Kein Ohr- Teil 3

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An einer Sache Zweifel zu haben, bedeutet ihren Sinn zu finden

Ich beantworte hier die letzte Frage von Alesandra, die nochmal wissen wollte, was ich eigentlich mit dem Blog will, bzw. was der Idealfall wäre.

Da ich das in den vorherigen Artikeln noch nicht ganz herausgearbeitet habe, hier eine kleine Ergänzung:

Das Blog hat viele Zwecke, die erstmal ohne erkennbaren Nutzen sind, aber dennoch Spaß machen oder einen inneren Antrieb erzeugen: Kommunikation, sich austauschen, von der Seele reden, Kunst produzieren, Freude am Tun, Ventil für Emotionen, usw.

Das ist alles sehr wichtig und muss auch nicht ständig in Zweifel gezogen werden. Man macht es, weil es Spaß macht und irgendwie hilft- fertig.

In diesem speziellen Betrachtungs-Fall versuche ich aber, das Blog darauf zu reduzieren, was es für eine gesellschaftliche Wirkung und was für einen Nutzen es für die demokratische Teilhabe haben könnte. Also ein ganz spezielles Detail, das von verschiedenen Fragen eingegrenzt und beschrieben wird:

Zum Beispiel

  • Werden Bloggerinnen und Blogger ernst genommen?
  • Nehmen Politiker es wahr, was BloggerInnen schreiben oder ist es ihnen egal?
  • Hat man mit seinen wenigen Besuchern einen Breitband-Effekt auf die Meinungsbildung?
  • Wenn nein, warum nicht? Liegt es an der Art des Mediums oder einfach an der Reichtweite?
  • Welches Prestige haben Blogs und warum spielen sie in der öffentlichen Meinung eine so untergeordnete Rolle?
  • Warum gibt es in DE keine echte Basisdemokratie?
  • Warum interessieren sich in Deutschland so wenige Menschen für echte Basisdemokratie, obwohl doch vielen Menschen klar ist, dass man viel ändern könnte und sich mit wenigen Mitteln gut einbringen könnte?
  • Warum scheitern viele Menschen schon an der einfachsten Grundlage zur Demokratie, nämlich der Diskussion mit anderen und die tolerante Akzeptanz von anderen Meinungen? (Stichwort Streitkultur)
  • Wie ist die „Macht“ der Blogs im Vergleich zu den traditionellen Medien?
  • Wem dient die Macht der Medien? Man denke z.B. an einen Menschen wie Berlusconi wie er die Medien für seine eigenen Zwecke missbraucht oder bei uns in DE die Macht der Zeitung mit den großen Buchstaben ….
  • wenn man sich z.B. Einschaltquoten von Fernsehsendungen oder Auflagen von großen Zeitungen anschaut, wird schnell klar, dass man da als kleine Bloggerin/ kleiner Blogger überhaupt nichts ausrichten kann
  • hat man überhaupt das „Recht“ mit dem eigenen Werk Einfluss auf die Meinung anderer zu nehmen oder ist nicht schon der kleinste Versuch eine Manipulation von anderen, die eigentlich nur Abwehr und Blockade erzeugen kann (moralische und psychologische Frage)

Also bei all diesen Punkten wird mir schnell klar, dass das Blog nichts in dem Sinne bringen kann wie eine „normale Zeitung“, einfach weil es viel kleiner und viel privater ist und auch auf einer anderen Grundlage entsteht.

Die Frage bleibt: Was bringt es dann? Wenn ich mich mit ein paar Menschen vernetze und einen engen Austausch betreibe, ist das dann genug? Kann eine kleine Bewegung zu etwas großem werden? Hat die kleine Vernetzung und die kleine Bewegung nicht auch einen „Sinn“ ?

Wenn ich mich über etwas aufrege, aber nicht dafür sorge, dass etwas besser wird, kann ich mir die Aufregung eigentlich gleich sparen, weil sie dann überflüssig ist. Der Mensch ist von der Natur zu sehr auf Energie-Sparen angelegt, dass so eine Verschwendung von Zeit, Energie und Ressourcen eigentlich sinnlos und im Extremfall sogar lebensbedrohlich bis unsinnig wäre. Welchen Sinn macht dann eigentlich ein „übergroßes Gewissen“ oder ein „übergroßes Mitteilungsbedürfnis“? Wie können wir diesen Effekt nutzen, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen?

Und wenn ich etwas nur tot diskutiere, aber nichts im täglichen Verhalten ändere, macht es auch keinen Sinn. Rein moralisch kann man den hungernden Kindern in Afrika nicht zuschauen, ohne etwas zu tun und gleich im Anschluss an die Fernsehnachrichten etwas spenden zu gehen.

Warum gibt es bei manchen Themen eine so große Bereitschaft der Menschen, sich zu zusammenzuschließen und zu demonstrieren (z.B. bei der Atomkraft oder Stuttgart 21) und bei anderen Themen wiederum nicht (z.B. niedrige Löhne, Armut in Deutschland, Steuerrecht, Kindermangel, etc.) ?

