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Rückblick und Neuanfang

Gestern habe ich Sie ganz deutlich gespürt. Es war mir ganz klar, dass wir uns dieses Jahr wieder treffen werden.
„Einfach, weil ich es will“ hab ich kurz gedacht. Dann verwarf ich den Gedanken wieder und überlegte, wie unangemessen das doch ist.
„Einfach nur, weil ich es mir einbilde oder wünsche?“. Ja tatsächlich! So einfach ist das. Wenn Du einen Menschen wirklich sehen möchtest, hast Du auch genügend Energie und Nachdruck, eine Kommunikation zu erreichen. Ganz gleich auf welchem Weg!

Die Kontaktaufnahme zum anderen beginnt im Herzen. Hier wird der Anfang gelegt. Im Wunsch, sich zu sehen, oder voneinander zu hören.
Und hier im Herzen endet auch der Wunsch nach dem anderen. Ganz einfach.

Oft haben wir die falschen Menschen im Herzen. Er blockiert dann unsere Energie und wir lassen uns blockieren. Wir senden ihm „Herzenergie“ und hoffen, dass irgendwas zurück kommt, aber da kommt nichts. Einfach nur eine innere Leere. Eine Schallwelle ohne Echo. Ein Brunnen ohne Grund.

All unsere Liebe versinkt darin. Dann ist es Zeit, sich etwas anderes zu suchen. Verantwortung für sich zu übernehmen und die Ziele zu verfolgen, die einen wirklich weiter bringen!

Jetzt mit dem Abstand von ca. 15 Monaten sehe ich vieles viel klarer. Ich habe nochmal die Nachricht angehört, in der sie Schluss gemacht hat. Ca. 14 Minuten Sprachnachricht auf WhatsApp. Es war nett, sie hat nicht nur gesagt, „es ist vorbei“, sondern sie hat es ganz genau begründet. Was sie an mir stört. Was sie mir nicht bieten kann. Wo sie hin möchte und dass ich da nicht reinpasse. Dass sie andere Freundinnen hat, die „Vorrang haben“. Das hat sie mir oft gesagt. Das andere Menschen Vorrang haben. Ich frage mich, warum sie es immer so betont hat? Und unserer Beziehung nie eine Chance gegeben hat?

Warum sie auf ihren blöden Bruder gehört hat, der eine schlechte Meinung von mir hatte? (Obwohl er mich nie gesehen hat).

Mit all dem Abstand kommen auch andere Gefühle auf. Mehr Klarheit. Mehr Verständnis.
Ich weine und all der Schmerz fällt von mir ab. Die Blockade löst sich und ich kann alles besser verarbeiten.

Und dennoch, als ich da hoch oben auf dem Hügel über Bad Dürkheim gestanden habe, da war es mir so, als ob wir uns erst gestern die Hand geschüttelt und in den Armen gelegen haben.

Als ob ich einfach sagen könnte „lass uns weitermachen“. Und wir machten weiter.

Unerwartete Rückkehr

Blick nach Bad Dürkheim, im Vordergrund Weinberge, im Hintergrund Hügel und die Stadt

Und dann war sie plötzlich wieder da. Ich weiß nicht, wo sie sich versteckt hat. Warum das so lange gedauert hat. Unter welchen Stein sie gekrochen war. Was sie da verloren hatte?

Es hat lange gedauert mit ihr. Ich wollte sie zwischenzeitlich schon aufgeben.

Aber dann, an diesem schönen Nachmittag im März um 15 Uhr, da beschloss sie, all den Groll hinter sich zu lassen und ihr Herz wieder zu öffnen.

Es war eigentlich gar nicht so schwer. Sie wusste jetzt, was sie die ganze Zeit falsch gemacht hatte. Sie hatte zu sehr „festgehalten“. Festgehalten an ihren eigenen negativen Gefühlen.

Festgehalten an dem Gedanken, dass die anderen oder die Situation irgendwie schuld an ihrem eigenen Befinden waren.

Doch in dem Moment, als sie ihr Auto auf dem Parkplatz abgestellt hatte, die Kamera über die Schulter gehängt und den kleinen Waldweg „ins Nirgendwo“ betrat, da wurde es ihr plötzlich völlig klar. Die Natur erwachte zum Leben und so erwachte auch ihr Inneres wieder zum Leben.

Natürlich hingen da überall noch vertrocknete Blätter an den Bäumen und man konnte noch fast bis ganz zur angrenzenden Straße durchgucken. Es waren viele Menschen mit Autos und Motorrädern unterwegs und für einen kleinen Moment war sie auch wieder gestresst. Das ging immer schnell bei ihr! Aber dann, als sie immer mehr in der Natur abtauchte, da kam sie plötzlich immer mehr bei sich an. Ohne äußere Einflüsse, ohne Ablenkungen. Nur sie, ihre Gedanken und ihre Kamera, mit der sie die äußeren Reize ein bisschen besser betrachten und filtern konnte.

Es wurde ihr völlig klar, als sie mal einen kleinen Abstand, von vielleicht 15 km und 20 Minuten von ihrer vorherigen Situation hatte. Sie war weg von zu Hause. Weg vom Alltag, weg vom Haushalt. Weg von den Problemen, die keine waren und die sich einfach nur wie lästige Brocken in ihrem Kopf aufgestaut hatten. Jetzt begriff sie, dass sie das alles ganz leicht abschütteln konnte!

Sie begriff, dass ihr Mann und ihr Hund alles im Griff hatten. Dass sie sich keine Sorgen mehr machen musste.
Sie gingen ihren Weg. Sie waren ihn ohne sie schon gegangen und würden es auch weiter ohne sie tun.

Sie musste nicht ständig dabei sein. Man musste nicht ständig alles kontrollieren! Oder sich Sorgen, Angst machen und den Kopf zerbrechen. Man konnte die Leine locker lassen und buchstäblich würden sich die meisten Probleme in Luft auflösen. Ohne Spannung würde es sich leichter leben, als wenn wir alle mit 200 Prozent nach vorne stürmen und die Gegner aus dem Weg walzen.

