Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

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Um Moral in einer besonderen Form ging es auch bei der gestrigen Reportage „Schwarz auf Weiß“ auf Arte.

Sie zeigte den als besonders wandlungsfähigen bekannten Schriftsteller Günter Wallraff in einer neuen Rolle und zwar geschminkt und „angemalt“ als dunkelhäutiger Mensch mit ausgedachter, somalischer Herkunft.

Zuerst kam mir der Film wie ein Witz vor und ich dachte, dass die Leute entweder die Maske sofort erkennen würden oder sich keine Diskriminierungen ergeben würden, da Deutschland ja als Land inzwischen so tolerant geworden ist, dass Rassismus wohl kein Problem mehr sein wird. Aber damit weit gefehlt! Allein schon die dialektische Ausgangslage zeigt, dass Wallraff ein wirklich gutes Gespür für authentische Dokumentationen und gewagte Fragestellungen mit sich bringt.

Mit diesem Film hat er mal wieder voll ins „Schwarze“ getroffen. Gezeigt wurden unterschiedliche Szenen und Begebenheiten in ganz Deutschland, die er nun mit seiner neuen Identität als Kwami Ogonno versucht zu meistern.

Man sieht Szenen in verschiedenen Städten und Bundesländern, in touristischen Erholungsbereichen, in Kneipen, im Zug, unter aggressiven Fans am Fußballstadion, auf Ämtern, in Vereinen, Schrebergärten, Campingplatz, auf kleineren Dorffesten, beim Arbeitgeber oder zusammen mit der Vermieterin.

Hier wäre die erste Kritik vorzubringen, denn es sind fast alles Situationen oder Menschen, bei denen man erwarten kann, dass die Reaktion auf einen Dunkelhäutigen negativ ist und/ oder lautstark vorgebracht wird. Einem anderen Mann in der Kneipe die gerade frisch kennengelernte Freundin auszuspannen oder sich unter „reinrassige“ weiße, angetrunkene Fußballfans zu mischen, kann auf jeden Fall nicht als diplomatisch oder gar taktisch klug angesehen werden. Ein echter Schwarzer würde wahrscheinlich freiwillig gar nicht in solche Situationen begeben. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass das Gleichbehandlungsgebot/ und Gesetz für alle Situationen in Deutschland gelten muss und daher auch auf alle gesellschaftliche Situationen angewendet werden darf, auch auf die kritischen, bei denen eine hohe Diskriminierung zu erwarten ist.

In seinem Alter Ego gibt sich der Autor meistens schüchtern, etwas ängstlich oder zurückhaltend und provoziert damit indirekt auch dominante und ablehnungsreiche Reaktionen. Das forsche oder gar aggressive Auftreten ist nicht seins, meistens möchte man ihn in den Arm nehmen und fest drücken und könnte dabei erwarten, dass die Menschen in seinem Umfeld auch mit Mitgefühl oder ähnlichen „zarten“ Gefühlen reagieren.

Es ist aber eher umgekehrt. Bei seiner Reise durch Deutschland beginnt er in einem Ausflugsboot in einem ostdeutschen Erholungsgebiet für ältere Menschen und setzt sich frech dazu.

Die Ablehnungen sind tlw. offen und direkt, wenn ein älterer Herr z.B. scherzend zu ihm sagt, dass er bei ihm zwei Bier bestellen möchte und danach anfängt, zu grinsen. Man bemerkt aber auch die unbewusste Angst vor dem Fremden, wenn man nicht zu ihm auf die Bank aufrücken möchte und stattdessen eine große Lücke frei hält.

Immer wieder fällt mir auch auf, dass der fast 70jährige Wallraff, der durch die gut gemachte Maske nur unwesentlich jünger aussieht, ständig geduzt und abfällig behandelt wird. Wo man einen älteren Menschen von Anfang an duzt, kann sich gar kein Verhältnis entwickeln, dass auf Achtung und Respekt aufbaut, sondern die erste humane Schranke der Distanz wird gleich durchbrochen. Was danach kommt, ist dann meistens erwartungsgemäß.

Überhaupt verlaufen die weiteren Beispiele alle so negativ, dass sich beim Zuschauer ein zunehmend drückendes und unangenehmes Gefühl im Magen breit macht und sich jedes Mal fragt, wie so etwas kommen kann. Die große Kluft, zwischem dem was politisch gewollt ist und wie die Menschen im Einzelnen auf das „Fremde“ reagieren, zeigt dieser Film vorbildlich.

Der fremde Mann wird ohne Grund und am laufenden Band diskriminiert. Auch wenn der Autor selbst im Anschluss an den Film sagt, dass es auch positive Reaktionen gab (z.B. beim Arbeitgeber), so überwiegen doch die negativen Reaktionen. Vor allem die Deutlichkeit und Schärfe der Ablehnung ist das, was mich am meisten erschrocken hat. Eine Diskriminierung hinter dem Rücken ist zwar genauso verwerflich (z.B. bei der Vermieterin), aber sie würde wenigstens noch von einem eigenen Schuldbewusstsein ausgehen und sich vielleicht noch ansatzweise für ihr Verhalten schämen. In den meisten Fällen überwiegt aber die offene Ablehnung. Es wird zudem sehr deutlich, wie versucht wird, dem Schwarzen Steine in den Weg zu rollen, damit er das eigene Territorium nicht verletzt und der eigene „Club“ (oder die soziale Gruppe, egal in welchem Bereich) vor dem Fremden geschützt wird.

