1

Warum es Trans- und Intersexuelle Menschen so schwer haben

Warum haben es Trans- und Intersexuelle Menschen so schwer und was sind die Hürden bei der Entwicklung von Toleranz und Aufklärung diesen geschlechtlichen Minderheiten gegenüber?

Zum einen: Wir sind es gewohnt, Menschen in zwei Geschlechter zu teilen. Trans-und Intersexuelle Menschen aber haben ein besonderes Geschlecht, dass eher zwischen den Geschlechtern einzuordnen ist („divers“) und darüberhinaus auch fließend sein kann. Man findet in den Menschen also oft Züge beider Geschlechter.

Dieses Faktum ist nicht unerheblich und nicht klein und es geht weit über die „beiden Symbole“ an den Toiletten hinaus, die oft mit viel Liebe gestaltet und verziert werden, aber dann doch auf eine starre „Zweiteilung“ hinauslaufen.

Denn die Teilung der Menschheit in „Männlein“ und „Weiblein“ ist sehr alt und quasi die Säule für unsere abendländische und christliche Kultur. Wir können sie nicht so einfach aufgeben oder in ein Weltbild integrieren, wie es in anderen Ländern (z.B. Thailand) möglich ist.

Wir sind gewohnt, dem „Mann“ eher Werte wie Härte, Durchsetzungsvermögen, Stärke und ein hohes Einkommen zuzuschreiben und alle weichen-pädagogischen Werte wie Liebe, Zartheit, Schönheit und Emotionen der Frau zuzuordnen. Damit verbunden ist dann auch oft, dass wir unbewusst von einem Menschen ein Verhalten erwarten, dass sich an dieser Geschlechternorm ausrichtet und wir sind überrascht, wenn nicht sogar verärgert oder irritiert, wenn ein Mensch unseren Erwartungen diesbezüglich nicht entspricht.

Geschlechter bieten Sicherheit

Ich denke, dass wir in einer Zeit der gesellschaftlichen Unsicherheit leben und es daher gerade die Geschlechter und Geschlechterrollen sind, an denen wir krampfhaft festhalten, weil sie uns vermeintliche Sicherheit und Stabilität in einer Welt der unzähligen Umbrüche liefern.
So wie die einen das ganze Elend und die „Schuld“ den Migranten oder der Überfremdung zuschieben, so können andere Menschen ihren Frust auf Geschlechter und Normen ausbreiten, von denen sie nicht überzeugt sind und deren biologische Besonderheit sie nicht teilen. Der Mensch sucht unbewusst immer einen „Feind“, jemand anderen , der seiner eigenen Gruppe nicht entspricht. Diese „Feindbilder“ gehen gerade bei Trans- und Intermenschen über alle soziale Schichten und auch alle politische Weltanschauungen hinweg.

Trans-Menschen ziehen da ganz leicht den Hass und das Misstrauen anderer Personen gegen sich. Den normalen Männern sind die Transfrauen zu weiblich und zu sanft, sie passen nicht in ihr Selbstverständnis von Männlichkeit. Den „normalen Frauen“ sind Trans-Frauen ebenfalls zu anders und zu fremd, weil sie erkennbar Merkmale des „falschen Geschlechtes“ haben (z.B. höhere Testosteron-Spiegel in der frühen Pubertät oder einen komplett „fremden“ Chromosomensatz). Einfach das Gehirn, bzw. die „Identität“ als gemeinsames Merkmal anzuerkennen, ist bei vielen nicht möglich. So etwas wie eine „Identität“ kann man nur schwer beweisen und andere Merkmale sind offensichtlicher und für andere irritierender. Denn oft sind Transfrauen auch optisch anders, haben eine etwas tiefere Stimme, stärkere männliche Gesichtszüge und breite Schultern, so dass sie ganz leicht als „fremd“ und „anders“ einzuordnen sind. Durch eine stärkere männliche Erziehung und Prägung sind sie oft durchsetzungstärker und selbstbewusster als „normale Frauen“ und werden nicht selten dafür beneidet, aber wenig geliebt.

