Die Illusion des Virtuellen

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woher kommt meine partielle Blogmüdigkeit?

Im Moment hat sich bei mir so etwas wie eine gewisse Blogmüdigkeit breit gemacht. Das ist an sich nichts ungewöhnliches oder schlimmes und wer das Blog länger liest, weiß, dass ich das regelmäßig habe. Ich will eben keine Maschine sein, die jeden Tag 20 Artikel raushaut, um dann in irgendwelchen Listen ganz oben zu stehen. Nein, der philosophische und menschliche, vielleicht auch persönliche Anteil war mir in den Texten immer wichtig gewesen. Ich denke, man kann Texte nur gut schreiben, wenn man einen großen Anteil eigener Person „untermischt“ und auch ganz explizit persönliche Anteile und Gedanken mitteilt. Würde man das nicht machen, kann man gleich zur News-Maschine werden, über SPON und die ganzen anderen Nachrichten-Portale eilen, das beste zusammenpicken und dann einen Zweizeiler dazu schreiben. Sicherlich ist das auch eine interessante Form des Bloggens, aber es liegt mir persönlich nicht. Ich möchte in eine News einsteigen, ich möchte die Tiefe ergründen, ich möchte Menschen (und vor allem mich selbst) zum umdenken bewegen.

Schwarz, weiß oder bunt?

Das ist nicht immer ganz leicht. Nehmen wir z.B. die Integration-Debatte, die es derzeit in den Medien gibt. Obwohl wir im Land mit der Geschichte größter Grausamkeit im Namen der Andersfeindlichkeit leben und wir über 60 Jahre Aufklärung, Geschichtsstunden und Museen über unsere dunkle Vergangenheit haben, eine Grüne Partei die stärker als je zuvor ist, gibt es immer noch genügend Menschen, die ausländerfeindlich sind, Stammtisch-Parolen raushauen, über Hartz IV-Empfänger schimpfen und alle recht ungeschickt mit dem farbenfrohen Malkasten der gängigen Klischees hantieren.

Und die politische Kultur erscheint mir in allen Bereichen so einseitig. Es gibt kaum noch vernünftige Mittelwege. Der Streit um Stuttgart 21 hat das ganz gut gezeigt, wie verhärtet die Fronten sind und dass es für viele Menschen nur noch schwarz/weiß gibt.

Es gibt daher keine Partei, aber vor allem auch keine politische Denkrichtung, der ich mich vorurteilsfrei und mit gutem Gewissen anschließen kann. Wenn ich darüber blogge, dann liebe ich es, beide Seiten einzunehmen.. mich in der Mitte beider Gedankenfäden eine Weile zu verirren und am Ende in einer Idee wieder zu finden, die ich vorher so nie erwartet hätte.

Warum kann man nicht gegen Atomenergie, für höhere Hartz IV-Sätze, aber auch für ein Wirtschaftsprojekt wie Stuttgart 21 sein?

Warum kann man sich nicht für einen Mindestlohn starkmachen, aber gleichzeitig die Unternehmen steuerlich entlasten? Warum kann man nicht das Renteneintrittsalter heraufsetzen und die gezahlten Renten dafür erhöhen? Warum kann man nicht gegen Ausländerfeindlichkeit sein, aber sich dennoch eine „gute Integration“ (z.B. Deutschkenntnisse) wünschen?

Der Mainstream lenkt die Aufmerksamkeit

Warum werde ich durch den Mainstream der Gedanken und Medien dazu gezwungen, mich immer auf eine einzige Linie zu schlagen? Reichen denn fünf oder sechs Parteien aus, um die ganze Vielfalt des Menschen und seiner Gedanken und Meinungen wider zu spiegeln? Ich denke nein.

Und das ist der Grund, warum ich derzeit wenig Lust auf das Bloggen, vor allem das politische Bloggen habe. Ich kann nur „erfolgreich“ sein, wenn ich bestimmte Klischees bediene und mich auf eine Linie festlege, die derzeit alle vertreten. Das engt den freien Geist aber ein. Ich möchte weiterhin vorurteilsfrei, parteienlos und klischeelos urteilen dürfen. Oder ich möchte eine Zeit lang das eine Klischee bedienen um kurzerhand zum anderen zu springen um damit die Absurdität des Ganzen zu verdeutlichen.