Das sind einfach alles Fragen und Themenbereiche, die mich beim Bloggen sehr beschäftigen und hin und wieder auch Zweifel aufkommen lassen. Ich weiß nicht, ob ich darauf unbedingt eine gute Antwort oder eine Lösung brauche, aber es sind zumindest mal offene Fragestellungen, die ich als wichtig empfinde. Einfach als Grundlage für das eigene Schreiben und Wirken- um zu wissen, in welchem Kontext man sich bewegt.

5 Gedanken zu „Kein Ohr- Teil 3“

  1. Es mag vielleicht daran liegen, dass ich noch nicht so lang blogge oder aber, dass ich es mittlerweile gewohnt bin, dass die meisten schon beim Wort „Tierschutz“ einfach abschalten und sich womöglich denken „wieder so ein Kuschelweltfanatiker“? Ich weis es nicht.

    Werden Bloggerinnen und Blogger ernst genommen?

    Man könnte aber auch fragen: Wollen manche Blogger überhaupt ernstgenommen werden? Ich glaube es kommt immer darauf an, über was und mit welchen stylistischen Mitteln man schreibt.

    Provokative oder gar beleidigende Äußerrungen werden von seriösen Medien sicherlich hoffentlich gar nicht ernst genommen.

    Nehmen Politiker es wahr, was BloggerInnen schreiben oder ist es ihnen egal?

    Das möchte ich mir zwar, aber kann es mir einfach nicht vorstellen. Die meisten sind in ihrer eigenen Welt, die zum großen Teil aus viel Dekadenz besteht.

    Als es noch gar kein Internet gab und man sich Informationen nur über Zeitungen holen konnte, wäre man als mitteilungsfreudiger Mensch sicherlich froh darüber gewesen, wenn man einen Blog so wie heutzutage hätte, auch wenn er nur wenige Besucher anzieht. Man weiß einfach, irgendwer da draußen wird es schon lesen. Und damit muss man sich schon zufrieden geben, wenn man nicht aufdringlich wirken möchte so wie aus der Werbebranche !

    Ich schreibe meine Texte für mich, ob es der Welt auffällt oder nicht ist mir relativ egal. bzw. würde ich mir schon mehr Aufmerksamkeit wünschen, aber wenn es nur einige wenige interessiert soll es mir auch recht sein.

    LG
    Alesandra

  2. Du, Julia, da gibt es einen Abt Martin aus dem Kloster Einsiedeln in der Schweiz, der twittert, und sich das Leben ohne Twitter nicht mehr vorstellen kann. In der Zeit ist porträtiert worden. Vielleicht interessiert es Dich, bzw. gibt Dir Impulse für Dein eigenes Schreiben?

  3. Hallo Julia,

    ich denke, man kann mit einem Blog einen Kreis von Personen ansprechen und in diesem Kreis auch einiges bewirken. Einerseits profitiert die Bloggerin, die einzelne Themen aufgreift, aus Ihrer persönlichen Sicht analysiert und somit zur Diskussion stellt, andererseits profitieren die LeserInnen durch die Weitergabe von Informationen und der Möglichkeit des Kommentierens – was nichts anderes ist als eine kleine (oder größere) Diskussionsrunde. Früher, zu Zeiten einer Welt ohne Internet, machten das viele Menschen via Leserbrief zu einem bestimmten Thema an eine Zeitung, was genauso ein Stattfinden gelebter Basisdemokratie ist wie (d)ein Blog.
    Ich denke, was dich freuen würde wäre ein für dich sichtbarerer und greifbarer Effekt deiner Arbeit und Kunst. Ich bin durchaus der Meinung, dass du (und viele andere Blogger) einen Einfluss auf die Menschen haben, auch wenn er für dich nicht direkt messbar ist – aber es liegt nun mal in der Natur unserer heutigen Gesellschaftsstruktur, dass die Menschen es sich angewöhnt haben, viel mehr zu konsumieren als zu agieren. Dies ist aber auch kein Wunder, wenn man sich die Fluten an Daten ansieht, die täglich über uns hereinbrechen. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Politikern und den kleinen Leuten, den einfachen Bürgern und deren Meinungen sehe ich eher pessimistisch. In die Politik spielen viele Faktoren hinein und Politiker sind in ihren Entscheidungen an einige mächtige Interessensgruppen und zwischenstaatliche, wirtschaftspolitische Zwänge gebunden. Ich denke, der Spielraum, sich auf kleine, „machtlose“ Meinungen einzulassen ist einfach nicht gegeben.
    Aber das sollte dich nicht allzu sehr stören, ich finde es toll, dass du aktiv bist und dich einbringst. Etwas zu tun ist mit Sicherheit besser als Nichts zu tun. Im Privaten wie im Gesellschaftlichen.
    Weiter so!