Aber wo passen sie dann hin? Die Männer wollen sie nicht und für die Frauen sind sie auch nicht ganz passend. Als extreme Minderheit kann man sich zudem kaum einer Lobby anschließen und die Interessenvertretung über Selbsthilfegruppe oder Verbände scheitert oft an der großen inneren Zerissenheit (und Zerstrittenheit der Teilnehmer).

Wenn Du jemand nicht kennst, urteile nicht!

Ein anderes Problem bei der Akzeptanz besteht darin, dass wir gerne über andere Menschen urteilen, ohne auch je mit ihnen geredet zu haben oder uns mit ihrer Lebensweise individuell auseinander gesetzt zu haben. Ich z.B. habe in meinem Leben soviel Kontakt mit anderen transsexuellen Personen gehabt, dass es für mich mittlerweile ganz normal ist und eine Integration in meine Lebensanschauung immer einfacher geworden ist. Dennoch gibt es immer wieder Vertreter „dieser Gattung“ (vor allem Trans-Frauen), die sich sehr schräg und unangepasst verhalten, teilweise sehr pubertär-provozierend sind und den Umgang mit ihnen nicht gerade einfach werden lassen.

Zwischen den Geschlechtern zu leben ist nämlich zum einen eine „Bürde“, d.h. eine große Belastung, für einen selbst oft unverständlich und anstrengend, aber es verleiht auch Kräfte und Einsichten, die „normale Geschlechter“ nicht haben, weil sie nur eine Seite kennen gelernt haben. Diese Macht kann teilweise überheblich werden lassen. Außerdem ist es schwierig, sich selbst richtig einzuordnen. Im schlimmsten Fall schwankt man dann zwischen den Geschlechtern hin und her und nimmt mal diese und mal jene Verhaltensweise und Norm an. Die – jede für sich- sogar gut und „normal“ wäre, aber in einer Person integriert- eben für heftige Widersprüche sorgt.




Schwäche

Du wachst morgens im Bett auf. Eine seltsame Schwäche hat von Dir Besitz ergriffen. Es ist nur so ein Gefühl. Ein Gefühl, als ob jemand ein Ventil geöffnet hätte und dort deine ganze Kraft wie Luft aus einem Luftballon rausfließt. Du greifst mit der linken Hand an deinen rechten Arm und kontrollierst die Unterarm-Muskeln. Sie sind merkbar kleiner und schwächer geworden. Dafür ist die Haut zarter und das Bindegewebe weicher.

Die Schwäche merkst du auch, als Du Dich im Bett nochmal umdrehen möchtest und die Muskeln dafür nicht gleich anspringen. Die Muskeln am Rücken, in den Armen und in den Beinen funktionieren nicht mehr so wie gewollt. Du spannst Deine Hand zu einer Faust und hoffst, dass es bald besser wird, aber es ist unglaublich schwer, die Faust zu schließen. Die Hand fühlt sich saft- und kraftlos an.

In Deinem Kopf dreht sich die Welt wie ein Karussell und der Kreislauf springt nicht gleich an. Das hattest du seit Jahren nicht mehr. Du fühlst dich wie Blei, wie ein nasser Sandsack, der gerade so mit Mühe die Beine über den Bettrand schwingen kann. Der Blutdruck ist im Keller. Deine Laune auch.

Dann schüttelst Du Deinen Kopf heftig hin und her und hoffst, dass dieses Gefühl schnell vorüber geht. Mit Müh und Not suchst Du Dir irgendwelche Klamotten zusammen, die da gerade so rumliegen. Du schleppst dich in die Küche. Mit zitternden Händen und weichen Knien wird der erste Kaffee zubereitet.

