Leistungsgesellschaft

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In einem Blog wie diesem treten hin und wieder bestimmte Begriffe häufiger auf, die dann aber auf Grund von Zeit- oder Platzmangel nicht näher diskutiert werden können, hinter denen dann eine „kleine Welt“ verborgen bleibt. Wenn ich sehr viel in diesen Begriffen bleibe und diese nie näher erläutere, kann es sein, dass die Texte immer ähnlich wirken, aber nicht weiter in die Tiefe gehen und bestimmte Fragen und Details einfach offenlassen. Das Klären von Begriffen, so wie man sie gerade sieht und denkt, ist daher eine nützliche Methode, das wissenschaftliche und philosophische Denken ein wenig zu trainieren und sich nicht von einfachen Aussagen oder gar Zitaten verleiten zu lassen. Beim Schreiben ist das wirklich sehr einfach möglich und ein Blog bietet zudem den nötigen Schreib-Freiraum, um das mal mit der nötigen Geduld zu tun.

Begrifflicher Kontext

In den letzten Tagen habe ich mich näher mit den Themen „Burnout“, „Depression“, „Überarbeitung“ und auch mit der „Leistungsgesellschaft“ auseinandergesetzt. Besprochene Fernsehsendungen wie GNTM bedienen bestimmte Denkweisen, die in unserer „Gesellschaft“ näher vertreten sind und eine Art unbewussten Zeitgeist erschaffen, der von seiner Wirkweise und letztendlichen psychischen Auswirkung mit den ethischen und moralischen Idealen von Religionen oder Sekten zu vergleichen ist. Ich habe sowieso oft das Gefühl, dass es heutzutage nicht mehr die Religionen sind, die unsere Köpfe maßgeblich bestimmen, sondern vielmehr die Medien in all ihren Formen und die Menschen und deren Aussagen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben. Bestimmten unabhängigen Instanzen schenkt man – je nach Glauben – weniger Gehör, so dass für die meisten die Einstellungen des Papstes oder des Dalai Lamas egal sein dürften (wohlgemerkt: nicht allen!). Das sind große Männer, von denen man vielleicht mal gehört hat, aber doch so fern und so ungeeignet, sie in die aktuelle Sprache und das aktuelle Weltbild dauerhaft zu verankern.

Weniger gebildete Menschen, die nicht so viel lesen und ihre Hauptinformationen aus der Bild-Zeitung oder dem Fernsehen bekommen, aber auch gebildete Menschen, die sich leicht verleiten und verführen lassen, werden wohl eher Massenmeinungen übernehmen. Je nach sozialer „Peergroup“ und jeweils vorherrschenden „Klassen-Idealen“ entwickeln sich dann Vorstellungen und Meinungen, die gemeinhin als akzeptiert gelten und zur Grundlage jeden Handelns und Wirkens werden.

So ein Ideal, das in jeder Schicht stark vertreten ist und auch als typisch deutsch gelten dürfte, ist das „Leistungsideal“. Ich habe zuletzt in einer Deutschland-Umfrage gelesen, dass die Masse der Menschen in Deutschland Leistung eindeutig begrüßt.

Und auf Grund von Erfahrung kann man sagen: Leistungsbereitschaft ist eine allgemein anerkannte und gewünschte Einstellung für den modernen Menschen in Deutschland.

Das logische System

Unser Wirtschafts- und auch das Bildungssystem sind so aufgebaut, dass die Leistung meistens belohnt und das nicht- Leisten bestraft wird. Es gibt allerdings Möglichkeiten, z.B. durch Arbeitslosengeld oder andere Tricks, weniger zu leisten als die Masse und dennoch „gut leben“ zu können. Hier sieht man schon, dass das Spektrum an finanziellen und beruflichen Möglichkeiten groß ist und sich jeder seine Beschäftigung und seine Karriere weitestgehend aussuchen und vorantreiben kann. So wundert es auch nicht, dass man hierzulande wenig Verständnis für faule Menschen hat, die ihre Chancen anscheinend nicht nutzen und lieber einen „einfachen“ und bequemen Weg einschlagen, z.B. die Rolle eines freiberuflichen Künstlers (wie der dann aber lebt, ist noch mal sehr unterschiedlich und vielleicht im Detail alles andere als leicht.)

Schon beim ersten Drüberblicken wird klar: Das einseitige Betonen der Leistung ist ein Resultat des Systems. Jeder möchte erfolgreich sein und jeder möchte erfolgreiche Freunde, denn meistens stecken die sich gegenseitig an und helfen sich bei der Karriere und dem Netzwerk. Keiner möchte verlieren und zu denen „da unten“ gehören, wer nicht ackert, wird schnell vergessen und fällt wie ein Stein beim Mahlen einfach unten durch.

Andere Menschen betonen gern, dass es die Natur des Menschen sei, viel und gerne zu leisten, was wohl auch richtig ist. Wenn man sich die Belohnungssysteme im Gehirn anschaut, wird schnell klar, dass unser ganzer Organismus auf Leistung und Arbeit eingerichtet ist und dann abends zur Belohnung nach getaner Arbeit Endorphine ausstößt, die uns glücklich und zufrieden machen. Wer kennt nicht die faulen Tage im Urlaub, die einen nicht richtig ausfüllen oder die langweiligen Sonntage, wo niemand richtig was zu tun hat, was dann schnell zu Unmut und vielleicht sogar Streit führt.

