Vorbei

image_pdfimage_print

Nachts schwelge ich gerne in Vergangenheit. Ich liebe dieses wehmütige Gefühl, dass sich dabei einstellt, das bewusste Wachrufen von Erinnerungen, das Öffnen von Gedanken, das Öffnen des Gedächtnisses. Wenn man sich sehr stark darauf konzentriert, dann fühlt es sich fast so an, als ob man es eben gerade erleben würde…

Eigentlich hatte ich das nicht geplant, war schon dabei, den PC auszuschalten.

Beim Recherchieren im Netz bin ich aber durch Zufall auf eine Homepage von früher gestoßen, die ich noch gut in Erinnerung habe. Gleich kamen Gefühle hoch „ach gibt es den noch, gibt es dies noch…“ aber schon bald musste ich feststellen, dass viele Seiten gelöscht waren, es nicht mehr so war, wie früher.

Mein Geist versucht, sich an was zu klammern, ein Beweis zu finden, dass dieses Leben real war, doch da ist nichts mehr. Ich suche Bilder von der Stadt, in der ich einst gelebt habe, doch die kleinen Mini-Bildchen kommen nicht annähernd an die Bilder heran, die ich noch im Kopf zeichnen kann. Es ist nur noch ein Traum geblieben, mein Traum und nichts weiter.

Ich bin weggezogen, meine Wohnung bewohnt jemand anders, Freunde habe ich keine mehr in der Stadt. Der eine ist in einem fremden Land, der andere ist glücklich vergeben und hat sein Leben geändert. Gewiss, Straßen sind noch gleich, Einkaufscenter stehen am gleichen Platz, aber das sind hohle Gebäude und machen nicht den eigentlichen Charme der Erinnerung aus.

Dennoch spüre ich die Aufregung: Das erste Mal mit dem eigenen Auto am Hügel zu stehen, das erste Mal, als die völlige fremde Stadt ihr Antlitz zeigte. Ich war neugierig auf diese Stadt, wollte alles entdecken, alles erkunden und hatte doch große Angst vor den Herausforderungen, die mir mein neuer Lebensabschnitt bieten sollte.

Die Erinnerung- was wir damals gemacht haben. Wie spannend alles war, wenn man jung ist und keine Erfahrung hat- wie unsicher man ist.

Die Menschen sind alle ihren Weg gegangen und die Zeit ist nicht stehengeblieben. Wenn ich so recherchiere, was mit Leuten aus der früheren Zeit so geworden ist…. Viele haben Karriere gemacht, vor allem die Frauen. Ich finde natürlich nur die Erfolgreichen, denn nur die Leute mit Geschäft und Ruhm sind irgendwo verlinkt, haben eine Homepage oder einen Namen.

Wieviel man in einer kurzen Zeit leisten kann! Schon damals waren es Leute, die ehrgeizig und zielstrebig waren, schon in der Schule merkte man ihnen an, dass sie etwas aus sich machen wollten- und das haben auch viele getan. Aber persönliche Blogs oder gar private Gedanken finde ich fast nicht. Mir scheint, die Leute haben Karriere gemacht, aber sie haben keine Gefühle mehr. Oder diese Gefühle sind versteckt, abgeschnitten und vergraben. Wer bringt schon die halbe Nacht um die Ohren, nur um an diese Gefühle zu kommen? Ein straffer Zeitplan und die Pflicht zu arbeiten und zu funktionieren, erlaubt sowas nicht.

Dann gab es ein paar wenige Schöngeister, Menschen die schon damals nicht erfolgreich waren und schlechte Noten hatten. Und, diese Menschen findet man auch nicht im Netz. Mit dem Ergründen des Seins macht niemand Karriere, bleibt niemand im Gespräch. Entweder man folgt dem Zeitgeist und passt sich an oder…man wird vergessen.

Viele von den „Losern“ sind gleich geblieben. Sie haben noch die gleichen Hobbys, die gleichen Slogans, ja sogar die gleiche Sprache und das gleiche Denken. Den gleichen Freundeskreis, das gleiche Grinsen und manche wohnen sogar noch bei ihren Eltern.. Sie haben sich etwas bewahrt, was andere nicht schnell genug abschütteln konnten. Vielleicht ein Stückchen Kindheit, ein Stückchen Naivität und Unbefangenheit.

Es kommt mir so vor, als bei ihnen überhaupt gar keine Zeit vergangen wäre und nur ich diejenige bin, bei der sich alles verändert hat. Das ist mind. genauso befremdlich.

Es reicht- wenn sich nur ein Mensch von zweien verändert- wenn sich nur ein Mensch auf der Zeitachse unweigerlich verschoben hat, dann kann er nicht zurück, dann ist ein Graben entstanden und nichts in der Welt bringt ihn zurück in diese alte Welt. Keine Kommunikation ist mehr möglich, das ursprüngliche Gefühl des Vertrauens ist erloschen, die Gemeinsamkeit gestorben.

Es ist ganz einfach vorbei. Und dies ist ein Gefühl, für das es keine Worte gibt.

Ein Gedanke zu „Vorbei“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Protected with IP Blacklist CloudIP Blacklist Cloud