Ist das gerecht gegenüber denen, die nicht arbeiten?

Ein Tag im Leben eines leidenden Vertriebsingenieurs

Montag, 6 Uhr

Eine schöne Frau kommt auf ihn zu, mit einem Hauch aus Nichts bekleidet. Er liegt am Strand, die Sonne blendet. Die kurvenlastige Unbekannte scheint ihn anzuflirten, aber sie sieht nicht aus wie Eva, nein eher wie… Er will nach ihr greifen, sie lächelt ihn an. Sie beugt sich über ihn und gerade als sie ihren Mund an seinen bringt… KNAATZ KNAATZ KNAATZ KNAATZ zerstört der etwas altertümliche Klingelton des Radioweckers seinen erotischen Traum.

Der leitende Vertriebsingenieurs (auf den Namen Holger getauft) blinzelt auf die Anzeige des nervigen Störenfrieds. „Ist es wirklich schon so spät?“- guckt er griesgrämig-ungläubig auf das Display. Er kratzt mit dem Handrücken seiner linken Hand über seine Bartstoppel, da fällt ihm ein, dass er sich heute beeilen muss, weil er ein wichtiges Meeting hat.

Also schnell in die Pantoffeln gesprungen, den Bademantel übergestreift und in die Küche geschlichen. „Gääähn“ sagt er, als er seine Frau sieht, die bereits den Kaffee aufgesetzt hat. „Oh das ist nett, Liebes.. hast du schon die Zeitu..?“

„Liegt auf dem Tisch, Bärchen.. und du wolltest Croissants, stimmt´s?“ Eva hat dunkelbraune fast schwarze Haare, die sie aber gerne mal färbt, ist immer schick gekleidet und achtet sehr auf ihre Haut und ihr Aussehen.

Für ihre 45 Jahre hat sie sich noch gut gehalten, ist sportlich, nicht zu dick und auch mit diesen Dellen an den Oberschenkeln hat sie trotz der Schwangerschaften nur wenige Probleme. Sie hat viele Hobbys, unter anderem ist sie künstlerisch und im Hausfrauen-Verein aktiv, wo sie sich jede Woche zweimal treffen, um Rezepte und Fotos von den Enkeln auszutauschen. Außerdem hat sie einen kleinen unbedeutenden Posten im Ortsverband der SPD und leitet dort die Bücher, aber nicht wirklich motiviert. Das meiste sind Männer und..

„Äh ja, oh das ist super danke.“ Der leitende Vertriebsingenieur lächelt sie kurz an, aber es ist zu kurz, um wirklich Wärme auszustrahlen. Seine Frau ist das gewohnt und sie denkt sich nichts dabei. Sie haben zusammen zwei wunderbare Kinder, Peter und Lisa, und ein sehr schönes Leben in ihrem kleinen Einfamilienhäuschen im Vorort der Stadt. Das Leben läuft perfekt. Sie hat – wie ihr Mann- etwas Kaufmännisches studiert, aber nach dem ersten Kind den Job aufgegeben, denn sein Geld reicht völlig und durch die vielen Beförderungen in den letzten Jahren… naja, sie können sich nicht beschweren.

Sicherlich, es kriselt manchmal in ihrer Ehe, aber wo kriselt es nicht? Kein Grund, um sich Sorgen zu machen. Wirklich nicht.

Holger liest schnell die Schlagzeilen der Zeitung, aber er hält sich nicht lange damit auf und immer wieder gleitet sein Blick an die Wanduhr, die mit unheilvoll großen Ziffern das unbarmherzige Voranschreiten der Zeit und damit die Unabwendbarkeit seiner Pflichten illustriert. Sein Blick gleitet häufiger an die Wanduhr, als auf seine Frau, aber das ist nicht schlimm. Heute abend, da können sie bestimmt… wenn er nicht noch ins Fitnesscenter oder in den Sportverein muss.

6:45 Uhr

Er springt in die Dusche, schabt mit dem Rasier über die Wangen, klatscht sich das Rasierwasser ins Gesicht und voilá da ist er, der neue Mann. Seine Frau ist entzückt. Und er riecht so gut! Schnell drückt sie ihm einen Kuss auf die Backe und wünscht ihm einen schönen Tag.

7:30 Uhr

Er fährt das Auto, ein Mittelklassemodell eines deutschen Herstellers rückwärts aus der Garage, denn seine Frau kann nicht…

Und macht sich auf dem Weg zu Arbeit.

Um
8 Uhr ist er da.

Sein Chef begrüßt ihn freudig erregt. Schüttelt ihm die Hand und zeigt sich von seiner besten Seite. Fragt nach seinem Befinden, dem Wochenende und der Familie.

Ob er was von ihm will? Vielleicht den Jahresbericht? Oder einfach nur mehr Arbeitseinsatz?

Um 10 Uhr ist das Meeting, es bleibt noch ein wenig Zeit, den Computer anzuwerfen, die Mails zu checken, mit der Sekretärin zu flirten (die wirklich einen sehr kurzen Rock anhat, heute, das muss am schönen Wetter liegen) und ja, seine Arbeit zu machen.

Diagramme und Kurven, ziemlich trockenes Zeug.

Um 9:30 Uhr hat er schon wieder Hunger, das Croissant hat nicht lange gehalten. Schnell stopft er sich noch einen Schokoriegel rein. Lecker. Und so klebrig. Dazu passt nur Cola. Oder lieber die warme Variante.

„Frau Müller“ ruft er über den Flur.. Frau Müller steht gerade gebückt über dem Kopierer. Ihr Unterhemd ist aus dem Rock geschlüpft, aber sie merkt es erst, als die 25 Seiten des Jahresberichts Marktanalyse Bzw. Z/II 2010 Mrz. schon kopiert worden sind. In zweifacher Ausführung. Schnell fummelt sie an ihrem Kostüm herum. Sie hätte es doch länger anprobieren sollen, immer dieses gehetzte Einkaufen an Samstagen, das ist einfach nichts. Und Frauenmode kann so unbequem sein.

