Der Sehnsuchtsort

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Jeder Mensch kennt ihn : den Sehnsuchtsort.
Es ist ein Ort, tief im Inneren, an dem man gerne wäre. Ein Ort, von dem eine magische Anziehungskraft und Ruhe ausgeht. Aber auch ein Ort, der fasziniert und von dem man sich mehr verspricht.

Dieser Ort kann ein rein gedanklicher Rückzugsort sein, eine Ruhe-Oase, zu der niemand vordringen kann.

Oder es ist ein Ort, den man wirklich bereisen und anschauen möchte.

Bei der Fotografie habe ich immer wieder gemerkt, welche Faszination von „Orten“ ausgeht. Dieses Gefühl, an einer Stelle zu stehen, wo schon viele Menschen hingezogen oder sogar gepilgert sind. Man möchte dann Teil dieser Faszination sein. Ein Foto anzuschauen ist die eine Sache, aber wirklich an dem Ort zu stehen, der große Bedeutung, eine beeindruckende Aussicht oder eine besondere geschichtliche Bedeutung hat, das ist wirklich etwas anderes.

Bei Instagram gibt es diese „hot places“, die dann tausendfach geteilt werden und die dadurch wieder neue Besucher anziehen.
Stellenweise begeben sich die „Orte-Jäger“ dann in legale Grauzonen und überschreiten Grenzen, die eigentlich geschlossen sein sollten (z.b. werden dann Betretungsverbote ignoriert).

Es gibt aber auch Orte, die man aus dem Fernsehen oder anderen Medien kennt. Orte, bei denen man sich erhofft, etwas anderes zu finden: Mehr politische Freiheit vielleicht, besseres Wetter, mehr Sonne oder einfach die Freiheit, die man zu Hause nicht sehen und spüren kann.

Mein aktueller Sehnsuchtsort heißt: Los Angeles. Irgendwas in meinem Kopf sagt mir, dass ich diesen Ort unbedingt (wenigstens einmal in meinem Leben) bereisen sollte. Vielleicht, weil ich mittlerweile so viele Filme und Krimis kenne, die dort spielen (zur Zeit schaue ich die Serie „Bosch“ und spiele GTA 5). Oder weil ich immer wieder fasziniert bin von den Palmen und der untergehenden Sonne am Santa Monica Beach. Oder einfach, weil der Ort so abartig weit weg ist, dass man mit dem Flugzeug etwas mehr als 11 Stunden Flug benötigt. Und ich auf der anderen Seite schon sehr lange keinen weiten Flug mehr gemacht habe. Vielleicht auch, weil mir die amerikanische Kultur und Lebensart soviel anders als die deutsche, europäische Art anmutet. Immerhin waren die „Vereinigten Staaten“ über Jahrhunderte das Ziel von frustrierten, religiös eingeengten Europäern und Armutsflüchtlingen. Warum sollte sich so eine Auswanderungsbewegung nicht wiederholen, wenn Europa im Chaos versinkt?

Ich träume davon, wenn mich hier zu Hause die Arbeit mal wieder erschlägt und es einfach nicht aufhört zu stürmen und zu regnen. Wenn der Winter mal wieder vier Monate dauert und einfach nicht enden möchte. Wenn man nach zwei Jahren Lockdown und wirtschaftlicher Krise einfach nur noch eine Veränderung und einen Neuanfang möchte.

Dann ziehe ich mir die Decke über den Kopf und stecke die kabellosen Ohrhörer in die Ohren, damit alles andere abgeschirmt bleibt. Ich schalte auf Youtube ein Video mit „Flugzeuggeräuschen“ ein. Leises, monotones „weißes“ Rauschen von den Turbinen. Das Geräusch beruhigt und wirkt einschläfernd. Dann schalte ich den Fernsehsessel auf „Liegeposition“. Langsam senkt sich die Rückenlehne nach hinten und ich schwebe plötzlich über den Wolken. Weit weg, die Menschen und Straßen werden immer kleiner. Bald durchstoßen wir die Wolkendecke. Hier oben ist strahlend blauer Himmel und die Sonne blendet in den Augen. Es geht nach Westen. Die Maschinen und Computer tragen uns wie an magischer Leine geführt bis an das Ziel.

5 Gedanken zu „Der Sehnsuchtsort“

  1. Total gut geschrieben, Julia!

    Bloss: Sehnsuchtsort als Ort, an den es viele hinzieht, so sehr, dass sie sogar Grenzen übertreten, das ist für mich kein Sehnsuchtsort mehr.
    Und ich glaube, wenn es zuviel von einem Sehnsuchtsort gibt oder man zuviel davon geniesst, dann verliert sich die Sehnsucht, weil man so an diesen Ort gewöhnt ist.

    1. Hallo Sabine, danke für die Rückmeldung. Ich nehme an, Du beziehst Dich Dabei auf das Insta-Phänomen? 😉 Das ist wirklich krass. Vor zwei Jahren hab ich das bei der Mehlinger Heide gemerkt. Da hat sich die „Sehnsucht“ nach schöner Natur ins Gegenteil verkehrt. Alles wurde zertrampelt, auf Naturschutz keine Rücksicht genommen usw. Es ging nur noch ums beste Bild und dass man auch mal dort gewesen ist. Dann ist es aber nichts besonderes mehr.
      Vielleicht komme ich dazu und erweitere den Artikel noch um ein paar Gedanken. Gibt es für Dich auch einen Sehnsuchtsort? 😉 Vg, Julia

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