Profanität und Distanz

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Zurzeit blogge ich ja überhaupt nicht. Es ergibt sich einfach nicht mehr. Jedes Mal, wenn ich Lust auf Kreativität habe, lenke ich meine Energie in ein anderes, ein „neues Hobby“. Und , was soll ich sagen? Es funktioniert. Dem Gehirn ist es anscheinend ziemlich egal, ob es nun schreibt, malt, designt, sich komplexe Strukturen ausdenkt, etwas erfindet, fotografiert, oder was auch immer! Das, was ich in mein Gehirn hineingebe, das kommt auch zurück. Wie eine bestimmte Muskelgruppe, die man mal mehr und mal weniger trainiert und die sich dann unterschiedlich „hart“ anfühlt!

Zuerst habe ich gedacht, es ist eine Schreibblockade.. aber das ist es nicht. Ich habe einfach nur keine Lust zu schreiben und gestatte mir die Freiheit mein Hobby so auszuwählen, wie es gerade angenehm ist. Schreiben belastet den Körper und das Gehirn sehr einseitig. Nach einem längeren Text tun mir meine Finger und Unterarme weh und wenn man ansonsten noch viel am Computer arbeiten muss, ist es keine gute Kombination. Die Arbeit gelingt nur, wenn man ausreichende Motivation verspürt, anderen etwas bestimmtes mitteilen möchte (dann geht auch eine Email oder eine SMS) oder einfach besonders Lust auf das Ergebnis hat. Das andere Problem sind die Gedanken: Wenn man zuviel schreibt, splittern sich die Gedanken immer so auf, man gewöhnt sich an, alles über die Sprache und den Text zu sehen. Ich las mal in einem Blog, dass es bei ihm genau anders wäre: Dass das Schreiben hilft, eine einheitliche innere Stimme zu finden, vielleicht ruhiger zu werden oder die Dinge besser zu verarbeiten. Ich empfinde es mittlerweile als umgekehrt: Das Aufschreiben von Gefühlen und inneren Einstellungen, aber auch von Meinungen zu bestimmten politischen Themen beispielsweise macht mich empfindlicher, sensibler. Dort wo ich normal eine dicke Haut habe und alles an mir abprallt, wird diese plötzlich durchlässiger. Ich fange an, mich mit einem bestimmten Problem näher zu beschäftigen. Um darüber sinnvoll zu schreiben, muss ich mich damit beschäftigen. Ich muss mir überlegen, was sich andere vielleicht dazu denken, mich in sie hineinversetzen. Bei einem Politiker oder bei einem Verbrecher muss ich mir überlegen, warum hat er so oder so gehandelt? Wie konnte es zu diesem furchtbaren Terroranschlag kommen? Warum war der Politiker so korrupt? Warum hat er sich nicht anders verhalten? Noch schlimmer ist es bei den sozialen Themen oder den Themen der Ungerechtigkeit: Warum bekommen manche Menschen so einen miesen Lohn? Warum gibt es immer noch soviel Ausbeute und Ungerechtigkeit? Warum sind die Vermögen nicht besser verteilt…. usw.. usw.

Über eine Sache nicht zu schreiben, ist also eine gute Möglichkeit, gleichgültiger, aber auch stabiler zu werden. Man beschäftigt sich einfach nicht damit. Man wird härter, ausgeglichener, ruhiger. Immer die Rolle der allwissenden Retterin zu spielen ist auf die Dauer anstrengend und nicht gut. Im Idealfall könnte man sich eine Sache „objektiv“ anschauen und dann mit der nötigen inneren Distanz schreiben.. wenn man sich die meisten Nachrichten im Internet so anschaut, hat man das Gefühl, dass sie so entstanden sind: Irgendeine DPA-Meldung, mal eben kurz von einem gelangweilten Redakteur „aufbereitet“, d.h. zwei, drei Sätze dazu geschrieben und dann schnell weiter zum nächsten Thema oder gleich in die Cafeteria. Mir kommen diese ganzen Nachrichten-Seiten daher mittlerweile auch so austauschbar und beliebig vor. Sie lesen sich alle gleich. Sie sind ohne Gefühl geschrieben, ohne wirkliche Anteilnahme und ohne subjektive Meinung.

Bei einem Blog ist es genau umgekehrt: Die fehlende Professionalität und Distanz zu einem Thema wird von einer einzigen Person in den Fokus gerückt und der verzweifelte Versuch besteht darin, aus der eigenen subjektiven Perspektive heraus etwas zum großen Weltgeschehen beizutragen. Wenige Leser und wenige Kommentare verstärken dann diesen „Tunnelblick“. Es ist wirklich nur eine Meinung. Eine eigene, eine persönliche. Eine, bei der sich vielleicht was bewegt hat, wo Gefühle im Spiel waren. Aber eben nur eine Meinung. Eine Meinung von einer Frau.. achso.. die sind bekanntlich sowieso viel zu emotional, das kann ja nix werden…