Aber es ist natürlich vermessen, zu erwarten, dass andere Menschen diese Meinung teilen oder man gar jemand mit dem eigenen Tun „überzeugen“ kann. Es geht nicht darum, ob man sich Mühe gibt, sondern darum, ob man Erfolg hat.

Überzeugen lässt sich per se niemand. Überzeugung, egal wie man sie äußert oder vertritt, ist auch immer Manipulation und Einflussnahme, es gibt keine „gute Überzeugung“, die ohne einen egoistischen Anteil auskommen würde.

Die Rolle der Blogs

Das bringt uns zur anderen Frage: Was können Blogs, oder vor allem: was sollen Blogs? Soll ich weiterhin über mein Privatleben schreiben und hin und wieder einen zusammengestellten Alltagsbericht „produzieren“? Soll ich mich politisch engagieren oder lieber ganz aussteigen und zur Nicht-Wählerin mutieren? Soll ich eine direkte Ansprache wählen, soll ich mich bemühen, jemand zu belehren und zu bekehren?

Ich denke inzwischen, dass man das alles nicht kann, ohne sein Gewissen zu verbiegen. Die Begründung ist ganz einfach: Die Mainstream-Medien erzeugen Aufmerksamkeitswellen, verstärkt durch soziale Netzwerke wie Twitter oder Nachrichten-Portale mit vielen Besuchern. Die tägliche News ist das Geschäft, nicht das tiefgehende Sinnieren über eine News oder gar die Diskussion mit Menschen untereinander, die darüber nachdenken und auf Augenhöhe austauschen wollen. Wir als Blogger wiederholen also nur diese News und kommentieren sie allenfalls, falls wir überhaupt diese Kapazitäten haben, um jede einzelne News auch in ihrer vollen Länge geistig-mental und mit großem Sachverstand und umfangreichem Allgemeinwissen zu „durchleuchten“. Wenn wir das wollen und könnten, würde es ganz gewiss ein Fulltime-Job werden.

Wir dringen in Normalfall niemals in die Tiefe. Die News-Welle überrollt uns alle und bindet die Aufmerksamkeit. Nehmen wir die Vorurteile und die Klischees. Wie kann man sie ändern? Ganz bestimmt nicht über eine Klischee- oder Anti-Klischee-Welle, weder über rechts-ruck Unternehmerfreund- und Anti-Hartz Parolen, noch über das gutmenschen-linksgerichtete, Korksandalen-tragende, frauenfreundliche, sozialistische Gemengelage..

All das bringt den Menschen nicht weiter und all das ändert eine Gesellschaft nicht. Indes, wir bauen einfach neue Fronten auf, wir lernen dabei unseren Mitmenschen niemals kennen. Wir ärgern uns über diese schlechte Welt, bemerken aber nur selten, dass wir es mit unseren Gedanken sind, die sie täglich neu erfinden. Wie in einer Matrix sehen wir die Welt durch einen Schirm, aber wir sehen nicht die Welt, so wie sie eigentlich ist. Wir sind blind geworden für die Realität, weil unsere Meinung sich über die Schirme und die Buchstaben bildet.

Wir erschaffen uns schlechte Menschen, wenn wir blutrünstige Krimis mit paranoiden Persönlichkeiten „konsumieren“. Wir sind es, die ausländerfeindlich sind, wenn wir hinter vorgehaltener Hand über ein Kopftuchmädchen lästern. Wir sind es, die die Leser betrügen, wenn wir uns freundlich und offen geben, aber hinterrücks vielleicht 2.000 Identitäten besitzen. Es ist nie „die Gesellschaft“ die schlecht ist, es sind auch nicht „die Politiker“, es sind weder „die Unternehmer“ noch „die Frauen“, es sind auch nicht die „Rentner“, nicht „die Machos“ und auch nicht die Spontis, Radikalen, Rassisten, Extremisten und wie sie alle heißen.

