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Die sterbende Gesellschaft – und die Freude auf Ostern

Es sind komische Tage, in denen wir derzeit so leben.
Es ist so, als ob irgendwer das große Licht ausgemacht hätte und wir jetzt alle im Dunkeln sitzen.

Solange sind wir ohne Menschen, ohne Familie, ohne Freunde.
Solange schon müssen wir ohne gewohnte Rituale auskommen, können nicht essen gehen und nicht verreisen.
Solange konnten wir schon nicht mehr ins Kino, zum Schwimmen, Sport oder einfach mal in einem Museum bummeln.
Selbst das Einkaufen ist kompliziert geworden! Mal braucht man einen Termin, mal geht es ohne und manchmal steht man komplett vor verschlossenen Türen.

Unser ganzes Leben hat sich radikal verändert. Es gibt keinen Trost, kein Allheilmittel aus dieser Situation.
Das Virus hat den Anfang gemacht, die Politiker sind ihm gefolgt.

Es gibt keine verünftigen Wege raus aus der Pandemie. Tag für Tag werden wir mit negativen Nachrichten bombardiert und die Glaubwürdigkeit eines ehemals starken und gut funktionierenden Systems erodiert. Wir altern. Unsere Gesellschaft altert, unsere Ideen altern, das bestehende System muss dringend ins Krankenhaus. Es ist ein Endpunkt, in dem wir uns befinden, eine Wendezeit. Aber wir haben das schlimmste noch nicht überstanden, wir sind mittendrin..
Wie in einem großen Krieg, einer großen Krise, die die kollektive Psyche der Menschen stark belastet.

Wir sind belastet. Wir sind traurig, aber es interessiert keinen mehr, wenn wir weinen. Weil wir isoliert sind.
Wir stehen jeden Tag auf, haben aber keine Kraft mehr zum arbeiten. Wir leben in unseren Palästen einer alten Zeit, die vor dem großen Crash gebaut worden sind. Ab jetzt geht es abwärts.

Der Luxus der vergangenen Zeit kommt uns weit weg vor. In den Urlaub fliegen, eine Kreuzfahrt machen, alles solche Dinge, die früher selbstverständlich sind, sind einfach verschwunden. Und das schlimmste ist: Wir vergessen, wie das war, wie es sich angefühlt hat. Also bieten auch die Erinnerungen keinen Halt mehr, es kommt uns alles hoffnungslos vor.

Wir würden gerne darüber reden, uns zu unseren Gefühlen bekennen, stoßen aber auf unsichtbare Mauern des Unverständnisses. Gefühle? In unserer Gesellschaft? Behalt die mal lieber für dich! Denn der Leistungsgedanke, der Zwang zu funktionieren, der hat bis jetzt jeden Virus gut überlebt.

Wir sind in unseren Häusern und Wohnungen eingesperrt. Tag ein, Tag aus, immer die gleichen Menschen, immer die gleichen Gesichter, immer die gleichen Abläufe. Die Sonne geht auf und geht abends unter. Dazwischen ist irgendwie nichts.

Wir entwickeln uns nicht weiter, lernen keine neuen Menschen, machen keine Reisen, wir stagnieren.
Die Lebensuhr tickt trotzdem munter weiter und so kommt es uns vor, als ob wir mit jedem Tag Lebenszeit verlieren, aber nichts dazu gewinnen.

Die kollektive Depression zieht uns in Ihren Strudel. Es wird schwieriger, Geld zu verdienen. Es wird schwieriger, selbstständig zu sein. Die Erwartungen der Arbeitgeber sind immens, Angst vor Kündigung und Entlassung sind groß. Freilich, hängen überall Stellenangebote herum „VerkäuferIn gesucht“, „Lagerarbeiter gesucht“- solche Stellen scheint es zu tausenden zu geben.

Aber wirkliche Freiheit? Glück, Entfaltung, viel Platz, Freiheit, Lockerheit, Unbeschwertheit? Sie sind so fern wie nie.

Wir hätten jetzt Zeit. Zeit für Hobbies. Zeit, eine Sprache zu lernen. Wir hätten Zeit für uns, für Yoga oder Meditation.
Wir hätten Zeit für unseren Haushalt, für unseren Garten. Aber nichts macht uns mehr Spaß. Nichts schmeckt mehr.
Alles ist fad.

Grau in Grau, jeden Tag. Warum soll ich ein neues Hobby anfangen, wenn ich mit niemanden mehr darüber reden kann?
Was soll die Freude über eine Sache, wenn mich die negative Energie der anderen sofort wieder herunterzieht?
Dann bleibt nur das Schneckenhaus.

Die Menschen spüren es und werden gereizt. Resignation liegt in der Luft. Einsamkeit. Frust. Ängste vor der Zukunft.
Schulden. Keine Lichtblicke.

Wir liegen alle kollektiv im Krankenbett und baden diese Pandemie aus.
Die Pandemie, das Virus! So schwer zu greifen! Noch nicht einmal ein richtiges Lebewesen. Und man kann bis heute noch nicht wirklich sagen, woher es gekommen ist. Einfach ein Unheil, das mit voller Wucht über die ganze Welt gebrochen ist.

Alle Krisen der vergangenen Tage konnten wir verdrängen. Überalterung der Gesellschaft, Eurokrise, Klimawandel, Flüchtlingskrise- sie waren schwierig und deuteten darauf hin, dass etwas auf der Welt im Argen liegt. Aber man konnte es verdrängen, im täglichen Luxus. Es war leicht, weg zu schieben.

Über die Sonne des Klimawandels konnten wir uns freuen, die neuen Nachbarn der Flüchtlingskrise waren schnell integriert.
Aber das Virus hat uns alle zum Gegner. Es macht keinen Unterschied mehr.

Wir müssen da durch, ob wir wollen oder nicht. Auch diese Krise wird vorbeigehen. Es wird hart, es wird schwierig, aber dahinter lauert ein Lichtblick. Nicht alle werden es schaffen, viele werden sterben oder seelisch daran zerbrechen.
Aber der Großteil der Menschen wird zu den „Genesenen“ gehören. Der Großteil der Menschen wird es überstehen.
Und vielleicht dazu gelernt haben.

Der Großteil der Menschen ist dann durch eine seelische Schule der allerschwersten Stunde gegangen. Dahinter wartet die Erlösung. Der österliche Gedanke! Die Freiheit von Leid! Der Glauben, das Schöne, die Stunden des Lichts.

Das Osterfest steht vor der Tür.

Du musst nur daran glauben.




Der gesunde Mittelweg

Alle Jahre wieder, auch diesmal, ist Weihnachten. Man merkt es zuerst im August, wenn die ersten Paletten mit Lebkuchen, Christstollen, Schoko-Weihnachtsfrauen und Advents-Deko in die Läden gerollt werden. Dann stellt sich schon so langsam das erste weihnachtliche Gefühl ein. Man fragt sich dann auch, wie es so einer Weihnachtsfrau wohl geht, wenn man sie bei 26 Grad im Schatten langsam und genüsslich aus der Folie rollt, ihr klebriges Etwas in den Fingern hin und her reibt und dann langsam von Kopf bis Fuss auf Tuchfühlung geht?

Oder ein Lebkuchen zum Grillfest, das wäre auch mal eine Idee! Das gäbe eine ganz neue Kombination! Ingwer mit Bratwurst, Zimsterne mit Grillspieß, warum eigentlich nicht? Grillpartys im Winter gibt es ja bereits, alles weitere wäre nur ein kleiner Schritt. Das ließe sich auch von der Weltanschauung gut kombinieren: Hier die nordischen Atheisten und Thor-Kultsanhänger mit purem Fleisch als Lebensgrundlage und dort ein wenig christliches Weihnachtsaroma, aber bitte nicht zuviel. Eventuelle Zweifel an der eigenen Religions-Identität lassen sich gut mit hochprozentigem runtergurgeln.