Dieses Durchatmen an der frischen Luft war fantastisch. Sie ging zurück zu ihrem Parkplatz und betrachtete die Menschen, die dort ebenfalls eine Rast gemacht hatten und eine Pause vom „Lockdown“ brauchten. Man sah es ihnen ganz klar an, wie erschöpft die Menschen waren. Die Haare ungeschnitten, die Haut blass und schlecht durchblutet und auf dem Tisch vor ihnen stand ein alkoholisches Getränk. Und dann dieser Blick! Es war, als ob ein scharfes Laserschwert direkt durch sie durchgehen würde! Es war, als ob sie die kritischen und abwertenden Gedanken über sie beinahe hören konnte, auch wenn sie nicht ausgesprochen wurden.

Aber es war ihr egal, wie so oft. In der Ferne hörte sie Schüsse von Kleinkalibergewehren und in der Nähe war ein Hundeplatz mit großen schweren Schäferhunden. Sie hatte keine Angst. Im Gegenteil, sie fühlte sich wohl und wollte den Standort für die nächsten Fotos noch einmal wechseln. Denn sie hatte ja auch was zu schießen!

Es war dieser Weg, in den sie jetzt einbog, als die Erinnerung sich das erste Mal zeigte. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihrer Freundin die Wegbeschreibung per Instagram geschickt hatte. Sie hatte extra ein Screenshot vom Online-Kartenanbieter gemacht und die Zufahrt mit dicken roten Pixeln eingezeichnet. Es sollte unfehlbar sein und ihre Freundin sollte den Weg auch in der anbrechenden Dunkelheit sicher finden.

Und sie fand ihn! Zusammen waren sie zum Standort, hoch oben über Bad Dürkheim gegangen. Die Kameraausrüstung und die Stative auf ihrem Rücken. Sie redete wie ein Wasserfall und war wie immer sehr fröhlich und aufgedreht. Zu dritt standen sie da jetzt und betrachteten das Feuerwerk vom Wurstmarkt. In der Glas hatten sie etwas zu trinken und weil sie soviel „Pufferzeit“ eingeplant hatten, ergaben sich nette Gespräche. Für mich war es die erste Langzeitbelichtung, das erste Feuerwerk! Ich hätte es ohne meine Freundin nie gemacht. Diese war unsicher, ob sie ein weitwinkliges Objektiv („damit alles draufgeht!“) oder doch lieber ein Teleobjektiv nehmen sollte? Im Nachhinein musste ich über diese Unsicherheit noch einmal nachdenken. Sie war extra zu einem Nachbarn gegangen, der da auch in den Weinbergen stand und das Feuerwerk fotografieren wollte. Sie redete mit ihm minutenlang, sie war freundlich und lachte- so wie sie auch zu mir war. Ich war ein bisschen eifersüchtig. Ich sagte zu ihr, dass sie natürlich ein Teleobjektiv braucht, „ein leichtes Tele, vielleicht 70 mm“, aber sie glaubte mir nicht. Der andere (ein Mann..) hatte sie überzeugt, dass ein Weitwinkel-Objektiv besser wäre. Er hatte keine Ahnung. Sie entschied sich für das Weitwinkel-Objektiv (war ja ein Bombentipp) und war später bitter enttäuscht, dass das Feuerwerk zu klein geworden war.

Seltsam, daran kann ich mich sehr gut erinnern, als da ich da wieder in den Weinbergen, genau an diesem Platz stand.

Es war der gleiche Ort, aber eine völlig andere Zeit. Damals waren wir im Herbst, bei anbrechender Dunkelheit und in der Ferne war das riesige Volksfest mit seinen tausend Attraktionen aufgebaut. Es war das Leben in der vollsten Blüte.

Und heute war ich hier alleine. Die Natur versuchte ihren ersten zarten Ausbruch und Pastelltöne hingen in den Bäumen. Es war auch schön, aber definitiv ganz anders.

Die Erinnerung an damals war plötzlich präsent wie nie. Sie war wieder da. Mitten in mir, mitten in meinem Herz.
Es war ein wohliges, warmes Gefühl, das überall strahlte. Es fühlte sich besser an, als der Groll, der jetzt schon fast zwei Jahre lang für eisige Finsternis und Einsamkeit gesorgt hatte. Es war der Lichtblick hinter dem Corona-Wahnsinn. Heute konnte ich ihn das erste Mal spüren.

Ich wusste plötzlich, dass ich diejenige war, die sie eingesperrt hatte und nicht mehr sehen wollte. Ich wusste, dass ich es sein würde, die sie wieder „herausholen“ musste. Aber es war nicht nur der Kontakt zu meiner Freundin. Es war vor allem der Kontakt zu mir selbst, der gefehlt hatte.

Ich wusste plötzlich, dass es nur weiter gehen würde, wenn ich dazu bereit war.

Du warst hier

Du bist hier gewesen, ganz nah bei mir. Und du hast mir nicht Bescheid gesagt. Ich hab es über Facebook erfahren.
Über die Datenkrake, die alles weiß. Ganz schnöde hat mir der Dienst die Nachricht ausgepuckt. Geliebte Person X war an Ort Y.

Punkt. Für den Computer hat das keinen Wert. Für die Werbleute ist der kommerzielle Wert dieser Aussage auch nur sehr begrenzt. Aber was diese kleine Schlagzeile für mich bedeutet, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ich hätte dich so gerne gesehen, gerne gedrückt und mal wieder in den Arm genommen!
Deine braunen Augen mit der scharfen Beobachtungsgabe mal wieder in echt gesehen. Mich darin gespiegelt. Ich hätte gerne mal wieder Deine engelsgleiche Anmut gesehen, mit der Du sicherlich über die Ruinen des Weingutes geturnt bist und ein Bild nach dem anderen geschossen hast. Sicher, schnell, selbstbewusst und mit der Erfahrung einer geübten Fotografin.

