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Unerwartete Rückkehr

Blick nach Bad Dürkheim, im Vordergrund Weinberge, im Hintergrund Hügel und die Stadt

Und dann war sie plötzlich wieder da. Ich weiß nicht, wo sie sich versteckt hat. Warum das so lange gedauert hat. Unter welchen Stein sie gekrochen war. Was sie da verloren hatte?

Es hat lange gedauert mit ihr. Ich wollte sie zwischenzeitlich schon aufgeben.

Aber dann, an diesem schönen Nachmittag im März um 15 Uhr, da beschloss sie, all den Groll hinter sich zu lassen und ihr Herz wieder zu öffnen.

Es war eigentlich gar nicht so schwer. Sie wusste jetzt, was sie die ganze Zeit falsch gemacht hatte. Sie hatte zu sehr „festgehalten“. Festgehalten an ihren eigenen negativen Gefühlen.

Festgehalten an dem Gedanken, dass die anderen oder die Situation irgendwie schuld an ihrem eigenen Befinden waren.

Doch in dem Moment, als sie ihr Auto auf dem Parkplatz abgestellt hatte, die Kamera über die Schulter gehängt und den kleinen Waldweg „ins Nirgendwo“ betrat, da wurde es ihr plötzlich völlig klar. Die Natur erwachte zum Leben und so erwachte auch ihr Inneres wieder zum Leben.

Natürlich hingen da überall noch vertrocknete Blätter an den Bäumen und man konnte noch fast bis ganz zur angrenzenden Straße durchgucken. Es waren viele Menschen mit Autos und Motorrädern unterwegs und für einen kleinen Moment war sie auch wieder gestresst. Das ging immer schnell bei ihr! Aber dann, als sie immer mehr in der Natur abtauchte, da kam sie plötzlich immer mehr bei sich an. Ohne äußere Einflüsse, ohne Ablenkungen. Nur sie, ihre Gedanken und ihre Kamera, mit der sie die äußeren Reize ein bisschen besser betrachten und filtern konnte.

Es wurde ihr völlig klar, als sie mal einen kleinen Abstand, von vielleicht 15 km und 20 Minuten von ihrer vorherigen Situation hatte. Sie war weg von zu Hause. Weg vom Alltag, weg vom Haushalt. Weg von den Problemen, die keine waren und die sich einfach nur wie lästige Brocken in ihrem Kopf aufgestaut hatten. Jetzt begriff sie, dass sie das alles ganz leicht abschütteln konnte!

Sie begriff, dass ihr Mann und ihr Hund alles im Griff hatten. Dass sie sich keine Sorgen mehr machen musste.
Sie gingen ihren Weg. Sie waren ihn ohne sie schon gegangen und würden es auch weiter ohne sie tun.

Sie musste nicht ständig dabei sein. Man musste nicht ständig alles kontrollieren! Oder sich Sorgen, Angst machen und den Kopf zerbrechen. Man konnte die Leine locker lassen und buchstäblich würden sich die meisten Probleme in Luft auflösen. Ohne Spannung würde es sich leichter leben, als wenn wir alle mit 200 Prozent nach vorne stürmen und die Gegner aus dem Weg walzen.

Dieses Durchatmen an der frischen Luft war fantastisch. Sie ging zurück zu ihrem Parkplatz und betrachtete die Menschen, die dort ebenfalls eine Rast gemacht hatten und eine Pause vom „Lockdown“ brauchten. Man sah es ihnen ganz klar an, wie erschöpft die Menschen waren. Die Haare ungeschnitten, die Haut blass und schlecht durchblutet und auf dem Tisch vor ihnen stand ein alkoholisches Getränk. Und dann dieser Blick! Es war, als ob ein scharfes Laserschwert direkt durch sie durchgehen würde! Es war, als ob sie die kritischen und abwertenden Gedanken über sie beinahe hören konnte, auch wenn sie nicht ausgesprochen wurden.

Aber es war ihr egal, wie so oft. In der Ferne hörte sie Schüsse von Kleinkalibergewehren und in der Nähe war ein Hundeplatz mit großen schweren Schäferhunden. Sie hatte keine Angst. Im Gegenteil, sie fühlte sich wohl und wollte den Standort für die nächsten Fotos noch einmal wechseln. Denn sie hatte ja auch was zu schießen!

Es war dieser Weg, in den sie jetzt einbog, als die Erinnerung sich das erste Mal zeigte. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihrer Freundin die Wegbeschreibung per Instagram geschickt hatte. Sie hatte extra ein Screenshot vom Online-Kartenanbieter gemacht und die Zufahrt mit dicken roten Pixeln eingezeichnet. Es sollte unfehlbar sein und ihre Freundin sollte den Weg auch in der anbrechenden Dunkelheit sicher finden.

Und sie fand ihn! Zusammen waren sie zum Standort, hoch oben über Bad Dürkheim gegangen. Die Kameraausrüstung und die Stative auf ihrem Rücken. Sie redete wie ein Wasserfall und war wie immer sehr fröhlich und aufgedreht. Zu dritt standen sie da jetzt und betrachteten das Feuerwerk vom Wurstmarkt. In der Glas hatten sie etwas zu trinken und weil sie soviel „Pufferzeit“ eingeplant hatten, ergaben sich nette Gespräche. Für mich war es die erste Langzeitbelichtung, das erste Feuerwerk! Ich hätte es ohne meine Freundin nie gemacht. Diese war unsicher, ob sie ein weitwinkliges Objektiv („damit alles draufgeht!“) oder doch lieber ein Teleobjektiv nehmen sollte? Im Nachhinein musste ich über diese Unsicherheit noch einmal nachdenken. Sie war extra zu einem Nachbarn gegangen, der da auch in den Weinbergen stand und das Feuerwerk fotografieren wollte. Sie redete mit ihm minutenlang, sie war freundlich und lachte- so wie sie auch zu mir war. Ich war ein bisschen eifersüchtig. Ich sagte zu ihr, dass sie natürlich ein Teleobjektiv braucht, „ein leichtes Tele, vielleicht 70 mm“, aber sie glaubte mir nicht. Der andere (ein Mann..) hatte sie überzeugt, dass ein Weitwinkel-Objektiv besser wäre. Er hatte keine Ahnung. Sie entschied sich für das Weitwinkel-Objektiv (war ja ein Bombentipp) und war später bitter enttäuscht, dass das Feuerwerk zu klein geworden war.

Seltsam, daran kann ich mich sehr gut erinnern, als da ich da wieder in den Weinbergen, genau an diesem Platz stand.

Es war der gleiche Ort, aber eine völlig andere Zeit. Damals waren wir im Herbst, bei anbrechender Dunkelheit und in der Ferne war das riesige Volksfest mit seinen tausend Attraktionen aufgebaut. Es war das Leben in der vollsten Blüte.

Und heute war ich hier alleine. Die Natur versuchte ihren ersten zarten Ausbruch und Pastelltöne hingen in den Bäumen. Es war auch schön, aber definitiv ganz anders.

Die Erinnerung an damals war plötzlich präsent wie nie. Sie war wieder da. Mitten in mir, mitten in meinem Herz.
Es war ein wohliges, warmes Gefühl, das überall strahlte. Es fühlte sich besser an, als der Groll, der jetzt schon fast zwei Jahre lang für eisige Finsternis und Einsamkeit gesorgt hatte. Es war der Lichtblick hinter dem Corona-Wahnsinn. Heute konnte ich ihn das erste Mal spüren.

Ich wusste plötzlich, dass ich diejenige war, die sie eingesperrt hatte und nicht mehr sehen wollte. Ich wusste, dass ich es sein würde, die sie wieder „herausholen“ musste. Aber es war nicht nur der Kontakt zu meiner Freundin. Es war vor allem der Kontakt zu mir selbst, der gefehlt hatte.

Ich wusste plötzlich, dass es nur weiter gehen würde, wenn ich dazu bereit war.

