Die Fülle des Lebens III

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Persönliche Gewissensbisse und poetische Geschmacksverstärker

Kommen wir nun zum schwierigsten Abschnitt der Reihe, die persönlichen Konsequenzen aus der gewonnen Einsicht. Wenn ich an „Fülle“ denke, muss ich unweigerlich auch an mir selbst herunterschauen: Ein kleiner Bauch hat sich gebildet und kleine Fettpölsterchen aus den letzten Jahren sind dank guter Ernährung und gestiegener Kochkunst etwas mehr an Umfang gewachsen. Ich gehe gerne in den Supermarkt und ich kaufe gerne ein. Bin ich nun automatisch ein böses Konsum-Monster? Hey, ich fahre sogar Autos, ich benutze einen Computer, ich verbrauche Strom, ich mag Lichterketten und eine Festbeleuchtung im Zimmer, im Winter hab ich´s gerne warm, ich esse gerne Fleisch, ich habe ein Handy, ich trinke vorzugsweise Kaffee (der hoffentlich nicht in Dritte-Welt Ländern angebaut wird) und ich trage manchmal auch T-Shirts aus dem Discounter. Ich ernähre mich ungesund, ich gehe zu Mc Donalds, ich bin weder Mitglied in einem Umweltverein, noch in der Kirche und spenden tu‘ ich nur zu Weihnachten.

Also, ich denke- ein ganz normaler Durchschnittsmensch.

Moral-Apostel und Gesundheitsfanatiker, Öko-Terroristen und Gutmenschen-Spinner find ich oft lustig und ich predige am liebsten Wein und trinke Wasser (ne, umgekehrt).

Was also, kann der einzelne Mensch tun, angesichts der Herausforderung der Globalisierung, der Umweltschäden und des Bevölkerungsproblems? Sind Spott und Zynismus die einzige Antwort und nach uns kommt die Sintflut?

„Ach der einzelne kann nichts bewirken“ denken soviele, auch ich. „Wenn nur ich auf die Annehmlichkeiten verzichte, was soll sich schon ändern? Dann hab nur ich den Mangel und die anderen den Bonus! Das ganze ist ein politisches Problem und wenn die Staaten nichts ändern, dann kann der Einzelne auch nichts machen“. Aber hoppla, vergessen, der Staat bin ja ich! Menschen sind Massenwesen und verhalten sich so wie der Nachbar. Wehe, wenn der mehr hat als ich, dann werd ich so traurig. Und beim Anblick seines neuen Autos, da wird mir so schaurig!

Alternative sind Spinner, Studenten, Öko-Fuzzies und Menschen, die zuviel Zeit haben. Jeder, der ordentlich arbeitet, ist eingebunden im System und kann ihm kaum entkommen. Je älter man wird, desto größer meist die Neigung zu konservativen und bürgerlichen Ansichten. Wir nehmen das System deshalb nicht wahr, weil wir schon zu lange Teil davon sind.

Ausreißer, freilich die gibt es, aber im statistischen Rausche der Weltenchronik werden sie kaum eine Rolle spielen. Dazu gibt es zu viele „Normale“.

Ich habe mich mal eine Zeit lang im „Anderssein“ versucht und die meisten Einkäufe und Gänge zum Arzt zu Fuß gemacht, in Mannheim (meiner alten Heimatstadt) konnte man das recht gut machen. Von den Autofahrern bin ich immer doof angeglotzt worden und oft war ich die einzige, die den schmalen Bürgersteig entlang getrippelt ist. Vor Bussen und öffentlichen Verkehrsmitteln habe ich eine Phobie, also was blieb, war des Schusters Rappen, also mein Knie.

Schutzlos fühlte ich mich, die nackte, kalte Welt ganz dicht an mir heran. Kein schützendes Blechkleid, keine 200 PS unter den Füßen, die mich schneller als der Wind in die Flucht reiten ließen, stattdessen Staub und Asphalt, gereizte Lungen und mir war kalt.

Und immer das nagende Gefühl „ich bin die einzige, die das so macht, die anderen haben es bequem“ Warum sollen sie auf ihren Rössern reiten und warum soll ich stehen?

Ein zwei Jahre habe ich wenigstens die nötigsten Wege so abgewickelt und heute?
Jagt sie noch wilder und hetzt an mir vorbei, die Meute.

Ich kann doch nichts machen, der einzelne bewirkt nichts!

Was soll sich ändern, wenn ich die einzige bin, die die teuren Bio-Eier kauft und die anderen die günstigen aus der Batterie? In der Pfanne schmeckt es gleich und beim Backen da schmeckst du es nie!

Das Steak so brutzelnd und knusprig, sieh- wie es auf dem Grill zergeht, der Rauch steigt empor, ist es wirklich schon so spät? Der Hunger kreist im Bauch herum, und um die Weltbevölkerung, da kümmer´ ich mich morgen drum!

Streng gefangen in diesem Dilemma, „in“ ist er der luxuriöse Schlemmer, schau dir meine neue Küche an, da fängst du wie von selbst das Kochen an.

Ist´s auf keinen Fall eine Schande und soll jedem schmecken, Sorgen brauchen dich nicht zu verschrecken.

Das Gewissen nur leider, unruhig schwankend und selten beruhigt.

Was oder wer also, kann etwas bewirken? Immer wird auf den Verbraucher geschaut. Die Verbraucher sind am Dioxin-Skandal schuld, weil sie gerne billig einkaufen, die Verbraucher sind schuld, dass die Strompreise so hoch sind, weil sie den Anbieter nicht wechseln (über den Steueranteil, freilich da redet man wenig). Die Verbraucher, die Verbraucher!

Derjenige aber denkt, nein der Konzern ist schuld, weil er so billig produziert, weil er die ökologischen oder ethischen Standards nicht einhält, die Politiker sind alle korrupt und daran schuld (das Geld!), während die Mutter Erde in Problemen sich suhlt.

Ach und nun hat das große Problem zum Dichten mich gebracht
vielleicht hätt ich nicht soviel lesen sollen und nicht,
mit dem ordentlichen Schreiben mir´s verkracht.

Morgen ist ein neuer Tag, die Sonne scheint so wunderbar
die Probleme gehen und kommen, wie einst immerdar.

Ich beende das Posting mit einem Zitat
der schon vor Jahren ein Meister darin ward;

ein größerer, als ich je sein werde
drum denkt darüber nach und achtet die Erde:

………………………

Wir wollen auf Erden glücklich sein
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja Zuckererbsen für jedermann
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Aus: Deutschland, ein Wintermärchen, von Heinrich Heine, Caput 1, 33-48

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