Wozu hat der Mensch Geburtstag?

Über Lebensplanung und die Bedeutung von Kindern und Kindheit

Meine Schwester hat vor einiger Zeit ein Kind bekommen. Die Aufregung in der Familie war groß, weil es unser erster Nachwuchs ist, der aus meinem Zweig entstammt und auch die Cousinen und Cousins noch nicht so weit sind. Dies ist eine schöne Neuigkeit und wir alle haben uns über dieses kleine Bündel gefreut. Kinder vereinen schon als kleine Wesen all die positiven Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: Sie sind freundlich, aufmerksam, lächeln meistens, sie haben aber auch Gefühle, Schmerzen, Hunger und wollen Leid vermeiden. Da ich im Moment- wegen eines Besuches- die gute Gelegenheit habe, das Kind im Nahen zu sehen, denke ich vermehrt über das Wesen der Kinder und der menschlichen Natur nach. Ein Kind ist das beste Anschauungsbeispiel und vermittelt viel mehr über den Menschen als alle Bücher es zusammen können. Wenn man ein Kind sieht und lieb haben will, muss man mit dem Herzen sehen und nicht mit dem Kopf. Man muss sich auf die Miniaturschwingung einstellen, die von dem Kind kommt, den kindlichen Geruch, das Kleine, Zarte, Zerbrechliche. Wenn man sich so manchen Boxkämpfer im Fernsehen ansieht, mag man nicht denken, dass der auch mal so klein angefangen hat.

Kindheit = Lernzeit

Unweigerlich wird man zudem daran erinnert, wie es einem selbst in diesem Alter ging, was man wohl gedacht hat, was man gefühlt hat, wie man die Welt sehen konnte. Was war einem wichtig, was konnte man entziffern?

Kleine Kinder können noch nicht sehr viel. Sie können nicht reden, sondern nur Laute von sich geben, die das geschulte Mutter-Gehör dann entziffern muss (meistens ist das nicht sehr schwer, denn ein lautes aaauuurrghh ist von einem zufriedenen hmmm eindeutig zu unterscheiden). Die Bewegungsfreiheit ist noch gering, ein Kind muss getragen und gehoben werden. Legt man es auf eine Decke, rudert es bäuchlings mit den Armen und kommt wie eine umgedrehte Schildkröte nicht sonderlich weit vom Fleck. Alles wird ausprobiert und in den Mund genommen. Kein Spielzeug ist vor dem Tastsinn Nummer eins, dem Mund, noch sicher und die besorgten „Erziehungsberechtigten“ müssen immer aufpassen, dass nichts Schlechtes in den Mund genommen wird oder gar Kleinteile in der Umgebung herumliegen. Auffällig ist aber, dass große Gegenstände immer nur probiert werden und man sehen kann, wie die Zunge zum Tasten benutzt wird. Dass ein Kind den Gegenstand dumm und einfältig komplett herunter schluckt, liest man meistens auf den Verpackungen, aber kann man- zum Glück- selten beobachten.

Ein bisschen Sorge bleibt immer. Kinder haben sehr viel Hunger und gerade am Anfang kommen die Eltern nicht zum Schlafen. Selbst in der Nacht muss gestillt werden. Dank neuer politischer Entscheidungen kann sich der Ehemann auch Zeit fürs Kind nehmen und bekommt die einmalige Gelegenheit, seine stolze Männlichkeit mit einer Prise mütterlichen Weiblichkeit zu mischen, ohne dafür ausgelacht zu werden oder gar auf Einkommen zu verzichten. Mit der Elternzeit (bzw. dem Elterngeld) wurde ein richtiges Signal gesetzt, wie die Realität eindeutig beweist.