Auf dem Boden der Tatsachen

Das Jahr dümpelt so vor sich hin. Es fängt genauso an, wie das letzte Jahr aufgehört hatte. Einsam, alleine, sitzen wir in unserem Atombunker. Kochen, essen, fernsehen. Langeweile.
Pläne für die Zukunft, die bis jetzt aber nur aus Gedanken bestehen. Kleine, krakelige Skizzen, die ich nicht wirklich ausmalen kann.

Noch nichtmal auf Shoppen hab ich richtig Lust. Keine „Kauffreude“, wie man so schön sagt. Die einzigen Highlights des Tages sind Essen und Spaziergänge.

Pläne für Reisen liegen auf Eis, ich habe noch nichtmal mehr Lust darüber nachzudenken. Dabei hatte ich soviel vor: Alle europäischen Hauptstädte wollte ich sehen, mal in die USA fliegen, mal etwas von Asien sehen.
Letztes Jahr hatte ich den Französisch-Kurs belegt, damit ich endlich mal wieder nach Paris komme. Und jetzt? Bin ich schon froh, wenn meine Autotouren länger als 20 km sind. Jeden Wanderweg kenne ich in-  und auswändig, in jedem Naturschutzgebiet bin ich schon dreimal gewesen.
Dieser Verlust an Kultur und Vielfalt ist besonders schwer zu ertragen.

Noch nichtmal mehr auf Instagram kann man sich in den schönen Traumbildern verlieren, weil keine neue mehr produziert werden.

Bali, Mallorca, New York oder Dubai: Das alles erscheint so weit weg, so irreal, das ich manchmal denke, vielleicht war es doch nur ein Traum?

Passend zur äußeren Krise werden im neuen Jahr meine Augen schlecht. Als ob ich nichts mehr sehen kann. Nichts mehr sehen möchte. Ich werde wie ein Maulwurf und ziehe mich unter die Erde zurück.
„Klopf .. Klopf .. “ nur noch die Geräusche der Regenwürmer und Käfer über mir, die ab und an auf meinen Teller plumpsen.

Ansonsten Stille. Regen. Schnee. Wind.

Corona hat die Menschheit in eine kollektive Depression geschickt. Alle leiden. Alle werden getroffen.
Heute habe ich etwas über die Zahl der Impfdosen gelesen, die benötigt werden, um alle Menschen zu impfen. Sie erschien mir unglaublich hoch.
Irgendwas mit 12 Milliarden Dosen oder so. Und welche Mengen hochwertigen Glases man braucht, um diese Dosen sicher von Ort zu Ort zu transportieren. 8000 Flugzeuge sind erforderlich und das mit der Kühlung ist besonders kompliziert. Man benötigt sogar Sensoren, um die Temperatur des Trockeneises zu überwachen, damit es nicht vorschnell in den gasförmigen Zustand übergeht…

Es wird eine Meisterleistung werden müssen, wenn die Menschheit ihr altes Leben zurück haben möchte.
Und vieles wird danach ganz anders sein als vorher. Wir werden über die Dinge neu nachdenken müssen. Luxus wird uns stärker erscheinen als vorher. Vielleicht werden wir auch wieder mit weniger zufrieden sein?

Erstaunlich, dass ich dennoch so gut drauf bin. Hin und wieder blitzt ein Geistesblitz auf. Die Erinnerungen an gemeinsame Aktivitäten jenseits der eigenen Wohnung verblassen zwar, aber sie sind noch da.

Ca. heute vor einem Jahr hatte ich das letzte große Instagram-Treffen mit meiner Mädels-Gruppe. Ich hatte es gerade erst gegründet.
Eigentlich sollte es „gemischt-geschlechtlich“ werden. Aber wie der Zufall so will, haben sich dann doch nur Frauen eingefunden, als eine Frau dazu aufgerufen hatte. Die Männer „hatten keine Zeit“ (und wollten anscheinend auch keine weibliche Führung). Soviel zur Gleichberechtigung. Ich wollte gerade darüber lachen, es wegwischen und dann weitermachen.

Es fing gerade an, mir soviel Spaß zu machen. Kontakte bildeten sich, neue Menschen kamen zusammen. Ich hatte großes vor. Es fühlte sich gut an, Menschen zusammen zu bringen.
Und nun liegt alles am Boden. Viele Restaurants werden wir nie wieder besuchen können. Viele Geschäfte nie wieder von innen sehen.

Viele Marken werden aus unserem Bewusstsein verschwinden. Vieles wird sterben, und vieles werden wir verlieren. Es gibt „kein Zurück“ mehr. Der große Knall des 21 Jahrhunderts ist da. Passend in den „20er Jahren“, ähnlich wie im vergangenen Jahrhundert, als die großen Krisen auch in den 20er Jahren kamen.

Unser Einkaufsverhalten wird sich auch langfristig ändern. Die Geschäfte werden nie wieder so einen großen Überfluss anhäufen, weil dann immer die Gefahr besteht, dass sie auf diesen Konsum-Bergen sitzen bleiben. Die Zukunft ist ein Stück weit „unberechenbar“ geworden. Dass es immer nur oben geht, ist eine Vorstellung aus dem letzten Jahrhundert. Dieses aber ist anders. Man wird wieder die Produktion „in das eigene Land“ holen. Die zu große Abhängigkeit von anderen ist Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können. Auch wenn man augenscheinlich „billiger produziert“ ist das kein Vorteil wenn „gar nichts mehr produziert wird“ oder im Zweifelfall diejenigen Länder Impfstoff oder Schutzmasken bekommen, die die besseren Fabriken haben und mehr Dollars auf den Tisch legen. Die Globalisierung wird sich zwangsläufig verändern. Derjenige, der am besten auf sich selbst aufpassen kann, wird am stärksten sein. Vielleicht gibt es auch eine „Re-Nationalisierung“. Wir werden nicht mehr den Luxus haben, auf Kinder und Jugendliche zu verzichten und unsere Gesellschaft für das Geld „altern zu lassen“. (Denn Kinder kosten ja Geld und eine reiche Gesellschaft verzichtet nur zu gerne auf dieses unangenehme Etwas). Wir werden wieder mehr auf unsere eigene Gesundheit achten müssen. Mehr gegen das Übergewicht tun. Mehr für unsere Lunge.

Wir werden die Mitmenschlichkeit stärker pflegen müssen. Wir werden noch mehr auf uns aufpassen müssen. Das Virus lehrt uns, dass wir nicht unbesiegbar oder gottgleich sind. Und das ist ein kleiner Lichtblick, ein kleiner Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft – bei all den schlechten Nachrichten.

Friede, Freude, Eierkuchen

(aus der Reihe: 21 years later)

Das neue Jahr hatte endlich begonnen. Inmitten der Arbeit, inmitten von Schweiß, Blut und Tränen hatte sie es geschafft, sich durch alles hindurch zu kämpfen und sich endlich an die Oberfläche des Wassers hervorzukämpfen, die so lange herbei gesehnt hatte.

Am Vorabend hatte sie noch eine Reportage über die „Love Parade“ gesehen, eine große Friedensbewegung Anfang der Neunziger, gegründet von „Dr Motte“, den viele Jugendliche von heute gar nicht mehr kennen. Doch damals war er ein Star! Ein kleiner, nerdiger Star mit einer Brille, der eine hübsche Partnerin hatte und zusammen mit ihr an das Gute glaubte. „Acid“ war die Musik der 90er und sie waren die Pioniere. Sie gründeten eine kleine spontate Demonstration, tauchten sie „Friede, Freude, Eierkuchen“ und starteten mit 20 Gästen. Der Anfang war verhalten und es regnete, doch im nächsten Jahr kamen bereits 1500 Raver und im Höhepunkt der Bewegung, die man durchaus ein zweites Woodstock nennen könnte, kamen im Jahr 1999 über 1.5 Millionen Menschen nach Berlin! Sie erinnerte sich deutlich an diese Zeit und die Strahlkraft der Parade, die sie damals auf sie, als jungen Menschen, ausgelöst hatte. Natürlich hatte sie auch noch CDs mit „One World, one Future“ und den strahlenden, bunten Herzen in ihrem Regal. Und die Werte der Bewegung prägten sie ganz besonders nachhaltig. Lange hatte sie die CDs im Handschuhfach ihres Autos spazieren gefahren und die MP3-Titel von Maruhsha, Westbam oder Dr. Motte hörte sie noch heute.