Fazit

Es sind einzig und allein wir, der einzelne Mensch, der das Zünglein an der Waage ausmacht. Und es ist eine große Last, das im vollen Ausmaß zu erkennen und zu akzeptieren. Die Aufklärung hat uns mündig gemacht, aber gleichzeitig mit hoher Verantwortung für uns selbst und die Gesellschaft beladen.

Der einzelne ist aber nur schwer zu erfassen, also verallgemeinern wir. Vereinfachen wir uns die Sicht, in dem wir das geliebte Werkzeug der Abstraktion benutzen. Wir teilen das Individuelle auf und fassen es in überschaubaren Gruppen zusammen. In immer kleineren Gruppen, bis nur noch ein Satz übrigbleibt, ein Gedanke. Vielleicht ein ausländerfeindlicher Gedanke, vielleicht ein feministischer Glaube oder eine religiöse Überzeugung. Aber stets, nur kleine Fragmente eines großen Ganzen, aufgeladen mit mentaler Energie, geschärft durch das Feuer des Wortes, und emotional-eisig wie der nahende Winter.

All das macht nicht frei. Im Gegenteil, es macht müde. Man dreht sich und dreht sich und bleibt doch auf der Stelle. Es gibt kein Entkommen, die Menschen sind eben schlecht, die Gesellschaft egoistisch und geizig. Das Gute zahlt sich nicht aus, also warum noch an das Gute glauben?

Und was soll der einzelne Blogger schon dagegen machen? Er beobachtet, er schreibt und er ändert doch nichts.

Er kann nichts ändern, weil sich nur die Menschen selbst ändern können. Es ist nicht die News-Welle, die zu Glück führt, sondern nur das eigenständige Denken und das unmittelbare Wirken im Jetzt. Es gibt nichts darüber hinaus, was nicht den Deckmantel und die Illusion des Virtuellen hätte.

10 Gedanken zu „Die Illusion des Virtuellen“

  1. Danke Michaela, das ist sehr nett. Ich lese auch regelmäßig bei dir und habe dich im Reader, aber ich kommentiere nur selten. Vor allem deinen letzten Artikel fand ich sehr bewegend (das Gespräch mit deinen Eltern). Hab Mut und steh weiter zu dem „was“ und vor allem „wer“ du bist. Leider ist die Gesellschaft nicht so tolerant, wie wir sie vielleicht gerne hätten oder gar bräuchten. Aber der einzelne kann dennoch viel bewegen, daran muss man einfach glauben.

    Viele liebe Grüße,
    Julia

  2. Du änderst und bewegst eine ganze Menge mit Deinen Blogeinträgen, allerdings bekommst Du das in der Regel nicht mit.
    Wenn Du Dir beispielsweise ein (mehr oder weniger) aktuelles Thema heraussuchst – wie vor kurzem z.B. Stuttgart 21 – und Deine Gedanken dazu aufschreibst, dann stößt Du damit jeden aufmerksamen Leser an, seine persönliche Meinung mit Deiner abzugleichen. Er wird einige Punkte von Dir verwerfen, andere vielleicht annehmen, und er wird – das ist das wichtigste! – darüber nachdenken und sein eigenes Bild der Thematik neu beleuchten.

    Leider erhältst Du von diesen Gedankengängen in den wenigsten Fällen ein Feedback, was aber nicht bedeutet, daß sie nicht stattfinden.
    Ich jedenfalls komme nicht immer wieder auf Deine Seite, weil ich der Meinung wäre, daß Deine Texte mir nichts bringen würden.

    Das eigenständige Denken, das Du in Deinem letzten Absatz ansprichst, braucht immer wieder Anstöße von dritter Seite – und das ist eine Aufgabe der Blogs (übrigens etwas, was die kleinen, privaten Blogs wesentlich besser erfüllen, als die großen News-Wellenreiter).
    Du darfst zwar müde sein, weil die Dinge anstregend sind oder weil Dich das schwache Feedback frustriert – nicht jedoch, weil Du der Meinung bist, Deine Stimme würde nichts bewegen.

