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Auf dem Boden der Tatsachen

Das Jahr dümpelt so vor sich hin. Es fängt genauso an, wie das letzte Jahr aufgehört hatte. Einsam, alleine, sitzen wir in unserem Atombunker. Kochen, essen, fernsehen. Langeweile.
Pläne für die Zukunft, die bis jetzt aber nur aus Gedanken bestehen. Kleine, krakelige Skizzen, die ich nicht wirklich ausmalen kann.

Noch nichtmal auf Shoppen hab ich richtig Lust. Keine „Kauffreude“, wie man so schön sagt. Die einzigen Highlights des Tages sind Essen und Spaziergänge.

Pläne für Reisen liegen auf Eis, ich habe noch nichtmal mehr Lust darüber nachzudenken. Dabei hatte ich soviel vor: Alle europäischen Hauptstädte wollte ich sehen, mal in die USA fliegen, mal etwas von Asien sehen.
Letztes Jahr hatte ich den Französisch-Kurs belegt, damit ich endlich mal wieder nach Paris komme. Und jetzt? Bin ich schon froh, wenn meine Autotouren länger als 20 km sind. Jeden Wanderweg kenne ich in-  und auswändig, in jedem Naturschutzgebiet bin ich schon dreimal gewesen.
Dieser Verlust an Kultur und Vielfalt ist besonders schwer zu ertragen.

Noch nichtmal mehr auf Instagram kann man sich in den schönen Traumbildern verlieren, weil keine neue mehr produziert werden.

Bali, Mallorca, New York oder Dubai: Das alles erscheint so weit weg, so irreal, das ich manchmal denke, vielleicht war es doch nur ein Traum?

Passend zur äußeren Krise werden im neuen Jahr meine Augen schlecht. Als ob ich nichts mehr sehen kann. Nichts mehr sehen möchte. Ich werde wie ein Maulwurf und ziehe mich unter die Erde zurück.
„Klopf .. Klopf .. “ nur noch die Geräusche der Regenwürmer und Käfer über mir, die ab und an auf meinen Teller plumpsen.

Ansonsten Stille. Regen. Schnee. Wind.

Corona hat die Menschheit in eine kollektive Depression geschickt. Alle leiden. Alle werden getroffen.
Heute habe ich etwas über die Zahl der Impfdosen gelesen, die benötigt werden, um alle Menschen zu impfen. Sie erschien mir unglaublich hoch.
Irgendwas mit 12 Milliarden Dosen oder so. Und welche Mengen hochwertigen Glases man braucht, um diese Dosen sicher von Ort zu Ort zu transportieren. 8000 Flugzeuge sind erforderlich und das mit der Kühlung ist besonders kompliziert. Man benötigt sogar Sensoren, um die Temperatur des Trockeneises zu überwachen, damit es nicht vorschnell in den gasförmigen Zustand übergeht…

Es wird eine Meisterleistung werden müssen, wenn die Menschheit ihr altes Leben zurück haben möchte.
Und vieles wird danach ganz anders sein als vorher. Wir werden über die Dinge neu nachdenken müssen. Luxus wird uns stärker erscheinen als vorher. Vielleicht werden wir auch wieder mit weniger zufrieden sein?

Erstaunlich, dass ich dennoch so gut drauf bin. Hin und wieder blitzt ein Geistesblitz auf. Die Erinnerungen an gemeinsame Aktivitäten jenseits der eigenen Wohnung verblassen zwar, aber sie sind noch da.

Ca. heute vor einem Jahr hatte ich das letzte große Instagram-Treffen mit meiner Mädels-Gruppe. Ich hatte es gerade erst gegründet.
Eigentlich sollte es „gemischt-geschlechtlich“ werden. Aber wie der Zufall so will, haben sich dann doch nur Frauen eingefunden, als eine Frau dazu aufgerufen hatte. Die Männer „hatten keine Zeit“ (und wollten anscheinend auch keine weibliche Führung). Soviel zur Gleichberechtigung. Ich wollte gerade darüber lachen, es wegwischen und dann weitermachen.

Es fing gerade an, mir soviel Spaß zu machen. Kontakte bildeten sich, neue Menschen kamen zusammen. Ich hatte großes vor. Es fühlte sich gut an, Menschen zusammen zu bringen.
Und nun liegt alles am Boden. Viele Restaurants werden wir nie wieder besuchen können. Viele Geschäfte nie wieder von innen sehen.

Viele Marken werden aus unserem Bewusstsein verschwinden. Vieles wird sterben, und vieles werden wir verlieren. Es gibt „kein Zurück“ mehr. Der große Knall des 21 Jahrhunderts ist da. Passend in den „20er Jahren“, ähnlich wie im vergangenen Jahrhundert, als die großen Krisen auch in den 20er Jahren kamen.

Unser Einkaufsverhalten wird sich auch langfristig ändern. Die Geschäfte werden nie wieder so einen großen Überfluss anhäufen, weil dann immer die Gefahr besteht, dass sie auf diesen Konsum-Bergen sitzen bleiben. Die Zukunft ist ein Stück weit „unberechenbar“ geworden. Dass es immer nur oben geht, ist eine Vorstellung aus dem letzten Jahrhundert. Dieses aber ist anders. Man wird wieder die Produktion „in das eigene Land“ holen. Die zu große Abhängigkeit von anderen ist Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können. Auch wenn man augenscheinlich „billiger produziert“ ist das kein Vorteil wenn „gar nichts mehr produziert wird“ oder im Zweifelfall diejenigen Länder Impfstoff oder Schutzmasken bekommen, die die besseren Fabriken haben und mehr Dollars auf den Tisch legen. Die Globalisierung wird sich zwangsläufig verändern. Derjenige, der am besten auf sich selbst aufpassen kann, wird am stärksten sein. Vielleicht gibt es auch eine „Re-Nationalisierung“. Wir werden nicht mehr den Luxus haben, auf Kinder und Jugendliche zu verzichten und unsere Gesellschaft für das Geld „altern zu lassen“. (Denn Kinder kosten ja Geld und eine reiche Gesellschaft verzichtet nur zu gerne auf dieses unangenehme Etwas). Wir werden wieder mehr auf unsere eigene Gesundheit achten müssen. Mehr gegen das Übergewicht tun. Mehr für unsere Lunge.

Wir werden die Mitmenschlichkeit stärker pflegen müssen. Wir werden noch mehr auf uns aufpassen müssen. Das Virus lehrt uns, dass wir nicht unbesiegbar oder gottgleich sind. Und das ist ein kleiner Lichtblick, ein kleiner Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft – bei all den schlechten Nachrichten.