Konstanten im Wandel

Aber zurück zum eigentlichen Thema, dem Geburtstag. Ich erinnere mich also daran, wie ich klein war und immer größer wurde. Der Geburtstag war stets Mittelpunkt meines Lebens, hier bekam ich die schönsten Geschenke, hier kümmerte man sich um mich und allerlei leckeres Süßzeug und selbst gemachte Kuchen wurden verspeist. In der Schulzeit hatte ich viele Freunde zu Besuch, es wurde gelacht und Spaß gemacht. Geburtstag war einfach die verlässliche Variable für einen Tag garantiertes Zufrieden sein, insofern eher eine Konstante.

Diese Konstante hat sich im Laufe meines Lebens geändert. Heute bin ich 31 geworden, der Geburtstag ist nicht mehr so wichtig wie früher, vielmehr habe ich jetzt die Gelegenheit, mich um die Geburtstage und Kindheit von anderen zu kümmern. Mit 31 ist man nicht mehr so süß und beachtenswert wie mit 2 oder 3 Jahren. Jetzt ist man erwachsen. Als Frau wird von einem erwartet, dass man nährt und schützt und Liebe gibt, sich um andere kümmert. Allein daraus ergibt sich kurioserweise eine Einbahnstraße, denn die Frau als Mutter soll Liebe geben – aber umgekehrt ist man oft nicht bereit, ihr adäquate Liebe anzugedeihen oder sie einfach als Menschen zu sehen, der ebenfalls Liebe braucht. So entsteht dann die bekannte Situation, dass Frauen sich aufreiben, aber immer mehr ausbrennen und nie Lob oder Bestätigung erhalten (ein Problem, dass sich eindeutig aus der Rolle und dem damit verbundenen Dogma ergibt).

Alternativen zum Kinderkriegen

Wenn man diesem biologischen Auftrag des „Kinder kriegen“ nicht nachgehen kann, bleibt nicht viel, vielleicht die Karriere oder das Hobby. Aber auf jeden Fall eine Leere, die sich aus dem Abweichen der Biologie ergibt. Wenn ich sehe, wie viel Aufmerksamkeit die Kindererziehung braucht, wird mir unweigerlich klar, warum ich – ohne Kinder- soviel Zeit und Möglichkeiten habe, warum mir manchmal aber auch die emotionale Wurzel fehlt, die eine eigene Familie bieten kann.

Frau= Familie und Kinder. Diese Konstante ist in Deutschland eine sehr starke, wichtige und verlässliche. Um die Familie dreht sich alles, hier werden die Sozialkontakte aufgebaut, und man sieht, dass ohne die Familie auch die Freundschaften nicht viel her machen. Warum hat eine Mutter so viele Freundinnen, Kontakte und ist mitten in der sozialen Mitte?

Weil sie über die Mutterschaft andere Frauen kennen lernt. Weil die Kinder groß werden, Freunde haben und zu Besuch kommen. Weil eine Hausfrau zu Hause ist und sich um Nachbarn kümmern kann. Weil die Verwandtschaftspflege meistens von den Frauen gelenkt und verwaltet wird.

Frau sein = Soziale Kontakte haben.

Wenn man diese eigene Kernfamilie nicht hat, wird es allein aus biologischen und psychologischen Gründen sehr schwer, Sozialkontakte aufzubauen, die die gleiche Qualität haben. Ich merke das an mir. Der soziale Zug geht an mir vorbei. Ich habe keine Kinder. Auf der Straße sehe ich Schulranzen und kleine Köpfe, die ihn tragen. In die Schule bringe ich aber keine eigenen Kinder, also bleiben sie mir fremd. Die Frauen in der Nachbarschaft mit Kindern – ich werde sie nie kennen lernen. Die Gemeinsamkeit fehlt. In eine Krabbelgruppe werde ich nicht gehen, zum Elternabend werde ich nicht gehen, ich werde keine Erziehungszeit nehmen, keinen Krippenplatz suchen, keine Hausaufgaben machen, keinen Nachhilfelehrer suchen, keine Klavierstunden geben, usw.