Wer dann im September immer noch keine Weihnachtsgeschenke hat, braucht nur den Fernseher anzumachen. Von überall werden wir leise erinnert, dass da ja Ende des Jahres noch der Super-Gau des Geldausgebens auf uns wartet. Aber nur für die, die Geld haben, am Rande bemerkt. Alle anderen können noch die Heizöl-Lieferung vom letzten Jahr abstottern, den Weihnachtsbaum verheizen und die Stromrechnungen der letzten drei Jahre als Einwickelpapier verwenden. Und wenn es dann immer noch nicht reicht, kann man sich verschulden, so wie von den Banken erwünscht. Geld ist nur etwas wert, wenn der eine nichts davon hat.

Spätestens unerträglich wird es im November, wenn jeder Werbesport im TV oder im Radio irgendwie das Thema Weihnachten berührt. Spätestens jetzt ist die Kommerzialisierung endgültig durchdrungen und die letzten Reste des christlichen Ursprungs weggefegt.

Wer möchte, kann sich noch in Diskussionen vertiefen, ob man nun schenken soll oder nicht oder ob dekoriert werden soll oder nicht. Wer sowieso schon nicht „in Weihnachtstimmung“ war, kann sie sich von puristischen Weihnachts-Atheisten und Klein-Aufrechnern endgültig vermiesen lassen (die letzten Geschenke waren so und soviel wert und diesmal schenken wir gar nichts, du musst aber schenken, weil ich sonst beleidigt bin).

Was ist da die beste Option? Einfach weglassen, einfach wegfahren, in ein Land fahren, in dem nicht Weihnachten gefeiert wird. Einfach mal den 24.12. verschlafen, das wäre eine Option.

Oder das genau Gegenteil, den Trubel voll und ganz mitmachen und noch eins obendraufsetzen. Statt 12.000 Weihnachtsbirnchen des Nachbars und den 2,5 Tonnen Kunstschnee (Klimawandel), nehmen wir halt gleich die Großpackung vom Großhändler (50.000 Birnen und 10.000 gratis) und die Familienpackung Kunstschnee mit Deko-Weiß als Sprühdose (Kosten 6.000 Euro).

Ein gesunder Mittelweg scheint auch in diesem Jahr- unmöglich.




Das unbezahlbare Weihnachtsgefühl

Ist es nicht seltsam, wie sehr man für ein richtiges „Weihnachtsgefühl“ abhängig vom Wetter ist? Aber was soll das schon sein, ein Weihnachtsgefühl! Und überhaupt, vom Wetter abhängen? Das kann ja höchstens übersentimentale Poetinnen und andere christliche Romantikerinnen betreffen- aber nachweisbar ist es ganz sicher nicht!

Nun ja, ich will es dennoch mal versuchen. Dieses Jahr gab es also noch kein Schnee. Zumindest nicht für die Leute in Deutschland und für die meisten im Flachland. Etwas weiter höher in den Bergen soll es ja durchaus schon weiße Flöckchen gegeben haben. Ansonsten: Regen, Wind und Matsch, soweit das Auge trieft. Vor allem Wind, z.B. gestern. Da flog einem die Mütze nur so vom Kopf. Der Wind zerrte mit seinen kräftigen Armen am Balken der Unterkunft und wollte mal wieder zeigen, was er so drauf hat. Es pfiff und blies nur so, was das Zeug hielt. Einen ganzen Tag lang. Schwindel in den Ohren, irgendsoeine gereizte Stimmung hatte sich ebenfalls breit gemacht. Vom Wetter, ach komm! Was bist du doch nur für ein Waschlappen. Da muss man wirklich schon sehr empfindlich sein, davon so abhängig zu sein. Oder darauf so zu achten, das wird auch immer schlimmer dann!
Was sollen die Extrem-Bergsteiger erst sagen? Oder die extrem Lang-auf-einen-Pilgerpfad-Marschierer? Oder die Leute, die damals zur Antarktis gesegelt sind? Die wären froh, über diese netten mittelwarmen Temperaturen und die frische Brise. Also, wie immer eine Frage der Perspektise.

Aber nein, wir verwöhnten Westeuropäer mit unserem allseits umschließenden Komfort- und Luxusapparaten, die wir kaum noch 500 Meter zu Fuß selbst irgendwo hingehen, die ihr Essen schon lange nicht mehr anbauen oder jagen müssen, sondern bequem im Supermarkt in den Wagen schaufeln- ja wir, die wie oft noch nichtmal was für unser Geld tun, sondern von irgendeinem System irgendwie Geld aufs Konto gespritzt bekommen- meistens zuviel, vor allem wenn man sich bestimmte Berufsgruppen oder Politiker anschaut….

Also wir sollten nicht jammern… denn uns geht es ja eigentlich gut. Aber dennoch will kein Weihnachtsgefühl aufkommen.
Also, was könnte das nun sein, das Weihnachtsgefühl? Da ich keine Theologin bin und mich für diesen Fachbereich auch nur wenig interessiere, muss ich versuchen, es irgendwie anders herzuleiten oder zu erklären. Mehr über das, was bei den Menschen angekommen ist, wie sie Weihnachten damals und heute empfinden. (Denn es geht ja um ein Gefühl, nicht um eine theologische Interpretation; und das Gefühl sitzt oftmals näher am Glauben als die Logik)

Ich denke, vielleicht hängt es damit zusammen, dass der ursprüngliche Sinn des Weihnachtsfest ja eine „frohe Verkündung“ gewesen ist. So ein bisschen Licht in die dunkelste Zeit des Jahres bringen. Eine frische Botschaft, sehr ermutigend, fast noch heiterer als an Ostern. Also, Licht, Wärme, Weihnachten, Essen, Geschenke- das passt nur alles gut, wenn man vorher davon wenig gehabt hat. Wenn man vorher dieser Dinge entbehren musste.

Und daher glaube ich, dass das Weihnachtsfest ins Mittelalter oder in die Zeit davon noch besser gepasst hat. Weil man z.B. nicht mit 5 Kwh am Tag die Bude beleuchtet hat. Und mit weiteren 2Kwh am PC abgehangen und sich den ganzen Tag auf Twitter verlustigt hat. Licht war etwas seltenes, Strom nicht bekannt. Und eine große Kerze oder ein leuchtender Stern in der Kirche schon etwas besonderes. Auch Anregungen waren sicherlich etwas besonderes, so hockten die ärmeren Leute von früher doch bestimmt wochenlang in ihren Häusern ohne jede nennenswerte Form von Abwechslung und Zerstreuung. Was soll man also machen, wenn die Felder nicht bestellt werden können, es draußen fünfzehn Grad minus sind und man ständig Holz nachlegen muss, damit einem nicht die Finger abfrieren? Zehn Leute in einem Zimmer, nebenan die Tiere, die mit ihren Hintern das kleine Anwesen zusätzlich wärmten. Dicht an dicht, Mensch und Tier, so idyllisch und doch irgendwie nicht stellt man sich das doch meistens vor. Als Highlight wurde dann mal ein Buch vorgelesen, wenn es denn jemand gab, der lesen konnte. Vielleicht kam ja auch ein Pfarrer vorbei und las mal eine Runde für die Kinder? Nein, der hatte bestimmt keine Zeit… also war es meistens langweilig. Man spielte vielleicht was oder strickte und kümmerte sich generell um die Hausarbeit, während die Männer draußen waren und etwas taten, was Männer eben so tun (jemand jagen, Holz hacken, sich besaufen.. oder sowas in der Art).

Also Kinder, und dann kam Weihnachten. Die Omis unter uns und vor allem die Uromis werden es sicherlich noch in Erinnerung haben. Man kratzte die letzten Reste zusammen, das Ersparte und kaufte mal was richtig leckeres zu Essen! Ein Festmahl, das war etwas besonderes. Keine zwei Kilo Fleisch aus dem Supermarkt für 3,50 Euro, damit kann man doch niemand mehr locken. Der beste Wein wurde aus dem Keller geholt, der, der schon Staub angesetzt hatte und dann feierlich an Heiligabend oder am Tag drauf entkorkt. Und gebetet wurde! Die Gottesdienste waren sicherlich länger als heute.. oder auch kürzer, weil es kälter war? Auf jeden Fall gingen die meisten Leute in die Kirche, weil da ein wenig Abwechslung geboten wurde. Chatten und SMS und Facebook gab es ja noch nicht, das muss man sich mal vorstellen. Also musste man was tun, was Menschen so tun: Mit dem Mund reden.

