1

Traurig

Das volle Gefühlsprogramm hat mich erwischt. Ich hoffe auf Verständnis, aber es kommt Egoismus.
Die Menschen tun sich schwer mit Traurigkeit und mit dem Umgang von Depressiven, Andersartigen, Fremden.

Wir haben nicht mehr gelernt aufeinander zu zu gehen. Wir können nicht mehr „fühlen“, wir können nur noch denken und argumentieren.
Wir gucken, was die anderen auf Facebook oder im Status-Bild posten. Aber wir reden nicht mehr miteinander. Dadurch entfremden wir uns ständig voneinander.
Wir erwarten immer häufiger, dass der andere den ersten Schritt macht. Wir sind Egoisten geworden.
In all unserem Schmerz und dem Bedürfnis nach Liebe schotten wir uns immer weiter ab und erhalten das, was wir brauchen, immer weniger.

Wer wundert sich noch, dass Suizide begangen werden?
In einer Welt der Ellenbogen und Einsamkeit.

Sie sind nicht die Ursache, sie sind eher die Folge von einem Klima der Angst, des Hasses und der Unfreundlichkeit.
Wir Menschen wollen eigentlich nicht so sein.
Aber die Umstände zwingen uns dazu.

Und ich? Was soll ich machen? Ich kann nur schreiben, schreiben, schreiben und alles nach außen tragen, bevor die Gefühle mich von innen zerreißen.




Headlines

An dem Tag zitterten und bebten die Medien förmlich. Alle waren gleich geschaltet. Ob kleiner Nischen-Radiosender oder große Tageszeitung, ob Online-Autritt, App oder Printausgabe. Überall konnte man die gleichen Schlagzeilen und Erkenntnisse lesen.
Es war unmöglich, den tragischen Ereignissen irgendwie zu entkommen. Morgens beim Zähneputzen, nach der Dusche mit dem Radio, beim Autofahren, beim Kaffeetrinken in der Zeitung, beim abendlichen Abschalten am PC, geweckt mit dem Smartphone und der neusten Headline. Schöne neue Welt, der ständigen Erreichbarkeit und der fast gleichzeitigen Vernetzung.

Solidarität und Anteilnahme soll um jeden Preis gezeigt werden. Tlw. mit sehr seltsamen Auswirkungen: TV Total wird an dem Abend nicht gezeigt. Ein Gewinnspiel im Radio wird kurzerhand abgesagt. Was es mit dem Unglück zu tun hat, ist mir noch nicht ganz klar. In der „Echo-Preisverleihung“ überlegt man sich einen kleinen Auftakt und studiert ein Drama ein, eine Schweigeminute ganz am Anfang. Alle sind für 30 Sekunden still. Dann, langsam, aber nicht langsam genug wird der Bogen wieder zur Entertainment-Show zurück gespannt. Die restlichen drei Stunden Übertragung sind genug, um den anfänglichen Schmerz und die aufkommenden, vielleicht echten, Gefühle schnell zu ertränken.

Die Fahnen wehen im ganzen Land auf Halbmast.

Die Schlagzeile und das Grauen sind überall. Sondersendungen werden eingerichtet. Experten werden aus jeder Nische gezerrt, damit sie für einen Tag im Jahr ihren Gala-Auftritt bekommen. Nicht, weil sie wichtig sind und geschätzt werden. Sondern weil die Medien-Maschinerie es so vorgibt. In Twitter logg‘ ich mich schon gar nicht mehr ein, es wäre zuviel. Auch in den klassischen Medien gibt es Erdbeben und News-Wellen, diese sind schon heftig genug und machen vor nichts halt.

Der anfänglich aufgelegte Presse-Kodex hält nicht lange stand. Zuerst will man nichts über die Hintergründe oder gar Erkrankungen des Betroffenen sagen, denn es herrscht ja Schweigepflicht und Diskretion. Zuerst will man den Namen und das Gesicht des Piloten nicht veröffentlichen, aus Rücksichtnahme. Nicht lange hält dieser Damm den Wassermassen der Presse-Ozeane und deren Recht auf „Erkenntnis und Erregung“ stand.

Es wird alles weggespült. Alle Tabus fallen. Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf ihre Meinung. Der kleine Mann auf der Straße soll sich sein Urteil bilden. Nicht die Technik, nicht das Flugmodell, nicht die Airline, nicht die Kontrollen, nicht das System ist schuld. Der einzelne war´s. Wir haben das Bauernopfer. Hängt ihn höher! Auch wenn er schon tot ist. Über Tote soll man nicht schlecht reden? Diese Regeln kommt wohl aus dem 19. Jahrhundert. In unserem Jahrhundert aber zählt das alles nicht mehr. Die Welt ist schnell geworden, komplex, erbarmungslos schnell, erbarmungslos grausam-genau für alle, die nicht mithalten können.

Das schnelle Urteil hilft dem System, Schaden von ihm abzuwenden. Die Medien arbeiten für die Mächtigen. Die Meinung ist schnell gelenkt. Wir können uns entspannt zurücklehnen. Denn es ist so gewollt. In drei Tagen, vielleicht schon in zwei werden wir über andere Dinge reden. Über die PKW-Maut, über Griechenland, über die Flüchtlinge, die Demografie.