Da ich selbst aber ein familiärer Typ bin, fällt es mir oft schwer, diesen Verlust der eigenen Familie zu verarbeiten. Es gibt viele Tipps, die gut gemeint sind: Was aber kommt davon an, was kann ich umsetzen und realisieren?

  • ein Kind adoptieren
  • das Leben mit anderen Aktivitäten, z.B. Arbeit füllen
  • Kunst machen (das Leben für die Kunst)
  • religiös und spirituell leben

Außer diesen Sublimierungen bleibt nicht viel. Interessant finde ich den letzten Punkt, weil ja z.B. Nonnen in einem Kloster auch immer ohne Kinder leben, dies sozusagen eine Voraussetzung für den Dienst am Nächsten ist. Ein Kind adoptieren möchte ich eigentlich nicht (aus verschiedenen Gründen). Arbeit und Kunst ist sicherlich ein Weg, aber ob es hiermit möglich ist, eine ähnliche Zufriedenheit wie mit einer eigenen Familie aufzubauen?

Ich frage mich, wie sich andere Menschen, denen es ähnlich geht, sich damit arrangieren? Was die Gesellschaft mit Frauen macht, die keine Kinder bekommen können? Wie die eigene, weibliche Geschlechts- und Rollendefinition aufgehen kann, wenn man keine „Mutter“ ist?

Was bleibt von der Frau, wenn man den Faktor „Kind“ heraus rechnet?

Fazit

Mein Fazit ist folgendes: Es muss durchaus gehen, aber es ist nicht auszuschließen, dass es schwer wird. Eine Frau ohne Kinder wird auf Grund der gewonnenen Freiheit durchaus mehr „Männlichkeit“ in sich integrieren können, selbstbewusster sein und nicht so aus gebremst werden. Sie wird aber auch gerade deswegen, mehr Gegenwind spüren und vielleicht nicht so akzeptiert werden wie eine „normale“ Frau mit Kindern. Nur in Deutschland gibt es diese starke emotionale Untermauerung des Rabenmutter-Dogmas. Eine Frau, die sich nicht gut um Kinder kümmert, ist keine gute Frau. Und was soll eine Frau sein, die gar keine Kinder hat? Es scheint mir nicht verwunderlich, wenn hier Raum für Ablehnung, Abwertung und Ausgrenzung bleibt. Soziale Urteile haben ihren Kern in der biologischen und damit unbewussten Bewertung einer Sache- und die spielt in diesen Fragen eine wichtige Rolle.

Die Selbstverwirklichungschancen ohne Kinder sind größer, somit sind zusätzliche Gründe für Neid gegeben. Dennoch, wenn man ein familiärer Typ ist, aber nur von der Biologie aus gebremst wird, bleibt immer eine unbefriedigter Kanal, ein Überschuss an Bemutterungsenergie, der irgendwo hin gelenkt werden muss.

Und hier kommt die Nächstenliebe ins Spiel, dass man sich so gut es geht, um andere kümmert, die Sozialkontakte außerhalb der Familie aufbaut und Gemeinsamkeiten mit Menschen findet, die auf Mitgefühl und echter Zuneigung, und nicht auf vordergründigen Dingen basieren.

Ich habe z.B. Zeit, meine Schwester zu besuchen, ihr zu helfen. Ihr zuzuhören und ja- ich werde demnächst auch Patentante. Damit bekomme ich den wichtigen Auftrag, mich um das spirituelle Wohl des Kindes zu kümmern und ihm stets da zu sein, wenn mal was ist. Und diese Aufgabe nehme ich gerne an! 🙂

Und mein Tipp für Leute, die ähnliche Konstellationen kennen: Urteilt nicht so schnell über andere. Glaubt nicht, dass ihr das Recht habt, Menschen zu bewerten oder in Schubladen zu stecken. Löst euch von den unerschütterlichen und einengenden Dogmen und seht die Welt so frei und unbeschwert, so ohne Vorurteile- wie es nur ein Kind vermag.