Geschichten aus dem Kindergarten

Zurück aus dem Urlaub, dem kleinen Städtetrip nach Hamburg, der eigentlich keine richtiger Urlaub war. Kaum zurück, finde ich mich kaum im eigenen Haushalt zurecht, so schnell stellt sich der Mensch um. Der Kaffee schmeckt viel zu süß, weil ich mir im biologisch sinnvollen und ernährungstechnisch optimierten Haushalt angewöhnt habe, weniger zu nehmen. Und Rohrzucker schmeckt bekanntlich „bääh!“. (Mir zumindest)

Das eigene Bett ist erstaunlich weich und bequem, fast ein bisschen zu komfortabel, wenn man das mit der 6 cm dicken Reise-Klapp-Matratze vergleicht, auf der ich die letzten Tage meine Nächte verbracht hatte. Und ja, das war ein Kampf, ein Kampf gegen die eigene Natur, gegen die Untiefen und raue Gegenwinde der Seele, gegen die eigene Schwere und die nässende Bequemlichkeit des „normalen“ Alltagslebens.

Das Tippen auf der Tastatur fällt schwer, was durch das Pflaster am Finger noch erschwert wird. Aber der sechstägige Internet-Entzug hat mir gut getan. Am ersten Tag hatte ich noch die Gelegenheit genutzt, an einem Macbook durch die Seiten zu streifen. Aber kein eigenes Mailprogramm vor Ort installiert, auf den teuren Surfstick fürs eigene Netbook verzichtet? Erst umständlich ein neues W-LAN einrichten? Achne, was soll´s! Ich hab das Internet nicht vermisst. Man hat einen Mund, damit man reden kann, man hat eine Hand, an der man sich halten kann, man hat Menschen, die man begreifen und verstehen kann. Man hat Kinder, auf die man Acht geben muss und das war mein eigentlicher Auftrag, meine 48-stündige Mission zusammen mit meiner Mum und wir haben sie erfolgreich zu Ende gebracht.

Kleine Kinder können sehr süß, aber auch sehr anstrengend sein. Und so verzog ich am Wochenende einen kleinen Rollentausch mit meiner Schwester und mit dem Kinderwagen in den Händen, dem kleinen Racker darin, meinen gequält lächelnden Gesichtsausdruck und die verhärmten Falten um den Mund, war die Illusion der glücklichen Mutterschaft perfekt! Und so wurde ich stets freundlich behandelt und mit Vorzug über die Straße gelassen, als ich die Welt auf diese Weise erkunden durfte. Und was man alles beachten muss! Kinder, die erst 18 Monate auf der Welt sind, können so unendlich viel anfassen, anstellen, in den Mund nehmen, hinfallen, weinen, lachen und den Mensch, der das alles nicht gewöhnt ist, noch dafür ausgebildet wurde, unheimlich auf Trab halten. Ich bewundere die Kindergärtnerinnen, die diese kleinen Wesen stundenlang und mit stoischer Ruhe beaufsichtigen, die das Geschrei, das Gewusel und das Leben in seiner reinsten und ursprünglichsten Form so mit sich bringt, jeden Tag ertragen (und wie wir wissen, für einen eher mäßig bezahlten Lohn).

Und dann bemerke ich, wie kinderfeindlich unsere Umgebung eingerichtet ist. Die Welt denkt nicht in Kindermaßstäben. Alles geht viel zu schnell, in viel zu großen Schritten. In den Bordsteinen, okay war meist eine Delle eingelassen, so dass man den etwas hohen und kippeligen Wagen gefahrlos über die Gehwege führen und die Straßenseite wechseln kann. Und wie oft man so eine Straßenseite wechseln muss! Stets mit dem ängstlichen Blick nach links und rechts? Kommt ein Auto? Komme ich da noch rüber? Wird es anhalten? Wird mir die eingebaute Vorfahrt nützen oder sollte ich lieber nicht darauf vertrauen, dass auf mich Rücksicht genommen wird? Wieviel Steine es in der Welt gibt, über die ein O-Beinig wackelndes Kind stolpern kann! Wieviel Pflanzen mit Dornen es gibt, nach denen man greifen kann! Wieviel Spalten und Ritzen, in die man nicht fassen, wieviel Schaukelpferde und Stühle, auf denen man nicht ohne Aufsicht herumturnen sollte!

Hin und wieder, aber doch erstaunlich selten für ein dicht besiedeltes Wohngebiet mit tausenden von Menschen, trifft man andere Mütter, die ein ähnliches Schicksal erleiden und ein freundschaftlicher Blick wird dann mit ihnen ausgetauscht oder sogar, bei besonderer Kontaktfreude auf beiden Seiten, ein Pläuschchen gehalten.

Aber doch komme ich mir mit diesem Wagen und dem Schnulli an der Seite meistens mehr vor, wie eine Außerirdische. Wie eine Dumme, die diesen harten steinigen Weg freiwillig auf sich genommen hat. Wie eine, die kein Bock mehr auf Karriere hatte und nun jeden Tag ein wenig mehr vom informations- und kopfbetonten Konkurrenz-Leben abgeschnitten wird, dass die anderen kinderlosen Wesen alle für „normal“ halten. Dabei ist das Kind nun mein lebendiges Leben und jede Minute will erkostet, gelernt und erkundet werden. Wer, wenn nicht die Eltern könnten diesen schönsten aber auch anstrengensten Job der Welt besser erfüllen?

Und, wenn nicht die Kinder, wer ist dann die Zukunft für das Land?

Fragen über Fragen, über die ich erstmal noch eine Weile nachdenken muss!