Tja… also das Weihnachtsgefühl enstand durch den Kontrast zum entbehrungsreichen (Haupt-)Teil des Lebens. Dazu kamen noch die Worte der Pfarrer und Priester, die dem ganzen noch einen emotionalen Kick gaben. So eine Art geistiges Aufwärmmittel für trübe Tage. Heute schauen wir stattdessen einen guten Movie oder ziehen uns eine neue CD rein. Salbungsvolle Worte eines Pfaffen locken uns schon lange nicht mehr vom Ofen weg. Wir sind aufgeklärt und können uns die Welt weitgehend selbst erklären. Wir haben keine Angst mehr, denn das Lachen hat die Furcht zerstört und ohne Furcht gibt es keinen Glauben (frei zitiert aus „Der Name der Rose“) Der Kontrast fehlt und wo es keinen Kontrast gibt, gibt es keinen Reiz und keine Motivation.

Daher denke ich, dass Weihnachten, so wie es mal gedacht war, heute nicht mehr gut funktioniert. Kein Schnee, keine Kälte, stattdessen Klimaerwärmung und Wetterextreme (Sturm). Wir haben alle Dinge im Überfluss, also wissen wir auch nicht mehr, was Hunger ist. Die Freude am Essen entfällt (bis auf einen kleinen Rest). Alkohol haben wir das ganze Jahr, meistens zuviel, auch kein Grund sich zu freuen. Von den Medien werden wir ständig berieselt und die Freunde laden wir uns aus dem Internet.

Wie kann da Freude oder Demut aufkommen? Wie kann man dabei ein christliches Gefühl der Dankbarkeit empfinden? Wahrscheinlich gar nicht, die Freude (eher das Glück) beschränkt sich auf den Konsum und das Beisammensein mit lieben Verwandten und Freunden (wenn es keinen Streit gibt, die leider an Weihnachten ebenfalls häufig sind).

Ein einfacher Tipp, diese Freude zu steigern läge z.b. darin, sich vor Weihnachten zu beschränken. Die Dinge, die man sonst so macht zu reduzieren, ähnlich wie in der Fastenzeit. Da kann man im November schon anfangen: Weniger essen, weniger kaufen, weniger Computer und Handy benutzen, weniger bloggen, weniger sinnloses Zeug reden, weniger von allem… und dann an Weihnachten das Kontrastprogramm genießen. Letztendlich wird ja durch die Beleuchtung, das gute Essen und der maßlose Konsum die Freude „am Fest“ nochmal gesteigert, aber da wir vorher schon meistens viel gehabt haben, funktioniert es nicht wirklich.

Was noch gut wäre, wäre ein christlicher Glauben als gedankliches Über-Gebäude, aber das kann man nicht erzwingen. Man kann Weihnachten durchaus genießen, wenn man atheistisch ist oder eine andere Religion hat. Was man nur braucht, ist eine innere Erkenntnis, eine innere Wandlung. Vielleicht zu mehr Demut, zu mehr Bescheidenheit. Dass man sich von den weltlichen Dingen etwas freimacht und hinterher eine größere Dankbarkeit dafür verspürt. Daraus entsteht dann auch Mitgefühl.

Alles in allem keine leichte Aufgabe, vor allem wenn es keinen Schnee gibt..




Gewaltfreie Kommunikation

geschrieben zu Moby- Sweet Apocalypse und Coldplay Fix You

Über die „gewaltfreie Kommunikation“ habe ich in früherer Zeit schonmal geschrieben (hier und hier).

Ursprünglich darauf gebracht wurde ich durch den Buchtipp eines aufmerksamen Blog-Lesers vor einigen Jahren. Ich habe mir das Buch gekauft, durchgearbeitet und schaue immer mal wieder gerne rein.

Das Buch behandelt die Basis für unsere mitmenschliche Kommunikation, die Brücke oder Mauer zu unseren Mitmenschen, Quell für Glück oder Leid, das Mittel um uns unbeliebt oder einfühlsam werden zu lassen: Die Sprache.

Es ist ein Wissen, das man immer wieder auffrischen und in der Praxis anwenden muss. Obwohl die Theorie recht einfach ist, ist die Umsetzung schwierig. Zu sehr sind wir an alte Kommunikationsmuster gewöhnt und zu sehr hat uns eine in Machtstrukturen einseitig verteilte Welt gelehrt, dass die Sprache auch ein Mittel zum Kampf und zur Duchsetzung ist. Aber wie die Schwerter, können auch die Worte zu Pflugscharen werden… es liegt an uns, ob wir warten wollen, dass andere etwas tun oder ob wir nicht einfach selbst damit anfangen. Um das Gute zu realisieren braucht es Mut und Zuversicht, Vertrauen und Entschlossenheit. Das wirklich Gute ist in der Welt selten und versteckt sich meistens hinter dem Bösen. Prozentual und verallgemeinernd gesprochen ist das „Böse“ auf dem Vormarsch und die massenhafte Abkehr der Menschen von der Kirche (ohne an anderer Stelle Ersatz zu schaffen) belegt diesen Trend. Die Welt wird seelisch nicht gesünder, sondern eher kränker. Der Verbrauch von Psychopharmaka und der allgemeine Drogenkonsum steigen stetig an.

Konsum und Energieverschwendung haben uns zwar materiell glücklich gemacht, aber seelisch u. intellektuell viele offene Fragen hinterlassen. Auch die mangelnde Religiösität im Alltag, mangelnde Vorbilder und das Befremden, das wir z.B. vor einer fremden Kultur und einer festen Glaubenseinstellung haben, deuten darauf hin.

Ein Ausweg aus dem Dilemma kann die richtige Sprache sein. Mir ihr erschaffen wir unsere Welt. Gute Gedanken formen gute Taten, schlechte Gedanken formen schlechte. Kein Mensch schlägt auf den anderen grundlos ein, sondern immer nur, weil er vorher einen Grund gesehen hat. Weil er z.B. provoziert wurde. Weil man seine Bedürfnisse weder erkannt, noch befriedigt hat.

Obwohl wir sie ständig nutzen und ständig davon umgeben sind, denken wir selten bewusst darüber nach, was wir sagen und vor allem, wie wir es sagen. „Gewalt“ kommt zwar sichtbar selten vor (höchstens in Form von Beleidigungen, persönlichen Angriffen, Lügen, Unterstellungen, etc., die aber gesellschaftlich tabuisiert sind und daher umgangen werden müssen), aber doch ist die Sprache so komplex und läuft auf sovielen Ebenen ab, dass man den Gewaltanteil oft nur durch Umwege „entlarven“ und aufspüren kann.

Zum Beispiel kann schon eine eigentlich objektiv gedachte Analyse beleidigend aufgefasst werden, weil jedes Werturteil, das wir über die Welt stülpen, im Kern eine Verurteilung ist, die indirekt wieder aussagt, dass wir allein die einzige und beste Weltsicht haben und unser Gegenüber dafür nicht in der Lage ist. Wenn jemand z.B. Zahnschmerzen hat, sagen wir vielleicht analytisch „tut es hinten rechts weh? dann ist es der Weihsheitszahn. das würde ich schnell behandeln lassen. das sollte man schnell machen, weil man es sonst verschleppt. aber die Wartezeiten heutzutage beim Arzt, die sind unerträglich“. Der Mensch mit den Schmerzen wird hier wenig geholfen, anstatt sich seines Leides anzunehmen, wird ein Ratschlag gemacht und anschließend noch über das eigene Leid geklagt. Im Alltag mag das noch vertretbar sein, aber es gibt durchaus aggressivere Formen der Analyse und der Berurteilungen, die sich zwar auf der einen Seite „objektiv“ verpacken, aber im Kern eine Veruteilung oder eine Abwertung beinhalten. Ein aktueller Fall sind z.B. die Thesen von Sarrazin, die sich alle recht wissenschaftlich geben, aber im Grunde Volksgruppen diffamieren, d.h. ungerechtfertigt und unbegründet schlecht machen. Es ist gar nicht so schwer, die emotionale Botschaft hinter einer objektiven Aussage herauszufinden, meistens muss man sich nur auf die Zwischentöne konzentrieren, was wiederum leichter ist, wenn es gesprochene Sprache ist. Aber auch bei der geschrieben Sprache sind diese Verurteilungen, die sarkastischen Seitenhiebe und die Überheblichkeit in der Wortwahl gut zu spüren. All das schafft Leid und zwar unsinniges und überflüssiges Leid. Leid wiederum erzeugt psychischen Stress und dieser schadet unserer Gesundheit. Für unsere Mitmenschen, über die wir uns setzen wollen, aber am meisten für uns selbst. Denn je mehr wir über andere urteilen und je engstirniger wie werden, desto mehr wird auch über uns geurteilt und je mehr wir uns auf einen Streit einlassen, desto mehr werden wir davon „infiziert“.