Und dann, werden wir wieder entspannt in den Urlaub fliegen und auf dem Smartphone die neuste Headline lesen…




So still

Passender Song…

So still … und Lyrics

So laut, die Stunden nach dem Aufschlag als es galt,
das alles, zu erfassen und verstehen und es war,
so laut, das alles was wir dachten nichts als Leere zu uns brachte
so laut und so verloren war es hier,
als Stille bei uns wohnte anstatt Dir.




Ein Nachruf

auf Michael Jackson

Während ich auf meinen Besuch warte, läuft im Hintergrund „They don´t care about us“ – ein Song des kürzlich verstorbenen Michael Jacksons. Ich wünsche mein aufrichtiges Beileid. Diese Gedanken dienen dazu, die Trauer zu verarbeiten, die sich um den ganzen Globus gespannt hat und auf seltsame Weise alle Seelen berührt. Auch meine.

Aus Angst vor gierigen Plattenbossen, der GEMA und ihren Schergen (Anwälten) versage ich mir das Veröffentlichen seiner Lieder im Blog. Im Radio haben sie heute gesagt, dass erwartet wird, dass seine Platten sich nun wesentlich besser verkaufen werden als noch zu Lebzeiten, dass es einen regelrechten Run auf die Musik geben wird. Aasgeier, denke ich mir. Als ob sie nichts besseres zu tun haben, als schon wieder an die Vermarktung und das Geld zu denken. Aber auch das ist Teil unserer heutigen, kranken Welt.

Was aber zeichnete Michael Jackson wirklich aus, welche Bedeutung hatte er für die Menschen und welche für mich?

Was können wir von ihm lernen und was hat seine Musik bewirkt? Zweifelt noch jemand daran, dass seine Musik nicht etwas bewirkt haben könnte? Dass die politischen Botschaften nicht gehört worden sind? Dass nicht tausende, wenn nicht Millionen Geld für ihn ausgegeben haben und seinen Reichtum ermöglicht haben? Seine Musik hat ihm Reichtum und Ruhm gebracht, das ist das eine.

Wenn ich an MJ denke, dann muss ich aber auch an eine empfindliche Künstler-Seele denken und heute morgen bereitete ich folgenden Satz vor, den ich dann noch nicht twitterte:

Lernt die Künstler zu Lebzeiten zu schätzen und nehmt auf ihre empfindlichen Seelen Rücksicht, dann bekommen sie auch keinen Herzinfarkt vor Traurigkeit und Nichtbeachtung.

Der Künstler MJ wirkte auf mich immer authentisch, nie geldgeil. Er wirkte auf mich wie ein trauriger Anti-Held, Angehöriger einer damals noch stark unterdrückten schwarzen Minderheit und gezeichnet von schlechten Beratern und geldgierigen Ärzten (anders kann man seine vielen OP´s nicht erklären). Ja, er war vielleicht ein Hypochonder, er war sicherlich sehr empfindlich und er war auf jeden Fall ein toller Sänger und Tänzer.

Seine Lieder hatten oft eine moralische oder politische Botschaft, was heutzutage eher eine Ausnahme ist, in unserer konsum-verwöhnten, gleichgültigen Welt.

MJ war auch der erste Popstar, den ich überhaupt kennenlernte. Mein damaliger, bester Freund und sein Bruder hatten Platten von ihm. Ich hatte damals keinen Plattenspieler und schon gar keine eigenen Platten. Da muss ich vielleicht 10 oder 11 gewesen sein, es war die Zeit der Platten und Audiokassetten, noch weit vor der CD-und MP3-Zeit.

Ich fand diesen Kult um den amerikanischen Popstar etwas seltsam und befremdlich. Mir war klar, dass dies der Beginn einer neuen Epoche werden würde. Ich mochte die Musik, sie war ein Teil meiner Jugend, aber ich riss mich nicht darum.

Ich hörte die Musik meistens bei meinem Freund oder im Radio und ich gewöhnte mich an sie, begann sie zu lieben.

MJ war allgegenwärtig, vor allem in der Schule hatte er viele Fans, vor allem weibliche. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mit seiner etwas affektierten Art zu tanzen nicht immer viel anfangen konnte und es gerade in jungen Jahren etwas befremdlich fand. Ja, ich ahmte manchmal auch seine Geräusche und Bewegungen nach, was bei uns ein kleines Hobby geworden war und immer für ein Lachen und Schmunzeln sorgte.

Dann war lange Zeit Ruhe um den Star. Ich verfolgte es nicht weiter und las auch nie die Bravo (nur in Ausnahmen und meistens bei meinem damaligen, besten Freund..).

Heute weiß ich, dass es gute Musik ist und die Bezeichnung „King of Pop“ nicht übertrieben ist. Ich habe zwar keine CD und auch keine Mp3 von MJ, aber ich weiß, dass es gut ist. Und so höre ich ihn ab heute rauf und runter und wer weiß, vielleicht kauf ich mir auch endlich mal eine CD von ihm, nicht dass die armen Plattenbosse noch leer ausgehen und eines Tages, einsam, unbeachtet und mit leeren Händern auf der Straße landen. So wie ihre Künstler, die sie einst ausbeuteten.