„Können sie mir bitte einen Kaffee machen? Mit Zucker und Milch, wie immer!“

„Ich komme gleich, Herr Meier“ ruft sie etwas genervt zurück, aber sie ist immer so charmant, dass man diesen beißenden Unterton in ihrer Stimme kaum bemerkt. Dazu ist sie einfach zu hübsch. Zu anmutig und zu weiblich.

Einfach eine perfekte Frau. Fast wie Eva.

Herr Meier, der leitende Vertriebsingenieur mustert sie sehr lange. Natürlich, sie ist jünger, das ist bei Frauen immer ein Vorteil. Aber das würde er niemals sagen, nur denken.

Von seinem Schreibtisch aus kann er sie gut beobachten. Sie ist wirklich hübsch. Ihre Haare sind toll. So lang und wellig. Und sie ist immer perfekt geschminkt. Fast wie Eva, denkt er nach – aber kaum will er den Gedanken weiterspinnen, poppt schon wieder die Email-Anzeige des Programmes im Hintergrund auf, er hätte es doch schließen sollen. Eine Spammail.

„Blöde Computer“ denkt er sich nur leise und schaut an die Wanduhr. Auch diese gibt den Rhythmus vor, aber im Büro verläuft die Zeit viel langsamer als zu Hause…

Sein Kollege Walter kommt rein, ein guter Freund auch aus dem Fußballverein. Die Zeit vergeht schneller. Schnell noch ein wenig reden, ein bisschen tratschen. Und die Sekretärin, ja hihi..

Hat wohl einen schlechten Tag heute. Frauen halt. Bei denen weiß man nie. Egal, das Leben geht weiter und Schalke hat schon wieder gewonnen.

Am nächsten Sonntag , die gleiche Zeit, der Platz, alles okay. Bis dann.

10 Uhr
Das Meeting ist gähnend langweilig. Fast so langweilig wie endlose Zahlenreihen, Diagramme und Ehefrauen, die „über die Beziehung“ reden wollen und SMS’se an den Arbeitsplatz schicken.

Egal, um 12 ist es endlich vorbei.

In der Kantine ist Schnitzeltag. Perfekt, genau das richtige. Mit Pommes und viel Ketchup. Fast wie daheim. Nur nicht so gut. Etwas lasch, das Schnitzel, nicht mehr ganz frisch. und an den Pommes fehlt Salz. Wie immer. Liegt an der EU-Richtlinie, wahrscheinlich. Oder am politisch korrekten Arbeitsplatz, vielleicht auch, weil ihr neuer Geschäftspartner eine Krankenversicherung ist. Keine Ahnung. Schnell runterschlingen. Macht satt. Das ist die Hauptsache.

Der Rest des Arbeitstages wird fast ausschließlich am Computer verbracht. Gegen 15 Uhr brennen die Augen und im Rücken hat sich einen üble Verspannung eingenistet. Noch nicht ganz fit, vom letzten Fußballspiel bereut der leitende Vertriebsingenieur es, wieder mit dem körperlichen Einsatz übertrieben zu haben. Aber da muss er jetzt durch. Arbeit ist Krieg. Und er ist ein Soldat, diese Vorstellung motiviert ungemein. Er kämpft sich durch und am Ende winken Medaillen, Beförderungen, Ehre..

In der Realität sind es nur noch vier Tage bis zum Wochenende. Vier endlos lange Tage in einem endlos langweiligen Büro. Und er bekommt seinen Lohn nach Tabelle B2. Nix Ehrenabzeichen. Scheiß Bürokratie.

18:30 Uhr

Er kann sich endlich auf dem Heimweg machen. Als Abteilungsleiter muss er etwas länger als seine Angestellten arbeiten, aber nur ein wenig.

Eva wartet sicherlich schon. Und irgendwas war doch heute, aber was?

Ein Stau. Nein, der ist immer. Noch was anderes. Er steht auf dem linken Seitenstreifen, der Motor blubbert vor sich hin und im Radio sagen sie „10 km zähfließender Verkehr“. Zähfließend das stimmt. Fast wie flüssiger Teer, nur mental. Doppelt so schlimm.

„Der Hochzeitstag!“ das ist es, er klatscht sich auf die Stirn und verreißt dabei fast das Lenkrad. Der Hintermann hupt ihn an. „Idiot“ denkt Holger sich nur und deutet einen Vogel an, aber andere Dinge sind plötzlich wichtiger.

Schnell noch Blumen holen, das macht er. Also wird es ein wenig später.

Schnell noch in den Laden, da an der Ecke, da gab es Blumen und noch nichtmal schlechte. Rote. Eva mag rot.

Endlich kommt er daheim an, stellt schnell den Wagen rückwärts in die Garage und mit den Blumen in der Hand drückt er den Klingelknopf.

„Alles Gute, Schatz, ich liebe dich“, er drückt seinen Mund auf ihren. Im Winkel hängt noch ein wenig Ketchup, warum hat ihm das keiner gesagt? Kollegen halt. Die haben alle so ihre Probleme.

Eva freut sich und kann mit Mühe ein glucksendes Juchzen unterdrücken.

Es kommt so selten vor. Dass er mal an sie denkt. Sie seufzt.

„Danke Schatz, und wie war dein Tag?“

„Ach, eigentlich wie immer.“ berichtet er völlig wahrheitsgemäß.

Sie gehen zusammen rein und schauen ihre Lieblingsserie.

Danach machen sie Sex.

Und der wird fast so gut wie im Traum. Aber nur fast. 🙂