Um also einem Streit zu entgehen, muss man zuallererst Abstand schaffen und sich erstmal selbst Mitgefühl geben. Dann kann man mit Hilfe der gewaltfreien Kommunikation (kurz: GFK) nach den Ursachen suchen und angemessen menschliche Lösungen heraus filtern.

Eine ethisch korrekte Sprache („ethisch“ im Sinne eines lebensbejahenden Glaubensmodells, das das Gute in uns und anderen stärken soll) muss dabei auf viele Dinge Rücksicht nehmen. Im Wesentlichen geht es darum, dass wir ein Gefühl für unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse der anderen bekommen.

Die vierteilige Formel, die man sich dabei leicht merken kann lautet daher:

Beobachten, Fühlen, Bitten, Brauchen.

Wenn wir z.B. im Streit mit jemand sind, sollten wir zuerst BEOBACHTEN: Warum regt er sich so auf, welche Reaktionen werden gezeigt? Welche Worte werden gewählt? Wie ist der Hintergrund? Wie ist die körperliche Reaktion, wie viel Erregung steckt in der Stimme und mit welcher Leichtigkeit wird gesprochen? Wie sind die Worte angeordnet, warum hat er gerade das gesagt und nichts anderes? Auf welche Aussage von mir wurde Stellung bezogen und warum? Wie ist das persönliche Umfeld und die Biografie meines Gesprächspartners? Worauf legt er wert und was stört ihn?

All das gehört in den „Beobachtungsprozess“. Es ist offensichtlich, dass es in einer schnellen Sprache, die oft in Millisekunden ausgetauscht wird, unmöglich ist, alles so genau und haarklein zu beobachten. Dann sollte man sich einfach ein wenig Zeit geben. Innerlich durch atmen, nicht gleich zurückschlagen. Und dabei auch sich selbst beobachten: Warum rege ich mich darüber so auf? Welcher wunder Punkt wird verletzt? Welches Bedürfnis gerade nicht erfüllt? Fühle ich mich geschätzt? Hat er/sie mich richtig wahrgenommen, richtig verstanden? Spricht er/ sie authentisch? Empfinde ich das als sinnvoll? Was stört mich?

Mit ein wenig Abstand ist es auch viel leichter, zum nächsten Schritt zu kommen: Was fühlt mein Gegenüber? Worum bittet er mich und was braucht er? Diese Fragen kann man nicht wirklich voneinander trennen und sie hängen miteinander zusammen. Aus dem Konsens dieser vier Fragen ergibt sich dann ein viel klareres Bild über den Gegenüber und man tritt in einen menschlichen Kontakt- was wesentlich besser ist, als sich gegenseitig Analysen an den Kopf zu werden und auf dem menschlichen Sektor immer nur auf der Stelle zu treten.

Natürlich sind die meisten von uns auch keine Krankenschwestern, keine Pastoren und keine Psychologen. In diesen Berufen wird die GFK auf den fruchtbarsten Boden treffen und psychisches Leid reduzieren. Aber auch für normale Leute, für den normalen Berufs- oder Beziehungsalltag, für Probleme mit Verwandten, Freunden, etc. ist die richtige Sprache das perfekte Hilfsmittel, um Konflikte zu entschärfen und produktiver, glücklicher und menschlicher zu werden. Da das emotionale Miteinander die Basis für alles Weitere ist, schafft eine positive Emotionalität ein wichtiges Fundament, um darauf zu wachsen und Frieden in der Welt zu schaffen..

Zum Schluss versuche ich mein Anliegen hinter diesem Blog-Artikel, nochmal GFK-getreu zu formulieren:

Ich wünsche mir, dass mehr Leute eine gute Sprache verwenden. Ich wünsche mir mehr Verständnis der Menschen untereinander und ich möchte dabei versuchen, meinen Anteil zu leisten. Ich finde die Theorie der GFK sehr gut und wertvoll. Durch das Denken darüber habe ich die Chance, mein Wissen zu vertiefen. Ich möchte mein Wissen weitergeben und hoffe, dass es andere verstehen.

Ich wünsche mir eine positive Welt, die frei von persönlichen Angriffen, Egoismus und Vorurteilen ist. Ich finde, dass der gute Kontakt zwischen den Menschen das wichtigste im Leben ist.

Mir fällt auf, dass das Formulieren in der GFK einem klassischen Gebet recht nahe kommt. Im Gebet sind wir meistens auch wir selbst und im Idealfall „beichten“ wir unser Leid und sind frei von Zuschauern, relativ ehrlich zu uns. Natürlich kann man sich auch in der Einsamkeit noch belügen, aber wenn wir in der GFK-Form beten, reduzieren wir automatisch auch die Lügen und die kleinen Not-Brücken, die uns sonst durch den Alltag schiffen. Das Ergebnis ist dann ein produktiverer und von Sorgen freierer Lebensablauf.

Wer also wie in der GFK spricht, bringt damit seine eigene Religiosität und sein Innerstes auf den praktischen Boden der Realität.
GFK bedeutet, eine gute Einstellung zu leben und in der Sprache zum Ausdruck zu bringen..




Moral und Anti-Moral

Es wird Zeit, mal über die Missbrauchsfälle in der Kirche zu sprechen, die derzeit ununterbrochen durch die Medien geistern. Am Anfang habe ich noch aufgehorcht und mir „Skandal!“ gedacht, mittlerweile hat es aber eher den Eindruck, als ob ein paar Trittbrettfahrer und die Medien auf den Zug aufgesprungen sind und mal wieder eine schöne Sau gefunden wurde, die man durch das Dorf treiben kann. Ohne Frage, was alles passiert ist, ist schlimm und darf gar nicht relativiert werden. Ich möchte auch gar nicht so sehr auf die Details, das Wie, das Warum, Wer hat Schuld, usw. eingehen. Aber die Frage nach der Moral, die interessiert mich als teils philosophisch angehauchte Bloggerin schon ein wenig.

Schließlich sind die Kirchen selbst eine der wenigen offiziellen Instanzen, von denen so etwas wie unumstößliche Moral ausgehen darf. Sicherlich, der Bundespräsident gehört bei uns noch dazu, aber der hält sich meistens zurück und äußert sich nur sehr selten. Viel öfters hört man doch wieder von einer Papst-Rede, von einer Enzyklika, von einem Bischof, der sich zum aktuellen Geschehen äußert. Und nicht zuletzt Menschen, wie die so plötzlich und traurig untergegange Ratsvorsitzende der EKD, Käßmann, sind es, die das öffentliche Denken über Moral, Gewissen, usw. formulieren und aufrecht erhalten. Aber auch Bloggerinnen und Blogger, Kommentatoren in Leserbriefen oder Fernsehsendungen, Meinungen von Redakteuren, selbst Werbebotschaften und Bücher formulieren Tag für Tag „richtige“ Meinungen über die Welt.

Was ist mit der Moral denn so schwer? Früher war es einfach, da haben die Kirchen einen engen Moral-Kodex vorgegeben, an den sich alle zu halten hatten. Je stärker dieser Moral-Kodex aber ist, umso mehr unterdrückt er die natürlichen Bedürfnisse des Menschen.