Wenn der Tag dann seinen Gang geht und die Meinung veröffentlicht wurde, brennt sie hinterher noch in einem nach. Das Geschriebene und Gesagte wird vom Gehirn wiederholt.. dessen einzige Aufgabe es anscheinend ist, Muster zu erkennen, zu speichern, zu wiederholen und durch eine tausendfache Verknüpfung und Verwebung mit anderen Mustern einen „Sinn“ zu erkennen, der sich eines Tages in Muskelkraft, also in Taten umsetzt. Einfach nur Hunger haben, zum Kühlschrank gehen, essen ist so eine einfache Kombination. Mit dem komplexen Weltgeschehen eines täglichen News-Rundgangs wird es schon schwieriger. Was soll das Gehirn machen, wenn irgndwo in einem fernen Land eine Bombe hochgeht? Wie soll das Gehirn denken, wenn es davon liest, dass soviele Jugendliche in Europa arbeitslos sind? Welche Handlungsweise ist daraus abzuleiten? Wenn überhaupt, wird kurz darüber nachgedacht und dann zum nächsten Thema weitergegangen. Reizüberflutung ist das Stichwort… die einzige Möglichkeit, mit den vielen Reizen fertig zu werden, ist sie zu filtern. Die Schicht immer dicker werden zu lassen, bis irgendwann, der Hunger… wieder durchkommt oder ein anderes profanes Gefühl, das sich über die schönen, komplizierten aber doch etwas künstlichen Muster der anderen Eindrücke legt..

4 Gedanken zu „Profanität und Distanz“

  1. Hallo Julia,
    danke für den Einblick in deine Schreib- und Denktechnik. Ich bin auch der Meinung, dass es wichtig ist, eine professionelle Distanz zu den Themen und Menschen über die man schreibt, beizubehalten. Schafft man es nicht gehen einem die Dinge zu nahe. Man kann die Welt nicht retten und sie nur in sehr kleinem Umfang (im Privaten) zum Besseren hin verändern. Versucht man es dennoch, besteht die Gefahr, frustriert oder depressiv zu werden, da man fast immer scheitern wird. Ich denke, wenn man Gutes tun will, dann ist es am besten, dies im persönlichen Umfeld zu tun, jeder in seinem Rahmen.
    Meinst du nicht?
    Viele Grüße
    Cathi

  2. Hallo Cathi,

    ich denke auch, dass das „Gute tun“ am besten in der Realität zu Hause ist (also z.B. direktes Umfeld).

    Mit dem Text will ich auch nicht mein ganzes Schreiben an sich beurteilen, sondern einfach nur den Stand der Dinge illustrieren, was das Blog betrifft. Warum ich z.B. eine bestimmte Sache nicht mehr machen will oder auch nicht mehr kann.

    Das Thema Blogs und Schreibmotivation hab ich ja schon sehr lange und egal, wie ich es drehe und wende, es kommt derzeit immer das gleiche Ergebnis heraus. Ich hoffe jedes Mal, wenn ich einen Text darüber schreibe, das sich was ändert. 😉

    Eigentlich wäre es schön, wenn man die Kraft hätte, alleine mit seinen Gedanken die Welt zum Guten hin zu verändern! Wenn man es sich noch nicht einmal vorstellen kann (in der Theorie also nicht existiert), wie soll dann je der Weg in die Praxis kommen können?

    Daher ist die Frage nach dem Schreiben auch eine Frage nach dem Glauben. Wenn man an etwas fest glauben kann, kann man es auch umsetzen… vielleicht kann man auf dem kleinen Feld der Gedanken eine Energie mobilisieren, die man in der Realität nicht hätte. Vielleicht einen Anstoß geben oder weiter unbewegte Materie bleiben.

    Aus dem Grund mag ich persönliche Texte lieber und ich denke, die Blogs bieten eine Chance, das „kalte Weltgeschehen“ mit einer persönlichen Note zu behandeln. Ansonsten ist man ja oft gezwungen, alles passiv zu konsumieren und nur ein Betrachter von allem zu sein. Auch nicht besonders befriedigend.. Mit dem Schreiben kann man sich wenigstens ein bisschen einbringen und etwas zurückgeben.

    Danke für deinen Kommentar und vg, Julia

  3. Ich glaube, Julia, das in blogs mit persönlicher Note, wie deiner, sich Aussagen, Feststellungen und eigene Fragen vermischen und nach eigenen Antworten und Standorten suchen. Auch wenn die Fragen nicht explizit gestellt werden, meine ich, sie zu verspüren.

    Ein kritischer Zeitgeist wie du, glaube ich, braucht eine fundierte und sachliche Diskussion, um in der großen Fülle der Möglichkeiten die eigene Orientierung zu erweitern. Ohne diesen Wunsch nach Erweiterung wäre man Fundamentalist.

    Blogs sind eine von vielen Möglichkeiten. Wenn du andere und bessere hast, nutze die. Wenn nicht, dann bitte – lass deinen Geist nicht schlafen geh`n.

  4. @Menachem
    „den Geist schlafen gehen lassen“ das ist eine schöne Umschreibung… das besondere am Geist ist wahrscheinlich, dass er sich selbst wach halten muss und die vielen Eindrücke von außen oft nur müder machen… manchmal, auch wenn man nicht möchte und dagegen ankämpft, fallen einfach so die Augen zu…

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