Reportagen über das Grauen

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In den letzten Artikeln habe ich öfters über Krieg und traurige Themen geschrieben- etwas, das vielleicht nicht so gut in den fröhlichen Frühling passt. Dieses Gedanken-Schwerpunkte entwickeln sich meistens aus sich selbst heraus, wie ein melodisches Motiv, das man am Klavier improvisiert, entwickeln sich diese gedanklichen Motive von sich heraus und meistens auch ein Eigenleben. Wenn ich so ein Thema habe, muss ich nicht viel mehr machen, als diese Gedanken dazu einfach aufzuschreiben, die Kreativität kann man in diesem Moment nicht wirklich erzwingen, aber es ist gut, wenn man sie zulässt und alles Gute wie Schlechte (im Kopf) einfach fließen lassen kann.

Auslöser waren sicherlich auch die beiden fabelhaften Reportagen, die es zu diesem Thema letztens im Fernsehen gab und natürlich die aktuellen Geschehnisse rund um die Bundeswehr in den Nachrichten.

Einmal die sehr gut gemachte Reportage über das Privatleben rund um die Person Hitler. Eine Sache, die ich mir zunächst nicht anschauen wollte, da ich dahinter vermutete, dass man den Diktator einfach nur in einem menschlicheren oder besseren Licht erscheinen lassen wollte. Ansätze dazu gab es ja in dem Film „Der Untergang“ bereits und ich bin dem Ganzen doch eher skeptisch gegenüber eingestellt. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass man vor lauter Vermenschlichung die wahren Taten vergisst und die Gräueltaten die unserem Land geschehen sind, vergessen oder moralisch aufweichen wird.

In der eindringlichen, fast vierstündigen Reportage, die komplett ohne Werbeunterbrechung auf dem Privatsender VOX ausgestrahlt wurde, kam aber ein ganz anderes Bild zum Vorschein und zum Glück kein weiches, beschönigtes, sondern ein brutal verstörendes- ganz so wie man es von dieser Person erwarten konnte.

Die andere Reportage ist die fünf-teilige Reihe über den zweiten Weltkrieg
u.a. vom Österreicher Andreas Novak- dieser hat auch schon eine sehr gute Reportage über den ersten Weltkrieg gemacht, die ich auch im Blog schon vor ein paar Monaten rezensiert habe.

Der Abschluss dieser fünf-teiligen Reportage ist übrigens am Sonntag, dem 11.04.2010 auf 3Sat zu sehen.

All diese furchtbaren Bilder über den Krieg, all die Augenzeugenberichte, alle geschichtlichen Notizen und überlieferten Fakten, vermischt mit den aktuellen Geschehnissen und den Bildern der Gegenwart: Was für ein Bild ergeben sie in meinem Kopf, zu welchen Schlüssen komme ich?

Ist der zweite Weltkrieg, genauso wie der erste, eine absolut einmalige Sache, ein Ausrutscher in der Geschichte und wird so etwas nie wieder passieren? Haben wir Deutsche eine Kollektivschuld, oder war es nur das böse Männlein aus Österreich, dieser künstlerisch mäßig begabte und stets Sinn- suchende Hitler allein, der schließlich das Volk in sein Verderben geführt hat?

Es sind so viele widersprüchliche Fragen, soviel ungeklärtes und letztendlich liegt auch schon viel Zeit zwischen diesen Geschehnissen. Umso wichtiger finde ich aber, dass man sich auch als junger Mensch (und damit meine ich alle Menschen von 16 bis 40) aus einer kriegsfreien Generation und nur den Luxus und Überfluss kennend, damit beschäftigt und daraus lernt.

Gestern wurde z.B. der Schwerpunkt über die Konzentrationslager und medizinischen Versuche der Nazis gezeigt. Erschreckend, was für ein unmenschliches Menschenbild in ihrer Ideologie herumspukte- sie teilten die Menschen in Über- und Untermenschen auf, und jeder der nicht zur Gruppe der Arier, der Privilegierten und den Starken gehörte, wurde getötet, vernichtet, vergast.

Als schaurigen Höhepunkt hat man Ausschnitte aus den Menschenversuchen gezeigt, die mit den Gefangenen gemacht wurden. Die, die sowieso „aussortiert“ wurden, hat man als medizinisches Material, für grausige Versuche zu Wundheilung, Über- Unterdruck, Erfrieren, Ertrinken, usw. durchgeführt, angeblich zu Forschungszwecken für das Militär.