Beim Hundezüchter-Polizeiverein gibt sich Wallraff als von Skinheads bedrohter Schwarzer aus und möchte einen Schäferhund ausbilden lassen. Der Clubchef reagiert sehr negativ und lügt in Bezug auf die Mitgliedsbeiträge und die Aufnahmegebühr (300 und 350 Euro). Außerdem versucht er ihn herauszuzögern und abzuwiegeln. Als Minuten später eine weiße Frau mit einem ähnlichen Problem in den Club kommt, ist der Chef sehr freundlich und herzlich, kümmert sich gleich um den Hund und verkündet, dass die Beiträge bei 60 und 65 Euro liegen.

Ähnliches bei der Wohnungsbesichtigung: Die Vermietern versucht ihn zu verzögern und abzuwiegeln. Als hinterher neue Mieter zur Besichtigung kommen, beichtet sie ihnen all ihre Ressentiments und anhand der teilweise kurios anmutenden Argumentation merkt der Zuschauer, wie irrational ihre Ängste sind. „Der passt hier einfach nicht rein“ ist ihr stärkstes Argument.

Deutlicher sind da die Fußballfans, die ihn in stark aggressiver Weise ablehnen, veräppeln und ihn verbal/ körperlich auf Distanz halten. Es ist dem schwarzen Wallraff nicht möglich, das korrekte Fußballergebnis zu erfragen. Stattdessen bietet man ihm eine Mitfahrgelegenheit in dem Gepäckfach eines Busses an. Als er die Polizei auf dieses Verhalten anspricht, wiegelt diese nur ab und meint, nichts bemerkt zu haben.

In einer positiven Szene stellt sich allerdings eine junge Polizistin vor ihn und verhindert einen direkten, körperlichen Übergriff auf den Undercover-Journalisten.

Jede Gesellschaft lässt sich daran messen, wie sie auf das Fremde reagiert“ stellt der Autor am Anfang der Reportage fest und ich wünschte, er wäre noch mehr darauf eingegangen, was diese Frage und vor allem ihre Beantwortung eigentlich bedeutet.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sie in dieser Form auf das Fremde reagiert? Ist sie verängstigt? Warum? Woher kommen die Ängste? Hinweise gab es nur selten. So z.B. in der Rentnergruppe beim Wandern, die sehr ablehnend auf den schwarzen Mann reagiert, der sich da plötzlich unter sie mischt und freundlich nach den nächsten Brombeerbüschen fragt. Ein Mann tuschelt zu seiner Frau, dass er gestern „XY“ gesehen hätte und daher nun gewarnt sei. „Alleine wäre er ja nicht gefährlich“, aber weiß, ob er nicht noch „ein paar Freunde“ mitgebracht hätte? Diese Szenen wirken so plakativ und wie aus einer schlechten Satire, aber sie sind das Abbild der Wahrheit und zeigen dem im Grunde einfachen Mechanismus der Angst-Entstehung.

In der anschließenden Diskussion auf Arte ist man sich einig: Die Erziehung ist schuld, aber die Erziehung ist zugleich das Mittel zur positiven Veränderung. Man muss am besten im Kindergarten anfangen, vielleicht über eine Kindergartenpflicht resümiert der Filmemacher nachdenklich. Am besten die Ängste schon ganz früh abbauen, dann können sie sich im Alter nicht verfestigen.

Der andere Prominente, ein dunkelhäutiger prominenter Sportler, trägt auch noch interessante Argumente zur Diskussion bei. So entsteht z.B. die Angst oder die Wahrnehmung über die Hautfarbe erst ab einem gewissen Alter. Kleine Kinder unterscheiden es gar nicht und denken nicht darüber nach. Die Ängst und die Vorurteile bilden sich erst, wenn sich das Bewusstsein und die Erfahrung über das Leben weiter bildet. Und, wie sich oft heraustellt, sind das meiste reine Vorurteile.

„Außerdem gibt es keine schwarze und weiße Hautfarbe“ ist ein interessanter Schluss über die Entstehung des Rassismus. Schauen sie mich an, scheint er zu sagen, ich bin ja nicht ganz schwarz, genausowenig wie die Weißen „Weiß“ sind, sondern eher rosa!

Ja, der Mensch macht es sich wirklich zu einfach. Er sieht Farben, wo es keine gibt, er behandelt einen Weißen wie einen Schwarzen, nur weil der angemalt ist und dieser wiederum bekommt Alpträume und träumt in der Seele eines Schwarzen.

Ein Glück für Günter Wallraff, den geplagten Enthüllungsjournalisten, nach einem Jahr war der Spuk vorbei und die Maskerade durfte wieder runter.

Das Problem aber, ist geblieben.

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