Das kleine Dorf am Rande des Berges

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Fahrrad-Lenker aus der Sicht des Fahrers gesehen

(( Bildquelle: by_Albrecht-E.-Arnold http://www.pixelio.de/ ))

Lauwarm streicht die pollenhaltige Luft über meine nackte Haut. Die Augen brennen ein wenig und sondern beständig Flüssigkeit ab, um die eintreffenden Fremdkörper auszuspülen.

Die Sonne brennt vom Himmel, weit und breit ist keine Wolke zu sehen. Die Wiesen und Felder fliegen an mir vorbei, aber doch gerade so schnell, dass ich sie bewundern kann. Die Anzeige auf dem Tacho schwankt zwischen 15 und 20 Stundenkilometer, es fühlt sich an wie eine gute Reise-Geschwindigkeit.

Heute ist der perfekte Tag zum Radfahren!

Überall duftet es nach Natur, nach Wiesen, Gras und Blüten von Wildkräutern, die die Feldwege säumen. Ich fühle mich wie eine Hummel, die durch die Landschaft fliegt, soviel schneller als sonst geht es voran. Ich möchte die Landschaft aufsaugen, in mir spüren.. und je mehr ich das mache, desto mehr fühle ich mich als ein Teil von ihr. Die Landschaft und ich, wir verschmelzen…

Die Berge und Hügel empfinde ich heute kaum als Last. Leichtfüßig und in meinem eigenen Tempo gehe ich jede Steigung an. Die Trittfrequenz ist das Entscheidene. Immer schön gleichmäßig. Und auf die Atmung achten!

Die Sonne brennt. Die Luft ist voller Sauerstoff, aber über die Haut verliere ich Flüssigkeit. Der Fahrtwind kühlt, aber das ist verführerisch. Zum Glück habe ich genug zu Trinken dabei. Auf dem Kopf ziert ein modischer Fahrradhelm mein Haupt vor der Strahlung. Die Arme sind eingecremt.

Als wir ans Ende des unbekannten Feldweges ankommen, ist guter Rat teuer. Wohin jetzt? Eine Karte haben wir nicht und auch kein sündhaft teures Fahrrad-Navi. Nur unsere Neugierde, unser Mut und die eigenen Muskeln leiten den Weg.

Sie führen uns den kleinen Feldweg zum Wohngebiet hinauf. Schon nach wenigen Metern erreichen wir bebautes Gelände und können ganz unaufällig im Vorbeifahren in die Vorgärten der Anwohner blinzeln. Mit dem Auto würde das nicht gehen, da sieht man zu wenig und macht zuviel Lärm.

Nach ein paar hundert Meter treffen wir auf spielende Kinder. Sie spielen und toben, fahren mit ihrem Rutschauto einen Garagenzufahrt herunter und lachen dabei. Erwachsene sind nicht zu sehen, aber die Kinder wirken glücklich. Sie schauen noch nicht mal, als wir vorbeifahren, so vertieft sind sie in ihrem Tun.

Dann kommt wieder eine Steigung. Diesmal geht es deutlich schwerer und die Muskeln haben sich noch nicht erholen können. Ich bin froh, als wir oben ankommen und trinke erstmal was. Ein Hund bellt, als wir uns unterhalten. In der Wohnsiedlung hört man sonst keine Geräusche. Und außer den Kindern am Fuße des Hügels waren keine Menschen zu sehen.

Dass hier Menschen wohnen erkennt man daran, dass hin und wieder der Duft von Gegrilltem in die Nase steigt und den Appetit wachsen lässt. Und dann.. ist da ein Geruch, den ich schon lange nicht mehr gerochen habe, aber er erinnert mich an was. An meine Kindheit. Es ist der Geruch von Rindenmulch, stark, stechend und ein Inbegriff für Vorgärten, Wohnsiedlungen und unbeschwertes Spielen bis in die Abenddämmerung.

Die Luft flimmert und der anstehende Sommer ist zum Greifen nahe. Die Häuser sind gepflegt und überall blühen Blumen und die Bäume stehen in voller Blätterpracht. Wie friedlich dieser Ort ist.

Endlich haben wir das Schlimmste überstanden und können wieder bergab fahren. Einen direkten Weg durchs Dorf haben wir nicht gefunden, aber egal- denn die Neugierde ist befriedigt und das nächste Mal wissen wir besser Bescheid.

Wir fliegen ein gute ausgebaute Straße hinab, das Tempo steigt, die Luft kühlt. Ein Mann gießt seine Blumen, aber er schaut nicht mal auf, als wir vorbeifahren.

Ich fühle mich frei. Wie diese Frau in dem Film.. in Titanic. Ich würde gerne die Arme ausstrecken und „ich liebe euch alle“ oder „Freeeiheit“ rufen, aber ich muss mich auf die Straße konzentrieren. Experimente sind nicht gestattet.

Was bleibt, ist das Gefühl. Und ein ganz besonders schöner Feiertag.

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