Die medizinische Forschung als Selbstzweck, die kalte Wissenschaft, frei ohne Herz und Moral – eine Horrorvorstellung, die auch heute noch im Raum steht, denkt man an die Versuche mit Gentechnik und den anderen Bestrebungen immer perfektere, gesündere und „schönere“ Menschen zu schaffen.

Zu dieser Zeit kursierten die abenteuerlichsten, wissenschaftlichen und „kulturellen“ Begründungen dafür und ein ganzes Volk glaubte blind den Aussagen aus den damals noch neuen Medien wie z.B. Radio und Schwarzweiß-Fernsehen.

Sieht man von dieser Anfälligkeit und dem Unvermögen der überrumpelten Menschen ab, die das neue Medium mit sich brachte, bleibt aber noch die kritische Bewertung jedes Einzelnen.

Ich frage mich zum Beispiel: Wie konnte man ein ganzes Volk derart verführen und in den Verderb treiben und wie war es möglich, dass solch augenscheinlich menschenverachtende und bizarre Denkweisen, wie sie von den Nazis verbreitet wurden, auf derart fruchtbaren Boden fallen konnten? War es das traumatisierte Land, dass tiefe Wunden im Selbstbild und in der gesellschaftlichen Struktur durch die Niederlage im ersten Weltkrieg erlitten hatte? Oder eher die wirtschaftliche, schlechte Lage, die Massenarbeitslosigkeit und die vielen Kriegs-Veteranen, die nun keine Aufgabe mehr hatten und frustriert und gewaltbereit auf die Straßen drängten?

Jeder Soldat, jeder der sich zur SS gemeldet hat, jede Frau die zu ihrem Mann nur geschwiegen hat, jeder Arzt im Krankenhaus, der sich an Versuchen und „Experimenten“ beteiligt hat und Millionen von Menschen, die aus Angst keine Stimme erhoben, all diese haben dazu beigetragen, dass Hitler eben nicht schon am Anfang gestürzt wurde oder für einen Spinner erklärt wurde, was er ja augenscheinlich gewesen ist.

Und ich finde, an dieser Stelle kann man schon von einer Kollektivschuld reden und dass sich unsere „Nation“, unsere Vorfahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, was diese Zeit anging.

Wo waren z.B. die Intellektuellen? Im ersten Weltkrieg haben sie ja zum Teil sogar der Kriegsbegeisterung Vorschub geleistet. Und im zweiten Weltkrieg? Die, die konnten, haben sich wahrscheinlich schnell abgesetzt, weil sie ja auch politisch verfolgt wurden.

Und mit dem Auslöschen der kritischen Stimmen waren irgendwann nur noch die Schäfchen übrig, die wenig gebildeten, ideologisch empfänglichen, die man ohne Probleme zu jedem erdenklichen Unheil verführen konnte.

Man kann sicherlich nicht jeden über den Kamm scheren: Es gab sicherlich verbohrte, weniger verbohrte, es gab welche die auf der Kippe standen und es gab sicherlich auch Regime-Gegner oder gar geheime Widerständler (Stauffenberg, z.B.)

Dennoch hat sich die Diktatur in Deutschland festgesetzt und die ganzen Errungenschaften einer Zivilisation, alle Grundwerte, humanistischen Ideale, und frommen Menschenbilder hatte man von 1933 bis 1945 systematisch und mit deutscher Gründlichkeit zu Grabe getragen.

Wenn man sich aus der heutigen Perspektive diese Reportagen über den zweiten Weltkrieg anschaut, dann erscheinen sie manchmal derart bizarr und weltfremd, dass man meint, man würde einen schlechten Spielfilm oder eine erfundene Doku über Aliens auf unserem Planeten anschauen.

Ein Großteil der Menschen hat wirklich gedacht, dass es Untermenschen gibt, die nichts anderes als die Vergasung verdienen. Oder die Einstellung gegenüber Kranken, körperlich und seelisch Behinderten: Wer nicht mitmachen konnte, wer keine Produktiv-Kraft im System „Deutsches Reich“ war, wurde gnadenlos aussortiert.