  4. Danke Ihr Lieben, dass ihr euch soviel Gedanken gemacht habt. Ich verspreche hiermit auch, dass ich nie wieder den Sinn des Bloggens in Zweifel ziehen und auch nie wieder darüber jammern werde… sagen wir… für mind. eine Woche! 😉

    Noch eine kleine Ergänzung und Inspiration zu euren Aussagen…

    @Alesandra:

    Man könnte aber auch fragen: Wollen manche Blogger überhaupt ernstgenommen werden?

    Wieder eine gute Frage! Wenn meine Artikel weiterhin so gut beantwortet/ diskutiert werden, komme ich aber kaum mit dem Nachdenken nach. 😉 Denke schon, dass es auch viele Blogger gibt, die nicht ernst genommen werden oder auch das Ganze gar nicht so eng sehen. Dazu zählen wohl die ganzen privaten Blogs und die vielen Facebook-Seiten.

    Man kann auch überlegen, ob es gar nicht so gut ist, wenn man es zu ernst nimmt, denn das kann auch wieder Gegenwehr erzeugen. Ich kenne nicht wenige Leute, die dann meinen, das Internet-Schreiben ist reine Zeitverschwendung und man könnte „Sinnvolleres“ tun, etc. Je mehr sich jemand in ein Blog reinsteigert und je „ernster“ er genommen werden will, desto stärker könnte dann auch diese Gegenreaktion sein.

    So ähnlich wie bei Greenpeace und ihren Wal-Aktionen, wo manche Leute auch denken, das sind halt Spinner und die brauchen viel Aufmerksamkeit. Manchmal kann man mit weniger Trommelwirbel und Aufmerksamkeit mehr erreichen. Und nicht jeder Text braucht zwangsläufig einen „Sendungscharakter“ oder eine „Message“. Es kommt halt immer darauf an, was man erreichen will und auch, wie man veranlagt ist.

    Provokative oder gar beleidigende Äußerrungen werden von seriösen Medien sicherlich hoffentlich gar nicht ernst genommen.

    Ja sehe ich eigentlich auch so.. aber man denke an Extremisten, die das Internet für sich nutzen. Sie werden (leider) nicht ernst genommen und von der normalen Bürgerlichkeit und Gesellschaft ignoriert. Das frustriert sie noch mehr und dann werden sie im schlimmsten Fall Amokläufer (Fall Norwegen) oder kriminiell (Junge Leute bei Ausschreitungen in England). Weil sie auf normalen Wege nichts mehr erreichen, suchen sie sich andere Kanäle.
    .

    Das möchte ich mir zwar, aber kann es mir einfach nicht vorstellen. Die meisten sind in ihrer eigenen Welt, die zum großen Teil aus viel Dekadenz besteht.

    Ich sehe schon, was Politik und Breitenwirkung der Blogs angeht, seid ihr ziemlich pessimistisch. Liegt wohl auch daran, dass die Politik generell kein gutes Ansehen hat und meistens von „Berufspolitikern“ ausgeführt wird. (Die stehen auf diesen Ansehens-Umfragen meistens irgendwo zwischen Müllmann und Fleischfachverkäuferin)

    Aber gerade das sollte doch eine Überlegung wert sein, wie sich Demokratie verändern und verbessern kann. Hier die Politiker, da die Konzerne und hier das Volk… hm, hatten wir das nicht schon im Mittelalter? Hier der König, dort der Adel und da der Pöbel? Sollte Demokratie nicht ein bisschen mehr sein? Ein wenig mehr auf den Wünschen des Volkes aufbauen? Ich sehe da großen Nachholbedarf, obwohl natürlich unsere Demokratie schon sehr offen und weit entwickelt ist (Stichwort Freiheitsrechte, Bürgerrechte, Menschenrechte).

    Und die modernen sozialen Medien nur dafür zu nutzen, um Facebook-Partys zu veranstalten oder sich bei Demonstrationen die besten Plätze zum Steinewerfen zu simsen, kann irgendwie auch nicht der Gipfel der Weisheit sein…
    .

    @Violine:
    Danke für den Link mit dem Abt. Das ist genau die Richtung, die ich gut finde. Weil auch der religiöse Aspekt wichtig ist und als ein großer Teil des menschlichen Wirkens nicht vergessen werden darf. Dieser Abt scheint ja sehr modern zu sein, das ist toll.

    @Cathi:
    Der kleine Kreis und das Gespräch mit den Menschen und LeserInnen, das ist wichtig und hier kann man viel bewirken… sehe ich auch so. Und du bist irgendwie auch der beste Beweis dafür, dass das wunderbar klappt und eine Motivation ist, die oft über allen anderen Dingen steht. 😉

    Nur schade, dass du die Breitenwirkung der Blogs ebenfalls pessimistisch einschätzt. Leider hast du wohl Recht. Es macht mich ein wenig traurig.

    Was nicht heißt, dass es alles nichts bringt!

    Danke und viele Grüße
    an euch
    Julia

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