Du warst da, vermutlich mit Deiner Familie. Warum hast du nichts gesagt? Es schmerzt schwer in meinem Herz.

Ich hätte Dir alles zeigen können. Die versteckten Stellen, die Orte, bei denen man etwas fühlt. Besondere Anblicke, romantische Ecken.

Ich hätte Dir gerne mehr erzählt, über laue Sommerabende und schöne Weinfeste. Über die Menschen der Pfalz. Über Freunde, die ich hier kennengelernt habe und dann tlw. wieder verloren habe.

Meine Emotionen, die an diesen Ort gebunden sind, ich hätte sie Dir nur zu gerne anvertraut! Und ich hätte gerne gewusst, was du denn darüber denkst?

Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass du das genau gewusst hast?

Und mich trotzdem ignoriert hast?

Und nur wegen Corona war ein Treffen nicht möglich?

Warum bist du so gemein und spannst mich auf die Folter!

Ich will dich wieder sehen. Lieber früher als später.

Mein Herz pulsiert, seitdem ich weiß, dass Du in meiner Nähe warst. Es pocht laut und heftig. Jetzt wird es mir völlig bewusst. Der Verzicht war lang und hart. Ich sehne mich nach Erlösung.

All die schönen Momente, die wir miteinander hatten. Die schöne Zeit! Die Fototouren in der großen Stadt. Die netten Gespräche. Dieses Gefühl, sich sofort auf Anhieb gut zu verstehen.. Plötzlich ist alles wieder da.

Wie kleine Schemen tauchen die Erinnerungen aus dem Abendlicht wieder auf. Um dann immer kräftiger und klarer genau vor mir zu stehen.

Denn es gibt einen kleinen Lichtblick, einen kleinen Hoffnungsschimmer, den du uns und deinen anderen Followern heute anvertraut hast:

Du hast jetzt eine Impfung. Bist immun gegen das Virus. Du wurdest vorgezogen, weil Du ein besonderer Mensch bist, Dich für andere einsetzt und daher eine Priorität verdient. Du wirst die Pandemie überleben. Ich freue mich so für Dich! DU hast es verdient.
Da ist KEIN BISSCHEN NEID ! Nicht bei Dir.

Eines Tages, so bin ich mir jetzt sicher, werden wir uns alle wieder sehen. So wie früher, dann wird alles normal.

Dann werden wir wieder vereint sein. Und zusammen Fotos machen, so wie früher.

Valentinstag 2021

Nie zuvor war die Liebe zwischen Menschen wichtiger als an diesen Tagen.

Schon so lange sind wir gezwungen, auf den Kontakt von anderen Menschen zu verzichten.Schon so lange sind viele Möglichkeiten der seelischen Erleichterungen, viele schöne Seiten des Lebens einfach verschwunden.

Es ist schwieriger geworden, sich an neue Menschen zu binden. Die Kontaktaufnahme wurde erschwert. Vieles läuft nur noch digital ab. Textnachrichten über WhatsApp, Videokonferenzen, Emails und Co – aber ersetzen sie die Liebe und Mitmenschlichkeit, die wir alle so dringend nötig haben?

Eine seltsame Krise ist das. Für viele eine ernste Gesundheitskrise auf dem Krankenbett oder auf der Intensivstation, angeschlossen an die Herz- Lungen- Maschine.
Nicht alle haben dieses Pech und werden direkt vom Virus infiziert, aber im Grunde alle Menschen leiden an den seelischen Folgen.

Mein Mann und ich haben uns dieses Jahr daher einige Valentinstagsgeschenke gemacht. Mehr, als es sonst üblich war.
In früheren Tagen sind wir vielleicht an diesem Tag einmal essen gewesen oder haben einen Besuch bei Freunden gemacht. Am Samstag vorher noch ein Sträußlein aus dem Blumenladen vor dem örtlichen Supermarkt gekauft – das wars. Der Blumenladen in in diesem Jahr von einem hässlichen rot-weißen Flatterband umgeben und ist komplett leer geräumt. Das Reisebüro daneben ist geschlossen.

Es war uns dennoch sehr wichtig, diesen Tag zu feiern. Gerade jetzt! Auf Instagram habe ich einen Beitrag gemacht und meinem Mann ein Liebesgedicht geschrieben. Ein bisschen kitschig, ich weiß- aber man muss die Liebe auch nach außen zeigen können. Sonst ist sie nicht „echt“.
Die Liebe braucht Zeugen, die Liebe braucht Menschen, die sie sehen und spüren können, dann kann sie sich auch verbreiten.

Außerdem habe ich meinem Mann was schönes für das Badezimmer gekauft und ihm erlaubt, dass er sich darüber hinaus einen sehnlichen Wunsch erfüllen darf:
Den Wunsch nach einem Haustier. Ich war lange gegen Haustiere: Zuviel Arbeit, zuviel Dreck, ständige Verpflichtungen und außerdem ist es umständlich, wenn man verreisen möchte. Solange ich meinen Mann kenne, hatten wir nie ein einziges Haustier, noch nicht einmal einen Goldfisch. Ich bin die einzige von meinen nahen Verwandten, bei der es so ist. Ich bin die einzige „IT’lerin“ und ich bin -vermutlich- die einzige, der Unabhängigkeit und ein gewisser Feminismus so wichtig sind. Den Schritt zum Haustier war daher für mich nicht leicht. Gewissermaßen ein „Rückschritt“ in das Häusliche, das ich immer sehr abgelehnt habe. Aber in diesen Tagen kann man nichts anderes machen, als häuslich zu sein und es wird wahrscheinlich noch sehr lange so gehen. Warum also nicht Verantwortung für einen Vierbeiner übernehmen? Wir sind doch sowieso fast jeden Tag an der frischen Luft, bewegen uns viel und gerne.

