Das Zimmer ist errichtet

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Zeit zum Innehalten. Endlich.

2007 sind wir in unser altes Haus in Ebertsheim eingezogen. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Wie groß das Ausmaß der Arbeit sein würde oder wie sich das anfühlt, alles „selbst zu machen“. Die Bilder in den Baumarkt-Prospekten waren so trügerisch. Dort ist immer alles perfekt ausgeleuchtet und glückliche Menschen beziehen mit einem Lächeln auf dem Gesicht ihren Balkon, ihren Garten, oder lümmeln in ihrem frisch tapezierten Wohnzimmer. Der Dreck wurde ihnen von der Maskenbildnerin künstlich ins Gesicht geschmiert und die Klamotten ein bisschen zurecht gezupft. Es sieht immer alles so leicht und einfach aus. Und es scheint alles nur einen Kaufvertrag weit entfernt. Eine kleine Entscheidung im Geiste, die wir damals in Mannheim getroffen haben, die aber unser Leben so sehr geprägt hat.

Ein Raum, in diesem großen alten Haus, fiel mir gleich ins Auge. Es war der hellste und schönste Raum. Der einzige Raum, der wirklich von allen Seiten Licht bekommt und der dazu noch etwas höher, also im ersten Stock gelegen ist. Er liegt an einem Endpunkt und man wird nicht von anderen gestört. Er hat eine hohe Decke und ist nicht so gedrungen wie die anderen Räume. Vor 200 Jahren war das die gute Stube im Bauernhaus. Damals haben die Leute nicht viel drinnen gelebt. Meistens war sie draußen auf dem Feld und wenn mal alle „reingekommen“ sind, dann hat man sich mit der 7-köpfigen Familie einen Raum geteilt. Für die Frau un ihre „Schreibarbeit“ war kein Platz, schon gar nicht der ganze große Raum! Das wäre absolut undenkbar gewesen! Man muss sich ab und zu mal zurücklehnen und über diese Privilegien nachdenken, die man erhält. Früher hatte der Raum 3 Steckdosen, jetzt haben wir ihn aktualisiert auf 17 und er hängt an zwei Sicherungskreisen. Es ist der schönste und hellste Raum und mein Mann hat ihn mir bereitwillig und ohne Zögern überlassen. Diesen schönsten Raum im Haus, den hat er mir geschenkt. Und er nimmt den etwas schlechteren Raum im Durchgangsbereich.

Ich stellte mir schon damals vor, wie ich da eines Tages sitzen werde. An meinem kleinen Schreibtisch, nur das Laptop und meine freien Gedanken vor mir. Ohne Ballast, ohne Verpflichtungen, einfach nur meine Gedanken und ich in einer perfekten Umgebung. Und ich schreibe einen Text. Mitten im Grünen, mitten in der Ruhe. Ich stellte mir das schön vor. Romantisch irgendwie, im eigenen Haus. Ehemann, Familie, Garten- fehlt noch ein kleiner Hund. Das war und ist mein Traum vom einfachen und guten Leben. 2020, also 13 Jahre später kann ich mir den eigentlichen Traum erst erfüllen. Solange hat es gebraucht, bis wir den Sanierungsstau des alten Haues überwunden haben, Schichtarbeit, Firmengründung, Seelenschieflage, Trauerarbeit und alles andere unter einen Hut gebracht haben und endlich in diesem Raum angekommen sind. Wir waren physisch zwar schon immer in diesem Raum, haben ihnen lange als Schlafzimmer für die Nachtschicht/ Spätschicht benutzt. Das war überhaupt der Grund warum wir aus der lauten Stadt weggezogen sind. Weil die laute Stadt nicht für Schichtarbeiter und ihre besonderen Bedürfnisse gemacht ist. Und weil das Einkommen nicht für ein Haus in der Stadt, auch nicht am Stadtrand gereicht hat. Wir wurden schon damals aus dem „Lebensraum Stadt“ verdrängt und kamen in einen ruhigeren, gemütlichen, freundlicheren Lebensraum „Land“ an. Ein Lebensraum, in dem frische Gedanken, und tatkräftige Menschen mit Eifer und Pioniergeist dringend gebraucht werden. Ein Lebensraum, der sich besonders in der Corona-Krise als sehr vorteilhaft erwiesen hat. Mir fehlt nichts, absolut nichts. Gerne würde ich mit 10 anderen Leuten jetzt den Umzug feiern. Das muss ich erstmal „per Skype“ machen. Und wie so oft, wenn man irgendwas frisch hinter sich gebracht hat, kommt die Freude noch nicht so richtig auf. Noch überwiegt die Müdigkeit. Alles tut mir weh. Die Hände vom Renovieren und Putzen, die Beine vom Räumen und Hin- und Hergehen, und die Seele von der aktuellen Nachrichtenlage und der großen Einsamkeit, die uns plötzlich alle erfasst hat. Die Augen brennen, entweder von der Müdigkeit oder dem Heuschnupfen. Dennoch ist der Mensch so voller Hoffnung und voller Energie. Die Energie wird uns als Menschen niemals ausgehen, auch wenn wir mal in einer Notlage sind und großes verbringen müssen. Gerade dann, wachsen wir über uns hinaus.

Ich hätte jetzt Zeit. Zeit für die nächsten großen Projekte. Zeit zum Schreiben, Zeit zum Nachdenken. Zeit, um mich mental wieder auf andere Menschen einzulassen. Das Zimmer ist errichtet, jetzt muss ich es nur noch mit Leben füllen.

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