Rezension: Little Children

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Aus einer ganz anderen Sparte der Erzählkultur stammt „Little Children“, ein amerikanischer Film aus dem Jahre 2006 nach einer Romanvorlage von Tom Perotta. Die Angaben zum Film sind auf Wikipedia recht umfangreich, so dass ich mir diesmal eine zu umfangreiche Inhaltsangabe ersparen werde. In kurzen Worten: Der Film illustriert auf eine eindringliche Weise das Alltagsleben von verschiedenen Menschen in einem amerikanischen Vorort. Dabei stehen vor allem die verheiratete Literaturwissenschaftlerin Sarah (gespielt von Kate Winslet) und der noch ohne Jura-Abschluss harrende, aber ebenfalls verheiratete Brad Adamson (Patrick Wilson) im Vordergrund der Geschichte.

Die beiden finden durch ihre Kinder zueinander, Sarah hat ein kleines Mädchen und Brad einen Sohn im gleichen Alter. Der Spielplatz und das Schwimmbad sind ihre Orte der Begegnung. In einer sehr langsamen, aber detailverliebt ausgearbeiteten Erzählweise kommen sich die beiden immer näher und erkennen, dass es in ihrem Leben viele Gemeinsamkeiten und auch viele ähnliche Probleme gibt. So sind beide nicht so recht glücklich in ihrer Ehe und vermissen die Romantik sowie das Familienleben. Ihre Partner sind jeweils berufstätig und haben kaum Zeit für sie oder die Familie. Vor allem die strenge Frau von Brad, Kathy (gespielt von Jennifer Conelly) beobachtet das Leben ihres Mannes argwöhnisch und erwartet, dass dieser bald sein Anwalts-Exam ablegt. Sie hat in der Beziehung die Hosen an und macht ihm z.B. Vorschriften in Bezug auf das Geldausgeben. („Muss diese Ausgabe wirklich sein?“, schreibt sie mit schnellen Buchstaben auf die Kontoauszüge, die er am Mittagstisch hervorkramt)

Brad befindet sich aber eher in einer selbst gewählten Zeitschleife aus ewiger Jugend und Freiheit und macht keine Anstalten, in ein geregeltes Berufsleben einzutauchen. Lieber beobachtet er stundenlang jugendliche Skater und erinnert sich an die Zeit, als er 16 war und ähnliche sportliche Ambitionen hatte. Auch die Einladung zum abendlichen Football-Spielen mit der Freizeit-Liga von Polizisten kann er nur schlecht ausschlagen. Hier findet er neue Freunde und eine ihm sehr angenehme Freizeitgestaltung.

Das Leben von Sarah läuft ähnlich desillusioniert ab: Mehr schlecht als recht quält sie sich durch die Gespräche mit anderen Vorstadt-Müttern auf dem Spielplatz und nur halbherzig hört sie ihren Freundinnen zu, wenn diese sie über ihr Privatleben oder Gefühle auszufragen versuchen. In einem Literaturkreis fühlt sie sich zwar als Expertin geschätzt, aber in Bezug auf ihre Meinung und wahre Ansichten dennoch ausgeschlossen. So sind die meisten Frauen in ihrem Umfeld spießiger und konservativer als sie, wodurch sie keinen Anschluss findet.

Nur in den halbwegs offiziellen Treffen mit Brad geht sie völlig auf und findet Zufriedenheit. Das kommt vor allem daher, weil die Chemie zwischen den beiden stimmt und sie sich von Anfang an gut verstehen. Nach einiger Zeit kommt es, wie es kommen muss und die beiden fangen auch eine sexuelle Affäre miteinander an, die sie am Anfang noch gut verheimlichen können.

In einem alternativen Handlungsstrang wird die Geschichte des Sexualstraftäters und „Kinderschänders“ Ronnie ((eigentlich mehr ein Exhibitionist, im Film wird er aber als grauenhaftes Monster dargestellt)) erzählt, der wegen guter Führung und angeblicher Heilung aus dem Gefängnis entlassen wurde. Im überschaubaren Vorort wird er sofort gemobbt und eine selbst ernannte „Bürgerwehr“ hängt überall Plakate mit seinem Gesicht auf und warnt die Bevölkerung vor seiner Anwesenheit.

Die Bürger reagieren -wie nicht anders erwartet- sehr neurotisch und überzogen und können kaum mit diesem Menschen umgehen. Als er einmal – natürlich ohne Erlaubnis- im vollen Schwimmbad auftaucht und mitten unter den vielen Kindern schnorchelt, reagieren sie auf ihn wie auf den weißen Hai und rennen kreischend zu ihren Kindern und ziehen sie schnell aus dem Wasser. Als Ronnie von der Polizei rausgeholt wird, meint er nur trocken „dass er sich nur etwas abkühlen wollte“. Sein Verhalten wird hier mit dem Verhalten der Gesellschaft gespiegelt und nicht selten erkennt man die Neurosen und Krankheiten eher in den Menschen, die ihn verurteilen, als in ihm.