Die letzten Aktionen und Ereignissen kippten alle ins Positive und somit konnten sie endlich Erfolgserlebnisse vorweisen.

Sie nahm ein Stück vom Tiramisu, das vor ihr auf dem Teller zu kippen drohte, weil es der Bäcker sehr gut gemeint hatte.
Es schmeckte herrlich! So weich, so zart, so natürlich und aromatisch. Sie traute sich fast gar nicht, das Schokoladen- Herz auf ihrem Cappucino-Schaum zu durchstoßen, tat es aber schließlich dennoch mit ein paar gestreuten Zuckerkristallen.

Und plötzlich- inmitten von der Mannheimer Fußgängerzone- merkte sie etwas, dass sie schon seit drei Jahren (oder länger) nicht mehr gespürt hatte: Ein tiefes Glücksgefühl zog sich von ganz unten, von den Füßen beginnend, über den Darm, und Bauch bis hin zur Herzgegend und dem Kopf. Es kribbelte überall und sie musste anfangen zu lächeln. Die Welt um sie herum wurde plötzlich bunt und schön. Sie begann plötzlich die Menschen zu sehen, zu verstehen und die ganze hässliche, wertende Brille, die sie ständig getragen hatte, war verschwunden. Plötzlich erkannte sie die Seele der Menschen. Ihre Gefühle. Dass jeder glücklich sein wollte. Und es nicht immer schaffte.

Sie begriff, dass sie ein Teil von ihnen war. Wie in in einem riesigen Organismus mit vielen Zellen und Organen. Man konnte nicht das eine trennen und dann „neidisch“ auf das andere sein. Jede Interaktion von ihr lief über einen anderen Teil dieses großen Organismus. Es war unmöglich, hier einen Teil „unglücklich“ zu machen und zu hoffen, dass der andere „glücklich“ werden würde. Es klappte nur, wenn alle glücklich waren. Es klappte nur, wenn die Gesellschaft auf den richtigen Weg gebracht wurde und sich alle auf die grundlegenden Werte der Menschenrechte, der Toleranz und der Liebe verständigten.

Die indische Bahn

Ich komme ziemlich pünktlich auf dem Bahnsteig in Altona an. Ich gehe aufs Gleis 12, so wie es im Ticket stand und finde meinen Zug nicht. Die fahren plötzlich alle von Gleis 11 oder sonstwo ab. Ich finde den Zug immer noch nicht. Dann fällt mir ein, dass im vorderen Bereich des Bahnhofes wohl noch eine Anzeigetafel ist. Schnell eile ich da hin. Auf dem Bahnsteig sind schon die Absperrungen für den Autozug nach Sylt aufgebaut. Noch fährt er von Altona, aber nicht mehr lang! Der Bahnhof soll ja ganz aufgelöst werden, noch ist er im Betrieb.

„Zug fällt aus“, steht an der Anzeigetafel. Er wird ersetzt durch einen anderen ICE… aha okay. Nein Moment, was steht da?
IC ? Nicht ICE ! Da fehlt ein E.

Ich gehe zum Gleis 11. Der Wagenstandsanzeiger (deutsches Wort) macht natürlich keinen Sinn, denn ich finde meine Zugnummer ja nicht.
Aber wo soll ich jetzt Platz nehmen? Ich hab doch reserviert! Und das hat sogar Geld gekostet. Deutsches, hart erarbeitetes und bereits von Steuern und Sozialabgaben befreites Geld.

Der Zug rollt ein. Die Türen öffnen sich nicht automatisch. Man muss kräftig dran ziehen, so wie bei einem alten VW-Bus und mit Schwung die Tür aufstoßen. Außerdem gibt es einen riesigen Graben zwischen Bahnsteig und Waggon. Mir wird Angst und Bange, wenn ich da rüber steige. Das Gefühl hatte ich lange nicht. Abenteuergefühl!

Ich steige also in den stinkenden, alten IC. Gleich an der Tür sieht man Technik aus den 60er Jahren. Alte Absperrventile, aufwändige Anzeigen, die mit Glühlampen und analogen Instrumenten arbeiten. Keine LED-Anzeigen oder sowas. Noch nichtmal Wagennummern! Es gibt ein Klo. Immerhin. Steckdosen. Und sogar eine Automatiktür. Man muss kräftig dran ziehen, dann geht sie auf.

Ich suche mir einen Platz. Ganz ordentlich deutsch, die Nummer, die ich reserviert hatte. 86. Ist auch egal, noch hab ich alle Plätze für mich und könnte mir etwas frei aussuchen. Neben mir steigt ein deutsches Wohlstands-Mittelschicht Ehepaar ein. Die Frau kritisiert an ihrem Mann herum und hat nichts zu tun. Eine teure weiße, gebügelte Hose und eine teure Handtasche. Die Haare perfekt frisiert und der Mann perfekt erzogen. Sie erzählen und kauen auf einem Brötchen herum. Vor ihnen ein Kaffeebecher.

Dann steigen die drei Inder ein. Vor mir ein schwarzer gegelter Wuschelkopf. Sie erzählen. Und erzählen. Und erzählen. Schnell, laut und hektisch. Ihre Stimmlage ist etwas höher als bei mitteleuropäischen Männern fällt mir auf. Sie sehen nicht aus wie Asylanten, sind schick angezogen mit guten Klamotten und teuren Handys. Ich tippe auf Geschäftsleute. Sie wollen nach „Amsterdam“, haben aber natürlich noch kein Ticket gekauft. Die deutsche Schaffnerin ist ein bisschen dick und sehr gutmütig. Natürlich können sie die Tickets im Zug kaufen, lächelt sie die Männer freundlich an. Diese machen ein paar Scherze mit ihr und strecken ihr die Visa-Karte entgegen. Ich überlege mir für einen Moment, was passiert wäre, wenn wir alle die Tickets im Zug nachlösen würden? Ob das theoretisch möglich ist? Und wie lange dann das Abkassieren dauern würde? Länger als die Fahrt von Hamburg nach Mannheim?

Der Zug rumpelt durch die Landschaft. Er ist schlechter gedämmt als die neueren ICE´s.. es gibt natürlich kein WLAN.

„Weißt du was mir letztens passiert ist, als ich von Hamburg zurück gefahren bin?“ Ich erinnere mich an das Gespräch mit meiner Mutter. „Da haben sie einfach den ICE durch einen IC ersetzt.“.

„Ja Mama“, das ist mir jetzt auch passiert. Ich dachte, es wäre ein Einzelfall.

Wie ich so durch die Landschaft rolle, lausche ich auf die kratzige und fehlerhafte Lautsprecher-Durchsage. Sie kann das Geschwafel der Männer vor mir nicht übertönen. Ich fühle mich für einen Moment wie in Kalkutta.

Auf jeden Fall nicht mehr wie in Deutschland. Einem ehemals guten funktionierendem Land, das stolz auf seine Ingenieursleistungen, den Fleiß und das Organisationstalent war. Davon ist nichts mehr zu spüren. Zumindest nicht bei der „Deutschen Bahn“.

Alles zurück auf Anfang

 Ich fühle mich ausgelaugt und mies. Hab keine Energie mehr. Die Sonne fehlt. Das Immunsystem arbeitet auf Hochtouren. Die Liebe ist verflogen. Alles ist depri, alles ist scheiße!

Rückenschmerzen quälen beim Sitzen und die Infrarotlampe, die eigentlich Abhilfe schaffen sollte, hat den Stuhl und den Finger verbrannt!

