Schlecht gespielt und doch gewonnen

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Ach, der Tag gestern war so schön. Er hatte so gut begonnen. Zuerst war ich ein wenig in Twitter aktiv (der Dienst gefällt mir wieder besser, nachdem ich ihn besser zu verstehen beginne) und stellte fest, wie viel Twitterer live über die Wahl bloggen, oder dass sie wählen gehen oder was sie wählen. Man hatte das Gefühl, dass die ganze Welt zur Wahl gehen wird, dass die Wahlbeteiligung aber doch nach unten gefallen ist, nämlich um gute 6 Prozent, erfuhr ich erst viel später. ((der Link bezieht sich nur auf Bayern, Deutschlandweit sank die Beteiligung um 6,9 %, Quelle ARD))

So war es mir -zumindest am Vormittag- gut möglich, meine Folge-Runde, also den aktiven, virtuellen Verteiler meines Lesekreises ein wenig aufzuwerten. Und prompt kletterte auch meine eigene Follower-Leiste schnell nach oben. Das war der gute Teil des Tages.

Nach ein paar schönen Stunden und einem herrlichen Spätsommerwetter (…) ging es dann auf den Abend zu.

Ziemlich genau um 18:15 Uhr schaltete ich von der Nachmittags-Autosendung auf die ersten Hochrechnungen in der ARD um und konnte meinen Augen und Ohren kaum glauben. Schwarz-Gelb hatte also schnörkellos gewonnen, die SPD mit zweistelligen (!) Verlusten, die Linke im Aufwind, die Grüne auch, aber nicht so stark. Die -emsig ihre kleine Insel der Netzthemen verteidigenden – Piraten erhielten immerhin einen Achtungserfolg von gut 2 Prozent.

Die extrem rechten Parteien waren zum Glück ohne erkennbaren Gewinne (das muss an der Stelle auch mal festgestellt werden, weil ich doch immer mal wieder über NPD oder DVU- Plakate gestolpert war, in der letzten Zeit, dass sie es nicht versucht hätten, kann man nämlich nicht sagen).

Eine sehr schöne Splitterpartei, die Violetten, nur mit 0,07 Prozent oder die Tierschutzpartei mit 0,53, das ist natürlich traurig, war aber auch nicht anders zu erwarten.

In Deutschland regieren und reagieren also ab jetzt die Konservativen, aber ein grandioser Wahlsieg war es auch nicht für Frau Merkel und ihre Verbündeten. Letztendlich würde ich sagen, dass die CDU vor allem von der Person Angela Merkel profitiert hat, dass aber dieser Tempo 50-Wahlkampf des rechten Polit-Flügels, der nie wirklich auf Touren kam und nur mit Steuersenkungsversprechen angeheizt wurde, so glimpflich ausging, ist eine einzige Enttäuschung für alle fortschrittlich-gesinnten Kräfte in dieser Republik. Das ganze gleicht einem typischen Fußball-Länderspiel der Deutschen: Schlecht gespielt, aber am Ende doch gewonnen.

Ganz besonders wundert und ärgert mich, dass es nun politisch einen Stillstand geben wird, zumindest was die regierenden Parteien angeht. Dass die Parteien, die am meisten dem Kapitalismus und seinen Auswüchsen nach der Nase reden, nun weiterhin am Ruder sind, ist kein gutes Zeichen für eine strukturelle Erneuerung des Landes. Und so richtig will das anscheinend auch keiner, sonst wäre der Aufschrei an der gestrigen Wahlkabine doch heftiger ausgefallen. Die Menschen sind halt noch etwas aufgebläht und gesättigt von der Abwrackprämie und trotteten schön dümmlich-brav in die eilig aufgestellte Konsumfalle.

Wenn sich nun etwas ändern wird, dann sind es die Rahmengesetze, die den wirtschaftlichen Aufschwung voran zu treiben versuchen, aber es wird niemand geben, der sich schützend vor Arbeitslose, gegen Ausbeutungen im Niedriglohnbereich, für ein allgemeines Grundeinkommen oder andere, nötige Reformen einsetzen wird. Nein, der politische und neoliberale Wind wird ab sofort noch härter als sonst über das Land fegen und das Gegenteil, was versprochen war, wird nun zu erwarten sein. Steuererhöhungen, eine höhere Mehrwertsteuer, Einschränkungen bei Subventionen und Kürzungen von sozialen Leistungen sind (leider) im Bereich des Spekulierbaren. Man wird damit argumentieren wollen, dass ja nun endlich die Schulden abgebaut werden müssen und dass das nur über Wachstum geht, die ewig gleiche Leier, ein medientauglicher, ausgelutschter Zweizeiler stellvertretend für eine viel größere Komplexität, die es beim Regieren zu beachten gilt.

Die einzigen, die in der öffentlichen Vor-Wahl-Berichterstattung emotional etwas bewegen konnten, waren die Linken (mit ihren zugegeben etwas extremen Parolen, die sie so unwählbar machen), die FDP (mit dem Mittelstands-Blabla) und natürlich die netz-affinen Piraten (aber leider nicht die Piratinnen).

Die Grünen haben für meinen Geschmack etwas zu wenig gemacht und immer nur die Anti-Atomkarte zu besetzen, ist mir viel zu wenig (ich habe sie gewählt, aber zufrieden bin ich nicht). Wo ist der fortschrittliche Geist der Grünen, den sie mal verkörpert haben? Wo ist das laute Aufschreien gegen das Wegbrechen von Bürgerrechten und Privatsphäre, dessen Burgen nun die Piraten eilig belagern? Wo sind die eindeutigen Positionen gegen Ausbeutungen am Arbeitsplatz, gegen gesellschaftliche Ungleichheit, Bildungs-und Geschlechterschere, Rente mit 67 und all den anderen „Errungenschaften“ die wir unseren gesättigten, selbst verliebten, konservativen und rückständigen „Volksvertretern“ verdanken?

Die SPD und die gewachsenen Kleinen sind nun in der Opposition, das verspricht immerhin, spaßiger und aufregender zu werden, als der Kuschelkurs, den wir in den letzten vier Jahren der großen Koalition ertragen mussten. Und Steinmeier gefiel seine neue Rolle anscheinend schon recht gut, denn so aufgeregt und ärgerlich wie gestern in der Elefantenrunde habe ich ihn noch nie erlebt.

Aber auch Herr Westerwelle und Frau Merkel hatten nun Oberwasser und traten deutlich selbstbewusster und kämpferischer auf. Wer weiß, vielleicht ist die Niederlage für das linke Lager, ein schöner neuer Anfang in eine Welt des Meinungsaustauschs, der Opposition und des inneren Fortschritts.

Wollen wir es hoffen, wollen wir aber auch dazu beitragen.

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