Das Problem an der Sache ist, dass man mit einer aufgezwungenen, von oben, autoritär aufgesetzen Moral niemals die völlige Freiheit oder Schuld-Absolution des Menschen erreicht. Es ist ein logischer Denkfehler, der im Detail steckt.

Kurz im Anschluss an die ersten Missbrauchsfälle hörte man die kritische Stimme eines Bischofs, der nun angeblich der Meinung war, dass die Art und Weise der sexuellen Revolution, der freie Umgang mit Sexualität in den Medien daran Schuld gewesen sei, dass die Gesellschaft nun verroht und solche Abläufe erst ermöglichten. Genau dieses Denken verkehrt aber die Ursachen in ihr Gegenteil. Es war schließlich keine offene Hippie-Kommune, in der die Übergriffe passierten, sondern ein streng katholisch geregeltes Heim/ Internat oder auch Klosterschule (gibt im Moment soviele Fälle, dass ich das ein wenig vermische).

Psychologisch gesehen hat jeder Mensch sexuelle Triebkräfte, die das Leben mitunter schwer machen können. Bei Männern sind diese Kräfte meistens noch stärker ausgeprägt und im pathologischen Fall mit eindeutigen sadistischen oder aggressiven Neigungen vermischt. Das ist einer der Tatsachen, warum der Großteil der Gefängnisinsassen und auch der sexuellen Triebtäter alles Männer sind (habe mal gelesen, der Frauenanteil in Gefängnissen liegt nur bei ca. fünf Prozent).

Die Triebe sind schuld! Unsere tierischen Anlagen, die in jedem von uns stecken, die rein instinkt- und gefühlsgesteuert, aber ohne freien Willen zum Handeln treiben und mitunter moralisch „blind“ werden lassen.

Jeder, der mal einen wütenden oder sehr traurigen Menschen erlebt hat, vielleicht auch bei sich selbst, wird festgestellt haben, dass im Augenblick der extremen Gefühle der Mensch alles andere als einsichtig oder gar als Moral-empfänglich ist. Die Moral ist nur das von Menschen und Gedanken geschaffene Über-Ich, das unsere ureigensten Instinkte lenken, steuern und zumeist auch unterdrücken soll. Dies ist zudem einer der Hauptgründe für Neurosen, aber auch für Depressionen, wenn Gefühle nicht geäußert werden können.

Extreme seelische Schieflagen, wie der Wunsch, mit einem Kind Sex zu haben, sind gesellschaftlich absolute Tabuthemen. Die extreme Sexualität des Menschen ist irgendwie fehlgesteuert, vielleicht war der Mensch auch selbst einmal Opfer eines sexuellen Übergriffes? Wenn dann nie darüber geredet wurde und die Krankheit sich gleichsam im Bewusstseins-Keller festgesetzt hat, wenn der Mensch zusätzlich Opfer einer sehr starken Moral-Gefängnisses ist (z.B. einer Kirchen-Organisation), dann hat die Unterdrückung der Triebe paradoxerweise den Effekt, dass sich alles nur verstärkt und verschlimmert.

Es ist also kein Problem, über Sex zu reden oder auch sexuelle Bedürfnisse und Wünsche in sich zu spüren, sondern es ein kulturelles Problem, wenn „normaler“ Sex nicht gelebt werden kann. Aber was ist schon „normal“? Auch hier haben die Kirchen und die meisten Menschen enge Vorstellungen, und bei Sex zwischen homosexuellen Männern oder zwischen lesbischen Frauen hört die Toleranz meist schon auf.

Dabei wird aber vergessen, dass die innere Möglichkeiten der menschlichen Phantasie, aber auch die Irr- und Auswege der Seele, vielleicht der Perversion viel größer als die kleine Schablone „Mann und Frau, Ehe und Paradies“ sein kann.

Nicht das Ausleben der freien Sexualität und der aufgeklärte, neurosenfreie Umgang mit ihr ist das Problem, sondern die überstarke Moral-Institutionen, die alles spielerische unterdrücken und den Mensch einschränken, krank machen und unfrei werden lassen.

Wenn ich mich traue, über Sexualität zu sprechen und schon früh Menschen finden kann, denen ich vertrauen kann, ist es gut möglich, die Anfänge einer „Perversion“ zu mildern und vielleicht in die richtige Richtung zu lenken. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass kleine Wünsche, die man niemals ausleben kann oder die immer nur unterdrückt werden, anwachsen und sich schließlich mit einem riesigen, pathologischen Druck entladen. Welcher Mann geht schon freiwillig zum Psychologen? Wann redet man schonmal mit guten Freunden über die eigenen sexuellen Bedürfnissen? Und in wievielen Ehen diese Welt ist Sex nur noch eine nicht vorhandene Begleiterscheinung? Und die Priester erst selbst! Sie haben sich von der Sexualität, als angeblich schmutziges Beiwerk des Menschen frei gemacht und wollen darauf verzichten. Dass dies aber mitunter nicht so einfach geht, wie die Bibel-Bilderbuch-Moral uns das weismachen will, wird vergessen.

Die Sexualität ist hier mit der Aggression zu vergleichen, beides elementare Triebkräfte des Menschen, die vielleicht zu den größten Tabuthemen einer „aufgeklärten“, aber leider auch neurotischen und seelisch nicht immer ganz gesunden Gesellschaft gehören.




Religionsspecial, Teil 4

Das Religionsspecial

  • Teil 1 Übersicht und Einleitung
  • Teil 2 Atheismus und Gottfrage
  • Teil 3 Glauben im Wandel der Zeit
  • Teil 4 Religion im Alltag; der Buddhismus

Religion im Alltag

Einleitung

1997 kam ich das erste Mal mit dem Buddhismus in Kontakt. 2002 hatte ich dann eine Phase, wo es große persönliche Veränderungen gab und ich mich weiterhin intensiv damit beschäftigt habe. In dem heutigen Artikel, ca. sieben Jahre später, möchte ich versuchen zu klären, was bis heute vom Buddhismus übrig geblieben ist und wie sich meine Perspektive gewandelt hat. Ich selbst bin absolute Laie auf dem Gebiet und nähere mich dem Thema sehr vom Geist her (wie üblich im westlichen Kulturkreis). Ich analysiere es und habe versucht, manche Dinge auf den Alltag anzuwenden und mir dabei Gedanken gemacht. Der Text wird also eine kleine Zusammenfassung, was ich bis jetzt erlebt habe und wo die Stolpersteine und die Schwierigkeiten liegen. Noch etwas zum Schreibstil: Da ich versuche, meine Gedanken eins zu eins aus dem Kopf abzuschreiben, werde ich die stilistischen u. grammatikalischen Aspekte in diesem Text etwas zurückdrängen. Manche Formulierungen könnten dabei holprig oder ungeschickt erscheinen. Das liegt einfach daran, dass ich schnell schreibe, um alles aus dem Kopf zu bekommen. Vielleicht muss ich hinterher noch den einen oder anderen Satz umdrehen, also bitte um Entschuldigung, wenn etwas zu umständlich aufgeschrieben wurde. 🙂

Öffentliche Sichtweise und Zugang

Ich sprach ja schon weiter vorne an, dass ich mich mitunter nur schwer zwischen dem Christentum und dem Buddhismus entscheiden kann und das liegt nicht nur, aber vor allem auch an der Gott-Frage. Ein Problem, dass den Zugang zum Buddhismus aber beschwert, ist die Tatsache, dass ich nur wenig Leute kennen, die sich damit wirklich eingängig beschäftigen- ein Problem, dass ich mit philosophischen oder geisteswissenschaftlichen Themen öfters mal habe. Und ich möchte hier mit allen Leuten reden, nicht nur mit schulisch oder studentisch vorgebildeten- nein ich denke, das sind Themen, die gehen alle etwas an und theoretisch könnte auch jeder eine Meinung dazu haben. Und daher ist der Buddhismus auch ein geeignetes und wichtiges Blog-Thema.

Wo liegen also die Ursachen für so wenig geführte Dialoge über den Buddhismus, gerade im Alltag?