Die Geschichte um Ronnie erweist sich im Verlauf der Geschichte als tragender (bis tragischer) Handlungsfaden und wird an vielen Stellen weitererzählt. Es geht um Wesentlichen darum, wie die Gesellschaft mit ihm umgeht und schwierig es auch für ihn selbst ist. Er wird hauptsächlich als Mutter-Söhnchen mit einer verkorksten Kindheit und einem starken Ödipus-Komplex dargestellt.

In einem handfesten Streit eines übereifrigen Bürgerwehr-Aktivisten und der Mutter von Ronnie stürzt diese und stirbt schließlich im Krankenhaus.

Damit verliert er seine einzige und letzte Bezugsperson und flieht auf einen Spielplatz… (der Schluss wird nicht verraten!)

‚Little Children‘ ist ein Film, bei dem die offene und literarische Erzählweise besonders hervor sticht. So gelingt es dem Regisseur Todd Field hervorragend, sich nicht auf starre oder vorhersagbare Geschehnisse und Charaktere festzulegen, sondern alles bleibt gleichsam in der Schwebe. Es gibt in diesem Film kein Gut oder Schlecht, sondern einfach nur Menschen mit Gefühlen und jeweils ganz eigenen Problemen. Durch die satirische Perspektive ist der Film lustig, zeigt aber auch die Probleme einer allzu engstirnigen und vorurteils-lastigen Gesellschaft. Da ist einmal die Pflicht der Eheleute treu zu sein und ihr Verhältnis zu verschweigen, da leidet der Ehemann unter Sexualstörungen und lebt sich stundenlang auf Pornoseiten aus, da ist der geächtete Kinderschänder, der traurige Polizist, der wegen einem Fehler aus dem Dienst ausgeschieden ist und da ist Brad, der ewige Junggeselle und das große Kind, das einfach nicht erwachsen werden will.

Mittendrin die traurige Ehefrau Sarah, die ihren Träumen von sexueller Freiheit und einem romantischen Leben nachhängt, wie sonst kaum jemand in ihrem Umfeld.

Gespielt sind die Charaktere hervorragend, vor allem Kate Winslet ist die Rolle wie auf den Leib geschneidert. Patrick Wilson spielt den jungen Burschen ebenfalls überzeugend und kann die Ironie seines Charakters sehr gut darstellen. Die Rolle für den Kinderschänder Ronnie hätte von Jackie Earle Haley nicht besser besetzt sein können. Wenn man in die Augen der strengen Ehefrau Kathy (Jennifer) blickt, glaubt man beinahe Nelly Furtado vor sich zu haben. Die strenge Interpretation einer selbstbewussten amerikanischen Karrierefrau setzt sie sehr glaubwürdig um.

Einzig die Nebenrollen verblassen vor dem Hintergrund der anderen, starken Charakterrollen. Der Fokus liegt eindeutig auf diesen drei, vier Personen.

Interessant ist, dass es in diesem Film kein richtiges Ende gibt und der Zuschauer sich selbst denken muss, wie es nun weitergeht. Das ist ein interessanter Regie-und Drehbuchtrick und verstärkt die insgesamt wertungsfreie Erzählweise von ‚Little Children‘.

Fazit

Der Film versetzt den Zuschauer in eine ständige Mischung aus Anspannung, Humor, Traurigkeit und Rätselraten über den weiteren Verlauf der Geschichte. Die Nuancen dieser Emotionen sind fein gewählt, was die Klasse dieser filmischen Sozialkritik ausmacht.

In wenigen Szenen und Einstellungen sagt der Film mehr über die amerikanische Gesellschaft und Vorstadt aus, als es zwanzig gut recherchierte und nüchterne Bücher könnten. Die Geschichte wirkt authentisch, wenig konstruiert und ihre Komik spricht aus der Komik des Lebens.

Die Emotionen, die der Film vermittelt, sind die wahre Essenz des Films und die jeweils anklingende unterschwellige Kritik, die man sehr authentisch wahrnehmen kann. In seiner Zartheit ist der Film eindrucksvoll, in seiner Struktur ist er ein Stückchen verfilmte Literatur. Mit hat vor allem der Erzähler aus dem Off gefallen und damit ein wenig an die „Sex and the City“ oder „Desperate Housewife“ -Geschichten erinnert.

Für Freunde von romantischen Liebesgeschichten und Anhänger von filmischer Satire ist ‚Little Children‘ daher ein absoluter Movie-Tipp!

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