Moral und Anti-Moral

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Es wird Zeit, mal über die Missbrauchsfälle in der Kirche zu sprechen, die derzeit ununterbrochen durch die Medien geistern. Am Anfang habe ich noch aufgehorcht und mir „Skandal!“ gedacht, mittlerweile hat es aber eher den Eindruck, als ob ein paar Trittbrettfahrer und die Medien auf den Zug aufgesprungen sind und mal wieder eine schöne Sau gefunden wurde, die man durch das Dorf treiben kann. Ohne Frage, was alles passiert ist, ist schlimm und darf gar nicht relativiert werden. Ich möchte auch gar nicht so sehr auf die Details, das Wie, das Warum, Wer hat Schuld, usw. eingehen. Aber die Frage nach der Moral, die interessiert mich als teils philosophisch angehauchte Bloggerin schon ein wenig.

Schließlich sind die Kirchen selbst eine der wenigen offiziellen Instanzen, von denen so etwas wie unumstößliche Moral ausgehen darf. Sicherlich, der Bundespräsident gehört bei uns noch dazu, aber der hält sich meistens zurück und äußert sich nur sehr selten. Viel öfters hört man doch wieder von einer Papst-Rede, von einer Enzyklika, von einem Bischof, der sich zum aktuellen Geschehen äußert. Und nicht zuletzt Menschen, wie die so plötzlich und traurig untergegange Ratsvorsitzende der EKD, Käßmann, sind es, die das öffentliche Denken über Moral, Gewissen, usw. formulieren und aufrecht erhalten. Aber auch Bloggerinnen und Blogger, Kommentatoren in Leserbriefen oder Fernsehsendungen, Meinungen von Redakteuren, selbst Werbebotschaften und Bücher formulieren Tag für Tag „richtige“ Meinungen über die Welt.

Was ist mit der Moral denn so schwer? Früher war es einfach, da haben die Kirchen einen engen Moral-Kodex vorgegeben, an den sich alle zu halten hatten. Je stärker dieser Moral-Kodex aber ist, umso mehr unterdrückt er die natürlichen Bedürfnisse des Menschen.

Das Problem an der Sache ist, dass man mit einer aufgezwungenen, von oben, autoritär aufgesetzen Moral niemals die völlige Freiheit oder Schuld-Absolution des Menschen erreicht. Es ist ein logischer Denkfehler, der im Detail steckt.

Kurz im Anschluss an die ersten Missbrauchsfälle hörte man die kritische Stimme eines Bischofs, der nun angeblich der Meinung war, dass die Art und Weise der sexuellen Revolution, der freie Umgang mit Sexualität in den Medien daran Schuld gewesen sei, dass die Gesellschaft nun verroht und solche Abläufe erst ermöglichten. Genau dieses Denken verkehrt aber die Ursachen in ihr Gegenteil. Es war schließlich keine offene Hippie-Kommune, in der die Übergriffe passierten, sondern ein streng katholisch geregeltes Heim/ Internat oder auch Klosterschule (gibt im Moment soviele Fälle, dass ich das ein wenig vermische).

Psychologisch gesehen hat jeder Mensch sexuelle Triebkräfte, die das Leben mitunter schwer machen können. Bei Männern sind diese Kräfte meistens noch stärker ausgeprägt und im pathologischen Fall mit eindeutigen sadistischen oder aggressiven Neigungen vermischt. Das ist einer der Tatsachen, warum der Großteil der Gefängnisinsassen und auch der sexuellen Triebtäter alles Männer sind (habe mal gelesen, der Frauenanteil in Gefängnissen liegt nur bei ca. fünf Prozent).

Die Triebe sind schuld! Unsere tierischen Anlagen, die in jedem von uns stecken, die rein instinkt- und gefühlsgesteuert, aber ohne freien Willen zum Handeln treiben und mitunter moralisch „blind“ werden lassen.

Jeder, der mal einen wütenden oder sehr traurigen Menschen erlebt hat, vielleicht auch bei sich selbst, wird festgestellt haben, dass im Augenblick der extremen Gefühle der Mensch alles andere als einsichtig oder gar als Moral-empfänglich ist. Die Moral ist nur das von Menschen und Gedanken geschaffene Über-Ich, das unsere ureigensten Instinkte lenken, steuern und zumeist auch unterdrücken soll. Dies ist zudem einer der Hauptgründe für Neurosen, aber auch für Depressionen, wenn Gefühle nicht geäußert werden können.

Extreme seelische Schieflagen, wie der Wunsch, mit einem Kind Sex zu haben, sind gesellschaftlich absolute Tabuthemen. Die extreme Sexualität des Menschen ist irgendwie fehlgesteuert, vielleicht war der Mensch auch selbst einmal Opfer eines sexuellen Übergriffes? Wenn dann nie darüber geredet wurde und die Krankheit sich gleichsam im Bewusstseins-Keller festgesetzt hat, wenn der Mensch zusätzlich Opfer einer sehr starken Moral-Gefängnisses ist (z.B. einer Kirchen-Organisation), dann hat die Unterdrückung der Triebe paradoxerweise den Effekt, dass sich alles nur verstärkt und verschlimmert.

Es ist also kein Problem, über Sex zu reden oder auch sexuelle Bedürfnisse und Wünsche in sich zu spüren, sondern es ein kulturelles Problem, wenn „normaler“ Sex nicht gelebt werden kann. Aber was ist schon „normal“? Auch hier haben die Kirchen und die meisten Menschen enge Vorstellungen, und bei Sex zwischen homosexuellen Männern oder zwischen lesbischen Frauen hört die Toleranz meist schon auf.

Dabei wird aber vergessen, dass die innere Möglichkeiten der menschlichen Phantasie, aber auch die Irr- und Auswege der Seele, vielleicht der Perversion viel größer als die kleine Schablone „Mann und Frau, Ehe und Paradies“ sein kann.

Nicht das Ausleben der freien Sexualität und der aufgeklärte, neurosenfreie Umgang mit ihr ist das Problem, sondern die überstarke Moral-Institutionen, die alles spielerische unterdrücken und den Mensch einschränken, krank machen und unfrei werden lassen.

Wenn ich mich traue, über Sexualität zu sprechen und schon früh Menschen finden kann, denen ich vertrauen kann, ist es gut möglich, die Anfänge einer „Perversion“ zu mildern und vielleicht in die richtige Richtung zu lenken. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass kleine Wünsche, die man niemals ausleben kann oder die immer nur unterdrückt werden, anwachsen und sich schließlich mit einem riesigen, pathologischen Druck entladen. Welcher Mann geht schon freiwillig zum Psychologen? Wann redet man schonmal mit guten Freunden über die eigenen sexuellen Bedürfnissen? Und in wievielen Ehen diese Welt ist Sex nur noch eine nicht vorhandene Begleiterscheinung? Und die Priester erst selbst! Sie haben sich von der Sexualität, als angeblich schmutziges Beiwerk des Menschen frei gemacht und wollen darauf verzichten. Dass dies aber mitunter nicht so einfach geht, wie die Bibel-Bilderbuch-Moral uns das weismachen will, wird vergessen.

Die Sexualität ist hier mit der Aggression zu vergleichen, beides elementare Triebkräfte des Menschen, die vielleicht zu den größten Tabuthemen einer „aufgeklärten“, aber leider auch neurotischen und seelisch nicht immer ganz gesunden Gesellschaft gehören.

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