Zum einen ist er in DE nicht so verbreitet wie andere Religionen (Quelle;  ca. 250.000 aktive Buddhisten in Deutschland), zum anderen entstammt er aus einem völlig anderen Kulturkreis. Man müsste bestimmte Sachen und Inhalte aus dem Buddhismus auch in eine westliche Kultur übersetzen. Dann kann man nicht Buddhismus studieren oder einfach so in ein Kloster gehen, die nächste Kirche ist in 99 Prozent der Fälle immer eine Christliche.

Zum Auswandern bräuchte man viel Mut, im Internet viel Zeit- egal in welche Richtung man seinen Glauben ausbreiten möchte, es ist immer mit viel Arbeit und Zeit verbunden.

Die politische Denkweise von vielen Menschen in Europa scheint (seit dem 11. September 2001) zu sein, das Christentum als „Kraft“ gegen den Islam anzusetzen (Quelle ). Vielen Menschen ist aufgefallen, dass wir kaum Werte in Europa hochhalten, dass wir keinen starken Glauben haben. Jahrelang vernachlässigt, scheinen viele Menschen das Christentum wieder beleben zu wollen, als imaginäres und geistiges Bollwerk gegen fremde Einflüsse (auch gegen die bösen Manager, z.B.). Es ist eigentlich schade, wenn so etwas aus alten Reflexen und niederen Instinkten heraus entsteht, wo doch der Geist jedes Glaubens die Toleranz und das friedliche Nebeneinander der Kulturen sein müsste. Der Buddhismus, der frei von Terroristen ist und selbst eher aus der Welt zurückgedrängt wird (siehe z.B. die ungelöste Tibet-Frage), gerät unter die Räder und vielleicht in Vergessenheit.

Uns einzelnen Menschen, die den Glauben verstehen und im Alltag anwenden wollen, bleibt also nichts anderes übrig, als selbst und friedlich auf die Suche zu gehen und uns den inhaltlichen Fragen der fremden Kulturen mit viel Mut und Offenheit zu stellen.

Religion im Alltag

So langsam verstehe ich daher auch die Lehrtexte, z.B. eines Dalai Lamas, wenn es heißt, dass man für sein spirituelles Leben erstmal die oberflächlichen Ablenkungen (also ein Stück des gewöhnlichen Alltags) abschaffen, bzw. in den Hintergrund drängen soll. Nur durch ein gutes Stück Askese und Befreiung von den „weltlichen Dingen“ haben wir überhaupt die Zeit und auch die Aufmerksamkeit für Spiritualität.

Normalerweise sind Menschen sehr stark in ihren Alltag eingebunden und Gedanken an Religiosität werden in den Hintergrund gedrängt- ja noch nicht mal ansatzweise als existent wahrgenommen. Der Alltag ist frei von religiösen Momenten. Der Kapitalismus, die Geschäftigkeit und die Pflichten der Arbeitgeber und anderer Institutionen drücken im Nacken. Selbst die Zeit um so einen langen Text zu lesen, werden nur wenige haben- Studenten vielleicht, Arbeitslose, Hausfrauen, Kinder oder Senioren. Vielleicht auch Selbstständige und berufstätige Leute mit mehr Freizeit. Leute, die die Macht über ihre eigene Zeit haben.

Hier beginnt die Spiritualität: Es bedeutet im positiven Fall nichts anderes als ein vollwertige und ganzheitliche Entwicklung der eigenen Persönlichkeit in jedem Teilbereich. Die Bildung spielt eine Rolle, die Art meines Berufes, meine Hobbys und meine Freunde.

Wie viel kann ich aber aufgeben, wie viel will ich mir erhalten? Wie viel Rückzug von der Welt ist angebracht, was ist vertretbar und realisierbar? Im Alltag stoße ich oft auf Grenzen, es ist ganz klar ersichtlich, dass man in seinem normalen westlichen Alltag den Buddhismus zwar „unterbringen“ kann, aber kaum die Zeit für eine tiefe und ausgedehnte Glaubenspraxis hat. Der Alltag ist oft so voll mit Pflichten und fremdbestimmten Einflüssen, dass ich gerade diese Hürde als zunehmendes „Ärgernis“ sehe und mich oft frage, wie ich solche Dinge rein von der Organisation besser vereinen kann. Den Buddhismus im Alltag anzuwenden, ohne die Zeit zur Meditation oder zum Nachdenken über die Inhalte aufzubringen, ist beinahe unmöglich. Der Buddhismus verwässert sehr schnell, wenn man sich nicht jeden Tag damit beschäftigt. Und somit gerät im schlimmsten Fall auch die Ethik, vielleicht sogar die Moral in den Hintergrund.

Abhilfe könnte ein Tagesplan sein und z.B. jeden Tag um X Uhr eine kleine Meditation zu machen (so wie man zum Yoga oder zum Sportverein geht.) Oder früh nach dem Aufstehen beim Kaffee Trinken kurz inne zu halten und sich zu überlegen, was man aus dem Tag machen will und wo die spirituellen Schwerpunkte liegen sollen.

Die Vollkommenheiten

Es gibt im Buddhismus die Vollkommenheiten des achtfachen Weges (Quelle):

Vollkommenes Reden, Handeln, Entschließen, Lebensunterhalt;

Vollkommene Erkenntnis, Anstrengung, Achtsamkeit und Sammlung.

Diese Regeln empfinde ich geeignet für einen Laien, aber auch am wichtigsten, ähnlich wie die 10 Gebote für einen Christen. Es ist einfach ein Ding, dass man sich immer imaginär in die Westentasche stecken und anwenden kann.

„Vollkommen“ bedeutet in meinen Augen nichts anderes, als dass wir versuchen sollten, alle diese Dinge (also Reden, Handeln, usw.) mit Achtsamkeit und Sorgfalt auszuführen. Aber „Vollkommener Lebensunterhalt“ z.B. bedeutet auch, dass wir nicht der Faulheit nachgehen, keinen Diebstahlgeschäft betreiben (das wäre nicht vollkommen im engen ethischen Sinne!). Was „Vollkommen“ im Einzelfall bedeutet, ist wiederum Interpretationssache und individuell unterschiedlich. Die Ethik, ein guter Mensch zu sein, niemanden zu verletzen und Wesen in Not Hilfe zu leisten ist dabei das gedankliche Übergebäude.

Im Grunde bedeutet es auch, dass man im Leben nicht viel mehr machen kann, als stets diese Regeln zu befolgen.

Die Erleuchtung und das Nirvana

Es kann bei der Erleuchtung keinen großen Knall keinen bunten Feuerwerksregen geben und auf einmal sieht man alles rosa, blau und grün. Nein, ich verstehe es so, dass der Weg Zeit braucht- und dass das eigentliche Ziel (z.B. die Erleuchtung) dabei oft und notwendigerweise in den Hintergrund gerät. Dies ist für westliche Menschen schwer zu verstehen, da wir gerne abschluss-, lösungs–, und zielorientiert arbeiten, der Buddhismus mit seinen Regeln aber eher das ganzheitliche und ausgeglichene Leben über große Zeiträume begünstigt und fördert.

Die Erleuchtung (bzw. das Nirwana) hat mich am Anfang als Konzept sehr fasziniert. Anders als im Christentum soll man hier die Möglichkeit bekommen, durch eigene Kraft in so etwas wie einen Himmel kommen. Beim genauen Hinschauen drängt sich aber der Verdacht auf, dass sie im Kern dem „Himmels-Versprechen“ ähnelt.

Die nicht erfahrene „Erleuchtung“ bleibt ein Theoretikum, solange wir sie nicht erreicht haben. Die vollkommene Einsicht, die der Gläubige vor allem mit Hilfe der Meditation erfahren soll, bleibt dem verwehrt, der keine sechs Stunden pro Tag für diese Praxis freimachen kann.

Die größte Hürde dabei ist die Frage, „Warum soll ich mich vom Daseinskreislauf freimachen, wenn mir das Leben recht gut gefällt?“.