Deine zarten Arme und dein chaotischer Kopf versuchen den Frühstückstisch zu decken. Da kommt schon die nächste Schwierigkeit: Ein geschlossenes Marmeladen-Glas. Du stöhnst innerlich auf und verfluchst Deine Entscheidungen. Wie sollst du das Ding nur aufbekommen? Du nimmst es zum Spaß in die Hand und drehst ein bisschen daran. Fühlt sich gut an, ohne Frage… aber der Deckel bewegt sich keinen Millimeter. Es muss irgendein Hilfsmittel her… du kramst in der Küchenschublade und findest ein altes Taschenmesser. Die Klingen und Hebel sind alle schon etwas fest gerostet und schwergängig. Lange Nägel hast du, das ist kein Problem. Nur jetzt musst du noch Kraft in die Hand, in den Finger, dann in den Nagel bringen und das Ding irgendwie herausbiegen, damit du den – wie gesagt verflucht schwer sitzenden Marmeladenglasdeckel- zum Knacken bekommst.

Am Vormittag geht es zum Einkaufen. Getränke-Kisten. Ein großer Spaß. Verflucht schwere 17 kg Kästen, die zusätzlich noch über die Kante am Kofferraum gehoben werden müssen. Das Leergut bekommst du gerade noch so gewuppt.
Du stehst im Laden vorm Regal mit den Kisten und überlegst, ob du gleich weinen oder um Hilfe bitten sollst. Du reißt dich zusammen, stabilisierst mit dem einen Fuß den Einkaufswagen und wuchtest die Getränkekiste auf das Stahlgestell. Du bist eine starke Frau und wirst es immer sein! Du brauchst keine Hilfe! Du bist unabhängig und frei.

Dann fängst du an zu schwitzen. Irgendjemand hat überlegt, dass du noch eine zweite Kiste brauchst und dann noch eine. Dein Partner grinst dich an und läuft tänzelnd durch den Gang. Er redet gerade irgendwas schlaues und sieht ganz munter aus. Du schiebst mit letzter Kraft den Wagen mit dem Zentner Gewicht um die Ecken (Kraft, Kraftwechsel, Bewegung, Beschleunigung, Abbremsen) und bezahlst…. dann hast du genug. Du ergibst dich deinem Schicksal und benutzt deinen hübschen Mund, aus dem in der letzten Zeit nur nette Sachen kommen…. „ähm Schatz, kannst du bitte den Wagen nehmen? Der ist mir etwas zu schwer…“ Er guckt dich kurz an, zuckt mit der Schulter und fährt das Ding nach Hause.




Jungs in der Pubertät

Gestern kam in der 37-Grad Sendung auf ZDF eine interessante Reportage zum Thema „Jungs in der Pubertät“. Es ist ja derzeit ein Trend, dass man von den Problem-Bereichen der Mädchen etwas weggeht und die Jungs-Probleme in eine neu-feministische Perspektive rückt. Jahrelang wurden Mädchen gefördert, bis man schließlich festgestellt hat, dass Jungs auch Probleme habe und tlw. ganz andere, die auch ganz anders zu lösen sind.

Wie bei den 37-Grad Sendungen üblich, wurden die persönlichen Biografien sehr in den Mittelpunkt gerückt. Die Reportage berührt durch ihr „Mittendrin und nahdran-Gefühl“ und dass man mit den sorgfältig ausgewählten Protagonisten gut mitfiebern kann. Da ist der Junge aus der gehobenen Mittelschicht, dessen ehrgeizige Eltern wünschen, dass er am Gymnasium gute Noten nach Hause bringt, sich aber schon bald wundern, dass diese Noten immer schlechter werden, je älter er wird. Auch das anfängliche Klavierüben klappt nur noch mit Druck, aber nicht mehr freiwillig. Das Kinder-Hochbett soll auf Wunsch des Jungen abgebaut und in ein „normales Bett“ umgebaut werden. Netter Nebeneffekt: Das gehasste Elektro-Klavier kann gleich mit verschwinden. Dieser Junge ist noch der unauffälligste und kann vor allem durch seinen Wortwitz und seine Intelligenz viele Probleme beschwichtigen. Dass ihn aber schon bald die volle Wucht der Pubertät trifft und diese sich vor allem im inneren Widerwillen gegen Autoritätspersonen zeigt, ist unübersehbar.

