Miteinander, übereinander, nebeneinander

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Alle vier Jahre teilt sich Deutschland in zwei Hälften : In Fußball- Fans und Fußball- Hasser.

Und der mit einem lauten Krachen aufsplitternde Riss scheint genau an jener Sollbruchstelle entlang zu führen, die durch die gedanklich-psychische Geschlechtertrennung schon deutlich angeritzt wurde: Auf der einen Seite rau, vorpreschend, brutal, körperbetont männlich- und auf der anderen zart, abwartend, deutend, bewertend, weiblich. Wie sind diese Prinzipien in Einklang zu bringen? Und wenn ja, wer will das überhaupt?

Während die einen sich mit Deko an ihren Häusern, am Körper und im Gesicht überhäufen und gar nicht genug von Euphorie, Heiterkeit, Begeisterung und Alkohol bekommen, ihr Twitterbild und Tweets in unzweifelhafte Farben tauchen (hihi!), sinnieren die anderen depressiv und alleine zu Hause sitzend über die Ungerechtigkeit im Leben oder dass „Euphorie eine höchst veränderlicher Gefühlszustand ist, dem nur die Depression folgen kann“ (gefunden auf Twitter).

Recht haben sie! Die Fußball- Fans und Fußball- Hasser. Es kommt dabei – wie so oft- völlig auf die Perspektive an.

Mir ist z.B. aufgefallen, dass vor allem Frauen sich weniger für diesen bisweilen brutalen Männersport begeistern können und die Fußball-Begeisterung scheint in enger Korrelation zu Intellekt, sozialer Herkunft und politischen Ansichten zu stehen. Je linker und intellektueller sich jemand gibt (oder wirklich ist), desto schicker ist es auch, auf den „neuen deutschen Patriotismus“ zu schimpfen und all jene Entwicklungen, die nur entfernt die schwarz-rot-goldenen Farben tragen mit des Teufelswerk gleichzusetzen.

Auch einer meiner Lieblingsautoren, Erich Fromm, hat eine Meinung zu den plumpen Gefühlen, die in unserer Gesellschaft vorherrschen und nennt sie im schizoiden Kontrast der meisten Massenmenschen, die ihren Sinn für echte, nachhaltige Gefühle verloren haben- einseitig und „hohl“ (Quelle: Anatomie der menschlichen Destruktivität). Wo man menschliche Gefühle, Wärme und Mitgefühl nicht mehr in der Bandbreite erfährt, die eigentlich für menschliche Wesen angemessen wären, bleibt die Reduktion der Affekte auf oberflächliche Dinge und Götzen der Anbetung. Selbst der ehrbare Christ würde hier innerlich aufschrecken, denn heißt es nicht in den Geboten „du sollst keine anderen Götter neben mir haben“?

Dass hinter der oberflächlichen Ablehnung vom Männersport Fußball -vor allem in Bezug auf das Privatleben- aber noch mehr stecken kann, offenbarte die Email, die vor einigen Tagen in mein Postfach flatterte.

Ein gewisses „Erotik-Team“ schrieb mir die folgenden Zeilen:

Dein Mann guckt lieber die WM anstatt seinen ehelichen Pflichten nachzukommen?
Dein letzter Sex ist schon ewig her?
Du lernst nur Idioten kennen?
Du würdest gerne lesbischen Sex entdecken?
Dann haben wir von [..] genau das Richtige für dich. [..]:

Na, wenn das mal keine opportunistische Ausnutzung von sexuellen Flauten in der heißen WM-Phase ist! Aber ich finde, die Autoren der Spam-Mail gehen dabei zu eingleisig vor und übersehen dabei so einiges. Z.B. kann sich nicht jeder Mann für Fußball begeistern. Auch bedeutet die Freude oder Begeisterung für ein Spiel auf dem Grün noch lange nicht, dass man nun überhaupt keine Lust auf nackte Haut mehr hätte. Und glatte, gewaschene Haut ist bekanntlich erotischer als behaarte, verschwitzte …

Und warum ich plötzlich wegen des Getröte und Gehupe meine lesbische Seite entdecken sollte, ist mir auch noch nicht ganz klar! Vielleicht, allein dem puren Frust geschuldet? Aus dem inneren Anliegen heraus, meine eigene Weiblichkeit in der einer anderen Frau gespiegelt zu sehen? Etwas, was ich mit einem Fußball-begeisterten Mann niemals erfahren würde?

Die Frauenwelt und ihre emotionalen Urteile und Ansichten sind der der Männer-Welt so oft diametral entgegen gesetzt. Also, kein schlechter Versuch, liebe Spam-Autoren, trotz aller Lästigkeit, die ihr immer so an den Tag legt.

Was bleibt, ist folgende Erkenntnis: Ich bin eine Frau und mag den Fußball trotzdem. Ich verbinde mit ihm durchweg gute und positive Erfahrungen, vor allem was die großen Turniere wie EM oder WM angeht.

Aber auch wenn ich keine Bundesliga oder ähnliches schaue, so fasziniert mich das Drumherum: Die gute Laune der meisten Menschen, die Begeisterung im Allgemeinen (ein selten Ding im finster Germanien), die Schwarz-Rot-Goldenen Spezialangebote in Supermarkt und Bäckereien, die Tatsache dass gewisse Menschen wieder Spaß an ihren Blechbläsern gefunden haben (die machen genauso viel Krach wie eine Vuvuzela) und natürlich, meine heiße Leidenschaft fürs Tippspiel!

