Psychologie der Wirtschaftskrise und Normalität

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Gestern habe ich mir zwei Podcasts aus dem HR2 Funkkolleg zum Thema „Psychologie“ angehört: Einmal „Psychologie in der Wirtschaftskrise“ und „Was ist normal“.

Der erstere war eine ausführliche Podiumsdiskussion zwischen drei Psychologen (zwei Männer, eine Frau) und der Talkmasterin, die immer wieder die Diskussion durch gezielte Fragen anregte.

Interessant fand ich hier vor allem den Punkt, dass wir in der Wirtschaftskrise die Probleme zumeist individualisieren, d.h. Schuldige suchen (z.B. die Banker) und uns dann vor den nötigen Konsequenzen oder gar dem Hinterfragen des ganzen Systems drücken. Denn man vergisst gerne, dass die Konsumblase und die unerträgliche Gier nach Macht, Reichtum und äußeren Werten keine Sache von Einzelnen ist, sondern etwas, dass mehr oder weniger jeder Mensch in sich trägt. Mein Beispiel dazu: Wer sich ein zu großes Haus kauft, es dann aber nicht bezahlen kann, handelt genauso „schlecht“ wie der Banker, der diesen faulen Kredit nun an andere verkauft oder das Risiko zu streuen versucht. Oder die Gier nach neuen Autos, neuen Handys, usw. führt dazu, dass immer mehr produziert wird und der Wirtschaftskreislauf überhitzt und nur eine Richtung und ein Ziel kennt. Sollte die Wirtschaft nicht einfach im Dienst der Menschen stehen, anstatt nur dem Reichtum und dem grenzenlosen Wachstum alleine geschuldet zu sein- war die berechtigte Frage.

Die Diskussion ist schon ca. ein Jahr alt und vor der letzten Bundestagswahl entstanden. Damals waren die Folgen für den Arbeitsmarkt noch nicht abzusehen, aber man rechnete allgemein mit einem rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit- wie es ja dann in an anderen Ländern auch passiert ist, aber dank der flexiblen Arbeitsmarktgesetze in Deutschland (noch) abgefedert wurde.

Dazu kamen dann die Fragen und Erörterung, wie Menschen persönlich mit dem Thema „Arbeitslosigkeit“ umgehen können und wie daraus paradoxe und gegenläufige Situationen entstehen: Beispiel: Vom Arbeitslosen (der in den Augen der Gesellschaft zumeist irgendwie „schuldig“ erscheint) wird erwartet, dass er eine Arbeit aufnimmt und großes Engagement dabei zeigt. Wenn er bei diesem Bemühen aber zu forsch vorgeht und dann hinterher nur enttäuscht wird, ist die anschließende Frustration (und damit die bevorstehende Depression) viel stärker, als wenn er von Anfang an sein Bemühen und die Forderungen an sich selbst herunter schraubt! So können dann ungünstige Teufelskreise entstehen. Es wurde auch erörtert, wie andere Länder dieses Thema besser in den Griff bekommen und überlegt, warum die allgemeinen Zufriedenheitswerte in nordischen Ländern oft besser als bei uns sind. (In Deutschland geben nur 12 % der Menschen bei Befragungen an, vollständig und in jedem Lebensbereich glücklich zu sein).

Insgesamt hat der Podcast viele interessante Aspekte der Krise aufgezeigt, und obwohl die beteiligten Personen eher als „fachfremd“ einzustufen waren, ergaben sich neue und interessante Sichtweisen.
……….

Schon etwas müde wegen der späten Stunde, habe ich mir dann noch „Was ist normal“ angehört. Die Essenz dieses Podcasts ist, dass jede Gesellschaft Normen hervorbringt, die tlw. übermächtig werden und die nötigen Variationen des Lebens unterdrücken. Auch wenn in der gaußschen Normalverteilung die Mitte als „Normal“ gilt, so ist es aus statistischer Sicht auch normal, am Rand zu stehen, d.h. „unnormal“ zu sein. (Denn wir definieren „normal“ im Alltagsdenken ausschließlich als „im Zentrum gehäuft“). Heterosexuelle Menschen sind normal, weil die meisten so sind. Haben wir das Recht dann Homosexuelle zu verurteilen, nur weil sie ein bisschen anders sind? Und doch geschieht es täglich und die Denkweise ist oft einseitig.

Fazit ist: Wir brauchen unnormale Menschen genauso wie normale, denn die Evolution funktioniert nach diesem Prinzip. Die Gleichschaltung der Menschen und Denkweisen über künstliche Normen ist in erster Linie ein kulturelles Produkt und nicht immer von Vorteil. Normalisieren heißt im Grunde nur „vereinfachen“ und somit dem Leben gedanklich seine Komplexität zu entziehen (die aber in der Realität bestehen bleibt).

Was mich dann auf Twitter noch zur Erkenntnis brachte, dass es viel zu wenige Blogs gibt und dass ich meistens auf die gleichen Blogger und Twitterer stoße- was ja nicht schlimm ist, aber bei 80 Millionen Einwohnern in Deutschland doch etwas verwunderlich. Müsste es nicht eine viel größere Vielfalt der Meinungsmacher geben? Und warum bewerten wir Blogs nach den Top 100, wenn nicht jeder Mensch gleich wertvoll anzusehen wäre? Warum machen wir Massen-Kompatibilität und was ist mit den Menschen, die in kein Schema passen (wollen) ?

Könnte nicht jeder Mensch Vorläufer und Gründer einer gedanklichen Strömung sein? Warum gibt es immer so wenige, die den Ton bestimmen und was ist mit dem ganzen Rest?

Auf der anderen Seite bieten Normen auch Sicherheit und Orientierungsanker in einer schnellen und veränderlichen Welt. Normen können sich je nach Kultur und Strömung rasch verändern, besonders wichtig sind hier auch die Normen für Rollenbilder.

Normen können zu Erfolg u. Anerkennung führen, z.B. wird ein aus anderen Gesichtern am Computer zusammen-gemischtes Gesicht als hübsch angesehen, wenn es die durchschnittlichen Merkmale anderer in sich vereint. Also ist das persönliche Empfinden, was schön bzw. „normal“ ist, eine Wertung, die sehr tief in uns sitzt und teils auch unbewusstein Einfluss ausübt.

Ein Gedanke zu „Psychologie der Wirtschaftskrise und Normalität“

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