Dann gibt es noch einen Jungen, der in seiner Schule gemobbt wird, vor allem in Deutsch und Englisch sehr schlechte Noten schreibt und mit seinem Vater alleine zu Hause lebt. Ihm sieht man die Probleme förmlich an. Er ist sehr zurückhaltend, beinahe verängstigt. In der Schule muss er sich nicht nur gegen seine eigene Lernschwäche, sondern auch noch gegen größere, stärkere und bei den Mädchen einflussreichere Klassenkameraden durchsetzen. Ein klassisches Problem, dass hauptsächlich Jungs betrifft, sorgt doch das von außen an sie angelegte Rollenverständnis dafür, dass sie stark zu sein haben und sich jederzeit durchsetzen und behaupten müssen. Wo ein innerer Rückzug bei Mädchen viel eher akzeptiert wird und mit Aufmerksamkeitsgesten verhindert oder abgemildert wird, fallen Jungs bei emotionalen Problemen viel schneller in einen Strudel der Angst, des Schweigens und der Hilflosigkeit. Die meisten weiblichen Erziehungspersonen können oft nur wenig machen und viele Eltern sind damit überfordert. Die -gut gemeinten, aber schlecht umgesetzten- Appelle des Lehrers an den Vater „Lesen sie ihm doch mehr vor, mein Vater hat es auch gemacht, obwohl er im Schichtdienst arbeitete“ können da eigentlich nur fruchtlos verhallen. Die Probleme der Jungs gehen tiefer, als dass ein einziger Appell und das immer gleiche Denken „die Eltern sind schuld, das System aber ist perfekt“ wenig effektiv sind. Ein wenig blüht dieser Junge auf, als er an einem extra angeordneteten „Boy´s day“ in einen Kindergarten schnuppert und dort seine Leseunlust beim Vorlesen für die Kleinen überwindet. Auch das Fußballspielen mit den Kindern klappt gut. Als ihn die Interviewerin fragt, ob er es sich vorstellen könnte, hier zu arbeiten, kommt aber das verinnerlichte Rollenmodell schon voll durch „Ja, es macht grundsätzlich schon Spaß, aber lieber wäre mir ein Männerberuf.“ Ob die Frauen in dem Film es sich so vorstellen, dass ein Mann sein eigenes und persönliches Rollenverständnis aufgibt, nur weil sie es wünscht oder es politisch gerade schick ist?

Zum Schluss gibt es noch einen hochgewachsenen Jungen, der gerade dabei ist, seine mittlere Reife abzuschließen, aber auch bereits mit schlechten Noten und einer allgemeinen Unlust kämpft. Zu Hause langweilt er sich meistens, also will er lieber mit seinen Kumpels um die Häuser ziehen. Die Mutter aber zwingt ihn- wenigstens an einem Tag in der Woche- zu Hause zu bleiben, beim Hausputz zu helfen und sich um seine Bewerbungen und andere Schreibtischtätigkeiten zu kümmern. Dass das bei ihm nicht besonders gut ankommt und pädagogisch auch nicht besonders sinnvoll umgesetzt wird, verwundert den Zuschauer kaum. Er schickt seine Bewerbungen zu spät weg und wird bei einem Bewerbungsverfahren der Bundeswehr mit einer knallharten Realität konfrontiert. Gestandende Männer, die schon längst in ihrem Beruf stehen und einen bestimmten Status erreicht haben, durchleuchten ihn mit ihrem Röntgenblick. „Warum haben sie nur eine ‚Ausreichend‘ in Technik?“ wird da gefragt. „Mich hat es nicht so interessiert. Da ging es um quadratische Funktionen und Parabeln“ ist die schüchterne und unbeholfene Antwort. In den Sozialnoten kann er gut abschneiden, als er danach gefragt wird, kann er seine positiven Qualitäten allerdings nicht genügend „verkaufen“- zu schüchtern. Wirklich vorbereitet hat ihn wahrscheinlich auch keiner. Später sehen wir, dass eine Absage kommt, aber immerhin landet er auf einer Warteliste.