Sich also einseitig auf die Erleuchtung zu konzentrieren und sie als alleinigen Lebenszweck zu postulieren, halte ich für abwegig und für die meisten Menschen ungünstig. Es kann sogar eine tiefe Sinnkrise auslösen und verstärken und vom richtigen, gesund gelebten Leben und der Bewältigung der Alltags-Sorgen ablenken.

Letztendlich ist der Buddhismus eine Religion wie viele andere und im Kern soll die Frage nach dem richtigen Leben im Hier und Jetzt beantwortet werden. Oder mit den Worten des Dalai Lamas:

Es spielt keine Rolle, ob sie die tiefer gehenden Lehren verstehen oder nicht.
Wichtig ist, ein guter Mensch zu sein.

Fazit

Dies war nur der Anfang und ein kleiner Überblick über das bisherig Erlebte.

Es fehlt noch ein langer Artikel über das „Mitgefühl“, eines der wichtigsten und schwierigsten buddhistischen Konzepte. Aber auch die Toleranz, die Geduld und Vergebung sind schon fast universelle Konzepte, die der näheren Betrachtung bedürfen. (Hier treten wieder engere Schnittpunkte zum Christentum auf)

Dies mache ich aber auf Grund der Länge und Wichtigkeit der Thematik in weiteren Artikeln.

Vielen Dank für ihr Interesse und bis hoffentlich bald!




Religionsspecial, Teil 3

„Die“ Religionen sind langweilig- Glaube aber ist immer noch spannend

Ich sehe schon, die Religions-Texte erfreuen sich reißender Beliebtheit. Sie werden mir quasi vom Schreibtisch weggerissen, kaum habe ich sie fertiggeschrieben, stehen die Leute schon Schlange und drucken und drucken. Sie nehmen die Texte, heften sie an die Wand, in die Küche, ins Schlafzimmer, ins Klo…

Eine großartige Diskussion hat sich entwickelt, alle wollen wissen, wie es weitergeht. Ich werde berühmt für meine Texte, jeder liebt mich und eines Tages bekomme ich den Friedensliteraturpreis. Und alles nur, weil ich an diesem schönen Sonntagmittag über Religionen geschrieben habe.

-CUT-

Die Realität sieht anders aus, Moralfragen sind langweilig. Ich habe in der letzten Zeit versucht, im Fernsehen nur Sendungen über Religion und Geschichte zu schauen, weil es mich momentan interessiert. Das Ergebnis war niederschmetternd- wohin ich auch schaue, wertvolle Sendungen muss man mit der Lupe suchen. Es gibt Tage, da finde ich keine einzige Sendung über Geschichte. Keine einzige Sendung über Religion oder Psychologie. Keine einzige! Und es gibt genug Sender, geschätzte 578.

Sicherlich, die Erkenntnis ist abgedroschen, die Sachlage schon längst bekannt- aber doch immer und immer wieder verwunderlich. Die interessanten, schwierigen Themen sind keine Massenthemen- und so wird man auch mit Religionen oder Theologie nie berühmt werden.

Und gerade, weil das so ist, interessiert sich die Masse nicht für Religion. Daher sieht man niemand auf der Kirchenbank-

Sonntags morgen kann man wohl besseres machen. Um die Religion zu verstehen, muss man auch die Menschen, die jeweilige Kultur und die Geschichte verstehen.

Ich denke, in Zeiten als es noch kein Fernseher, kein Internet, keine Bilder, überhaupt sehr wenig Abwechslung gab, waren die Kirchen für die Menschen eine regelrechte Attraktion. Das einfache Volk hat unter der Woche schwere Feldarbeit verrichtet- vom Rumsitzen, Surfen und Fernsehen keine Spur- nein, früher mussten alle Leute arbeiten und zwar hart. Das Essen war einfach, meistens gab es nur Brei und einfaches Gemüse, Fleisch nur in Ausnahmen, denn die einfachen Menschen durften nicht einfach in den Wald zum Jagen gehen- dazu brauchte man Jagdrechte und die hatte meistens nur der Adel. Auch gab es noch kein Burger King und kein McDonalds. Tiefkühlkost und Tupper-Schälchen auch noch nicht.

Es muss langweilig gewesen sein, vor allem wenn man auf dem Land gewohnt hat, ohne Auto, ohne Fernseher, ohne Computer. Lesen konnte man vielleicht nicht, weil die Bildung nicht da war- was konnte und sollte man also machen?

Die Kirchen waren eine willkommene Abwechslung.

  1. Der Pfarrer erzählte weise Dinge und war gebildet. Man sah zu ihm auf. Man bewunderte ihn für sein Wissen, seine Rhetorik und Interpretationen. Der Pfarrer war für das einfache Volk eine Art Showmaster, ein Unterhalter, der den Alltag aufmöbelte.
  2. Die Inhalte waren Medizin für die einfachen Leute. Es ging um Moral und die Begründung, warum das einfache Volk hart zu arbeiten hatte. Die Monarchie war über die Kirche begründet, der König von „Gott eingesetzt“- das ganze christliche Weltanschauungsmodell war also auch ein Instrument der Macht und der Verwaltung- und der Rechtfertigung. Kein Wunder, dass die Leute es nicht erwarten konnten, die Lügen in die Tonne zu treten, als sie es enttarnt und überwunden haben.
  3. In der Kirche wurde gesungen und Orgel gespielt. Radios gab es noch nicht. Musikintrumente waren sicherlich selten und teuer- von dem brachialen, lauten Klang der Orgel ganz zu schweigen. Die Orgel war die Stereoanlage der Vergangenheit. Die Leute haben gerne gesungen und die Gemeinsamkeit gesucht. Für sie war es eine Freude, etwas Besonderes.
  4. Die Sonntage waren ein Moment der Geselligkeit. Man kann zusammen, um Nachbarn aus dem Ort zu treffen, reiche Leute, die man unter der Woche vielleicht nicht sehen durfte. Alle waren vor Gott gleich, alle saßen auf der gleichen harten Bank. Der Sonntag nivellierte die Unterschiede.

Es gibt also viele Gründe, warum damals die Kirchen erfolgreicher, einflussreicher und stärker gewesen sind. Wir werden diese Zeit nie wieder bekommen, die Moderne und die technischen Errungenschaften haben viel verändert- und zwar für immer.

Die modernen Götzen sind die Showmaster- wir beten sie an, wir werden taumelig und kreischen, wenn wir eine Band auf der Bühne sehen. Das ekstatische Erlebnis ist noch das gleiche, die Inhalte haben sich verändert.

Um dem Aberglauben der Germanen und anderen Naturreligionen etwas entgegen zu setzen, hat man damals verordnet, nur einen Gott zu haben. Schamanismus, Kräuterkunde und andere Dinge, hat man mit dem Begriff der „Hexe“ und des „Zaubereres“ verunglimpft und unterdrückt.

Heute sind solche alternativen Religionen wieder am Kommen- Esoterik ist ein Modebegriff und die Vielfalt zu wählen sind enorm. Es gibt nicht mehr den Glauben, nicht mehr die Richtung, nicht mehr diese Einigkeit.

Durch die Trennung der Kirche in die Konfessionen katholisch und evangelisch fing der Ärger ja schon an.

Wohin wird „die Religion“ also gehen? Worüber soll ich schreiben, wenn ich über „die Religionen“ schreibe? Über Geschichte?

Wo ist die Religion heute? Was ist Glauben eigentlich? Wozu braucht der Mensch den Glauben und warum können manche Menschen ohne Glauben leben?

All dies und noch mehr im nächsten Teil!




Religionsspecial Teil 2

Gott ist eine Frau

Im Folgenden schreibe ich über den „Gott“, so wie ich ihn sehe und empfunden habe. Für strenge Christen wird es nicht ohne Gotteslästerung gehen. Ich möchte aber meine Meinung formulieren, so wie ich denke, nicht, wie ich denken soll oder darf.