Der normale Arbeitsrhythmus gibt also auch Sicherheit, Zuverlässigkeit, Stabilität. Psychologen betonen bei ihrer Therapie gern, wie wichtig es für den Menschen sei, einen „geregelten Tagesablauf“ und viele „soziale Kontakte“ zu haben, die durch eine Berufstätigkeit meist intensiver und abwechslungsreicher sind.

Leistung als psychologischer Faktor

Neben all diesen Punkten gibt es noch den nicht ganz unwichtigen Aspekt des Geld-Verdienens. Geld verdienen bedeutet in erster Linie Lebensunterhalt und materielle Freiheit, aber auch indirekt mehr Achtung vor sich selbst und mehr durch- andere- respektiert werden.

Wenn man sehr viel Geld verdient, kann man die ganzen Errungenschaften unserer Wirtschaft und Kultur erst so richtig nutzen, denn die meisten schönen Dinge wie Fernseher, Computer, teure Klamotten, Kino, Konzerte, Urlaub, etc. kosten alle viel Geld.

Viel zu leisten bedeutet also meistens: Viel am Leben teilhaben zu können.

Aber nicht immer! Nicht immer führt Leistung alleine auch zu viel Geld. Manche Menschen leisten z.B. körperlich viel, ackern sich den ganzen Tag ab und bekommen einen Hungerlohn. Andere wiederum- vor allem gut ausgebildete Menschen- haben einen warmen und bequemen Bürojob, eine geregelte Arbeitswoche von 8 bis um 17 Uhr, viel Zeit und Urlaub und zudem ein viel höheres Gehalt!

Leistung ist also in erster Linie, ein abstrakter Vorgang, der von jedem Menschen zu erbringen ist. Es ist sinnvoll und angebracht, viel zu leisten, vorausgesetzt man bleibt in gesundheitlicher Balance und überarbeitet sich nicht. Leistung ist eine allgemein akzeptierte und geschätzte Möglichkeit, positive Rückmeldungen und Respekt zu erhalten.

Leistung führt zu Berufstätigkeit, diese wiederum zu sozialen Kontakten, zu Freiheit und Eigenständigkeit.

Das sind alles die positiven Seiten der Leistung.

Negative Seiten

Negativ finde ich die mangelnde Differenzierung der einzelnen Leistungsfähigkeit, z.B. in der Schule. Es wird zuwenig Rücksicht genommen, warum ein Einzelner Mensch nichts oder nur wenig leisten kann. Dazu kommt, dass neben der Leistung als Selbstzweck oft nicht viel in den Köpfen existiert. Die Leistung als beinahe maschinell erbrachte Leistung misst sich gut in Zahlen, verdrängt aber die Menschlichkeit und die individuellen Bedürfnisse der Menschen an ihrem Arbeitsplatz.

Dass ein Mensch auch was wert ist, wenn er nichts leistet und sich sein Wert aus seiner reinen Existenz ableitet, verstehen viele Menschen heutzutage nicht mehr. Viele berufstätige Menschen schimpfen daher auf die Arbeitslosen und werfen ihnen Faulheit und Schmarotzertum vor, ohne genau überlegen, warum und wie jemand arbeitslos geworden ist.

Oder welcher Vorteile bestimmte Lebensweisen haben könnten, die erstmal mit wirtschaftlicher Leistung gar nichts zu tun haben, aber dennoch wichtige Menschheitsfragen bedienen und klären, z.B. durch Kunst, Philosophie/Religion oder Psychologie.

Genauso schlecht geht es den Hausfrauen, die zwar viel leisten, aber nur wenig für ihre Arbeit gewürdigt werden. Und bei den Frauen im Allgemeinen gibt es noch große Unterschiede in der Bezahlung und der Anerkennung ihrer Arbeit. Frauen erbringen andere Leistungen als Männer, aber nicht „schlechter“ oder gar „weniger“.

Man sollte die Leistung– meiner Meinung nach- nicht dazu benutzen, um sich von anderen künstlich zu trennen und sich als besser oder über den anderen stehend zu betrachten.

Letztendlich ist auch die eigene Leistung indirekt ein Produkt aus der Anstrengung von anderen. Andere stellen uns Arbeitsplätze zur Verfügung, andere Stellen die Materialien und Werkzeuge her, mit den gebauten Autos von anderen fahren wir zur Arbeit, benutzen die Straßen, die andere in Schweiß gebaut haben und trinken abends das Bier, was in mühevoller Arbeit geerntet, verarbeitet und anschließend verpackt und versendet wurde.

Fazit

Leistung ist eigentlich ein gemeinsamer Faktor aller Menschen, aber durch die Gesellschaft und ihre Strukturen fächert sich die Art und Weise Leistung zu erbringen und durch Leistung Würdigung und Anerkennung zu bekommen, stark auf. Diese Ungleichverteilung im System zu erkennen, kritisch darauf hinzuweisen und bei Bedarf zu ändern, ist die Aufgabe von allen.

Vielleicht werde ich es den nächsten Artikeln noch genauer untersuchen müssen, wo ähnlich gearbeitet, aber unterschiedlich honoriert wird.

Interessant wäre auch zu überlegen, wie sich Leute fühlen, die überhaupt nichts Messbares leisten, ob das physiologisch überhaupt funktionieren kann. Oder warum manche Menschen notorisch mehr leisten müssen als andere und wo die Grenzen der Arbeit, z.B. in der Arbeitssucht oder dem Burnout liegen.

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