbei die Sachargumente eigentlich keine Rolle mehr spielen. Entweder man „verzeiht“ einen Fehler, oder nicht. Wenn man wirklich innerlich und überzeugt „verzeihen“ kann, kann man einem Mörder, einem Kinderschänder oder einem Vergewaltiger gegenüber stehen und sagen: Ich verzeihe dir.

    Ich finde das eine ganz erstaunlich religiöse Haltung, über die ich gerne nachdenke. Insofern passte mein Blog-Beitrag nicht so richtig in die laufende Guttenberg-Zu-Rücktritt Debatte. Es ist ein wenig „off-topic“.

    Mir war es aber beim Fernsehen-Gucken aufgefallen. Die ganze Zeit teilte ich die Argumente und als er plötzlich vor die Kamera trat und seine Rücktrittsansprache hielt, änderte sich plötzlich meine Einstellung. Ich dachte mir „soweit haben sie ihn gebracht“.. ein kurzes Gefühl des Mitleids flackerte auf. Darüber habe ich dann geschrieben. Es sieht aus wie eine sachliche Diskussion, aber es ist vom Mitleid und meiner echten (!) empfundenen Traurigkeit über diesen Rücktritt getragen.

    Ich kann darüber eigentlich auch nicht diskutieren. Entweder mir tut ein Mensch leid und ich bin über das System erzürnt und traurig, in das er geraten ist…. oder ich beziehe alle seine Fehler isoliert auf diesen einzigen Menschen und sehe das Umfeld überhaupt nicht.

    Die Doktorarbeit: Who cares? Sind Titel wirklich so wichtig? Plötzlich reiten alle darauf herum und geben sich so furchtbar wissenschaftlich, dabei haben Sachargumente und gute Wissenschaftlichkeit schon seit Jahrzehnten keine Platz mehr in der Politik. Und dass die Jura eine Wissenschaft der Mächtigen, Rechtsverdreher und Diskutierer ist, dürfte auch jedem bekannt sein. Da geht ja kein Soziologe oder Psychologe in die Politik und setzt sich für die sozial schwachen ein. Diese Menschen sind viel zu weich und werden in der Politik keinen Boden finden. Politik ist Macht, Boulevard und wird von Worten und Meinungen dominiert. Der Fall Guttenberg hat das im negativen Beispiel sehr gut gezeigt.

    Was ist z.B. mit der Presse, die ihn so derartig überhöht und hochgelobt hat? Hat sie denn nicht auch eine Mitschuld? Durch das gläserne Podest wurde er doch erst anfällig für Kritik. Je größer seine Popularität wurde, desto stärker auch die Stimmen gegen ihn und die Neider. Er war ein junger Minister und er hat viele Fehler gemacht. Vielleicht hatte er keine 90 Prozent, vielleicht nur 75%, vielleicht war er nur Mittelmaß, aber besonders hübsch gegeltes Mittelmaß! 😉 Auf Grund seines „Kanzler-Statuses“ (den er übrigens heftig von sich gewiesen hat und fast ein wenig verärgert darüber war) hat man alle seine Wörter plötzlich auf die Goldwaage gelegt.

    Und wem ist das letztendlich aufgefallen mit der Doktorarbeit? Gab es hier vielleicht nicht auch persönliche Motive? Darüber stand in den Medien fast nichts. Irgendwer hat heimlich den Schneeball losgetreten und dann rollte eine Lawine auf Guttenberg zu.

    Ich möchte einfach nicht so unkritisch sein und mich ungeprüft in einen „du bist Schuld!“- Mob stürzen. Ich will einfach beide Seiten sehen und mich auf mein eigenes Gefühl verlassen. Tut mir leid, dass ich da so kompliziert bin, aber es ist irgendwie auch meine Grundlage zum Schreiben.

    Viele Grüße an euch und danke für die Meinungen
    Julia

  12. Hallo Julia!

    Dein Anspruch, bei all den Skandalen und Vorgängen in der Politik, auch den menschlichen Faktor zu berücksichtigen, ist vollkommen richtig. Dagegen darf ich auch gar nicht anschreiben – obwohl sich mein persönliches Mitleid im Fall Guttenberg doch in argen Grenzen hält – denn grundsätzlich kann dieses mediale Feuer, das wir hier erlebt haben, auch irgendwann einmal Menschen beschädigen, die tatsächlich das Zeug dazu haben, eine Bereicherung für Politik und Gesellschaft zu sein.
    Es ist sicherlich richtig, hier die Augen offen zu halten und vor allem die Maßstäbe im Blick zu behalten. Bei Unehrlichkeit und Betrug liegt das Maß meiner Meinung nach aber noch voll im Rahmen (obwohl das z.B. in Italien schon wieder ganz anders gesehen wird), bei privaten Verfehlungen (worüber z.B. in den USA gerne mal Politiker ins Stolpern gebracht werden) oder gar „unverschuldeten“ Eigenschaften wie sexueller Ausrichtung, Herkunft oder Hautfarbe hört der Spaß dann natürlich auf.

    Auch den Vorgang des Verzeihens, den Du ansprichst, mag ich nicht angreifen. Er ist für das menschliche Miteinander notwendig, darf jedoch auf der anderen Seite nicht dazu führen, daß man Verfehlungen im Nachhinein klein redet oder gar von einer strafrechtlichen Aufarbeitung absieht.

    Trotzdem, Dein in dieser Diskussion mehrmals vorgetragenes Argument, alle Aspekte eines Vorganges zu beleuchten, hat mich nicht ganz unberührt gelassen, mich vielleicht auch etwas milde gestimmt (und mich mal wieder daran erinnert, warum ich so gerne in Dein Blog hinein schaue). Daran solltest Du festhalten – egal wieviel Gegenwind da zwischendurch aufkommen sollte.

    Liebe Grüße,
    Yva

  13. Zu Guttenberg ist mit Sicherheit hart aufgekommen. Nicht nur er. Sein Doktorvater auch, wie ich gelesen habe. Und der Schreiber des Doktorvaterartikels anscheinend auch.
    Und etliche seiner Politikerkollegen garantiert auch, egal von welcher Seite betrachtet.

    Wenn es ums Scheitern und Rücktritte geht: Gegenbeispiel Margot Kässmann.

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