Die richtige Aufbaustrategie

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Die Wohnung duftet nach Holz. Nach Fleisch und Bratensaft, durchtränkt mit dem süßlichen Duft des versprühten Deos . Draußen geht langsam die Sonne unter und ich höre „Sometime around midnight“ von The Airborne Toxix Event (später Counting Crows). Mir ist ein wenig übel, weil ich zuviel gegessen habe: Schweinenacken-Steak mit Brechbohnen, eine komische Mischung. Dazu Ketchup aus der Flasche und Apfelsaftschorle. Das Kaugummi, das ich für den besseren Atem hinterher gekaut habe, wirkt auf Grund des Süßstoffes mal wieder abführend- ich hätte es besser wissen sollen.

IKEA möchte, dass ich den Fragebogen zur Produkt- und vor allem Lieferqualität ausfülle. Eine Sache, bei der mir etwas unwohl ist, denn hier geht wie so oft um Strangulierung des einfachen (niederen) Personals der unteren Einkommensschiene, die man mit bürokratischen und unmenschlichen Mitteln zu mehr Disziplin zwingen will. Das ganze nennt sich dann „Verbesserung der Servicequalität“, aber im Grunde ist eine getarnte Masche der modernen Sklaverei- nur eben etwas subtiler und getarnter. Ich habe überall ein „Gut“ bis „Sehr Gut“ vergeben, nur die Kosten, mit den bin ich wirklich nicht zufrieden. 80 Euro für eine einzige Lieferung, aus ca. fünf Paketen á 40 kg ist mir etwas zuviel.

Heute hatte ich, wie so oft in den letzten zweieinhalb Jahren – „Bauarbeitertag“. Also rein in den, bei 60 Grad waschbaren, baumwollenen Hosenlatz-Anzug, die festen Schuhe angezogen und der Sonne getrotzt. Heute habe ich von 13 bis 21 Uhr nur mit Hausarbeit und Heimwerken verbracht. So läuft das bei mir in der letzten Zeit öfters, weil soviel zu tun ist. Ich habe kein Problem damit, man gewöhnt sich an die viele Bewegung und die körperliche Belastung. Nur abends ist der Kopf etwas leer und das Schreiben fällt schwer. Die Handgelenke sind etwas überspannt und die Augen von der Sonne und dem Staub geschwächt. Wenn ich manchmal bücke, um einen Schraubenzieher aufzuheben und schnell wieder nach oben komme, wird mir bei der Hitze manchmal schwarz vor Augen. Aber das ist eine Sache, die von viel Training weg geht. Der Trick an der Arbeit ist, den Blutdruck auf Touren zu halten, gerade wenn man zu niedrigem Blutdruck neigt. Also immer bewegen, bewegen, bewegen und nie hinsetzen oder gar liegen.

Irgendwann muss man essen, aber diese Pausen sollte man kurz halten oder die Speisen klein und gut verdaulich. Sonst sackt der Blutdruck anschließend in den Keller und man kommt gar nicht mehr hoch. Sich feste Zeiten zu setzen ist hilfreich, gerade wenn man „ohne Chef“ und ohne Bezahlung arbeitet. Man muss sich ein Ziel stecken, eine Schwelle, die man erreichen möchte und dann zielgerichtet abarbeiten. So klappt es am besten. Und nicht zuviel auf einmal vornehmen…

Obwohl unser Haus innen recht kühl ist (ca. 23 Grad, das sind glatte sieben Grad weniger als damals in Mannheim, wo es schon im Mai 30 Grad unter dem Dach wurde) schwitze ich trotzdem viel und das Tragen der Bretter in den ersten Stock (insgesamt 60 kg) war anstrengend.

leschrank

Das schwedische Möbelhaus macht anscheinend gute Gewinne mit schönen, stylischen, fast fertigen Produkten, die günstig angeboten werden. Der Preis wird auf die Eigenleistung abgewälzt. Alleine für den Schrank „Aspelund“, den ich mir bestellt habe, gingen locker 3 Stunden Aufbauzeit (zu zweit) drauf. Sicherlich wäre das zu optimieren gewesen, wenn ich die Pakete im ersten Stock deponiert hätte, so musste ich erst von Hand die enge Treppe hochtragen.

Und auch mit einem größeren Raum oder einem größeren Tisch wäre es schneller gegangen. Der Trick ist aber gerade, bei unseren kleinen Räumen das Beste rauszuholen und keine Nische ungenutzt zu lassen. Eine Aufgabe der Dekoration und Innenarchitektur, die mir viel Spaß macht und die ich gerne mache.

Auch das Verschrauben der tausend Kleinteile und Hämmern der Dübel hat mir Spaß gemacht. Es ist ein wenig, wie Lego spielen: Verpackung aufreißen, Teile in Schälchen verteilen und zählen, Plan herbeigeholt und schön fein säuberlich Schritt für Schritt vorgehen. Dabei entsteht ein Kunstwerk, man kommt in einen kreativen Schaffensprozeß, feine Düfte nach Holz, das silberne Klimpern der Metallteile und schöne, solide Materialien begleiten die Arbeit.

Ja, es sind Möbel und ist eigentlich „Haben“ von der schönsten Seite, – aber das Aufbauen, das Aussuchen und Dekorieren ist nicht einseitig und hohl: Es ist Haben, das in den Seins-Prozess umgeformt wird, der lebendig, greifbar und gefühlt wird. Das Produkt dient dem Menschen, der Familie und dem Besuch. Dinge finden ihre Ordnung, Räume werden frei, der Boden gewinnt an Luft, Putzen wird einfacher, der Raum wird schön und ordentlich.

Ich gewinne einen Spiegel, in dem ich mich drehen und wenden kann.

Und damit ist es eine wunderbare Tätigkeit. 🙂

(Fast, aber nur fast genauso schön wie äh- Bügeln!)

aneboegeleisen

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