Der schlaftrunkende Künstler

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Kleiner satirischer Text über meinen Morgen.
Bitte nicht mit der Realität verwechseln- die ist noch viel graumsamer!

Etwas schlaftrunken hebe ich meine Füße aus dem Bett und schaue auf den Handywecker: Es ist erst 10 Uhr. Ich beschließe, doch endlich aufzustehen, die Pflicht beißt mich im Nacken und erinnert mich unbewusst an meine Faulheit. Auf wackligen Beinen wanke ich in die Küche, räume die Reste vom Vortag widerwillig beiseite und setze den ersten Kaffee auf. Zehn Tassen dick und schwarz. Beim Ausleeren des Filters begegnet mir eine Spinne, die sich in der Küchentür, fast unsichtbar auf ihren transparenten Beinen, gemütlich eingerichtet hat. Als ich die Haustür verlasse, merke ich auch warum: Draußen ist es kühler geworden. Noch im Halbschlaf spaziere ich -in den Schlappen schlurfend -weiter zum Hoftor, um die Zeitung in Empfang zu nehmen, nebenbei werfe ich einen Blick auf das gestrichene Tür zum projektierten „Freizeit- und Begegnungscenter R. e.V.“, umgangssprachlich auch Schuppen genannt. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen, als ich feststelle, dass die einheimische Vogelwelt hier so unglaublich aktiv ist und sich gerne auf der getanen Arbeit mit einem Liebesgruß aus Dung bedankt, sowie unzählige Regentropfen den Rand meiner in Schweißtropfen vollendeten Arbeit bewässern- ihr aber nichts anhaben können, da ich den besonders wasserresistenten und auf 10 Jahre konservierenden Hochleistungslack für 17,99 Euro verwendet habe.

Nach diesen frühen Rückschlägen und lebensfeindlichen Eindrücken aus der Außenwelt ziehe ich mich wieder in mein sicheres Schneckenhaus zurück und nehme eine Anti-Depressions-Pille. Erwartungsvoll setze ich mich auf den Stuhl und warte auf die Wirkung. Doch heute passiert irgendwie nichts. Kein Strahlen, kein Grinsen und auch für das Glas Ouzo ist es definitiv noch zu früh.

Dann muss ich den Tag eben so leben, wie er sich heute anbietet: Nass, trübe, grau und kalt.

Als ich darüber nachdenke und gerade in tiefes Selbstmitleid versinken will, meldet sich die Kaffeemaschine mit einem leisen Glucksen und verkündet das nahende Ende des emsigen Durchlaufens (jeden Morgen tut sie das und fragt nicht nach dem Sinn, ich beneide sie dafür). Ich freue mich auf das schwarze Gesöff, was mir ein wenig Wärme und Liebe schenkt.

Zwischenzeitlich denke ich über die Frau nach, die mir in meinen Träumen zuletzt immer wieder begegnet ist und was meine Tiefenpsychologin nun dazu sagen würde. Bin ich vielleicht doch lesbisch? Ich empfinde positive Gefühle für andere Frauen und bin nicht nur neidisch oder zickig. Mit mir muss was nicht stimmen. Ich habe es ja schon immer gewusst!

Dabei wollte ich so gerne Germanys Next Topmodel werden! Das passt aber nicht zum Image. Scheiß Leben.

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