Gedanken kreisen immer noch ums Vergangene. Von „außen“ kommt kein befreiender Input, sondern nur Menschen, die jammern und mich mit ihrem eigenen Scheiß belasten. Seht ihr nicht, dass ich selbst genug Probleme habe?

Ich schlafe ewig lang. Meine Gedanken kreisen dabei um den Todesfall, sie schweben über meine eigene Vergangenheit und Jugend und immer wieder erscheinst Du.

Alles vermischt sich. Ein kleiner Auszug gefällig?

Ich gehe die Straße entlang. Will eigentlich zur Schule, ein neues Jahr hat begonnen. Aber ich bin zu spät! Ich laufe, gehe zu Fuß.

Dann gucke ich immer wieder auf die Uhr und ich stelle fest, dass ich vermutlich mind. eine Stunde zu spät kommen werde. Dann frage ich mich, warum ich denn nicht das Auto genommen habe? Was mache ich hier zu Fuß auf der Straße? Dann wieder dieses unterschwellige Gefühl, einfach „aussteigen“ zu wollen, so wie ich es früher gerne gemacht habe.

Warum gehe ich diese langweilige blöde Straße zur Schule? Warum gehe ich nicht diese Abzweigung, dort drüben, sieht viel interessanter aus, einfach in die Natur! Einfach krank melden, nicht kommen. Probleme unterdrücken, mich verstecken. Decke über den Kopf, sollen doch die anderen machen.

Diagnose: „Depressiv, nicht lebensfähig.“.

Oder wie ein Psychologe mal diagnostizierte „etwas antriebsschwach“.

Antriebsschwach! Weil ich keine Lust auf das verlogene Leistungs- und Geldsystem hatte, dass sich schon in jungen Jahren mit seinen ersten Ausläufern zeigte.

In der Schule dann werde ich schnell panisch. Alle feiern um mich herum, sind ausgelassen und fröhlich. Ich aber, bin ernst.
„Wo sind die neuen Stundenpläne?“, frage ich mich. „Wie komme ich in die richtigen Klassenräume?“ Ich bin die einzige ernste unter 1000 Ausgelassenen. Ich gehe in die große Pause und frage jemand aus meiner Klasse danach. Der grinst mich an und lacht. „Worüber du dir jetzt Sorgen machst. Feier doch erstmal mit uns!“

Ich bin peinlich berührt. Ja warum ich mir so große Sorgen? Warum kann ich nicht mitfeiern?

Ich habe das Gefühl, es ist mein letzter Versuch. Ich bin plötzlich in der Wiederholungsklasse für das Abi. Der Leistungsdruck ist immens, die Fragen sind schwer. Ich muss das bestehen, sonst war´s das für immer!

Wie alt bin ich in meinem Traum? Bin ich 40 und muss noch das Abi machen? Oder bin ich 17 und alles ist „real?“.

Dann wieder der Schwenk auf die Wohnung von meinem verstorbenen Stiefsohn. Ich krame in der Kühlbox herum, die da auf dem Boden steht. Überall sind frische, tiefgekühlte Sachen. Eine Packung Pommes, daneben eine Packung gefrorene Schnitzel. Alles sieht noch gut aus und ist innerhalb vom MHD. „Die hätte er sich nur machen brauchen!“ sag ich zu meinem Partner. Ich bin bestürzt. „Es ist doch so einfach: Ofen aufmachen, Pommes reinlegen und 20 Minuten backen. Schon hast du was im Magen.“. Ich mache den Ofen von meinem Stiefsohn auf. Er ist etwas verdreckt, Backpapier liegt noch drinnen, aber alles funktioniert.

„Ja…“ sagt mein Partner leise. Er seufzt. Es wäre so einfach. „Wenn die Drogen nicht was mit deinem Gehirn machen und verhindern, dass du das einfachste erkennst“.

„Warum hat er sich nicht einfach ein paar Pommes gemacht?“ Im Traum bin ich ahnungslos und ratlos. Ich räume die Sachen aus der offenen Kühlbox in den Kühlschrank.

Und ich habe einen Kloß im Hals.

Irgendwann dann wache ich auf. Der Traum hängt mir noch in den Haaren. Ist es draußen hell oder noch dunkel?
Spielt das überhaupt eine Rolle? Mein Partner kommt und bringt mir einen Kaffee. Ich erzähle von meinem Traum.

Dann muss er weinen.

Ich gehe an den Computer und schreibe diesen Text. Höre etwas Musik. „Die Realität“ kommt langsam zurück.

Wirklichkeit und Vergangenes sind klarer zu unterscheiden. Das Leben geht weiter! Es gibt neue Pläne, neue Ziele.

Die Geister der Vergangenheit, sie können langsam gehen.


Es wird Zeit für einen neuen Anfang!

Distanziert

Er schaut dich aus der Ferne an. Aber er sagt nichts.
Er trinkt einfach nur seinen Cocktail mit rosa Strohhalm und schaut dich mit seinen stahl-blauen Augen an. Er lacht. Du siehst es in seinen Mundwinkeln. Ganz unscheinbar, aber doch zu erkennen. Er schaut dich an. Dann dreht er sich weg. Sofort wirst du unruhig. Du tanzt noch extremer, noch wilder, damit er sich wieder umdreht. Jetzt geht er auf eine andere zu! Er redet sie sogar an! Dich hat er noch nie angesprochen! Noch nicht einmal versucht. Nicht eine Frage hat er dir gestellt. Er hat dich nur angesehen. Und in seinen Augen hat es geleuchtet.

Du tanzt weiter und bist völlig außer Atem. Du bist dabei die Kontrolle zu verlieren, mal wieder. Nichts bremst dich, keiner hält dich auf. Die Musik stachelt dich weiter an.

Gerade als du deine Haare durch die Luft wirbelst, siehst du jemand neues in die Disco kommen.
Du verlangsamst deine Schritte. Sie ist sofort da, sofort präsent. Du schaust sie an. Du tanzt dabei noch ein bisschen weiter. Sie guckt kurz zu dir rüber. Nur ganz kurz. Sie lächelt. Dann geht sie weiter an der Tanzfläche vorbei. Sie stellt sich neben den jungen Mann. Sie stehen nicht direkt nebeneinander, sondern ca. 2-3 Meter voneinander entfernt. Du wirst wieder unruhig, weil du erst denkst, sie will ihn anmachen. Aber sie bleibt in sicherer Entfernung stehen. Sie haben sich an der Theke angelehnt. Jeder hat ein Glas in der Hand. Sie trinkt ein Bier aus der Flasche und er trinkt ein Cocktail. Sie sind sogar fast gleich groß. Dennoch haben sie eine ganz unterschiedliche Wirkung auf dich.

Sie hat lange, braune Haare und braune Augen. Sie lächelt geheimnisvoll und selbstbewusst. Ihr Garderobe ist schick und stilvoll. Sie trägt ein kurzes, braunes Kleid und eine kleine schwarze Handtasche. Sie lacht.

Er hat helle Haare und blaue Augen. Er trägt ein T-Shirt mit Streifen und eine graue Jeans. Das, was er anhat, ist einfach und es passt zu seiner einfachen, schnörkellosen Art, an der man nichts finden und auf den ersten Blick nicht aussetzen kann. Er ist schmal an den Schultern gebaut, fast so schmächtig wie sie. Sie ist sanftmütig, wie eine Katze, er wirkt mehr wie ein Adler oder ein Krokodil. Und er ist schweigsam wie ein Fels. Er lässt immer DICH zuerst kommen, damit er in Ruhe reagieren kann. Er macht es sich einfach und das ärgert dich. Aber so ist er halt. Genau deswegen magst du ihn. Weil er so viele Prinzipien hat und unerschütterlich ist.

Beide stehen da und schauen dich an. Keiner sagt was. Sie hat es versucht, vor langer Zeit, aber die Kommunikation war schwierig. Sie ist anders als du. Völlig anders. Mit deiner schroffen Art hast du sie gleich vor den Kopf gestoßen. Da hat sie sich empfindlich wie eine Katze gleich in die Ecke verkrochen. Es ist schwer mit dir zu reden.