Und jetzt die Parallelen zu heute: Hat man mit den Hartz IV-Empfängern nicht auch unlängst ein modernes Feindbild geschaffen? Eine „Gruppe von Aussätzigen, System-Zersetzern, die dem Gemeinwohl schaden und nur wie die Banditen auf unserer Tasche liegen“? Das Gleiche hat man über die Polen gesagt, die Untermenschen deren Land man stehlen wollte, weil der eigene Machthunger zu groß geworden war… der schaurig-blecherne Ton aus der damaligen Wochenschau beweist diese Denkweise.

Was ist mit den Westerwelles und Sarrazins unserer Zeit? Bedienen sie sich nicht genau dem gleichen Populismus und der menschenverachtenden Rhetorik, die schon mal das Ende von Millionen Unschuldigen bedeutet hatte? Die Denkweise, das Schema ist immer das Gleiche: Dem Volk, der Wirtschaft geht es schlecht, ein Sündenbock wird gesucht, anstatt die Ursachen und Probleme zu lösen. Der Sündenbock muss es ausbaden, der Volkes Zorn ist entbrannt, die Stimmung kippt, die humanen und moderaten Stimmen werden zur Seite gedrängt.

Diese Gefahr steht immer im Raum, auch heute, und bedarf daher der Achtsamkeit und des Widerstands von allen Menschen, die sie nicht wieder eine solche ideologische Eskalation wünschen und sich für ihr Land (im Guten!) verantwortlich fühlen.

Der zweite Weltkrieg und das Nazi-Reich sind zwar lange her und es scheint uns alles nicht mehr zu berühren. Vor allem als junger Mensch hat man oft besseres zu tun, als sich alte Schwarz-Weiß Aufnahmen anzusehen und in der Vergangenheit zu wühlen.

Aber der Völkermord an Millionen und das Sterben unserer Vorfahren und Nachbarn auf den Schlachtfeldern, sind ein Mahnmal, ein Erinnern, dass wir niemals vergessen oder verharmlosen dürfen.

Und daher ist es gut, dass es solche Reportagen gibt.

2 Gedanken zu „Reportagen über das Grauen“

  1. Nun, so ist es:
    http://bewusst.tv/themen/thema4-politik/96-ivette.html
    Und Alle schauen zu und warten nur auf den Auslöser! Sarrazin, Westerwelle und das Vidieo, zeigen auf, wie verkommen die Politik ist. Dazu kommen noch ein paar Unglücksfälle, die man wieder jemanden in die Schuhe schieben kann, und schon ist der Krieg gerechtfertigt!

    Von Disziplin und Vaterlandsliebe kann man da nicht erwarten, daß sich in dieser Welt jemand gegen den Wind stellt!

    Allein schon die Menge des gespendeten Geldes, wird statt Not zu lindern, in Haiti, wieder für den Aufbau eines weiteren korrupten Systems verwendet! Tsunamie, was brachten die Spenden den Menschen? Oder Deutschland, was brachten die Versprechungen an die Vertriebenen? Ja, es wird Zeit einmal nachzudenken, wer hier wirklich das Sagen hat!
    Und wer beschützt nun das eigene erwirtschaftete Eigentum der Familien? Doch nicht der Staat, doch nicht die EU oder die UNO, nein, es ist und bleibt so, durch Diebstahl wird man reich und Politiker!

  2. Hallo,
    erstmal danke für deine Meinung und den Kommentar.

    Ich habe mir dieses Video angeschaut, aber nach zehn Minuten war mir immer noch nicht so ganz klar, warum es eigentlich ging. 😉

    Kannst du vielleicht bitte in kurzen Worten nochmal erklären, was genau die Aussage dieser Frau war?

    Soweit ich mitbekommen habe, hat sie eine Strafanzeige oder sowas bekommen, bei der sich jemand auf altes Recht bezieht. Danach hat sie Recherchen angestellt und festgestellt, dass sie als Polizeitbeamtin nach der Rechts-Ordnung der Allierten beschäftigt ist?

    Aber was genau bedeutet das für ihren Dienst und welche Schlüsse zieht sie daraus?
    Und: hat das Ganze eine wirkliche juristische Grundlage oder ist es nur an den Haaren herbeigezogen?

    Vielen Dank und mfg,
    Julia (J.A.)

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