Nichts ist jemals wirklich fertig

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Blick aus dem fahrenden Zug auf Schienen und Wolken in der Sonne

Die letzten zwei Tage hat mich eine hartnäckige Virus-Erkrankung, die sehr plötzlich kam, etwas ausgebremst. Pünktlich zum Wochenende standen der Fließschnupfen, die Gliederschmerzen und die allgemeine Schlappheit vor der Tür und haben meinen normalen Plan vom Leben erstmal wieder aus der Bahn geworfen.

Aber habe ich überhaupt ein Plan? Manchmal zweifle ich doch sehr daran, ob ich überhaupt irgendeinen Plan habe. Vor allem, wenn die Schaffens- Energie nach der allgemeinen Flaute wieder frei wird und man sich dann die ewig gleiche Frage stellt „Wo fange ich überhaupt an?“

Ich hab tausend Projekte angefangen und auf sehr viele Sachen paradoxerweise meist gleichzeitig Lust. Meistens fang ich mit einer Riesen-Begeisterung an und mache die Sache dann zwei, drei Tage – bis mich die Motivation fast schlagartig verlässt und ich etwas ganz anderes machen möchte. Und so hangel ich mich von „Projekt“ zu „Projekt“ und nichts wird jemals richtig fertig. Ich erringe überall nur Teilsiege, kleine Fragmente meines Schaffens und sie reihen sich leise nebeneinander, aber doch ohne je richtig beachtet zu werden oder einen messbaren „Erfolg“ zu erzielen. Denn wie definiert man Erfolg im engeren Sinn? Wenn es mir genützt hat, wenn es z.B. im Netz steht und betrachtet werden kann, ist es dann nicht genug? Wenn es jemand gelesen hat, wenn es jemandem den Tag erhellt oder vielleicht sogar verdunkelt, hinterfragt und am Ende geholfen hat? Oder wenn es einfach nur steht, schwarz auf weiß, ohne Ufer, ohne Halt im ewigen Meer der fließenden Bits und Bytes?

Oder muss ich erst Geld dafür sehen, dass es mir etwas „wert“ ist? Muss ich erst ein oder zwei Berichte in der Tageszeitung über mein Schaffen lesen, bis ich mich damit wohl fühlen kann, was ich bin und jeden Tag neu erschaffe?

Nein, das Schaffen ist mir meist genug und das ist in gewisser Hinsicht fatal und einseitig. Wenn es auf der anderen Seite auch sehr zu Zufriedenheit und Ausgeglichenheit führen kann.

Das Schlimme an dieser Selbst-Zufriedenheit ist: In mir ist keine Stimme, die mich dazu zwingt, etwas wirklich zu Ende zu machen. Denn die Dinge haben oft kein Ende, sie entwickeln sich von selbst weiter, sie leben, wenn man sie anfässt und sie sterben, wenn man sie zu einem künstlichen Ende zwingt.

Ich liebe diese angefangen Projekte, bei denen ich jederzeit wieder einsteigen kann, die wie offene Bauklotz-Kisten im Spielzimmer herumstehen, bei Bedarf hervorgekramt und bei Nicht-Gefallen wieder mit einem Fuß unter den Tisch geschoben werden können.

Ob das nun angefangene Bücher sind, bei denen ich mir irgendeinen Plot ausgedacht und Wochen später wieder verworfen, nicht ganz fertig komponierte Musikstücke, verstaubte handgezeichnete Skizzen, Webseiten-Projekte, ein Buch, dass mich kurz in seinen Bann zog- nur um kurze Zeit später wieder von einem Computerspiel abgelöst zu werden, dass dann nie ganz zu Ende gespielt wurde. Alles ist angefangen, nichts ist fertig. Alles steht halbgar, halboffen herum und alles ist jederzeit bereit, mein Leben (und das von anderen) in kürzester Zeit in jede erdenkliche Richtung zu verändern. Für mich ist das echte Freiheit und deswegen kann ich vermutlich nicht davon lassen..

Die ständigen Koch- und Putz- Arbeiten am Haushalt? Sie halten meistens nur ein oder zwei Tage und sind dann im Chaos des Lebens und der Neu-Verschmutzung oder im Angesicht des Aufgegessen-Werdens unwiederbringlich verloren!

Erfrischender und nachhaltiger sind da die Renovierungsarbeiten, die man täglich neu sehen, anfassen und nutzen kann: Jawohl, diese Tür habe ich gestrichen und jeden Tag gehe ich durch sie hindurch. Sie quietscht nicht mehr, da sie geölt wurde. Der Boden strahlt im neuen Glanz, die Gerüche haben sich verändert, die Architektur wurde angepasst.

Ich sehe durch das Fenster und freue mich über die frisch aussehende Fassade, die wir in einem Kampf mit uns selbst vor ein paar Jahren von oben nach unten und unter vielen Schweißperlen und Stöhnen zu Ende gestrichen haben.

Sicher, wenn man hier den Rahmen nur weiter steckt, kommen unweigerlich die Fragen: Wie lange wird das Haus noch stehen? Wird es in 50, 60, 100 Jahren noch in dieser Form existieren?

Wird es dann jemand nützen? Oder steht dann hier ein Supermarkt und das ehemalige Haus wurde abgerissen und der Boden dient den Menschen nun als langweiliger Parkplatz? Ein Parkplatz, wo einst Leben wohnte?

Ist der Rahmen nur weit genug, löst sich letztendlich alles, aber auch alles wofür die Menschen kämpfen, streben und sich sehnen, in Wohlgefallen auf. Das ist wohl das traurige Los des endlichen Lebens in einem unendlichen Kosmos.

Die Kunstwerke, selbst wenn sie schlecht oder unvollkommen sind, haben einen nachhaltigen Wert. Ich kann sie immer wieder herauskramen oder im Blog durchlesen- was ich paradoxerweise selten mache. Meistens schreibe ich irgendwas, was mir gerade in den Sinn kommt und vergesse die alten Texte. Ich bin sogar manchmal sehr erstaunt, wenn ich alte Texte von mir hervorhole und dann merke, wie ich „damals“ gedacht habe- es ist abgeschrieben, nicht mehr in meinem Kopf, zu klein ist der wichtige Speicher des Augenblicks- zu wenig kann er fassen, und das ist vielleicht auch gut so.

Denn wenn uns die biologische Natur schon vorgibt, dass das wirklich wenigste wirklich jetzt ist und so abgeschnitten von den ganzen Hilfsmittel des Schreibens, des Netzes, der Archivierung- was zählt mehr, als der Augenblick, das Sein im Jetzt?

Nur das Jetzt ist wirklich wichtig und nichts ist jemals wirklich „fertig“.

2 Gedanken zu „Nichts ist jemals wirklich fertig“

  1. Wir machen dies, wir machen das. Und doch entscheiden wir uns – oft unbewusst, manchmal bewusst – gegen eine Menge von Dingen und Taten. Somit geben wir unserem Schaffen immer eine Richtung. Oft vergessen wir, wie wir hierhergekommen sind – z. B. wenn wir alte Gedanken im Blog verdrängt haben. Und doch wären wir ohne sie nicht hier. Jeden Tag geben wir unserem Leben und damit unseren kleinen und großen Projekten eine Richtung. Das ist wundervoll, wundervoller als etwas zu beenden.

  2. ..und das ist wundervoll kommentiert, vielen Dank. 🙂

    Du hast Recht, man verändert die Welt auch, indem man gewisse Dinge nicht macht, das ist genauso wichtig, wie sich bewusst für etwas zu entscheiden.

    wenn ich die schlechten Dinge lasse, so bleiben hoffentlich nur die Guten übrig..

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