Du willst mehr über beide wissen. Und du fragst dich, warum gerade beide gleichzeitig in dein Leben getreten sind, was es zu bedeuten hat? Du tanzt weiter und schüttelst alles aus dir raus. Es hilft ein bisschen, dennoch bist du so furchtbar angespannt.

Dann endlich, fällt dir ein, was es sein könnte.

Du würdest gerne zu beiden rüber gehen und mit ihnen reden. Du spürst in deinem Inneren, dass du das möchtest. Du weißt aber noch nicht so genau, was du sagen sollst. Was die richtigen Worte und was die richtigen Fragen sind? In der Vergangenheit hast du gelernt, dass es sehr leicht ist, das Falsche zu sagen. Du hast schon oft zuviel und dann natürlich das Falsche gesagt. Das möchtest du vermeiden. Du bist es gewohnt zu plaudern und dann kommt meistens auch was zurück. Wenn jemand aber nichts sagt oder deutlich weniger als du, wird es schwierig. Wie kommt man in Kontakt? Wie tauscht man Informationen aus? Je schneller du deine Gedanken drehst, desto unklarer werden sie. Mit Lichtgeschwindigkeit blitzen deine Synapsen, aber es macht alles keinen Sinn.

Du weißt, was das Problem ist. Du bist am Tanzen und sie stehen nur da rum. Du bist hektisch und laut und sie sind leise. Du musst dafür sorgen, dass sie mittanzen. Sie anstecken, so wie du es die ganzen letzten Tage vergeblich versucht hast.. Oder du musst dich selbst bremsen und zu ihnen rüber an den Tresen gehen. Du musst dich auf sie einlassen.

Also gehst du rüber. Du gehst zuerst zu ihm. Es ärgert dich immer noch, dass er dich so isoliert und so eitel und abgehoben ist. Die Wut und der Ärger auf ihn ist wie eine große Mauer, die von dir selbst aufgezogen wird.

Du überwindest deine eigene Mauer und gehst jetzt direkt auf ihn zu. Dann stehst du fast ein Meter vor ihm. Er bewegt sich immer noch nicht.

Du gehst ein bisschen weiter auf ihn zu. Da bewegt er sich ein bisschen auf einem Bein und zuckt in der Wange. Er lacht jetzt deutlich. Du siehst, wie seine Seele über ihm schwebt und von Schwarzlicht angestrahlt wird. Du gehst weiter. Er sagt immer noch nichts. Du streckst seine Hand nach seiner Hand aus. Du willst sie endlich greifen, du willst IHN greifen … gerade als du kurz davor bist, ihn anzufassen, verwandelt sich die Disco und alles um dich herum. Wände verschwinden und Palmen wachsen aus dem Boden. Die engen Begrenzungen werden mit dem unendlichen Ozean ausgetauscht. Aus dem dunklen, blauen Licht wird ein helles grünliches und gelbes. Die kalten Technomusik verschwindet und wird mit warmer Gitarren-Musik ausgetauscht. Du landest irgendwo in Spanien oder in der Karibik. Die Sonne scheint. Es spielt flotte Tanzmusik und eine entspannte spanische Männer-Stimme singt dazu. Er liegt da am Strand. Ganz entspannt, hat er die Hände hinter dem Kopf. Und neben ihm steht ein Cocktail. Er hat ein Bikini an und siehst jetzt aus wie eine Frau.

„Na, auch hier?“ Jetzt spricht sie endlich zu dir. Sie hat lange braune Haare und braune Augen. Aus den zwei Personen ist eine geworden. Und du bringst kein Wort mehr raus. Sie sieht atemberaubend und locker aus. Völlig entspannt und glücklich. Sie braucht gar keinen Partner, sie ist alles, was sie sein muss.
„Entspann dich doch… hier nimm auch was zu trinken.“ Und sie pustet dir eine Wolke aus ihrem Joint entgegen.

Du greifst nach der selbstgedrehten Zigarette. Und nimmst auch einen Zug. Jetzt verstehst du, wo er bzw. sie die ganze Zeit gewesen war. Irgendwo anders, in einer anderen, schöneren Welt.
Du hast immer von außen dagegen geklopft, aber es hat keiner aufgemacht. Du hast versucht, die Tür einzureißen, aber sie blieb verschlossen. Du warst verkrampft und die anderen war locker.
Er war still und du warst laut. Er ist jünger als du, aber völlig überlegen. Er hat die lockere Lebenseinstellung. Und du verwendest deine kostbare Lebensenergie.

Die beste Freundin – 5

Sie geht auf die andere Seite des Autos und steigt ein. „Endlich hat das Geplapper aufgehört… das war ja nicht mehr zum Aushalten“ denkt sie sich… und muss dabei schon wieder grinsen. Weil „Blondie“ jetzt schläft.. traut sie sich, mal richtig zu grinsen. Das Grinsen reicht von der einen Seite des Gesichtes bis zur anderen. Sie dreht den Schlüssel und parkt das Auto vorsichtig rückwärts aus. Das ist nur ein kleines Stück. Der Innenhof ist schlecht beleuchtet und mit Autos vollgeparkt. Es ist schon dunkel geworden. Sie drückt die Kupplung, schaltet in den Leerlauf und hält das Auto kurz an.
„Wohin soll ich jetzt fahren? Soll ich sie wirklich nach Hause fahren? Meine Güte, ist die dumm. Was ich jetzt alles mit ihr machen könnte. Sie ist so vertrauensselig.. das ist ein Fehler in der heutigen Zeit. Sollte sie nicht sein. Auf der anderen Seite freut es mich auch, dass sie mir so vertraut.“

Sie weiß nicht genau, was sie möchte. Sie weiß nur, dass das Autofahren ihr hilft, einen freien Kopf zu bekommen.

Sie fährt von der Seitenstraße raus in die stärker befahrene Hauptstraße und gibt Gas. Der kleine Motor heult auf. Das zusätzliche Gewicht ihrer neuen Beifahrerin macht ihm bereits zu schaffen. Dennoch ist die kleine Fahrerin so aufgedreht, dass sie einfach Gas geben muss. Sie überholt schnell ein paar Besoffene, die in Schlangenlinien auf der rechten Spur rumkriechen.

Die Ampel schaltet auf Gelb. Sie gibt schnell noch mehr Gas, damit sie noch rechtzeitig rüberkommt. Nach einiger Zeit kommt auf der rechten Seite eine Tankstelle. „Kippen brauche ich noch“ denkt sie sich. Also zieht sie das kleine Gefährt mit einem Schwung nach rechts und rumpelt über die Ausfahrt. Mit einem starken Bremsvorgang hält sie vor dem Tankstellengeschäft. Sie schaut kurz zum Beifahrersitz rüber. „Schläft die noch? Sieht ganz so aus. Wie ein kleines Kind. Wie hübsch sie ist, wenn sie da liegt.“ Ihre blonden Haare sind etwas gelockt und hängen ihr über die Schulter. Der Kopf ist zur Seite geneigt. Die Augen sind fest verschlossen. Aus ihrem geschminktem Mund läuft ein bisschen Speichel. Sie nimmt ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wischt ihrer Beifahrerin damit über den Mund. Dabei bleiben die Reste des Lippenstiftes daran hängen. Egal.. das mag sie sowieso nicht so gerne. Der kann auch ganz weg.

Sie spürt schon wieder das Verlangen ihr über die Beine zu streichen. Sie irgendwie zu berühren.. Aber nicht hier.
Hier sind zuviele Leute. Sie steigt aus dem Auto, wirft die Tür mit Schwung ins Schloss und schließt ab.