Fußball muss man so nehmen wie er ist: Leicht, als sportliches Spiel, als Spaß, als schöne Bereicherung für die Sommerpause, fern ab jeglicher Intellektualität und tiefsinnigem depressiven Nachdenkens. Ein biologisch neutrales Gegengift und Relaxans, für so manch angestrengte und kopflastige Blog-Autorin.. und bestimmt auch für andere.

Ein kühles Bier auf dem Sofa, ein paar Chips in sich reinstopfen und für „die Deutschen“ fiebern, gibt es schönere, profanere Genüsse- außer ein saftiges Steak auf dem Grill?

Und was sagen die Gegner? Die natürlichen Vegetarierinnen? Die gerne stricken, kochen, sich mit Freundinnen treffen und über das Primitive im Mann lästern? Sollen sie, sage ich – sollen sie. Jeder nimmt Teil an diesem Spiel, ob er will oder nicht.

So lange sie gegeneinander kämpfen, lieben sie sich noch.

5 Gedanken zu „Miteinander, übereinander, nebeneinander“

  1. Hmmmm Dein Artikel zeigt viele verschiedene Ansichten der Situation auf, aber irgendwie finde ich mich dennoch nirgends wieder. Ich bin gegenüber Fußball eigentlich eher desinteressiert, es stört mich aber auch nicht, genauso wenig, wie mich Basketball, Baseball, Rugby, Tennis oder sonstiger Sport stört oder interessiert. In alle genannten Sportarten schalte ich ein paarmal im Jahr vielleicht auch gern mal rein, nur so für 10 Minuten. Auch in Fußball.

    Was also ist an Fußball so anders? Es sind die Fans. Ich bin sicher, Basketball Fans feiern genauso ausgelassen große Siege, aber sie feiern es für sich. Sie müssen nicht aus dem Haus rennen und jedem ins Gesicht brüllen, wie geil Basketball ist.

    Es geht wirklich nur um das aggressive Feiern, die Überreizung von einem Thema, das für Nicht-Fans irrelevant ist, und für die dann Euphorie mit der Wichtigkeit der Sache nicht übereinstimmt.

    Ich kann einfach nicht begreifen, warum ich nachts nicht schlafen dürfen soll, wenn Deutschland ein Spiel gewonnen hat. Mein Kollege kann nicht begreifen, warum sein krankes Kleinkind nicht schlafen dürfen soll, oder warum ich Kopfweh haben muß, warum mich Leute in der Stadt anschreien müssen und mir mit den ganzen Fahnen etwas sagen müssen, dessen Inhalt ihnen vermutlich genauso wenig klar ist, wie mir.

    Ich bin kein Fußballhasser. Ich bin ein Fußballfanhasser.

  2. @ Sleeksorrow : Aggressivität und Rücksichtslosigkeit sind in diesem Zusammenhang ein wichtiger Aspekt, danke für diese Meinung und den Kommentar.

    Da ich selbst auf dem Land wohne, habe ich solche Probleme eher weniger, es fahren hier nur wenige Autos vorbei und auch andere lästige Fans sieht man nicht. Selbst die Fahnen und den „Schmuck“ an den Häusern muss ich eher mit einer Lupe suchen, als davon genervt zu sein.

    Aber wenn das ganze maßlos übersteigert wird (z.B. Hupen, Autokorso..), kann ich mir schon vorstellen, dass es belastend ist. Wo ich früher gewohnt habe, in Mannheim, war das auch viel drastischer.

    Etwas mehr Rücksicht der Fans wäre dann wirklich angebracht.

    Viele Grüße,
    Julia

  3. Naja, ich bin extra wegen mehr Ruhe aufs Land gezogen, wohne in einem 1800 Seelen Dörflein, das einsam auf einer Anhöhe liegt, völlig von Wald umgeben und der nächste Ort ist 10 Minuten Autofahrt weg.

    Das hat die Fans hier nicht davon abgehalten, einen Autokorso zu bilden, mit Hupen, Vuvuzelas, Gebrüll und sogar einer amerikanischen Polizeisirene.

    Von Bekannten in der Stadt habe ich eher gehört, daß es da weitaus ruhiger zugegangen ist. Möglich, daß dort die Feiern in den Gaststätten stattfanden, in denen die Leichenschau – ähm – das Public Viewing stattfand, oder die Autokorsos dank der Größe der Stadt nur einmal an einem Haus vorbeifahren. Wer weiß…

  4. ..der wahre Fan ist halt überall und er rekrutriert sich stehend – wie eine unsichtbare Armee – aus dem Volk. 🙂

    Mit 1.800 Einwohnern ist wahrscheinlich die kritische Grenze schon überschritten, wir haben ca. 350 Einwohner, meist alte Menschen, die abends nicht mehr rausfahren und auch nicht hupen. Dann haben wir ein paar Ausländer, die feiern aber immer für andere Mannschaften und etwas leiser.

    Die einzigen, die Krach machen, sind Kinder, aber eher tagsüber. Die jugendlichen Männer feiern wohl alle woanders, im Sportlerheim, bei Freunden, keine Ahnung.

    Eigentlich vermisse ich den Krach manchmal sogar, es fehlt dieses „wir sind dabei“ Gefühl. Vielleicht sollte ich mal auf ein Public Viewing gehen, das habe ich noch nie gemacht. Aber neugierig wäre ich schon.

    Viele Grüße
    Julia

    ps: mein Tipp. Oropax. aber nicht diese modernen gelben Dinger, die sind unbequem und jucken nach einiger Zeit, sondern diese altmodischen, rosafarbenen aus Wachs. Die halten wirklich sehr viel ab. 😉

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