Mund und Geldbeutel bitte weit öffnen

Die Sorgen können sie aber getrost bei sich behalten…

In meinem letzten Artikel über Gesundheitspolitik habe ich noch sehr einseitig über die Verantwortung der Patienten für ihre Gesundheit geschrieben, was zugegeben, wahrscheinlich nicht so populär und etwas untypisch für meine sonstige Denkweise ist. Mir geht es beim Bloggen aber immer darum, alle Seiten zu sehen und nicht nur einseitig zu argumentieren oder zu denken.

Gestern, beim Zahnarztbesuch wurde mir wieder klar, wie wichtig auch die Seite des Patienten ist, der neben Pflichten auch bestimmte Rechte hat (weil er ja der Beitragszahler und somit der finanzielle Haupt-Tragende des Gesundheitssystems ist). Wenn wir auf eine Gesundheitspolitik zusteuern, in der die Beiträge komplett vom Arbeitgeber abgeschnitten werden oder zumindest nur noch auf Patienten-Ebene einseitig wachsen, ist es umso wichtiger, genau hin zu schauen und Veränderungen im System nicht einfach stillschweigend und mit einem achselzuckenden „da kann man doch nix machen“ abzusegnen. Man kann nämlich, wenn man will!

Ich denke, es ist auch ganz wichtig, dass man als Patientin selbst den Mund aufmacht und die ohnehin schon angst einflößenden Maßnahmen beim Arzt nicht einfach so hinnimmt und drei Kreuze macht, wenn man wieder raus ist. Es kann sogar einen Teil der Angst lindern, wenn man für andere Patienten im Wartezimmer mitdenkt, wenn man den Mund aufmacht, Fragen stellt oder dem Arzt bzw. Praxisteam vielleicht freundlich (!) formulierte Hinweise oder Kritik gibt. An einem anonymen System kann man tatsächlich meist nicht viel ändern, man kann aber die konkrete Situation ändern, man kann Ärzte, Patienten und Menschen im Allgemeinen durch das Mittel der offenen Kommunikation zum Nachdenken und Mitdenken bewegen. Ich merke immer, wie schwer es mir fällt und im Wartezimmer schweigen sich doch meistens alle an. Da ich noch recht jung bin, warte ich oft darauf, dass mich ältere Personen ansprechen, was aber selten passiert. Viel einfacher ist es doch, direkt auf andere zuzugehen, wenn man sich mal einen Ruck gegeben hat und es auch ein wenig übt (aber das nur am Rande ist im Grunde eine andere Problematik).

Ich bin in den letzten Jahren zwar wenig beim Arzt gewesen, aber eine Tendenz lässt sich seit der Wiederaufnahme 2010 auf jeden Fall beobachten: Der Patient (respektive die Patientin) wird mit Hochdruck durch das System durchgeschleust. Teilweise mit hoher Effizienz, was gerade im Wartezimmer angenehm ist, sprich- wenn man nicht so lange warten muss. Unangenehmer ist das aber, wenn es auch in der Behandlung derart „effektiv“ zugeht, wobei man dann auf Grund der Hektik und des Zeitdrucks eher von Un-Effizienz sprechen muss. Ärzte sollten von sich aus Zeit nehmen, den Patienten nach seiner Vorgeschichte befragen, menschliche Faktoren, Beschwerden abklären und wenigstens einen Teil direkten Augenkontakt suchen. Dieses Arzt-Patient Gespräch halte ich für sehr wichtig, es baut Ängste ab und sorgt ganz nebenbei für eine bessere und gezielte Diagnose. Leider ist in unserem schulmedizinisch geprägten System der menschliche Faktor anscheinend immer das unwichtigste von allen und der Austausch „defekter Teile“ scheint mehr denn je das einzige Ziel zu sein. Der Mensch wird seiner persönlichen Ganzheit und auch ein Teil seiner Würde beraubt, wenn man ihn nur als Kostenfaktor, als durchlaufenden Posten und Objekt der medizinischen Mechanik sieht.

So kommen im System viele Faktoren zusammen, die dringend einer Reform bzw. Kurs-Korrektur bedürfen: Die Kosten und Ausgaben steigen auf der einen Seite, die Arbeitgeber werden von ihrer Verantwortung regelrecht abgekoppelt (denn alles hetzt ja nach dem Profit, in Form der niedrigen Lohnkosten), die anstehende Kopfpauschale ist sozial ungerecht (weil sie nicht mehr vom Einkommen abhängt, sondern eben pauschal ist). Auf der Patienten-Seite hat man überfüllte Praxen und wenig individuelle Zeit für den menschlichen Fall der „Krankheit“, die Praxis-Gebühr (ebenfalls sozial ungerecht) und last but not least: Eine Zweiklassen-Medizin, die Besserverdienende drastisch bevorzugt.

Zweiklassen-Medizin wäre an sich nicht so schlimm, wenn es nur um bestimmte Zusatzleistungen oder wenig Wartezeit im Zimmer gehen würde. Gestern beim Zahnarzt fühlte ich mich aber mehr wie in einer Schönheitsklinik, nachdem ich über die Kosten über anstehende Behandlungen aufgeklärt wurde. Eine professionelle Zahnreinigung, wichtig für die Zahnsteinprophylaxe und ästhetisch ansprechend… dauert nur 45 Minuten wird aber leider nicht mehr von der Kasse bezahlt. Füllungen? Als Kassen-Patient bekommen sie nur noch die hässlichen silbernen Amalgam-Teile, Kunststoff, Porzellan geht alles extra.

Die Summe der Kosten alleine für meinen Mundraum überschreitet den monatlichen Hartz-IV Satz eines einzelnen Menschen doch deutlich. Wie sollen Arbeitslose sich schöne Füllungen leisten können?

Wie soll der Otto-Normalverdiener, abzüglich der sonstigen Kosten, die ebenfalls immer steigen (Lebensmittel, Energie, ..) noch beständig Geld auf der Seite zu haben um sich den Luxus Zahngesundheit auf die Dauer leisten zu können?

Und wie passt es zusammen, dass z.B. das Benutzen von Zahnseide als besonders förderlich angesehen wird  und z.B. Zahnfleischentzündungen vorbeugen kann- in bestimmten Statistiken aber steht, dass sie nur 5% der Deutschen regelmäßig benutzen?

In den Internet-Texten steht, dass der Zahnarzt am besten den Gebrauch der Seide erklären soll…. wenn dieser aber vom System gehetzt wird, hat er kaum noch Zeit für ausführliche Prophylaxe-Gespräche, denn diese bringen ja sichtbar nicht viel (aber indirekt umso mehr!).

Am Beispiel Zahnmedizin kann man deutlicher als je sehen, wohin unsere aktuelle Gesundheitspolitik hinsteuert und dass es kein Zustand ist, den man einfach so stillschweigend akzeptieren sollte. Wenn wir hier (als Wähler, Bürger und Patienten!) Fehlentwicklungen nicht stoppen oder ändern können, wird es früher oder später auch andere Bereiche der Medizin treffen.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Und des Geldbeutels.