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Hand in Hand, bis der eine verschwand

Gestern kam in der ARD eine recht interessante Reportage über das „Duell“ zwischen Schröder und Lafontaine, aus der Zeit, als die beiden noch mehr Bedeutung hatten. Das war so um 1996 bis ca. 2005, also genau die Zeit, in der ich mich auch anfing, für Politik zu interessieren und auch erstmals wählen konnte.

Ich weiß noch, wie Schröder mich damals beeindruckt hatte, mit seiner kumpelhaften Art, mit seinem Macho-Getue und dem charmanten, einnehmenden, selbstsicheren Dauerlächeln. Ein bisschen wie Guttenberg heute. Und ähnlich beliebt, für einfache Leute und auch für nicht ganz so einfache, schwer zu durchschauen.

Die Grünen waren damals noch etwas weltfremder und intellektueller als heute, aber Schröder, das war irgendwie der „Sefmade-Aufstreb-Politman“ dieser Zeit. Dass ein paar Jahre später, mit genau dieser Führungsperson, die sozial ungerechtesten Reformen seit langem durchgeführt wurden (Agenda 2010 ) und die SPD an diesem neoliberalen Rechtsruck bis heute nicht genesen konnte, vergisst man dabei zu leicht.

Die Reportage nun beleuchtet diese Zeit recht anschaulich und ich merke dabei, wie sich auch meine Einstellung der Politik gegenüber gewandelt hat. Plötzlich, und das mag nicht nur am kritischen, medial-anklagenden Ton liegen, der für solche Dokumentationen typisch ist, sehe ich das ganze in einem anderen Licht. Schröder konnte zwar gut lächeln und war medientauglich, aber was er im Einzelnen für Schaden angerichtet hat, wird erst heute so richtig deutlich.

Neu ist mir auch diese Perspektive:
Lafontaine, der große Linke mit den tollen Visionen, der sich gegen einen „Wirtschaftskanzler“ mit neoliberalen Berater im Kanzleramt nicht mehr recht durchsetzen konnte? Der in seiner Rolle als Finanzminister bitterlich „versagte“ und keinen rechten Spaß darin fand. Der seinen Gestaltungsspielraum an einen großen Kumpel-Bruder abgegeben und sich kurze Zeit später nicht mehr dagegen wehren konnte.

Ich hab nicht oft Mitleid mit Politikern, aber dieses „Duell“ zeigte mal wieder einen neuen Aspekt am Machtkampf und auch, warum viele Menschen Politiker nicht mögen und oft als „schmutzig“ oder unehrlich empfinden.

Und ich frage mich, wie dieses Duell der zwei Konkurrenten ausgesehen hätte, wenn es Frauen gewesen wären. Hätte man sich gegenseitig zum Kaffee eingeladen und die Dinge miteinander besprochen? Wie zwei gute Freundinnen sich um den Hals gelegen, schluchzend die Tränen aus dem Auge gewischt und es „beim nächsten Mal alles besser gemacht, versprochen“?

Hätte man der einen den Vorzug gegeben und die andere hätte sich höflich im Hintergrund gehalten und auf eine starke weiblich, verbindende Teamarbeit gehofft? Fast so wie Mutter und Tochter oder zwei Schwestern oder die besten Freundinnen, die immer zusammen aufs Klo gehen, aber den gleichen Mann lieben und am Ende doch als Hausfrau enden?

Kann man sich das vorstellen, eine Sendung, die von „Duellen“ handelt, aber zwei Frauen zeigt? Ist Duell nicht an sich schon ein seltsam mittelalterlicher, patriarchalisch antiquierter Begriff und passt er noch in die heutige Welt?

Nein – dazu passt die Feststellung, dass Frauen im Berufsleben tlw. noch stärker miteinander konkurrieren als Männer und neben der Konkurrentin auch noch mit dem eigenen Ansehen und der insgesamt schlechteren gesellschaftlichen Akzeptanz von Frauen in Führungspersonen kämpfen müssen. Ein Duell würde es zwischen Frauen wahrscheinlich genauso geben. Und im Grunde spielt das Geschlecht auch keine Rolle, wenn es um Machtpolitik geht.

Am Anfang war es zwischen Schröder und Lafontaine sogar recht harmonisch, kumpelhaft führten sie beide die SPD zum Sieg- aber der Machthunger des einen und der Bedeutungsverlust des anderen führte zum Streit. Eine fast biblische Geschichte von Vertrauen und Vertrauensbruch, die man jeden Tag tausendfach in irgendeiner Form wiederfindet. „Ich helfe dir und zusammen werden wir stark- und wenn ich das erreicht habe, was ich wollte, dann lasse ich dich fallen!“

Lafontaine schließlich, der als Verlierer aus diesem Machtspiel hervorging und sich von Schröder täuschen ließ, schmiss alle Posten beleidigt hin und ein paar Jahre später auch seine SPD-Mitgliedschaft.

Insgesamt lebt er eine höchst anschauliche Biografie und ist irgendwo auch ein Musterbeispiel für die Höhen und Tiefen der Politik in unserer Zeit.

Sehr interessant fand ich z.B. auch, wie man ihm mit dem Rücktritt ein menschlich schlechtes Verhalten vorgehalten hat, aber die Position Schröders, des Patriarchen, wurde nie kritisiert oder hinterfragt. Aber man vergisst allzu leicht, dass es Lafontaine im Guten versucht hat (nämlich mit Teamarbeit) und vom Machtpolitiker an die Wand gedrängt wurde. Dieser eilte gleich danach zum russischen Energieriesen. Es konnte gar nicht schnell genug gehen.