Eingefroren und aufgetaut

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Passende Musik (Cranberries-Zombie)

Über eine vergangene Freundschaft

Alles ist wie eingefroren, wenn ich ihre Stimme höre. Ich merke, dass ich noch keinen Zentimeter weiter gekommen bin als damals, vor knapp 2 Jahren.

Okay, die Gefühle haben sich ein bisschen geändert, es schmerzt nicht mehr ganz so stark. Was aber geblieben ist, ist mein partielles Unverständnis über ihre Entscheidungen und Gedanken. Ich kann es bis heute nicht wirklich nachvollziehen und das tut besonders weh.

Wie es gekommen ist. Was ich falsch gemacht habe. Warum es nicht aufzuhalten war.

Es kommt mir vor wie in einer anderen Zeit. Es war vor der Corona-Krise, als es noch mehr Leichtigkeit und mehr Austausch unter den Menschen gab. Aber schwer war es auch damals. Die Probleme waren schon damals da. Ich hab sie vielleicht nur nicht richtig gesehen.

Zusammen mit ihr hatte ich tiefe Gedanken, wie ich sie selten erlebt habe. Ich bin froh und stolz darauf, dass es nicht nur ihre Gefühle waren. Sondern dass es auch meine Gefühle waren, die aufgewirbelt wurden. Dass es die ganze Himmelsleiter des menschlichen Austauschs und Miteinanders war, dass uns zusammen gebracht hat. Ein „therapeutisches Zusammenkommen“ wie man nüchtern sagen würde. Manchmal braucht man diesen Austausch. Es ist die Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt und zu einem neuen Bewusstsein.

Ich bin froh, dass sie damals so ehrlich gewesen ist und wirklich alles von der Seele geredet hat. Und ich bin froh, dass ich es auch getan habe.

Nie hätte ich gedacht, dass ein Mensch, den ich beinahe „zufällig“ getroffen habe, mal so viel in mir auslösen könnte.

Und auch wenn es vorbei ist, löst der Abschied von ihr immer noch eine große Traurigkeit in mir aus.

Ich bin mir heute sicher, dass ihr die Auflösung der Freundschaft auch nicht leicht gefallen ist. Zuviel ist im Leben passiert, zu schwer war der Gegenwind.

Es muss ein gewaltiger Schritt gewesen sein. Und was ich heute besser sehe: Wie sehr sie damals unter Druck stand. Wie das Haus des Lebens über ihr zusammen gebrochen ist. Dass sie da unbedingt raus wollte. Und dass das nur mit harten Entscheidungen ging.

Ich habe ihr dabei irgendwie geholfen, da bin ich mir heute sicher. Aber es war wie eine Geburt. Es war mit Loslösung und Ablösung verbunden, damit das Baby eigene Schritte machen kann.

Ich sollte in ihrem neuen Leben keinen Platz mehr haben. Sie wollte sich verändern. Beruflich, vom Wohnort her und auch vom Charakter. Ich passte da nicht mehr rein, denn ich stand für das, was sie verabscheute: Der Beugung unter das Schicksal. Das Ertragen der Realität. Das wollte sie nicht wahrhaben. Sie hasste mich dafür, dass ich es ihr so schonungslos sagte. Ich, die nun doch mehr Lebenserfahrung hatte und älter als sie war. Sie stellte es sich alles leichter vor. Sie hoffte, wenn sie den Schalter umlegte, würde alles verschwinden. Das Unbehagen, der Schmerz und das Gefühl, im falschen Film zu sein.

Ich bin mir sicher, einen Teil davon hat sie erreicht. Ein Teil hat sich wirklich verändert. Nach außen wirkt sie ganz stabil und irgendwie angekommen. So wie ich es jetzt auch bin.

Aber was im Inneren des Menschen steht, das ist eine andere Frage.

Je älter wie werden, desto mehr müssen wir erkennen, dass die traurig-schmerzlichen Erinnerungen das Einzige sind, was wirklich bleibt.

Wir sind ein Bündel aus Schmerzen, Erinnerungen, Freude und Trauer.

Manchmal sind diese seelischen Zustände wie eingefroren und manchmal werden sie wieder aufgetaut.

Ein Gedanke zu „Eingefroren und aufgetaut“

  1. Unverständliches ist schwer zu verdauen.
    Wenn man was versteht, zumal herbe (und plötzliche) Einschnitte, dann kann man besser verarbeiten. Und findet zur Ruhe.
    So geht es mir jedenfalls.

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