Aufgewühlt

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Er holte einmal tief Luft. So tief es ging, blies er sich die Backen auf, pumpte jedes freie Atom, dass in der Umgebung noch zu finden war in seine Lungen, bis zum Anschlag, bis er rot und dann blau im Gesicht wurde- so langsam wurde ihm schon schwarz vor den Augen, als das er ganze mit einem riesigen „Ziisschhhh“ aus dem Mund presste, dabei die Lippen anspitzte, damit sich die Geschwindigkeit und der Druck der Luftmassen noch erhöhte. Den Menschen unten auf der Erde war es nicht geheuer! Die Bäume fingen an zu wanken und ihre Astspitzen zitterten, der Wind riss an den Fensterläden, Schornsteinen und Dachgiebeln. Gegenstände wurden aufgeschleudert und übersäten die Straßen und Plätze. Die Luft war plötzlich voller Teilchen! Bringt euren Kopf in Sicherheit oder macht wenigstens einen Helm drauf! Die besonders großen Türme aus dünnem Stahlgerüst fingen an zu wanken. Das Meer peitschte auf, die Wellen schossen kreuz und quer und oben auf ihnen thronte die stolze Gischt. Wassermassen drückten sich an die Küste und die Möven flogen umher wie Geschosskugeln. Gut, wer jetzt einen sicheren Platz auf einem Öltanker ergattert hatte! Diese gab es nun viel öfters, seitdem die Ölriesen anfingen das schwarze Gold zu bunkern, damit es endlich mal wieder teurer werden würde und dann ordentlich abgebrannt werden konnte! Seht her, wie es brennt! Wie schön das CO² lodert und duftet und die Erde erwärmt. Ach, Klimawandel woher? Letztens war es doch mal kalt. Einen Tag lang im Winter ist das kein Beweis? Und in meinem Kühlschrank ist es auch kalt. Und ihr solltet erstmal den Tiefkühlschrank sehen!

Den empfindlichen Menschen wurde es langsam zuviel. Sie hätten sich gerne zurückgezogen und unter der Decke verkrochen. Die empfindlichen Ohren mit Knetmasse verschlossen und sich selbst in eine Druckkammer begeben, in der leichter Überdruck und ständiger Sonnenschein herrscht. Luftdicht versiegelt, versteht sich! Doch hier draußen fingen die inneren Gleichgewichtsorgane an zu wanken wie das Pendel einer großen Wanduhr, immer von links nach rechts, dann wieder umgekehrt oder mal gar nicht, unsicher wie auf einem Schiff bei Windstärke 9. Mir wird schon allein beim Gedanken kotzübel! Die Atmosphäre wurde plötzlich laut, es zischte, es blies, es rappelte, föhnte, rumpelte, schmauchte und fauchte.

Hoffentlich ist dieser Sturm bald vorbei, dachte sie sich. Dann werde ich wieder Origami an der frischen Luft zusammenbauen. Mir ein paar Blütenblätter auf den Tisch legen und ihre Größe und Form studieren. Gemütlich an der Küste entlang laufen und einen Schirm aufspannen. Einfach nur so, weil es geht. Wieder zu Hause werde ich mir einen Löwenzahn nehmen und ganz zart presse ich ein paar Gramm Luft über die Lippen, damit die Samen langsam und sanft zur Erde gleiten.

Und am Abend werde ich selig einschlafen und mich über die Ruhe und den Frieden des eiskalten Winters freuen.

Der dann auf den Frühling folgt. Ne umgekehrt. Erst der Herbststurm, dann der Sommer? Ne, auch egal. Auf jeden Fall wird es wieder ruhiger und friedlicher. Irgendwann.

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