Routine

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Über den Versuch, die eigene Richtung zu bestimmen.

Jeff Buckley weint mir sein „Halleluja“ an die Backe. Und wie ich seine anmutige Stimme so höre, da gehen die Sorgen aus dem Körper, da weicht die Seele auf. Es ist dieser Moment, wo ich wieder ich sein kann, wo ich mich spüre und endlich weiß, wer ich bin. Ein Mensch, ein Mensch mit Gefühl.

Ich lasse den Tag an meinem inneren Auge vorbeiziehen, spüre die Sorgen, wie sie wie ein dumpfes Echo an das Innere meines Herzens drücken, wie sich die Wellen des Erlebten durch jede Zelle des Körpers breiten. Wie da zuerst eine dumpfe Wand war, eine große schwarze, kaum zu überwindende Mauer. Wie ich mich entschlossen auf meine Feinde geworfen habe, sie mit meinen Reißzähnen attackiert, ihre Worte in Stücke gerissen habe. Wie ich mich breit gemacht habe mit meinem fetten Arsch, die Arme gegen meine Konkurrenten ausgebreitet, mich selbst schlauer -als ich eigentlich bin- dargestellt habe. Meine ganze Bosheit, meine dunkle Seite wird von diesem Lied aufgeweicht, ich will sie noch festhalten, aber die Töne sind stärker und so lass ich es geschehen.

Der Tag war mit Arbeit durchtränkt. Die Sonne sah ich nur aus der Ferne. Und jeden Tag habe ich jetzt ein wenig mehr das Gefühl, in einer unveränderlichen Zeitschleife gefangen zu sein. Und das komische ist, je mehr ich in meinen Tätigkeiten Routine entwickle, desto mehr Spaß machen sie mir. Werde ich besser und gewöhne mich daran. Gleiche ich der Maschine, an der ich täglich sitze. Die ich anspreche und mit meinen Tastendrücken füttere.

Aber auf der anderen Seite merke ich auch, wie ich Dinge mache und kurz darauf vergesse, was ich gerade gemacht habe. „Ach ich hab die Kaffeemaschine angeschaltet?“ Den Griff zum Filter kenn ich schon in- und auswendig, das läuft so nebenbei. Sollte ich das twittern? Wenn ich auf die Toilette gehe, die Hose öffne, jeder Griff ist so ewig und immer gleich. Und das 10-mal am Tag, ihr wisst schon, Frauen müssen öfters.

Alles ist gleich. Ewig und immer gleich. Ich esse jeden Tag um die gleiche Uhrzeit, ich schlafe zu festen Zeiten, ich habe einen Einkaufstag, einen Mülltonnentag, einen Geburtstag (hey, der ist bald!) ich habe ein festes Kontingent am PC, morgens schreibe ich und mache Büro, mittags Pause, nachmittags meistens nochmal Büro. Oder Haushalt. Oder Baustelle. Oder Einkaufen. Oder Essen gehen. Oder chatten. Oder spielen. Oder Musik hören. Oder fernsehen. Immer das Gleiche.

Mir scheint, Abwechslung scheint eine Sache zu sein, für die man „Privilegiert“ sein muss. Für die man Geld braucht. Und Zeit, viel Zeit. Während für die eine Zielgruppe, die Gruppe der 20 Millionen Rentner mal wieder die Sätze erhöht wurden, können sich diese auf ihre „Belohnung“, den Lebensabend freuen. Und die anderen, die so blöd sind und noch arbeiten, dürfen – nein müssen sich quälen – und werden mit den ewig gleichen Parolen bei Laune gehalten und dressiert. „Gürtel enger schnallen!“

So funktioniert unser Land nun mal: Geboren werden, lernen, arbeiten, Rentner werden, sterben.