„Eine Schachtel Zigaretten bitte“.. ein junger Typ hinter der Kasse mit Pickeln im Gesicht reicht ihr wortlos die Schachtel. „6,30 Euro! Haben sie noch getankt?“
„Nein. Das hätten sie gesehen, wenn ich getankt hätte, oder?“
„Ja. Aber ich muss trotzdem fragen. Die Vorschriften“
„Aha.“
Sie gibt ihm schnell das Geld und verschwindet wieder. Sie weiß nicht, was ihre Freundinnen immer von Typen wollen. Der hier war so unattraktiv wie die Nacht. Wie kann man sich in so jemand verlieben? Das wird sie nie verstehen. Sicherlich gab es da immer mal wieder welche. Männer, die attraktiver als andere waren… die waren aber immer besonders, die hatten das gewisse „Etwas“. In den 0815 Typen von der Tankstelle würde sie sich niemals verlieben. NEVER!

Zurück am Auto ist sie immer noch nicht schlauer. Sie überlegt, wo sie jetzt hinfahren soll. Zu ihr selbst nach Hause? Oder das Blondie nach Hause fahren? Ihr Typ wird bestimmt bald unruhig. Was macht sie, wenn der anruft? Sie kann sich schlecht eine Geschichte ausdenken. Nein.. diesmal wird es schwierig.

Sie nimmt ihr Smartphone und sucht eine Adresse aus den Kontakten. Diese tippt sie in ihr Navi, das an der Scheibe klebt.
Es dauert einen kurzen Moment, bis der Computer alles berechnet hat. „Jetzt geradeaus fahren“ quält die weibliche Stimme aus den mickrigen Lautsprechern. Sie tut, wie ihr befohlen wird und fährt los.

Unheilvolle Wolken

Unheilvolle Wolken rollen über den Horizont und verdüstern die gerade aufkeimende Frühlings-Sonne. Die Fröhlichkeit der letzten Winter-Olympiade ist irgendwie im Hals, bzw. im Gewehrlauf stecken geblieben. Die Gespenster der Vergangenheit lernen plötzlich wieder zu laufen. Sie werden vom niemals alternden Blut des Hasses und der Engstirnigkeit genährt.

Die Macht kommt ohne Worte, ohne Schilder, ohne Namen. Und doch weiß jeder, wer gemeint ist.

„Diplomatie!“ schreit der Westen – schon etwas heiser von der ständigen Wiederholung geworden -„Panzer“ entgegnet der KGB-Chef.

Rührend: Die Soldaten der einen Armee, die laut singend auf die Soldaten der anderen Armee losmarschieren und nur mit der eigenen Fahne und ihrem Mut bewaffnet, wieder zurück in ihre Betten wollen. Aber da liegt jetzt jemand anders. Jemand ohne Humor.

Meldung über Meldung tickert über den „Liveticker“… „eine Interkontinental-Rakete wurde abgefeuert“.. ich reibe mir die Augen. Mediengeilheit, nur eine weitere, gut klingende Meldung oder echter Hintergrund? Das klingt sehr nach kalter Krieg. Nach dem roten Knopf, den damals zum Glück niemand gedrückt hat. Ach, nur ein Test, ja dann können wir ja beruhigt weitermachen und den kleinen Russen, der so gerne groß wäre, weiter mit seinen Panzern spielen lassen… nur der Eimer und die Förmchen, die sollten besser ihm überlassen werden…

Bahnfahren am 10. Juni 1891

Ich zeigte dem Damenbesuch aus der fernen Alpenmonarchie Österreich noch gerade den neu gebauten Bahnhof in der Arbeiterstadt Ludwigshafen, als wir schon das ferne Pfeifen der Eisenbahn vernahmen. Die Polizei-Beamten mit der glatt-gebügelten Uniform sahen uns mit strengem Blick an und ermahnten uns, den Gleisen fern zu bleiben. In unlängster Zeit gab es nämlich einige Zwischenfälle mit spielenden Kindern, die allzu forsch auf die Gleise gerannt waren und dem Lokführer, sowie den mitfahrenden Gästen einiges an Schrecken eingejagt hatten. Wir eilten, ihren Befehlen folgend, zur wartenden Lokomotive und den zahlreich angehängten, frisch gestrichenen Personenwagen.

Die mitreisenden Damen hatten lange Gewänder aus teurem Tuch an und so mussten alle Rücksicht nehmen und Ihnen beim Einsteigen auf die beschwerlichen und hoch gebauten Stufen helfen. Ich war so nett und hielt so lange die Sonnenschirme und Taschen der lustig-schnatternden Reisegruppe. Ein Schaffner mit sehr großer Mütze ermahnte uns, ein wenig zügiger in den Zug zu kommen, da man doch den Fahrplan gerne einhalten würde. Zum Glück hatte man extra eine eigene hölzerne Bank vor die steil aufragende Bahnleiter gestellt, so dass der Schritt bis nach oben nicht so groß sein musste.
Wir erklommen das Abteil und fanden einen freien Sitz auf den recht harten Bänken. Ein Kissen hatten wir leider nicht mitgebracht. Die Koffer waren uns vorher schon abgenommen worden und in den Gepäckwagen gebracht, so dass wir alle anderen, kleineren Täschchen unter die geräumige Ablage unter unseren Füßen schieben konnten. Auch die Sonnenschirme fanden dort ihren Platz. Ausnahmsweise war es heute erlaubt, die Waggons gemischt zu besetzen, da der Zug sehr voll wurde und der Fahrplan noch nicht regelmäßig angefahren wurde. Ansonsten fand natürlich immer eine strenge Trennung der Geschlechter statt. Die Herren mussten Gespräche über Arbeit und Politik führen und wollten dabei nicht gestört werden- während die Damen für sich die allerneusten Neuigkeiten aus der Kinder- und Familienwelt austauschten.

Es dauerte nicht lange und ein weiteres, sehr lautes Pfeifen der Lokomotive erschall von ganz nah an unseren Ohren. Welch unangenehmer Ton, der da mit Dampfkraft erzeugt wurde! Manche Damen erschraken und fuhren zusammen. Das Abteil war bis auf den letzten Platz voll gefüllt und die Stimmen verstummten für einen kurzen Augenblick. Alle Gäste schauten wie gleich gerichtet nach vorne, in Richtung des dampfenden und schnaufenden Stahl-Rosses, das sich nun langsam in Bewegung setzte. Noch ein weiteres Pfeifen und die Fahrt wurde schneller. Die Polizisten zogen an uns vorbei, stramm am Platze stehend und würdigten der vorbei fahrenden Bahn keines Blickes.

Ich hatte einen guten Platz am recht kleinen Fenster ergattert und schaute still in mich hineindenkend nach draußen. Da mir durch die viele Sonne des Tages etwas warm geworden war, hätte ich gerne das kleine Fenster nach oben geschoben, doch es war sorgsam verriegelt worden, damit man während der Fahrt nicht zuviel vom Rauch und Dampf in das menschen-gesättigte Abteil bekam. Freilich kam durch die sich ständig öffnende Tür zur Außenplattform noch genug Luft von draußen hinein.

Es rumpelte immer kräftiger und heftiger, als die Lokomotive Fahrt aufnahm. Der Wagen schaukelte über die Schienen und die reibenden Geräusche von Stahl auf Eisen wurden lauter und lauter. Das Schnattern der Reisegruppe wurde etwas leiser und ich beobachtete aus einem Augenwinkel vorsichtig die Mienen der mitgereisten Damen. Mir schien, einige sahen ängstlicher und bleicher aus, als sonst. Und auch die redseeligste unter ihnen wurde immer wieder leise und vergaß, einen neuerlichen Witz zu Ende zu erzählen. Auch die Forsche und Älteste unter ihnen war stiller als sonst. Für viele war es die erste Fahrt mit der Eisenbahn überhaupt.

Für mich freilich war es kein Problem, da ich als Handelsreisender schon viele solcher Reisen unternommen hatte und ständig in anderen Städten sein musste, um neue Verträge auszuhandeln. Auch wenn uns die Telegramme schon viel Arbeit abgenommen hatten, so musste man die meisten Dinge doch selbst erledigen. Und es ging eben nichts über ein mündliches Gespräch von Mann zu Mann.