Wir waren also die letzten Tage zweimal im Tierheim und haben uns einen neuen Hund angeschaut. Ein Labdrador-Schäferhund-Mix, der auf den Namen „Benji“ hört. Wir sind probeweise mit ihm Gassi gegangen und haben uns versucht, ein bisschen mit ihm anzufreunden. Das hat erstaunlich gut und schnell funktioniert.

Liebesbeweise

Mein Mann hat dann ein Foto von mir und dem Hund gemacht und es auch auf Instagram gepostet.
Das war sein Liebesbeweis. Außerdem hat er mir etwas leckeres zum Kaffee gebacken, Teigtaschen, gefüllt mit Marzipan. Die waren wirklich sehr lecker und wir haben sie auf dem Weg zum Tierheim gegessen. Im Auto, auf dem Rastplatz zusammen mit einer Thermoskanne voll heißen Kaffee.

In der Zwischenzeit redeteten wir über unser neues Haustier und machten uns viele Gedanken. Was ist, wenn er das ganze Auto vollkotzt? Was ist, wenn er sich mit dem Nachbarshund nicht verträgt? Was ist, wenn er nicht alleine sein kann? Gewissermaßen kauft man sich ein Überraschungsei und ganz wohl war mir bei dem Gedanken nicht. Die ganze Zeit geht es mir durch den Kopf. Aber nicht nur das, ich träume auch von Freiheit und Reisen, z.B. von einer Reise nach New York. Ich habe so ein unglaubliches Fernweh und im Schlaf geweint. Diese Größe der Stadt, diese Weite und Offenheit, die sie bietet. Da konnte ich nicht anders, als einfach drauf los zu heulen. Viele Menschen träumen derzeit von Dingen und Momenten, die sie vermissen. Was bedeutet so eine Stadt für mich? Mit den vielen Menschen und den vielen Chancen, mit dem quirligen Leben im Vergleich zur Ödnis des ländlichen Lebens, dem ich hier bis zum Sankt Nimmerleinstag ausgesetzt bin. Ich hätte die Stadt so gerne gesehen, noch in diesem Leben! Im Moment sieht es so aus, als ob alles soweit weg rückt, als ob die Pandemie nie endet, als ob wir bis zu unserem Lebensende „im Lockdown“ verbringen müssen. Wie haben sich die Menschen gefühlt, als der zweite Weltkrieg sechs Jahre gedauert hat? Sechs Jahre im Ausnahmezustand. Angst vor Verfolgung, Angst vor Kriegsverbrechen, Angst vor Bomben, Hunger und Leid? Oder die Menschen während der Pest? Im Dreißigjährigen Krieg? Ich bin mir sicher, die jetzige Pandemie ist nicht ansatzweise so schlimm, denn wir leben noch im vollen Luxus. In unseren warmen Wohnungen, mit gefüllten Mägen und vollen Gehirnen mit allen Zerstreuungen, die wir uns nur vorstellen können.

Mein Mann und ich sitzen hier, lenken uns weiter ab von den schlechten Zukunftsaussichten und machen Pläne für die eigenen vier Wände. Wir kaufen Liegedeckchen, Körbchen und Hunde-Accessories. Auf Youtube schaue ich mir Hunde-Videos an und habe auch schon die ersten Hundeplätze für ein „Training mit anderen“ heraus gesucht. Es fühlt sich ein bisschen so an, als ob wir ein neues Familienmitglied bekommen. In dem eng gebundenen Platz zwischen uns zieht ein neues Wesen ein. Es ist zwar kein richtiges „Kind“, aber es fühlt sich zumindest in Ansätzen so an, dass wir jetzt mehr „Familie“ sind, als wir vorher ohne Haustiere waren.

Jeder verbindet seine Wünsche und Vorstellungen mit dem neuen Hund. Der eine will kuscheln, der andere lieber spielen.
Anregungen suchen wir alle.

Auch andere freuen sich mit

Überwältigend war das Feedback von Freunden und Verwandten, als wir verkündeteten, dass wir vermutlich ein neues „Hundebaby“ erwarten. Naja, ein Baby ist er nicht mehr, viel mehr ein pubertierender Jugendlicher mit seinem einen Hundejahr, das er bereits gelebt hat.

Der Hund kommt von einem Obdachlosen, der vorm „Real“ mit drei anderen Vierbeinern sein Leben verbracht hat. Dem Menschen wurde zu kalt und er kam in eine überdachte Unterkunft für Obdachlose. Da sind aber nur zwei Hunde pro Menschennase erlaubt, also blieben Benji und sein Bruder übrig. Benji kam ins Tierheim, mit gerade einmal 10 Monaten. Da wurde er von lieben ehrenamtlichen Tierpflegerinnen und Tierpflegern betreut.

Sie halfen ihm über die ersten schwierigen Wochen seines Lebens. Gaben ihm Fressen. Ein Dach über den Kopf. Neue Freunde. Ein bisschen Liebe und Streicheleinheiten. Aber es ist wie ein Knast, bei aller Liebe. Die Mauern sind hoch, so hoch, dass noch nicht einmal der kräftigste Hund darüber springen könnte. Die Zäune sind hart und aus Metall, kein Gebiss kann sie durchtrennen. Drinnen herrscht Knast-Alltag: Fressen, kurze Begrüßung, dann wieder endlose Langeweile. Manchmal kommen freiwillige „Gassi-Geher“ vorbei, die den Insassen mal kurz die Freiheit zeigen. „Um Benji hat sich nie jemand gerissen“ erzählt uns die Chefin vom Tierheim. Vielleicht liegt es daran, dass sein Freiheitsdurst so groß und seine Lebensfreude so überschwänglich ist, dass er an der Leine heftig zieht und zerrt?