Mir scheint der Mensch hat nicht viel Auswahl zwischen diesen Optionen. Frei sein soll er später, wenn er alt ist. Doch dann kann er das meistens nicht mehr so genießen, tun die Knochen weh, werden die Leiden größer. Die Frische der Jugend ist vorbei, ein ruhiger Lebensabend steht bevor. Kapiert keiner, dass diese spießigen Lebensmodelle eigentlich das sind, was unser Land so langweilig und unspontan werden lässt? Die ständige Angst vorm Verbrechen und dem materiellen Verlust lässt die Menschen erstarren und sich in den Häusern einschließen.

Ich frage mich- warum nicht jetzt leben? Warum nicht das Leben jetzt so biegen, wie man es will? Warum warten, bis sich was ändert, wenn man selbst was ändern kann?

Neue Leute lerne ich selten kennen. Wenn, dann sind es meistens virtuelle Kontakte. Leere Gesichter, die ich nicht kenne. Die ich nicht rieche. Die ich nicht anfassen kann. Die irgendwas auf den Monitor schreiben, der vor mir leuchtet. Doch sind es Kollegen, Freunde an die ich mich gewöhnt habe. An denen ich mich orientiere. Denen ich glaube. Denen ich vertraue. Von denen ich lernen will.

Ständig dieser Fluss an Informationen. Ich habe es in der Hand, das ist nicht das Problem.

Würde ich in einem Großraumbüro sitzen, wäre es bestimmt auch nicht anders. Jeden Tag die gleichen Kontakte, jeden Tag die gleichen Gesichter und Aufgaben. Jeden Mittag in die Kantine und die Abwechslung wäre sicherlich gering.

Nun, man müsste meinen, da ich in einem „freien Beruf“ arbeite, hätte ich mehr Freiheiten und da ich „Hausfrau“ bin und von zu Hause aus arbeite, wäre ich glücklicher und unabhängiger.

Das ist ein Irrtum. Ich werde kritisiert, dass es „nichts richtiges“ sei. Ja, warum ist es nichts richtiges? Weil mir nicht regelmäßig von meinem Arbeitgeber Geld überwiesen wird? Weil ich nicht „Autorin“ gelernt habe, sondern Quereinsteigerin bin? Nein, ich glaube, es ist nichts richtiges, weil es in den Augen der „Normalos“ etwas ist, was sie auch gerne machen würden… und das erzeugt nun mal Neid. Moderne Arbeitsplätze haben durchaus einen Reiz und eine Berechtigung. Ich will den Versuch wagen, so ist es nicht.

Die materielle Freiheit ist eine Mauer, die mit den Wünschen streng proportional ansteigt. Je mehr ich machen- erleben will, desto mehr Geld brauche ich. Wenn ich mehr Geld brauche, muss ich mehr Arbeiten, habe aber weniger Zeit- wofür das Ganze?

Mir scheint, der Weg der Künstler ist der Beste: Freie Entscheidung, freies Leben, selbst den Rhythmus zu bestimmen. Nur blöd, dass die Kunst meistens so wenig Geld bringt. Zumindest die schreibende und von Verlagen, Auftritten und Konzernen unabhängige. Aber auch das ist nur ein Märchen, wenn man daran glaubt. Wenn man an das gute Märchen von dem Helden und der Prinzessin im Sonnenuntergang zumindest mal träumen kann, sollte das nicht das Problem sein. 😉

Die Freiheit beginnt und endet wieder in meinem Kopf. In meinen Entscheidungen. In meinen Gedanken. In meiner Phantasie. In meinem Streben, meinen Interessen und den Träumen.

Bin ich ein Spießer? Oder habe ich den Mut, etwas neues zu machen?

Ich liebe die Freiheit!