Schon bald zog die neu gebaute badische Anilin- und Sodafabrik an uns vorbei, die sich erst von der Schiene aus gesehen, die auf einem leicht erhöhten Bahndamm verlegt worden war, in ihrer ganzen Vielfalt und Größe begreifen ließ. Ab dann erreichten wir die Außenbezirke von Ludwigshafen, die Landschaft wurde grüner, weite Felder und Wiesen lösten das eng bebaute Stadtbild ab. Unser Weg nach Frankfurt war lang und wir nahmen die Gespräche wieder auf.

Es dauerte keine halbe Stunde, als die erste der Damen etwas ungeduldig wurde und nach etwas zu Essen fragte. „Ob es denn kein Speiseabteil gäbe?“ Wollte sie wissen, denn von einem Schwager hatte sie gehört, dass man an manche Züge ein solches herangehängt hätte und dies „recht angenehm, gerade bei längeren Strecken“ wäre. Eine andere merkte noch an, dass der Zug im Vergleich zur Postkutsche doch etwas bequemlicher sei und sie sei überrascht und erfreut über die hohe Geschwindigkeit. „60 Kilometer in der Stunde! Das ist ja gewaltig!“ rief sie mit großen Augen hervor, als ich ihr die Konditionen der Bahn erklärte und konnte ihren Blick danach kaum noch von den vorbeiziehenden Häusern und Feldern abwenden.

„Nun denn“ merkte ich an zu der hungrigen Vertreterin, die mich nun immer kritischer musterte und ihre Abneigung und Unlust über diese Reise nicht ganz verbergen konnte. „Es wird nicht ganz so lange dauern, liebe Rosalinde, ich bin ganz sicher. Für unsere Reise sind nur drei Stunden veranschlagt und wenn ich dem Lokführer noch zurufe, dass er ein paar Kohlen zusätzlich in den Kessel wirft, geht es vielleicht noch ein paar Minuten schneller.“

Bald schon lief unser Reisezug in den ersten Bahnhof einer Kleinstadt ein. Von überall rannten Kinder auf den Feldern zu unserem Zug hin und jubelten begeistert. Die Strecke war recht neu gebaut worden und viele von ihnen hatte noch niemals eine echte Bahn gesehen. Der Aufenhalt im Bahnhof war recht kurz und schon bald wurde die Reise fortgesetzt.

Es war ein schöner Tag, dieser Tag in der Eisenbahn. Als wir endlich, nach mehreren Stunden, in der fernen Stadt ankamen, war unsere Kleidung zerknittert und die Damen klagten schon über die harten Bänke und wann es endlich etwas zu trinken gäbe? Man sollte wohl doch bald eine Unterkunft suchen, da die Müdigkeit von ihnen Besitz ergriff. Da ich viel auf der Außenplattform gestanden und mir der Fahrtwind um das Gesicht geblasen hatte, strich ich mit dem Finger prüfend über das Gesicht.

Er war ganz schwarz verfärbt vom Ruß… so dass auch ich Erleichterung verspürte, dass diese Reise endlich beendet worden war und mich auf ein anschließendes Bad freute.

Was der morgige Tag wohl bringen würde?

Nine Eleven

World Trade Center, Computergrafik

Heute jährt sich also der 11. September zum zehnten Mal… Im Fernsehen kommt man nicht umhin, mit hunderten von Dokumentationen überschüttet und beinahe über-informiert zu werden. Der Spitzenreiter ist eine über zwölfstündige Reportage über „den Tag“!

Zwölf Stunden Information und die ewig-gleiche Wiederholung der Schreckensbilder, wer kann da noch hinschauen? Es ist wohl eher als eine Dauer-Berieselung zu verstehen, wenn man von den anderen Sendern noch nicht genug „input“ bekommen hat.

Über 3000 Opfer waren zu beklagen, nochmal soviele gefallene US-Soldaten in den beiden folgenden Kriegen.. aber auch hundertmal soviel zivile und militärische Opfer in den beiden Ländern Irak und Afghanistan, über die keiner spricht, für die keiner ein Denkmal aufstellt… ((Die Zahl kommt aus einer der Reportagen, im Internet findet man ähnliches:ca. tote 3.800 tote US-Soldaten im zweiten Irak-Krieg, und offiziell 150.000 Tote auf irakischer ziviler Seite, andere Studien veranschlagen die Zahl sogar mit 650.000 Opfern. In Afghanistan kamen ca. 2600 Koalitionssoldaten ums Leben und ca. 3.600 Zivilisten; Wikileaks berichtet sogar von 24.155 Toten insgesamt; allein das Jahr 2010 forderte 2777 zivile Opfer, fast soviel wie im WTC; Quelle Wikipedia ))

Die große Sensation, die nun alle ausschlachten.. das Ereignis, das die westliche Welt vielleicht mehr als alles andere verändert hat.

Der Angriff auf die Demokratie und eine immense Herausforderung an Moral und Demokratie-Festigkeit. Wir alle wissen, dass diese „Festigkeit“ gleich dem Stahl des einstürzenden WTCs nur zum Teil gehalten hat. Die Moral ist weich geworden wie die Stahlträger, die durch brennendes Kerosin und 650 Grad Hitze anfingen fünzig Prozent ihrer Festigkeit zu verlieren. Unsere Gedankengebäude, unsere Freiheitsvorstellung der offenen, multikulturellen Welt ist tlw. eingestürzt wie die Stockwerke des in sich sackenden Weltfinanz- Gebäudes.

Unsere Worte wurden zu Staub und Asche, wie das sich mit Blitzgeschwindigkeit ausbreitende Leichentuch der Trümmer-Wolkenkratzer. Wir wurden in ihnen fortgetragen und Gesteinsbrocken und Kälte aus Hass und Rache fingen an, sich um uns auszubreiten.. Wir konnten nichts dagegen tun, konnten nicht mehr atmen, mussten uns unter Autos und großen Steinsäulen verstecken. Wir hofften auf die Polizei und Feuerwehr, doch auch sie wurden Opfer und mit dem Einsturz in den Tod gerissen. (( über 350 Todes-Opfer bei Feuerwehr und Polizei ))

Verschwörung

Umso unverständlicher finde ich auch die Reportagen über Verschwörungstheorien, die mind. genauso zahlreich wie andere Varianten über den 11. September sind und von einer sehr aktiven Szene in den USA genährt werden.

So habe ich unlängst eine Sendung gesehen, in der der 11. September als eine kontrollierte Sprengung eines geldsüchtigen Immobilien-Hais dargestellt wurde, mit zahlreichen (vermuteten) Verknüpfungen zur Finanz- und Politikwelt. In ca. zwei Stunden wurden sehr viele Beispiele dafür aufgeführt, um am Ende die gewagte Argumentationskette zu schließen.

Es wurde z.B. erklärt, das Stahl erst bei einer Temperatur von ca. 1200 Grad schmilzt, brennendes Flugzeug-Kerosin aber nur 650 Grad erreicht. Auch wenn der Stahl dabei weich wird, so ist es doch „sonderbar“, dass die Gebäude so schnell eingestürzt sind und der Einsturz von darunterliegenden Stockwerken nicht wenigstens gebremst wurde.

Über 47 Stahlträger waren im Kern des WTC verteilt, dabei jeweils über 10 cm Seitenlänge, das Gebäude wurde angeblich für den Einsturz eines Jumbo-Jet vorbereitet und entsprechend „sicher“ geplant (die Wikipedia schreibt hier aber, dass nur der Einsturz einer kleineren Boing 707 bei den Planungen berücksichtigt wurde). Es gab fehlerhafte, bzw. abgelöste Feuerschutz-Beschichtungen an den Stahlträgern, was ihr schnelles Schmelzen und Biegen zu einem Teil erklärt. Aber warum hat man dann im Fundament und den Trümmern geschmolzenes Stahl gefunden, das zum Teil noch tagelang kochte und brodelte und zusammen mit den Chemikalien einen giftigen Cocktail aus Dioxinen, Asbest und anderen krebserregenden Stoffen in die Luft pestete?