Die Sendung war interessant recht gut, stellenweise aber zu voyeuristisch. Mir haben ein paar Erklärungen und Lösungen gefehlt. Ein, zwei Sätze von Klassenlehrern zur Situation der betroffenen Jungs sind einfach zu wenig. Ein paar Fachaussagen von Kinderpsychologen hätten geholfen, für Eltern oder den interessierten Zuschauer vernünftige Antworten und Lösungen zu finden.
Man hat ansonsten das Gefühl, dass der Zuschauer dem Schicksal der „schwierigen Jungs“ nur unbeteiligt zusehen soll.
Nach der Sendung wird erleichtert die Fernbedienung weggelegt und sich darüber gefreut, dass die eigenen Kinder einfacher sind und dass die eigene Pubertät schon lange vorbei ist.




Moderne Welt und rückwärts gewandte Politik

„(Männliche) Alleinverdiener als Auslaufmodell“ damit beschäftigt sich dieser interessante Beitrag (auch das dazugehörige Video ist sehenswert). Während im Westen hauptsächlich die „ökonomischen Zwänge“ dafür verantwortlich sind, dass die Frau mit arbeiten geht, gibt es in den neuen Bundesländern auch eine stärkere Orientierung hin zur Gleichberechtigung. So „denken 17% der Menschen aus den neuen Bundesländern, dass Frauen auch Karriere machen soll, aber im Westen nur 5 Prozent.“

Kein Wunder, dass es mit der Gesellschaft, einer sozial orientierten Wirtschaft und dem Feminismus im Westen nicht vorangeht. Wenn die Vorstellungen derart restriktiv und konsverativ sind, wird sich in Jahrzehnten noch nichts ändern. Die Frauen, die mitarbeiten müssen, machen das meistens weil der Lohn des Mannes zum Leben nicht mehr reicht, ein hinreichend bekanntes und leider auch zunehmendes Problem der Ausbeuter- und Niedriglohnjobs. Karrieren, bei denen man 50 Jahre an einer Stelle (möglichst noch vor Ort) und gut bezahlt und sozial abgesichert gearbeitet hatte, werden politisch wegdefiniert und die Wirtschaft nimmt dieses Geschenk gerne an und darf die Menschen nun offiziell weiter ausbeuten (das war unter anderem auch ein Thema in der gestrigen Anne-Will Sendung).

Dass aber nur 5 Prozent der Menschen im Westen denken, dass Karriere für Frauen auch wichtig sein könnte, ist ein Armutszeugnis. Ich bin mir außerdem sicher, dass das nicht nur die bösen Männer sind, die Frauen nun unterdrücken und sie nicht in die Chefetage rutschen lassen (wodurch man mit einer Quote Abhilfe schaffen könnte), sondern dass das auch ein Problem der Rollenmodelle und der Ansichten von Frauen untereinander und vor allem sich selbst gegenüber ist. Hier muss der moderne und tolerante Feminismus noch viel Aufklärungsarbeit leisten und mit ein paar einzelnen Girls Days alleine bekommt man die substanziellen und strukturell tief sitzenden Ungleichheiten nicht in den Griff. Was die Gesellschaft bräuchte, wäre ein modernes Umdenken auf breiter Front, getragen von den Wünschen und Vorstellungen junger Leute. (ähnlich wie bei der Atomkraft und der Diskussion um den Ausstieg)

Ja, der Feminismus hat noch viel Arbeit und es ist im Grunde egal, von welcher Seite man das Pferd nun aufzäumt: Ob es nun die armen Väter sind, die als Alleinverdiener-Pferd vor den Steuer-Karren gespannt werden und deswegen keine Zeit für Familie und Kinder haben, oder die gelangweilten Frauen am heimischen Herd, die vor Sinnlosigkeit ihrer Existenz schon überlegen, wo genau sie den Kochkurs belegen oder wie sie das Geld ihres Mannes am besten ausgeben.