Und damit kommen wir zum nächsten Lied…

9 Gedanken zu „Routine“

  1. ich mag noch darauf hinweisen, dass es in der letzten Zeit Probleme mit dem Kommentieren gegeben hat. Wenn ihr kommentieren wollt, dann notiert das Gesagte bitte vor dem Abschicken in die Zwischenablage (Strg+C bei PC) !! Sonst könnte es im schlimmsten Fall weg sein und nur ne öde Fehlermeldung kommen. Vielen Dank! Julia

    ps: Ich warte noch, bis mein privater Systemtechniker vorbeikommt und die Sache endlich mal in Gang bringt..#hilflos #lieb guck 🙂

  2. Da erzähl Du mir mal noch, dass ich ne lyrische Ader hätte.
    Das ist ein schöner Tagebuch-Eintrag von Dir, den ich nicht kommentieren möchte.

    Wirklich genial finde ich, dass der Song von Jeff Buckley fast haargenau der Länge entsprach, wie ich auch für das Lesen benötigte.
    Ich finde, dass ist eine großartige Unterstützung um einen Text durch Audio noch zu unterstützen oder gar zu verstärken (nicht, dass ich das nicht auch schon selbst genutzt hätte 🙂 ).
    Und während ich hier kommentiere, dudelt Sia.
    Leider ist sie zu kurz oder ich zu lang. 😆

  3. ps: Ich wäre nicht J.A. wenn mich der Text nicht auch noch zum Nachdenken über post-kapitalistische Arbeitsstrukturen bringen würde, aber das kann noch etwas dauern… erst Gefühl, dann wieder Intellekt, dann wieder Gefühl…

  4. Mein Alltag ist alles andere als routiniert. Das liegt v.a. daran, dass ich keinen festen Schlafrhythmus habe. Zur Zeit bin ich z.B. meistens nachtaktiv, aber das kann sich innerhalb von einer Woche wieder komplett umstellen.
    Insofern glaube ich nicht, dass Abwechslung etwas mit Geld oder Zeit zu tun hat. Zeit haben wir sowieso alle gleich viel und ich bezweifle, dass Geld bei mir größere Auswirkungen auf meinen Tagesablauf hätte.
    Routine kann nützlich sein, weil sie einem hilft, Gewohnheiten zu festigen. Ich sehe sie nur dann als Problem, wenn sie dazu führt, dass man etwas tut, was man eigentlich nicht tun möchte.

    OT: Warum hast du eigentlich die Domain gewechselt und nicht nur den Server?

  5. Hallo Julia,

    erstmal Glueckwunsch zur neuen Domain (gratuliert man dazu? Und wenn man den neunen Domainbesitzer trifft: schenkt man ihm/ihr dafuer eine Flasche Wein oder eine rote Nelke, oder ist ein anerkennender Schlag auf den Ruecken ausreichend? Die Sitten in der virtuellen Welt sind noch nicht so ganz entwickelt). So (Schalte jetzt zu dem einzigen Lied von Buckley, dass ich auf der Festplatte habe). Deine Probleme mit den Routinen, die aus dem gesellschaftskompatiblen Leben resultieren, kenne ich sehr sehr gut. Post-kapitalistisch wuerde ich das nicht bezeichnen. Diese Phase kommt noch und ist wahrscheinlich naeher denn je. Bloss fuerchte ich, dass es in dieser Phase nicht einfacher wird. Mit dem Postkapitalismus wird nicht das Paradies beginnen, glaube ich. Wir werden haerter schufften muessen fuer weniger Geld, aber dieses Geld wird echteres Geld sein, als das heutige. Doch zurueck zu den Routinen. Ich hasse sie auch diese Momente, in denen ich wie eine Maschine reagiere. Einrpogramierte Bewegungen ausfuehre in einer klar definierten Zeit. Doch ich mag es diese Routinen dadurch zu unterbrechen, in dem ich mich selbst beobachte, wie ich das Teewasser anstelle, die Dusche justiere oder den Abzug betaetige. Dieses Trennen von Geist und Koerper ist ein nettes Spielchen, dass die Routine durchbricht.