Man hat durch seismische Messungen jeweils 8 bzw. 10 Sekunden gemessen, bis die Gebäude jeweils komplett in sich zusammengesackt sind. Das ist fast schneller, als der freie Fall einer Billardkugel aus vergleichbarer Höhe. Nach Computerberechnungen hätte es vor allem durch untere Stockwerke eine deutliche Verzögerung geben müssen. Mögliche Erklärung: Das Gebäude wurde gezielt gesprengt. Nur bei gezielten Sprengungen sacken Gebäude so feinsäuberlich-ordentlich und beinahe senkrecht nach unten.

Auch das WTC 7, ein kleineres Nebengebäude und Sitz großer Finanzdienstleister, brannte stundenlang und sackte einer perfekten Sprengung gleich in sich zusammen. Die Verschwörungstheoretiker finden es seltsam, dass ein Brand alleine derartige Schäden angerichtet haben soll (Angeblich wurden in diesem Gebäude gezielt Beweise über Finanzspekulationen und illegale Aktivitäten vernichtet!). Seltsam auch der „Sprengknick“ in der Mitte des Gebäudes ((nur im Zeitraffer zu erkennen)), der für eine gezielte Zerstörung des Fundaments spricht.

Als weiterer Beweis dienen in der Reportage dann sog. „Knallfrösche“ : Blitze und herausfliegende Sprengstoffteile, die bei Gebäudesprengungen auftreten und zwar meist unmittelbar VOR dem Zusammensturz. Auch Blitze und heller Rauch, der z.B. von besonders heißem „Thermit-Sprengstoff“ stammen könnte, wurde auf den Fotos gezeigt…

So interessant und tlw. einleuchtend all diese „Beweise“ auch sein mögen, die Reportage hatte Mühe, all diese Vermutungen logisch zu verbinden und in ein ganzheitliches Konzept zu bringen. Was konnten z.B. die Motive sein? Die hohe Versicherungssumme für den WTC-Pächter, die sogar durch Gerichtigsstreitigkeiten von vier auf acht Milliarden Doller verdoppelt wurde? Die schlechte Miet-Rentabilität des Gebäudes, die einfache Tatsache, dass es keine Gewinne mehr abwarf? Die hohen Kosten für einer energetische und vor allem feuerfeste Sanierung? Das Vernichten von Beweisen und Akten, z.B. im Zusammenhang mit Finanzspekulationen?

Und warum konnte man dann mit Terroristen zusammenarbeiten? Hat man diese angeheuert? War der Präsident informiert um gleichzeitig einen Grund zu haben, in den Irak einzumarschieren und dort unsichtbare Massenvernichtungswaffen aufzuspüren? Dies wäre eine Verschwörung ungeheuren Ausmaßes, die die ganze Interpretation des 11. Septembers verändern würde.  „Diese Regierung kann keine Geheimnisse für sich behalten“ hörte man einen Mitarbeiter des weißen Hauses ironisch antworten, als man ihn zu Verschwörungstheorien befragte „so eine Sache wäre sofort aufgeflogen“, meint er.

Nutzen der Verschwörungstheorie

Überhaupt, darf man sich fragen, was Verschwörungstheorien für einen Nutzen haben, warum sie immer wieder entstehen und gerade im Anschluss an besonders schreckliche Katastrophen, die der Mensch nicht verstehen kann.

Man denke da z.B. an das berühmte Attentat auf Kennedy oder die Mondlandung.
(Wiki: Verschwörungstheorien)

Für die Opfer ist es ein Schlag ins Gesicht, sehr verletzend und in ihrer Trauer abwertend. Es ist nunmal was anderes, wenn man auf Terroristen und mutwillige Böswilligkeit sauer sein kann, oder auf einen verrückt gewordenen Immobilienhai oder gar die eigene Regierung! Vielleicht wollen die Opfer ja auch einfach nur diesen Fall abschließen.. das Ganze immer wieder aufzureißen ist dabei nur bedingt hilfreich.

Verschwörungstheorien stehen meiner Meinung nach aus dem besonders großen Unvermögen, eine Sache wirklich in jeder Dimension zu begreifen. Bei besonders tragischen Unglücken, ist es eine Möglichkeit unseres Verstandes (aber noch mehr der Gefühle) eine Zwischenlösung anzubieten oder sich auf etwas völlig anderes zu versteifen. Nicht zuletzt wird von Gegnern solcher Theorien behauptet, dass die Verschwörer absolut sicher seien, dass ihre Theorie die einzig richtige ist und alle andere unrecht haben. Das kann vielleicht auch als „Abwehrmechanismus“ auf große Angst oder große Wut verstanden werden. Menschen reagieren irreal bis schizophren, wenn sie in ihrem Weltbild so dermaßen erschüttert werden; im Schlechten ist das nicht nur ein Nährboden für (meist harmlose) Verschwörungstheorien, sondern auch für fanatistische Weltanschauungen (Fundamentalismus) oder eben eine Legitimation für einen Krieg, wie es dann in den USA auch passiert ist. Anstatt die Trauer still in sich rein zu fressen, wird sie in einer extremen Weise nach außen geschleudert und mittels des Rache- und Banditen-Motivs extrem übersteuert und in ihrer Wirkung vervielfacht. Erinnert sich noch jemand an die Cowboy-Rhetorik eines Präsidenten Bushs, der sich Fahndungsplakate zu Osama bin Laden ausdachte, mit dem uralten Wildwest-Motto „Wanted: Dead or Alive!“ ?

Hier wurden gezielt Emotionen angesprochen, die auf eine starke Resonanz eines in seiner Identität bedrohten Landes trafen. Bei den USA wurde es auf Grund des Selbstverständnisses und der eher positiv besetzten militärischen Tradtion viel besser aufgenommen, als es z.B. in Deutschland der Fall wäre.

Fazit und Ausblick

Die Frage bleibt bis heute: Hat sich die USA jemals richtig von den Anschlägen erholt? Waren die Mechanismen zur Angst- und Aggressionsbewältigung die richtigen? Konnte die Cowboy- und Rache-Rhetorik angemessene Lösungen hervorbringen?

Was ist mit der Aufarbeitung der Folter-Vorfälle, den Kriegsverbrechen im Irak und der juristischen Grenz-Legalität eines Guantanamo-Lagers?

Hat es der- hoch eingeschätzte- Nachfolger Obama geschafft, in der politischen Dimension einen wirklichen Wechsel zu erzielen? Hat man es geschafft, der aufgeheizten Stimmung in manch islamisch geprägten Ländern ein anders Außen- bzw. Feindbild zu präsentieren als den wild gewordenen, imperialistischen Cowboy aus dem Wilden Westen USA?

Ich denke bei vielen Fragen: nein, nur bedingt. Auch wenn das große Feindbild Osama bin Laden endlich gefasst, bzw. getötet wurde, so existieren die Kriege doch weiter, existiert der Terrorismus weiter und die diffuse Stimmungslage hat sich in vielen Ländern dern Welt kaum verändert. Auch die Ursachen für Gewalt und Terrorismus in vielen Ländern, wie z.B. Armut und schlechte wirtschaftliche Gesamtsituation konnten kaum verbessert werden.

Die Dinge anders zu bewältigen, Hass und Krieg mit Demokratie und Gelassenheit, mit Vergebung und Verzeihen zu beantworten, wäre eine wichtige Aufgabe gewesen und wird es für die Zukunft sein. Sie ist es heute noch, eine wahrhaft christliche noch dazu (auf die der Westen ja so stolz ist). Wenn man seine eigenen Ideale nicht verraten will, muss man mit anderen Methoden, mit nicht-extremistischen und nicht fanatischen Ideen und Lösungen antworten. Nur so kann eine Demokratie wirklich „geschützt“ werden. Waffen und Bomben werden dabei nur bedingt hilfreich sein.

Es ist die Einstellung, nicht das Arsenal an Waffen, die den Unterschied zum Terrorismus macht.