Oder ist es am Ende so, dass es beiden Gruppen ganz gut gefällt und sie eigentlich gar nichts ändern wollen? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Wer unter Zugzwang steht, ist eindeutig die Politik. Zur Schaffung besserer Rahmenbedingungen für Familien und „Doppelverdiener“ und moderne, flexible Arbeits- und Steuermodelle, die den modernen Realitäten angepasst werden. (anstatt z.B. die Hausfrauenehe einseitig steuerlich zu entlasten und alle anderen Lebensmodelle komplett zu ignorieren)




Männer und Frauen

Ich schrieb neulich mit einer Frau. Da erzählte sie mir alles über ihre Freunde, ihre Verwandte, ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter, das angespannte Verhältnis zum Vater. Sie lästerte über ihren Mann, die Verkäuferin, die neue Kollegin im Büro. Sie erzählte mir alles über ihre Kinderwünsche und wir unterhielten uns ca. zwei Stunden lang über Baby-Klamotten und Windel-Wickeltechniken für Öko-Muttis. Danach erfolgte ein detaillierter Austausch über vegetarische und Kohlenhydrate-reduzierte Ernährung, über schadstofffreie Einrichtungsgegenstände, die man auch im gemütlichen Lädchen nebenan bekommt, über Bio-Gütesiegel, über den Energieverbrauch des neuen Autos, die Kostenbilanz von neuen Elektro-Küchengeräten und die richtige Eintragung im Haushaltsbuch, sowie das ständig zu knappe Geld, dass es ständig zu verwalten und gegen nicht befugtes Einmischen zu verteidigen gilt. Dann fragte sie mich über meinen neuen Freund aus, über meine Ansichten über diese und jene Sache, warum ich denn diese Jeans und keine andere gekauft hätte und dass es ja schon Ewigkeiten her sei, seitdem wir uns getroffen haben ob wir das nicht wiederholen könnten, denn da gäbe es noch einiges zu besprechen und überhaupt reden ist doch wichtig, findest du nicht? Es gibt doch da dieses neue Geschäft, aber das Wetter ist zum Glück auch gut, wenn du die Parkplätze nicht immer so eng und die Jugendlichen so schlecht gekleidet wären. Früher war überhaupt alles besser und schwupps, wie man sich versieht, ist man auch schon dreißig Jahre älter. Zum Glück gibt es Faltencremes, nur in Solarien sollte man nicht zu oft gehen, auch wenn es schick aussieht. Wie denn der letzte Urlaub war, nicht schlecht? genau wie bei uns, ja in Tunesien, kurz danach die Revolution, naja da haben wir nochmal Glück gehabt und ach kennst du schon das neuste Buch, wo wir gerade dabei sind…
Es ist von diesem Autor, den kennt man auch dem Fernsehen, ja eigentlich ein Linker, aber warum nicht mal Lesen, seine Gedanken sind ganz gut, nicht so verschroben, wie der andere, wie hieß er noch gleich. irgendwas mit E… hm hab das jetzt vergessen, ist auch nicht so wichtig. Komme sowieso nicht soviel zum Lesen, du weißt, die Hausarbeit und Christoph, er ist einfach zu bequem, lässt mich alles machen, wie im Mittelalter, die Frauen machen den Haushalt und der Mann lässt sich bedienen also sowas gehört echt abgeschafft, wenn er nix ändert, dann werde ich ihm mal den Marsch blasen, es geht so nicht, weißt du bei der Karin, da läuft es auch anders, die hat doch jetzt den Neuen diesen Vietnamesen, ja ein Ausländer, ist viel pflegeleichter, der macht alles was sie will, da können sich die deutschen Männer noch was abschauen, aber egal, vielleicht die nächste Generation, wir werden sehen. ach wie die Zeit vergeht, ich denke wir sollten Schluss machen. Tschüssi, bis Dienstag dann.

Gerade als sich ein Teil meiner Redemodul-Gehirnzellen schon in hellster Aufregung befanden und vor lauter Aktivierung beinahe vor Schreck umgefallen wären, sehe ich, dass in meinem Briefkasten noch ein anderer Brief ungesehen und unbeachtet schlummerte. Es war von einem Mann, einem guten Freund aus alten Tagen. Eine Antwort auf meinen letzten Brief.