Die unendliche Freiheit

Und was für eine Freiheit da draußen auf ihn wartet! Wälder, Wiesen, Blumen, Berge, Tiere, Gerüche, Menschen! Alles ist so voller Eindrücke und muss sofort aufgesaugt werden. Dabei ist es nur ein kurzer Hauch, ein kleiner Husch auf die große Welt, die da draußen verborgen liegt. In seinen kühnsten Träumen kann er es sich nicht vorstellen, wir müssen ihm die neue Freiheit ganz langsam zeigen.

Die Menschen, die vorbei gekommen sinsd, haben es in der Hand. Sie haben alles in der Hand. Die Leine, die Hände zum Streicheln, und die Leckerli. Die Menschen sind fabelhaft, sie reden miteinander und bilden ein Rudel. Sie kommunizieren und zeigen dem Hund Neues. Sie wollen ihm etwas beibringen, weil er ihnen wichtig ist. Sie haben so sehr ein Bedürfnis auf ihn einzugehen. Die Menschen sind verliebt. Und sie wollen die Liebe an ihn weitergeben.

Denn das Bedürfnis nach Freiheit, neuen Eindrücken, Unbeschwertheit, Liebe und „zwischenmenschlichen“ Kontakten, das teilen wir alle.

Gefühle

Ich habe eine neue Geschichte angefangen. Über zwei Menschen, die sich lieben, aber wegen der Corona-Pandemie nicht zusammen kommen können. Ich finde, das ist eine gute Idee. Es bringt für mich alle Gefühle der letzten Monate auf den Punkt.
Es ist ein zentrales Thema und wie es der Zufall so will, genau so aufgebaut, wie man es für „gute Romane“ empfiehlt: Die Liebenden wollen sich lieben, aber die Umstände ermöglichen es nicht. Und wenn dann endlich alle Schwierigkeiten überwunden wurden, bringt sich der eine von den beiden um und der andere auch (Romeo und Julia).

Solange schreibe ich schon Geschichten und so lange auch Blogs. Jetzt hab ich auch noch mit dem Fotografieren angefangen. Es macht mich glücklich, die Kunst ist wirklich sehr wichtig. Man braucht nicht mehr. Daran ist alles enthalten. Aber mein Schreibstil ist manchmal komisch. Ich kann Romane nicht „planen“. Ich schreibe meistens einfach drauf los und schaue, wie sich dann die Geschichte entwickelt. Ich halte mich gerne an reale Personen und reale Gefühle, weil ich das am authentischsten finde.

Das Ganze hat nur ein Problem: Wenn die Liebe „im realen“ sich nicht weiterentwickelt, entwickelt sich auch die Geschichte nicht weiter. Die damit verbundenen Gefühle kann ich wiederum sehr gut nutzen, um die Selbstzweifel des Protagonisten zu veranschaulichen. (hahaha !)

Ja, Liebe ist nicht immer einfach. Es gibt so viele Hindernisse, so viele Schwierigkeiten.

Mir fällt aber auf, dass man zu sehr vielen Menschen eine positive Beziehung aufbauen kann. Es ist ja auch das, was der Dalai Lama empfiehlt. Sich mit möglichst vielen Menschen anzufreunden und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.

Dennoch ist immer mal wieder jemand dabei, den man anfängt zu idealisieren. Der plötzlich alle anderen überstrahlt. Die ganze eigene Energie ist dann nur auf diese Person gerichtet. Man checkt, wann er online ist, was er schreibt, wann er geht, wie seine Gefühle sind. Es ist der perfekte Partner. Du bist immer für ihn da und du willst immer wissen, wie es ihm geht. Das spürt man einfach.

Es gibt aber auch den umgekehrten Weg und der ist leider in der Corona-Pandemie häufig der Fall: Man entfremdet sich.
Der ehemals vertraute Mensch ist nicht wieder zu erkennen. Er zeigt Seiten, die man eigentlich nicht kannte und auch nicht wahrhaben wollte. Aus der schillernden, freundlichen Person wird ein hässliches Etwas. Die dunkle Seite bricht durch, das helle verschwindet.

Das ist kein schöner Moment. Es führt zu Stille auf beiden Seiten. Ein untrügliches Zeichen, das die Liebe gestört ist.

Sonnenaufgang in der Erdekaut

 

So wie die Sonne an diesem eisigen Morgen endlich über dem Horizont erschien, so erschien Deine Liebe in meinem Herzen. Erst eine leichte Wärme, die kaum wahrzunehmen war, dann immer kräftiger erhob sich das strahlende Licht über die kalte Winderlandschaft in meinem Inneren.
Die Sonne brauchte viel Kraft, so wie du auch viel Geduld mit mir brauchtest. Es waren immer kleine Strahlen, die wir austauschten, für manche Menschen kaum wahrzunehmen. Doch wer einen empfindlichen Sensor hatte, konnte es ganz genau spüren. Ohne die Liebe, die wir dem anderen schenkten, wären wir erfroren, festgeklebt am eisigen Boden, wie die toten Blätter und Zweige, die dort lagen. Ohne Liebe hätten wir es nicht einen Meter um den See geschafft, sondern wären eingebrochen in den kalten Böschungen des Lebens, die keinen Halt boten und uns unendlich nach unten zogen.

Der 8. November 2020

Passende Musik – Music John Miles

Der Tag, an dem das Gute über das Böse gewonnen hat.
Der Tag, an dem wir endlich wieder die Liebe spüren konnten.

An dem es kleinen Lichtblick für uns alle gab.
Das Kribbeln auf dem Rücken, für jeden zu spüren.
Die allumfassende Liebe. Verbreitete sich wie Licht.

Die Menschheit, schwer geplagt von ihren eigenen Sünden.
Von Gier, Rachsucht, Neid und Hass.
Zugemüllt auf ihrem eigenen Planeten,
überhitzt in der Hölle des Klimawandels.
zerstörte Artenvielfalt
zunehmende Rücksichtslosigkeit.
ein Virus wollte sie dahinraffen.

Doch an diesem Tag, als der Heiland der Demokratie auf die Erde niedergefahren war
strahlte alles in einem anderen Licht.

