Schadenfreude- die größte Freude?

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Das Dschungelcamp bei RTL- Ein persönliches Fazit

Für mich ist die Fernsehen und Kultur- Debatte noch lange nicht zu den Akten gelegt. Zwar hat sie ein paar prominente Opfer gekostet und unter anderem „Literatur-Päbstin“ Elke Heidenreich ins Internet verbannt, sowie die Glaubwürdigkeit- des „Chef-Kritikers“ Ranicki auf eine harte Probe gestellt.

Aber was in der letzten Zeit ein Hype um dieses Dschungel-Camp gemacht wurde, lässt mich einfach nicht los. Ich habe vor allem die Berichterstattung darüber ein wenig verfolgt, denn die Sendung selbst anzusehen, konnte ich mir beim besten Willen nicht länger als eine Viertelstunde antun. Zu ekelhaft die Prüfungen, zu überdreht die Moderatoren, zu neurotisch und unbekannt die „Stars“. Und dennoch, oder gerade deswegen scheint die Sendung mal wieder ein Erfolg gewesen zu sein und stolz wurde berichtet, dass zum Ende hin die Einschaltquoten immer besser wurden. Es lebe die Marktwirtschaft im Fernsehen und (sinngemäß) mit den Worten einer Redakteurin einer bekannten deutschen Fernsehzeitung: „Es wird im Fernsehen halt Alltagskultur gezeigt… an die vielen Werbe-Unterbrechungen kann man sich gewöhnen…die Privaten haben das deutsche Fernsehen inhaltlich verbessert“.

Haben sie das wirklich? Sollte man die intellektuelle Flinte so schnell ins Korn werfen? Warum gibt es nicht mehr Leute, die das Fernsehen offen und inhaltlich kritisieren wollen? Vielleicht sind die Autoren einer Fernsehzeitung auch eher parteiisch einzustufen, denn schließlich wollen sie ihr Blatt ja auch verkaufen…

Was man also findet, ist eine dicke Grauzone: Gebildete Menschen lesen Bücher oder Internet, schaffen ihren Fernseher ganz ab, kümmern sich nicht mehr um die Diskussion, regen sich nicht mehr auf, sparen Zeit und Energie. Dann kommen die Leute, die als „Markt“ herhalten müssen, meistens einfache Menschen, die – mangels Bildung- die Inhalte nicht interpretieren oder hinterfragen können, denen man- wie Haustieren, billiges Futter hinwirft und diese sich mit Genugtuung draufwerfen- es gibt ja auch nichts anderes, und billig ist besser als nichts! Wer gutes Fernsehen gucken möchte, muss sich zwangsläufig ein paar elend langweilig gemachte Bildungssendungen raussuchen, ein paar Doku-Perlen oder sich auf Kanal 582 einen Spartensender notieren, der vielleicht genau die Inhalte hat, die man gerne sehen möchte.

Dazwischen gähnt ein klaffendes Loch. Das Fernsehprogramm ist somit ein Sinnbild für die Gesellschaft: Es gibt eine breite, dumme Masse für die das meiste produziert wird. Die Inhalte sind dann eine Art selbst-erhaltende Propaganda für die Konsum- und marktorientierte Wirtschaft. Viele, viele Münder brauchen wir, die viel essen, sich möglichst still verhalten sollen und keine eigene Meinung abgeben, dann funktioniert das System.

Gelästert werden kann in den Blogs oder Foren, geändert wird aber nichts. Warum auch? Das Ganze funktioniert und funktionieres wird nicht abgeschafft.

Sich über das Fernsehprogramm aufzuregen ist dann in etwa so wie sich über den negativen Effekt von Drogen aufzuregen: Böses, böses Nikotin! Macht dich so krank, ist schlecht für die Lunge, na das ist ein Teufelszeug! Besser wäre, es gar nicht erst zu nehmen.

Und genau an der Stelle muss die staatliche und familiäre Bildung ansetzen: Den Kindern und auch den Erwachsenen zu erklären, was genau nicht gut ist, warum es schadet, was man besser schauen oder machen sollte. Wie man eine Sendung hinterfragen kann, wie man es durchschauen kann, wie man Langeweile dabei entwickelt und lieber etwas „Wertvolleres“ schauen mag.

Wer sich an der Stelle fragt, warum man das Dschungel-Camp nicht sehen sollte, für den habe ich ein paar Argumente:

Die Sendung ist menschenverachtend; Menschen werden in ein Camp gesteckt und sollen Prüfungen machen, die an Quälerei grenzen: Das ist pure Folter, und bedient die sadistischen Phantasien der Zuschauer. Wer sich über Guantanamo aufregt oder gegen Folter ist, sollte auch gegen diese Sendung sein.

Ähnlich ist es mit dem Zoff der Bewohner, der untereinander entstehen soll: Je härter der Zwist, umso besser. Aber wem dient der Streit? Die „Stars“ bekommen ein wenig Geld für das was sie sich antun, der Fernsehsender kassiert das Werbegeld und die Zuschauer werden mit zweifelhaften Inhalten bedient. Es ist also künstlicher Streit, der „produziert“ und gelenkt wird. Es soll Streit geben, ähnlich wie in Big Brother, je mehr desto besser! Das ist eine Vermarktung und Zurschaustellung von menschlichen Gefühlen und menschlicher Intimsphäre, an die wir uns nur zu gut schon gewöhnt haben. Die Gefahr ist, dass man die menschliche Intimsphäre nicht mehr respektieren kann oder will, weil es „die im Fernsehen ja auch so machen“, dass man es nachmacht und zum inhaltlichen und moralischen Ankerpunkt einer Volks-Seele wird.

Was ist mit der Ethik? Lernt man was über gute Menschen, gute Taten? Kommt die Religion darin vor? Lernt man etwas über Naturwissenchaft, Umgangsformen…? Ich denke nicht. Wozu dann also diese Sendung, wenn sie nur all diese Werte verhöhnt, die man mittels Bildung und Lernen mühsam aufbauen muss?

Vielleicht weil man im Fernsehen etwas sehen kann, das noch krasser ist als das eigene Leben? Vielleicht kann man sich freuen, dass es Leute gibt, die noch mehr gequält werden als man selbst durch den neuen Chef? Dass es mit den Moderatoren noch größere Nervensägen -als die Kollegin von nebenan- geben kann? Reicht diese pure Schadenfreude als Motivation aus?

Irgendwem muss die Sendung ja dienen, es muss einen psychologischen Antrieb geben, eine Befriedigung. Sonst wäre sie nicht so erfolgreich.

Auf der anderen Seite: Wird das eigene Leben dadurch besser, wenn man sehen kann, dass andere Leute noch mehr leiden? Im Grunde ist das doch die Verschlimmerung des Zustands. Besser wäre eine Sendung, wo man sehen könnte, wie anderen geholfen wird oder wie Mittel aufgezeigt werden, die Probleme zu lösen, anstatt sie zu verschlimmern.

Das einzig Gute am Dschungel-Camp war im Grunde, dass die transsexuelle Frau „Lorielle London“ eine Plattform bekam, über ihre Gefühle und Ansichten zu reden, recht populär wurde und sogar auf den zweiten Platz gewählt wurde. Bei aller Intoleranz, die die Sendung so versprüht, scheint es doch noch ein Fünkchen Hoffnung zu geben.

Allerdings hätte es auch dafür einen besseren Rahmen gegeben. Ansonsten hat das Ganze so den Beigeschmack einer Jahrmarkts-Attraktion, die man in zwei bis drei Tagen wieder vergessen hat.

Qualitatives Fernsehen für alle- es ist noch ein langer Weg!

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