Er schrieb „jupp, geht in ordnung. gruß, Peter.“




Rollenmodelle

Kann man heutzutage überhaupt Meinungen über Geschlechter abgeben, ohne rot zu werden?

Die Welt ist derartig vielfältig und voller unterschiedlichster Ausprägungen, dass es bisweilen rückständig und vereinfachend wirkt, wenn man das sucht, was alle Frauen für sich oder alle Männer für sich gemein haben (könnten). Die extremsten, modernen Aussagen zur natürlichen Ungleichheit und Verschiedenheit der Geschlechter habe ich in Büchern gelesen, die sich vor allem auf biologische und jahrtausend lang gewachsene „wissenschaftliche“ Tatsachen berufen. Hier lautet aber die einfache Frage: Wenn die Rollen jahrtausendelang von Männern bestimmt wurden und den Frauen es einfach nicht ermöglicht oder gestattet wurde, z.B. mit auf die Jagd zu gehen, wie sollten sich dann entsprechende Fähigkeiten ausbilden?

Natürlich hat die Frau die Fähigkeit zum Gebären, aber im Grunde ist das der biologisch deutlichste Unterschied. Alles andere ist eine Folge der Kultur und der Rollenbilder, in der sie sich bewegte. Indem man Frauen z.B. zwang, zu Hause zu bleiben und sich um die Familie zu kümmern oder auch, indem man Männer dazu zwang, nach draußen zu gehen und sich dort in ihrer Männlichkeit zu beweisen.

Es ist eine seltsame Erkenntnis, dass es eigentlich keine „natürlichen“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, rechnet man nur alle Faktoren heraus, die sie verursacht haben könnten. Und es ist auch eine sehr reichhaltige Meinungsfrage, zu der es die unterschiedlichsten Positionen gibt.

Heute haben wir das Phänomen, das alles möglich ist und sich jeder auf dem Gebiet bewegen kann, wo er möchte. Wir haben zwar noch Ungleichheit und wir haben vor allem verstaubte Gewohnheit in unseren Köpfen. In unsicheren Zeiten berufen sich die Menschen gerne auf klassische Formen und Rollen, die jeder verstehen kann. Die Studierstuben der Akademiker sind selten, die Gesellschaft wird vor allem von denen geprägt, die in Überzahl sind und das „breite Volk“ ausmachen. Und ich denke, das breite Volk hat überhaupt kein Bock auf Wandlung, ist wie eh und je im alten Trott der guten alten Sitte.

Die andere Frage ist: Was will man eigentlich? Wo liegen die Ziele für die Geschlechterforschung? Was sind die Ausblicke und was die Erwartungen?

Offiziell haben wir Gleichberechtigung, aber wie klären wir die Frage der individuellen, mitunter sozialen Ungleichheit? Wie hilft man Frauen, die in der Familie unsichtbar unterdrückt und ausgebeutet werden, jeden Tag alles geben und doch nicht respektiert werden? Wie hilft man den Männern, von denen erwartet wird, Unmengen von Unterhalt an die geschiedene Frau zu zahlen und die nur männlich sind, wenn sie genug verdienen und sich entsprechend verhalten?

Vor allem: Wo positioniert man sich selbst in dem riesigen Chaos der Möglichkeiten? Nimmt man eine klassische Rolle ein und wird zum Spießer? Oder rebelliert man gegen alles und jeden und macht sich alle zum Feind?

Für mich selbst habe ich diese Frage noch lange nicht geklärt. Ich finde es schön, das machen zu können, worauf ich Lust habe, aber die Verbindlichkeiten des Lebens, die Zwänge, die Pflichten und das Leiden bleiben doch gleich. Ich muss es nur anders angehen. Mein Gewissen fragen, nach einer Ethik handeln. Alles ständig und neu abwägen, mich selbst hinterfragen, meinen Kopf benutzen, mit anderen zusammenarbeiten und jeden Tag neu beginnen.

Das alte Rollenmodell bricht für denjenigen weg, der es loslässt.

Es verliert die Fähigkeit zur Stütze. Im Gegenzug erhält man neue Möglichkeiten, größere Freiheiten und mehr Verantwortung.