Man hörte das Seufzen, rund um den Erdball.

Alles Übel war vergessen. Für einen Tag.

Die, die nicht glauben konnten, nannten es Zufall
die Logiker sagten, es ist doch nur ein Datum
die Zweifler sagten, es gibt noch bürokratische Hürden

aber die Leute mit Liebe im Herzen
die Gefühlsmenschen
die fingen an zu leuchten und zu strahlen.

Ihre Augen leuchteten
der Mundwinkel ging für 2 mm nach oben.

Die positive Energie der Heiler durchströmte dich
„ach so“ dachtest du
„alles klar“
als du noch zitterste in deiner eigenen Sphäre

Und dann, ganz plötzlich
kam sie wieder zurück in dein Bewusstsein
deine verlorene Liebe
die du vor vielen Jahren verloren hattest.

die du verdrängt und vergessen wolltest
auf deren Namen sich ein großes No-Go Schild aufgebläht hatte

deren Gesicht du schon nicht mehr kanntest
deren Geruch du längst mit anderen vermischt hast
die ähnlich rochen und ähnlich lieblich waren
sie kam, an diesem Morgen, ganz plötzlich in deine Träume

sie lächelte dich an
sie sprach mit dir, ganz frei heraus

du konntest endlich wieder mit ihr reden!
sie entschuldigte sich bei Dir
und du sagtest, dass du sie vermisst.

dass der ganze Streit Käse gewesen ist
dass du sie wieder sehen möchtest

ihre süßes Lächeln
ihre scharfe Beobachtungsgabe

und diese göttliche Fähigkeit, immer das Schlechte in dir zu sehen.

Ohne Gefühle

Ich hatte einmal eine sehr gute Freundin. Wir haben alles miteinander geteilt, wir konnten immer miteinander reden, ständig flogen die WhatsApp-Nachrichten nur so hin und her. Es war gewissermaßen die „Liebe auf den ersten Blick“. Ich sah in ihre Augen und wusste sofort, hier ist mein Gegenstück, die beste Freundin, auf die ich so lange gewartet habe. Die mich versteht, die auf meiner Wellenlänge funkt, die genau weiß, was ich meine, wenn ich was sage. Nein, bevor ich es sage. Sie muss nur in meine Augen schauen, ein paar Zuckungen beobachten und sofort weiß sie, was ich denke und fühle. Es ging so tief, von Anfang an. Und so kamen auch die Probleme. Sie erzählte mir alles. Von innen heraus, ihr ganzes Leben, sie machte nicht Halt und so kopierte sie den kompletten Inhalt ihres Gehirns (ca. 45 Terrabyte) in ca. 24 Stunden in mein eigenes kleines Gehirn, dass unter der Last ihrer Selbst-Offenbarung ein bisschen stöhnte.

Aber je mehr ich sie kennenlernte, desto mehr wurde mir bewusst, dass sie doch ein wenig anders war als ich. Ich „ließ es immer gut sein“, wollte mich mit den Menschen gut verstehen, aber sie nörgelte ständig an allem herum. Sie war ständig unzufrieden. Mit sich, mit ihren Bildern, mit ihrer Arbeit, mit ihren Beziehungen und das schlimmste war: am meisten war sie mit sich selbst unzufrieden. Und ich saß friedlich in der Ecke, baute an meinen eigenen Lebenstürmen und wollte sie beschwichtigen, aber mit der Zeit merkte ich, wie sie immer unzufriedener und unglücklicher wurde. Die „Likes“ waren ihr sehr wichtig, aber selbst wenn sie 100 oder 500 Likes bekommen hatte, reichte es ihr nicht ganz. Tief in ihrem Inneren war kein „Like“ und so konnten die vielen Bestätigungen, die sie sich von außen holte, ihre innere Leere leider nicht füllen. Ich merkte das irgendwann. Besonders schlimm war es, wenn ich Likes bekam. Da wurde sie schnell neidisch und gönnte mir die Likes nicht. Das belastete unsere Freundschaft sehr.

Eines Tages redete sie über ein Projekte, dass sie gerne realisieren würde und ich fand es gut. Als ich dann ca. eine Woche später dieses Projekte realisiert hatte, platzte ihr der Kragen. Wie konnte ich es nur wagen, diese gute Idee vor ihr zu realisieren? Ohne sie um Erlaubnis zu fragen? Ohne schlechter zu sein, wie sie es von mir gewohnt war? Das war der Punkt, wo die Freundschaft an ihre Grenzen kam. Wo sie nicht mehr bereit war, mit mir „befreundet“ zu sein. Wir waren uns zu ähnlich geworden und die eine gönnte der anderen den Erfolg nicht mehr.

Die Freundschaft zerbrach. Lange saß ich vor den Scherben und überlegte mir, dass es vielleicht noch ein Zurück geben würde. Dass irgendjemand von uns „den ersten Schritt“ machen würde und die Flaggen auf Versöhnung setzen würde. Aber in der „Versöhnung“ steckt das Wort „Sohn“ und wir waren leider Schwestern. Also gab es keine „Verschwesterung“. Alles blieb wie es war. Sie ging ihren Weg und ich ging meinen. Es war so, als ob wir uns nie gekannt hätten. Von heute auf morgen. Es war einfach vorbei. Da war keine Reue, keine Liebe, aber auch keine Eifersucht mehr, kein Neid. Wir hatten einfach alle Gefühle von heute auf morgen eliminiert. Es tat uns beiden gut. Wir waren geheilt. Es gab keine Konkurrentin mehr, also gab es auch keine Probleme mehr. Es war eine herrliche Stille, die monatelang andauern sollte. Niemand wollte diese Stille verlassen. Sie gleitete langsam in die große „Corona-Stille“.

Eine endlose Ruhe, ohne Gefühle.

