Identität und Selbstbewusstsein

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Wer genau nachforscht, wird feststellen, dass es kein festgelegtes Ich und somit auch nicht so etwas wie eine unabänderliche Identität geben kann. Im Buddhismus z.B. heißt es oft, dass gerade die Vorstellung dieses losgelösten, inhärenten Ich´s eine Vorstellung ist, die Leiden erzeugt. Warum?

Wenn wir uns selbst mit „ich“ bezeichnen, wollen wir unserem Ich Glück zuführen und empfinden uns von den anderen getrennt. Das „Wir-Gefühl“ tritt zugunsten des Egoismus zurück und verliert an Kraft. Eine Identität entsteht dadurch, dass wir uns mit anderen austauschen, mitteilen und miteinander teilen. Durch diesen gemeinsamen Prozess sind wir mit den anderen verbunden, werden ein Teil ihrer Welt und umgekehrt.

Wer mir etwas erzählt, dessen Erfahrungen teile ich. Seine Welt wird in meine integriert. Ich öffne mich und biete ihm oder ihr an, an meiner teilzunehmen. Dieser Vorgang öffnet meine Seele und macht mich frei von Angst oder Engstirnigkeit. Wenn wir unglücklich sind, ist es natürlich, dass wir traurig und zurückgezogen leben wollen, das ist so eine Art Schutz für die eigene Seele, eigentlich mehr ein Reflex.

Man kann nicht immer unabänderlich den anderen etwas geben und ständig anbieten, im eigenen Leben herumzuwühlen. Oft werden wir abgewertet oder jemand anders greift unsere Meinung an. Unsere Meinung erleben wir oft als etwas „eigenes“, als ein Objekt von Stolz und Besitzergreifen. Wenn uns jemand angreift und dann noch persönlich nimmt, z.B. indem er sagt „ach du bist so dumm, deine Meinung zeugt von deiner persönlichen Unfähigkeit/ etc.“ dann wird die Meinung mit uns selbst verknüpft. Wenn jemand also meine Meinung schlecht macht, kann es leicht passieren, dass ich mich persönlich angegriffen fühle und dann nicht mehr die Fähigkeit habe, zu überlegen, warum er das getan oder gesagt hat. Dann verliert man die Fähigkeit zur guten Kommunikation und vor allem sein Mitgefühl.

Ich finde, ein Großteil unserer menschlichen Probleme kommen daher, weil wir uns nicht richtig ausdrücken und mitteilen können, weil wir mit unseren Worten oft mehr Mauern als Brücken bauen. Wie oft denken wir darüber nach, was jemand gesagt hat, wie wir bewertet wurden, ob es gut oder schlecht war.

Oft sind wir so in dem Prozess des Bewertet-werden gefangen, dass wir keine eigene Meinung bilden und total von anderen Meinungen abhängig werden. Ich denke, für Frauen und sehr sozial eingestellte Menschen ist es tendenziell mehr ein Problem zu wissen oder darüber nachzudenken, was andere von ihnen denken. Je einfühlsamer ein Mensch ist, je mehr er Worte auf eine Waagschale legt, desto eher wird er auch zu verletzen sein, seine Antennen schlagen einfach mehr aus, als bei einem unempfindlichen Mensch.

Was kann man dagegen setzen, vor allem, wenn man sehr empfindlich ist?

Auf der einen Seite bildet sich unsere Identität im Austausch mit anderen, auf der anderen Seite brauchen wir die eigene Meinung und eigene Gedanken, um stark und un-angreifbar zu sein. Je mehr wir also versuchen zu verstehen, was andere denken, umso kompletter wird unsere Weltsicht, desto selbstsicherer werden wir. Durch unser Mitgefühl und der Anteilnahme an anderen Menschen können wir unsere Meinungen verfeinern und dazu lernen. Durch die Hinwendung zum Nächsten werden wir stark und frei.

Durch den Egoismus und das ständige um- sich- selbst- kreisen, werden wir engstirnig und verkrampft.

Der Egoismus als Schutz hilft uns aber in dem Fall, wenn es ums Abgrenzen gegenüber Meinungen geht, die wir nicht gut finden. Wir müssen also selbst überlegen und selbst überprüfen, ob und warum eine andere Meinung gut ist oder nicht. Wenn man z.B. in einem Freundeskreis eingebunden ist, wo alle etwas machen, was man nicht gut findet (bestimmte Einstellungen, bestimmte Handlungen), muss man tlw. sehr viel Kraft aufbringen, um sich aus solchen Kreisen zu lösen. Das kann dann vor allem der eigene Willen und tlw. auch der Egoismus.

Ich denke, das Konzept des Mitgefühls ist also grundsätzlich ein wichtiger Aspekt, wenn es um Selbstsicherheit geht, aber nicht der einzige!

Selbstsicherheit kann ich auch bekommen, wenn ich Erfahrungen mache, vielleicht sogar Fehler begehe und praktisch daraus lerne. Selbstbewusstsein bekommt man von einem Leben „außerhalb der vier Wände“, vom angefeindet- und zurückgedrängt werden.

Erst durch unsere Feinde werden wir stark, sie helfen uns dabei, die richtige Abwehr und die richtige Einstellung aufzubauen.

Es ist sicherlich kein einfacher Prozess und auch nichts, was mit einem gewissen Lebensalter abgeschlossen wird. Je nach den Umständen und auch den äußeren Belastungen sind wir mehr oder weniger selbstbewusst.

Übermäßiger Streß und Müdigkeit machen z.B. temporär dünnhäutig, wenn man das merkt, sollte man lieber Pausen machen, um sich zu erholen.

Wenn es allen in der Familie gut geht, wir genug Geld auf dem Konto haben, unser Beruf uns Freude macht, wir oft in den Urlaub fahren, strahlen wir mehr Selbstbewusstsein und Zufriedenheit aus. Andere werden uns mehr mögen, als wenn wir immer nur die Probleme vor uns her schieben und niemand Verständnis mit uns hat.

Um gut zu leben, brauchen wir eine positive Grundeinstellung und müssen ständig an unserer Hoffnung und dem Lebensmut arbeiten. Diese Faktoren bedingen sich also gegenseitig: Ich bin gut drauf, arbeite stets an meiner Einstellung, andere finden mich dadurch attraktiver, im Job oder in der Beziehung wird es besser laufen, usw.

Oder ich befinde mich in einer Abwärtsspirale, die sehr gefährlich ist: Ich bin schlecht drauf, denke ständig pessimistisch und grau, andere sehen meine schlechte Stimmung, ziehen sich von mir zurück, ich werde einsamer, noch trauriger, habe noch weniger Erfolg. Verbohre mich vielleicht in eigenen Gedanken, will die anderen nicht mehr sehen, noch hören.

Das kann der Auslöser für eine Depression werden und sehr tragisch enden, wenn man nicht aufpasst.

An der positiven Lebenseinstellung und an seiner Identität muss man also jeden Tag arbeiten, aber ich denke: diese Arbeit lohnt sich immer!

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