    Yva

  3. Hallo Yva,

    erstmal danke für die netten Worte.

    Es ist mir bewusst, dass es vielleicht für Außenstehende wie Jammerei aussehen muss „oh sie hat schon wieder eine Krise“ oder etwas in der Art. Und wenn ich ehrlich bin, geht es im Grunde auch darum. 😉 Einfach mal den Frust von der Seele schreiben und schauen, was übrigbleibt..

    Aber mal im Ernst: Ich habe einfach das große Bedürfnis, immer wieder darüber nachzudenken, ob das sinnvoll ist, was ich mache und ob es nicht noch andere, bessere Wege geben könnte. Bei Politik scheiden sich bekanntlich die Geister oder es zerbrechen Freundschaften und Beziehungen daran, also ist es umso wichtiger, mal ganz genau darüber nachzudenken, was man da eigentlich so vom Stapel lässt .. Wer ist schon ein Experte, wer kann schon von sich behaupten, alles zu wissen? Wer kann der News-Welle wirklich entkommen?

    Das mit dem schwachen Feedback stört mich dabei gar nicht so sehr (nur manchmal). Aber ich frage mich z.B. : Bin ich zu kritisch? Bringt mir das wirklich was, alles so haarklein zu hinterfragen? Warum kann ich die Dinge nicht einfach geschehen lassen… etc.

    Aber irgendwie kann man nicht „über die Welt“ bloggen, ohne dabei ins Grübeln zu kommen. Das muss so eine Art Naturgesetz sein.

    Danke nochmal für Feedback, über das ich mich immer freue,

    und
    viele Grüße,
    Julia

  4. Ich denke jeder der „bewusst“ Denkt, kennt dieses Gefühl des durchhängens. Warum und überhaupt mache ich dieses oder jenes?
    Jeder Gedanke ist es Wert gedacht zu werden und jeder Artikel ist es Wert geschrieben zu werden. Was und ob ich etwas „bewirke“ ist für mich gar nicht die Frage.
    Ich blogge erst seit ca. 3 Wochen und bin ein newbie und schreibe in erster Linie für mich selbst.
    Wohin die Reise geht, kann ich jetzt noch gar nicht sagen, aber meine Reise ist das Ziel! 🙂
    Ich habe noch nicht sehr viel in deinem Blog „gewühlt“, möchte aber sagen, dass was ich gelesen habe berührt und das ist großartig, der Engländer würde jetzt sagen „isn’t it?“
    Erlaube dir diese Blogmüdigkeit, „schlafe“ und sammel neue Kraft. Keiner erwartet etwas, was erwartest du von dir?

    LG Robert

    Ich würde mich freuen, deinen Blog zu verlinken, mache das aber nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis.

  5. Hallo Robert,

    gerne kannst du meinen Blog verlinken, wenn du magst, verlinke ich auch zurück. Ich finde deine Einstellung sehr gut, in erster Linie schreibt man für sich selbst. Das Bewirken ist gar nicht soo wichtig.
    Aber warum stelle ich mir dann so oft die „Sinnfrage“? Vielleicht ist die Frage auch überflüssig und etwas zuviel „gegrübelt“.

    Viele Grüße
    Julia

  6. Sehr schön, dann werde ich das machen und freue mich, wenn du auch mich „verlinkst“. Ich fühle mich etwas „klein“ mit meinem Blog, je mehr ich in deinem Lese *lacht*.
    Für mich gilt, besser einmal mehr Grübeln als einmal zu wenig, ist aber sicher Typabhängig. Die Sinnfrage stellt sich jeder, mal mehr, mal weniger, ich lasse mich von dieser aber nicht „überollen“. Zumindest was den philosophischen Ansatz der Frage angeht, nicht umsonst kann die Beantwortung dieser zu einem Lebenswerk werden und das meist ohne wirkliches Ergebnis. Ich weiß, dass ich nichts weiß! 😀

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