Ich weiß nicht, ob diese Stille irgendwann endet. Ob es wieder ein „Zurück“ gibt, aber das ist sehr unwahrscheinlich. Ein „Zurück“ würde ja bedeuten, dass wir unseren inneren Entwicklungsprozess umkehren müssten. Dass wir zu einem Punkt gehen müssen, den wir schon längst überwunden haben. Es ist unwahrscheinlich, dass das passiert.

Wahrscheinlicher ist, dass man ähnliche Menschen trifft, mit denen man ähnliche Prozesse durchmachen wird. Und mit jedem Menschen, den man so trifft in seinem Leben, gibt es unterschiedlich starke Entwicklungsprozesse. Es gibt welche, die dauern nur kurz und dann wiederum gibt es welche, die werden einen das ganze Leben begleiten!

Friede, Freude, Eierkuchen

(aus der Reihe: 21 years later)

Das neue Jahr hatte endlich begonnen. Inmitten der Arbeit, inmitten von Schweiß, Blut und Tränen hatte sie es geschafft, sich durch alles hindurch zu kämpfen und sich endlich an die Oberfläche des Wassers hervorzukämpfen, die so lange herbei gesehnt hatte.

Am Vorabend hatte sie noch eine Reportage über die „Love Parade“ gesehen, eine große Friedensbewegung Anfang der Neunziger, gegründet von „Dr Motte“, den viele Jugendliche von heute gar nicht mehr kennen. Doch damals war er ein Star! Ein kleiner, nerdiger Star mit einer Brille, der eine hübsche Partnerin hatte und zusammen mit ihr an das Gute glaubte. „Acid“ war die Musik der 90er und sie waren die Pioniere. Sie gründeten eine kleine spontate Demonstration, tauchten sie „Friede, Freude, Eierkuchen“ und starteten mit 20 Gästen. Der Anfang war verhalten und es regnete, doch im nächsten Jahr kamen bereits 1500 Raver und im Höhepunkt der Bewegung, die man durchaus ein zweites Woodstock nennen könnte, kamen im Jahr 1999 über 1.5 Millionen Menschen nach Berlin! Sie erinnerte sich deutlich an diese Zeit und die Strahlkraft der Parade, die sie damals auf sie, als jungen Menschen, ausgelöst hatte. Natürlich hatte sie auch noch CDs mit „One World, one Future“ und den strahlenden, bunten Herzen in ihrem Regal. Und die Werte der Bewegung prägten sie ganz besonders nachhaltig. Lange hatte sie die CDs im Handschuhfach ihres Autos spazieren gefahren und die MP3-Titel von Maruhsha, Westbam oder Dr. Motte hörte sie noch heute.

Die letzten Aktionen und Ereignissen kippten alle ins Positive und somit konnten sie endlich Erfolgserlebnisse vorweisen.

Sie nahm ein Stück vom Tiramisu, das vor ihr auf dem Teller zu kippen drohte, weil es der Bäcker sehr gut gemeint hatte.
Es schmeckte herrlich! So weich, so zart, so natürlich und aromatisch. Sie traute sich fast gar nicht, das Schokoladen- Herz auf ihrem Cappucino-Schaum zu durchstoßen, tat es aber schließlich dennoch mit ein paar gestreuten Zuckerkristallen.

Und plötzlich- inmitten von der Mannheimer Fußgängerzone- merkte sie etwas, dass sie schon seit drei Jahren (oder länger) nicht mehr gespürt hatte: Ein tiefes Glücksgefühl zog sich von ganz unten, von den Füßen beginnend, über den Darm, und Bauch bis hin zur Herzgegend und dem Kopf. Es kribbelte überall und sie musste anfangen zu lächeln. Die Welt um sie herum wurde plötzlich bunt und schön. Sie begann plötzlich die Menschen zu sehen, zu verstehen und die ganze hässliche, wertende Brille, die sie ständig getragen hatte, war verschwunden. Plötzlich erkannte sie die Seele der Menschen. Ihre Gefühle. Dass jeder glücklich sein wollte. Und es nicht immer schaffte.

Sie begriff, dass sie ein Teil von ihnen war. Wie in in einem riesigen Organismus mit vielen Zellen und Organen. Man konnte nicht das eine trennen und dann „neidisch“ auf das andere sein. Jede Interaktion von ihr lief über einen anderen Teil dieses großen Organismus. Es war unmöglich, hier einen Teil „unglücklich“ zu machen und zu hoffen, dass der andere „glücklich“ werden würde. Es klappte nur, wenn alle glücklich waren. Es klappte nur, wenn die Gesellschaft auf den richtigen Weg gebracht wurde und sich alle auf die grundlegenden Werte der Menschenrechte, der Toleranz und der Liebe verständigten.

Ich werde Dir folgen

Ich werde Dir folgen. Ganz egal, wohin Du gegangen bist. Egal, welchen Körper du hast, welche Gefühle Du lebst oder was immer dich antreibt. Du hast mich geprägt, vor sehr langer Zeit. Die Begegnung mit Dir hat alles in mir umgekrempelt und alle Weichen gestellt. 1996 hab ich Dich kennengelernt und schon zwei Jahre später für immer aus den Augen verloren.
Du wolltest studieren, weit weg in die große Welt. Du hattest künstlerisches Geschick, eine große Sprachbegabung und konntest immer gut mit Menschen. Vor allem warst du sehr intelligent und du wolltest keine „dummen Gesprächspartner“. Nach London oder Paris hat es Dich gezogen. Darunter machtest du es nicht. Ich hingegen wollte ins kleine Koblenz. Informatik studieren und meinem damaligen Ruf als Nerd gerecht werden.