  6. @ Alice:
    In meinem Artikel habe ich vielleicht etwas übertrieben formuliert, um es besser ausdrücken zu können.. Es war ein privater, emotional basierter Eintrag. Ich habe mir vorgestellt, wie es weitergehen könnte, wenn ich meine jetzige Arbeit in diesem Stil fortsetzen würde. Da mein Mann zur Zeit noch im Wechselschicht-Betrieb arbeitet, wechselt sich unserer Rhythmus sogar sehr oft, wir essen und schlafen z.B. zu unterschiedlichen Zeiten, aber dennoch ist es so, dass sich der Körper das Gleichmaß und die Routine beinahe wünscht. Zu Abend esse ich trotz aller Schichtwechsel fast immer zwischen 18 und 19 Uhr, danach – auf Grund der Verdauung- fast immer fernsehen, nur um ein Beispiel zu nennen. Wahrscheinlich liegt so was am Biorhythmus des Körpers. Mit „Abwechslung durch Geld“ meine ich Dinge wie Urlaub, Reisen und Freizeitaktivitäten, die viel Geld kosten. Auch habe ich zunehmend das Gefühl, dass man die meisten Freunde und Kontakte nur bekommt und halten kann, wenn man einen bestimmten Beruf arbeitet oder bestimmte Statussymbole vorzeigen kann. Sicherlich sagen viele Leute, dass ihnen das Äußere nicht so wichtig ist, aber wie die Menschen dann wirklich entscheiden und heimlich denken, ist eine andere Sache. Ich möchte mit diesem Text auf den Punkt hinweisen, dass die soziale Ungerechtigkeit dadurch entstehen kann, dass Personengruppen mangels Geld von bestimmten Aktivitäten ausgeschlossen werden. Dies ist sehr kompliziert und auf jeden Fall noch Stoff für weitere Texte.

    Wegen des OT: die Domain hab ich gewechselt, weil das „JA-Blog“ besser zum Blog passt als der alte Name (julia-adriana). Zudem möchte ich den Eindruck vermeiden, dass es hier nur ausschließlich um weibliche Themen geht und ich nicht in der Lage wäre, objektiv zu schreiben (du weißt schon, die Schubladen gehen bei manchen Leuten sehr schnell auf und nur sehr schwer zu). Außerdem verbinde ich die alte Domain mit Inhalten und Themen, zu denen ich nichts mehr schreiben werde. Ich will einfach einen Neuanfang.

    @ Stephan: Es ist so, dass ich am Computer wie in einem Flow-Erlebnis drinstecke, und ganz begeistert davon bin. Die lästige Routine, auf die Toilette zu müssen oder einen Kaffee zu machen unterbricht dann meinen Arbeitsfluss und vielleicht ist das das Problem?

    Wenn ich mal wirklich Abwechslung und einen frischen Kopf brauche, gehe ich lieber raus, in die Sonne, mache Gartenarbeit oder gehe ganz weg, z.B. zum Einkaufen. Das hilft eigentlich immer. Andere Leute sehen, sich bewegen.. wenn man dann zurückkommt, fließen die Ideen wieder.

    Gratulieren brauchst du mir nicht, es reicht, wenn du weiterhin kommentierst. 😉

  7. Die lästige Routine, auf die Toilette zu müssen oder einen Kaffee zu machen unterbricht dann meinen Arbeitsfluss und vielleicht ist das das Problem?

    Frueher habe ich das auch so empfunden. Heute sehe ich diese Unterbrechungen als willkommene Pausen. Wenn der Fluss stockt, kann ich fuer einen Kaffeefilterwechsel meine Gedanken schweifen lassen, und wenn ich mich wieder an den Rechner setze, fliesst der Strom wieder.

    Gratulieren brauchst du mir nicht, es reicht, wenn du weiterhin kommentierst. 😉

    Okay. Bei einem neuen Nachbarn muss man ja schon mal mit Salz und Brot aufkreuzen. Praktisch, dass das virtuell einfacher ist 😉

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