Ich weiß noch genau, an diesem einen lauen Sommerabend in Bad Dürkheim auf dem Wurstmarkt. Ich hatte eine Lederjacke an, redete über die Bundeswehr und musste mich zweimal täglich rasieren. Du hingegen kamst in einem zauberhaften kurzen Kleid. Deine Beine waren braun und glatt und deine Stimme hell und schön. Es war unsere letzte Begegnung. Ich habe Dich getroffen und Deine Augen haben gestrahlt. Wir waren verliebt. Aber keine(r) konnte es so richtig zugeben. Die Herzen pochten bis zum Anschlag. Die Hände waren feucht. Die Gedanken kreisten nur noch um uns, um unsere Liebe. Der letzte Halt in einer sich bewegten Welt. Unsere Wesen hat sich irgendwie verbunden. „London? so weit „dachte ich „dann werde ich die nie wiedersehen.“ Es war mir klar, dass ich nur eine Partnerin finden werden, die stärker und selbstbewusster als ich bin. Diese Frauen zog ich immer magisch an, alle anderen konnten mich nicht erwärmen. Es war aber auch was anderes in unserer Begegnung. Eine Freundschaft vielleicht, die Begegnung zweier weiblicher Seelen? Die eine schon völlig ausgereift und erwachsen und die andere noch in ihren Kinderschuhen. Unsichtbar, für die meisten.

Und auch in deinen Augen war die Sehnsucht und der Schmerz des Abschiedes deutlich zu spüren. In der Schule haben wir immer nebeneinander, nein mehr „hintereinander“ gesessen. Du warst schlecht in Physik und ich liebte das Fach. In der Kunst waren wir beide gut. Du allerdings hattest es als Leistungsfach und ich hatte es abgewählt, um nicht „zu weiblich“ zu wirken. Es hatte lange nicht zwischen uns gefunkt, aber dann plötzlich ganz heftig. Den Anfang hattest Du gemacht. Plötzlich war mein Interesse für dich da, aber ich kann den genauen Punkt auch im Nachhinein nicht mehr lokaliseren. Die Schulzeit neigte sich 1997 dem Ende zu, die Welt stand für uns beide völlig offen. Mit dem Studium sollte die schönste Zeit beginnen. Die Zeit der maximalen Freiheit, der Gesundheit und des Neubeginns. Du bist dann nach links gegangen und ich nach rechts. 20 Jahre später haben wir uns auf dem Klassentreffen wieder gesehen und es war so, als ob gar keine Zeit vergangen wäre. Deine Augen leuchteten wie damals und ich hab wieder kein Wort rausbekommen.

Jetzt werde ich Dir also folgen. Ich werde das tun, was du damals getan hast. Ich werde nach London oder Paris reisen. Neue Menschen kennenlernen. Mich völlig der Kunst hingeben. Frei sein, die Welt studieren! Denn du warst immer weiter als ich. Jetzt, 24 Jahre später bin ich so wie du. Ich trage ein schönes Kleid und habe glatt rasierte, braune Beine. Meine Stimme ist hell, ich bin sprachbegabt und kann gut mit Menschen. In Physik und Mathe bin ich allerdings auch schlechter geworden.

Nun sind wir beide offen, der Welt zugewandt. Neugierig. Und das „dörfliche“ hängt mir zum Hals raus, wo wie es Dir damals zum Hals raus gehangen ist.

Dein versteinertes Gesicht

Ich habe mit Ihr geredet. Im Dialog. Jedes Gefühl von Ihr gespürt. Und sie verstanden. Sie hat mich verstanden. Es war alles klar. So eindeutig.

In der Kunst bringst Du seit Wochen nichts Vernünftiges zustande. Alle Deine Bewegungen (innere wie äußere) fühlen sich so ungelenk und dilettantisch an. Du schafft es nicht mehr, Gefühle in Deine Werke zu bringen, weil alle Deine Gefühle weggebrochen und neutralisiert worden sind.

In der Nacht „auf Pfingsten“ ist es dann soweit. Endlose Tränenbäche spülen das Innerste nach außen. Du willst es noch unterdrücken, aber der Schwall der Emotionen ist zu stark. Der Tag ist vorbei, aber die Gefühle wurden nicht gehört. Der Zorn, die Anspannung, die Erregung und die Konzentration der letzten Tage landen in einem Wasserfall aus Salzflüssigkeit. Es gluckert und pocht. Dabei spürst Du Ihren Kummer. Ihre Angst. Wie sie dich vermisst. Du stellst es Dir lebhaft vor. Und kannst das Gefühl ohne Weiteres erwidern. Alles zittert. Alles bebt. Sie ist hier. Genau hier. Bei Dir. So nah. Und dann .. wieder weg.

Alles Sichtbare, was von Ihr bleibt, sind die Kristalltropfen in meinem Taschentuch. Der Schnodder, der Schleim. Alles geht zum Klo runter.

Da soll es bleiben! Für immer. Eingemauert. Einzementiert. Und doch so lebendig. Denn die Liebe ist nicht zu bremsen. Sie will immer wieder zurück. Du kannst Sie noch so stark unterdrücken. Eines Tages wird sie wieder leben. Eines Tages wird sie wieder von Dir Besitz ergreifen. Und aus deinem versteinerten Gesicht eine Wiese mit kleinen bunten Blumen zaubern. Du hoffst, dass du sie wieder sehen wirst, deine Liebe. Aber das Schloss aus Euren Gedanken ist hart und fest und umklammert das schöne Antlitz.

Und dann kommt noch die Königin der Musik für einen kleinen Abstecher in deinen heruntergekommenen Vorgarten vorbei. Sie will natürlich gefahren werden. Königinnen benötigen ein bisschen Aufmerksamkeit. Erst willst Du Dich noch rausreden, aber es funktioniert nicht richtig. Sie weiß, was in Dir steckt. Und sie fordert es jetzt für sich. Also fährst Du in ihre Stadt und wartest auf die Königin. Sie kommt sogar und nimmt sich Zeit für Ihre Untertanen. Sie sagt nicht viel. Aber sie hört zu. Und lächelt mild. Du kommst Dir ganze Zeit wie ein Prolet vom Lande vor. Weil du das wahrscheinlich auch bist. Aber doch mag sie dich. Da hast Du aber nochmal Glück gehabt!