Dies ist ein Text, den ich schon lange aufgeschoben habe, weil er der Kern meiner derzeitigen Glaubenskrise ist. Ich kann mich nicht zwischen dem Christentum und dem Buddhismus entscheiden, nein ich weiß noch nichtmal, ob ich überhaupt eine Religion von diesen zu einhundert Prozent akzeptieren kann. Jede hat so seine Vor- und Nachteile. Ich bin ein freier und nachdenklicher Mensch, vielleicht atheistisch. Ich will meine eigene Meinung bilden und selbst entscheiden dürfen, an wen oder was ich glaube.

Aber der Reihe nach. Was weiß ich über Gott? In der Kirche ist er verborgene, geheimnissvolle Macht, der Mann mit Bart im Himmel. Aber vorstellen darf ich ihn mir nicht („Du sollst dir kein Gottesbild machen“, 10 Gebote) was oder wo ist er also dann?

Von verklärten Gläubigen mit Schal um den Hals wird mir erklärt, dass er überall ist und über mich wacht und Jesus sein Sohn und bla bla bla. Irgendwie interessiert mich das alles nicht. Ich habe keinen Bezug zur Bibel und auch nicht zur Kirche, noch kenne ich Leute, die stark gläubig sind und mir das Bild Gottes irgendwie vernünftig erklären könnten.

Also habe ich im Laufe der Zeit selbst Nachforschungen betrieben, mir so meine Gedanken gemacht.

In erster Linie ist Gott mir als eine Instanz in Erinnerung geblieben, die Angst und Moral verbreitet- ein schlechter Start, um gläubig zu werden. Der alte Mann mit Bart? Das ist doch die Vaterfigur! Väter braucht die moderne Gesellschaft aber nicht mehr, also wozu dann den Gott????

Warum keine weibliche Göttin, ja warum nicht mehrere Götter, so wie bei den Römern oder Griechen? Wer hat das zu entschieden, wieviel Götter es geben darf, wenn man sie noch nichtmal sehen kann?

Gott- ich glaube nicht an dich. Wie auch? Wir haben die Aufklärung, wir haben die Logik, wir haben die meisten Phänomene der Wissenschaft erklärt, aber einen haben wir dabei nie gefunden: Gott.

Mir scheint, der einzige Platz, wo er noch wohnt ist in meiner Seele und meinen Gedanken, von daher stammt er wohl und dort wird er seine Zuflucht, sein Zuhause haben.

„Was du sagst, ist Gotteslästerei!“ mögen manche mahnen. Andere wiederum lächeln mild und sagen „Gehe mit Gott, mein Kind“… oder sie hauen sich das Knie an, es blutet und sie rufen „Oh mein Gott!“.

Wenn ich Angst habe, bete ich zu Gott und bitte ihn um Hilfe. Gott scheint mir also emotional eine Hilfe zu sein. Die Vorstellung, dass jemand anders als ich verantwortlich sein könnte. Aber warum hilft er dann nicht, wenn es brenzlig wird? Wie weiß ich, wann er hilft, wann ich selbst schuld bin und wo ich völlig alleine und verzweifelt nach einem Sinn suchen werde?

Gott, ich verstehe dich nicht.

Du bist nicht zu verstehen. Man soll sich dich nicht vorstellen, aber glauben. Was bleibt, sind die Forderungen der Kirche, von denen ich wiederum weiß, dass sie menschengemacht sind. Es wird schwer, zu glauben.

Es wird schwer, sich verantwortlich oder gar schuldig zu fühlen. Wenn Gott nicht die Erde gemacht hat, sondern das ganze nur ein Zufall, eine Explosion oder sonstwas gewesen war?

Wir haben gerechnet, beobachtet und wieder gerechnet und der Begriff „Gott“ hat sich irgendwie rausgerechnet, ist unter den Tisch gefallen, bis er von dem Haushund dankbar aufgefressen wurde.

Gott, im Bauch des Köters, den ich gestern noch getreten habe?

Kann das sein?

Gott, wo bist du?

Hast die Atombombe nicht vertrieben, den Hunger nicht besiegt, die Armut nicht bekämpft- dem Menschen den Konsum und das Fernsehen gebracht, den Arbeitslosen ihr Hartz 4 und den Reichen ihre Banken. Die jetzt kriseln. Warst du das auch??

Also, Gott, es wird Zeit, dass ich dich suchen gehe. Denn von alleine wirst du nicht kommen. Es wird Zeit, dass ich dich neu definiere. Denn von allein definierst du dich nicht. Du bist wie eine Frau, immer im Schatten und der Mann hält die großen Sprüche. Also sei so lieb, liebe Gott-Frau und komm hervor, lächle ein wenig und zeige, wie schön du bist! 😉

Im Ernst, mir wäre es lieber, wir vergessen diese altmodische Gott-Geschichte und erfinden eine neue Religion. Eine verständliche, nicht verkrampfte. Eine logische, eine hilfreiche, eine die den Mensch in den Mittelpunkt stellt- den modernen Menschen mit seinen Wünschen und Fähigkeiten. Nicht einen grauen Vorzeitmenschen aus irgendeinem babylonischen Reich mit Ziegen und Schafen.

Ehrlich- ich brauche keinen Gott, kein Mann mit Bart. Ich brauche aber eine Religion. Ich finde das Christentum toll, es hat viele gute Ansätze und es gibt viele gläubige Menschen. Aber es ist unlogisch geworden, das Gedankengebäude bröckelt, verliert an Substanz, überzeugt mich nicht mehr.

Es gibt vielleicht ein atheistisches Christentum, ein Christentum ohne Gott. Dies wäre eine Option. Ein neues Christentum, ein Post-Christentum, ein gottloses, logisches und sinnvolles Christentum.

Das wäre dann mein Gott, meine Zuflucht, mein Halt, mein Glauben, mein Leben.

Etwas, dass mich wirklich überzeugen könnte.

Hilfreich finde ich z.B. die Ethik- eine Regel oder eine Vorgabe, wie man das Leben leben könnte oder sollte. Die zehn Gebote helfen dabei, sie sind aber zu ungenau, zu allgemein. Der Mensch und seine Psyche werden nicht aufgefangen, es gibt keinen Halt, Religion ist keine Medizin mehr, Gottesdienst nur lästige Pflicht.

Und dann immer diese Angst, die mit den Religionen aufgedrückt wird. Dieses kollektive Schuldbewusstsein, die Anklage, die Unfreiheit, das Unvermögen des Menschen – das nervt mich am meisten daran. Religion soll Moral sein und Moral soll Angst sein, das kann aber nicht klappen.

Wenn das Christentum wachsen will, muss es die Angst lösen- und den Glauben als eine Bereicherung anbieten- als Arbeit an sich selbst, aber auch als Chance. Als Grundlage für ein erfülltes Leben.

Gott, ich habe dich gefunden! Wenigstens für einen kurzen Moment.




Das Religions-Special, Teil 1

Grobe Übersicht über die kommende Fragestellung

Wozu also überhaupt eine Religion? Wie kann man jemanden erklären, dass eine Religion sinnvoll ist, wenn man selbst nicht glauben kann? Wie soll man die Liebe erklären, wenn man keine Liebe spürt?

Religion ist mehr als Denken, Religion ist mehr als Text-Verständnis, Religion ist mehr als Interpretation. Das muss ich gleich vorweg sagen, es ist eine wichtige Feststellung!

Viele Menschen haben keinen Bezug mehr zur Religion, weil sie zu analytisch und trocken ist. Verwöhnt von den bunten Medien des Fernsehers, den unzähligen Reise- und Vergnügungsmöglichkeiten der modernen Welt, ist die Religion nur noch ein Konzept- etwas unverständliches und langweiliges.

Auf meine Frage z.B., was denn der Pfarrer nun gepredigt hat, konnte mir niemand der Kirchgänger eine zufriedenstellende Antwort geben. Nein, niemand wollte sich auch nur damit beschäftigen- Religion ist out.

Die christliche Kirche, so wie sie heute ist, hat es ganz einfach versäumt, die alten Inhalte auf eine neue Sprache zu übersetzen. Und solange sie das nicht tut, wird sie weiterhin Mitglieder verlieren.

Kein Wunder, dass populäre Strömungen wie der Buddhismus, mit einfacheren Formeln und menschlicher Ethik, so viele Menschen im Westen überzeugen, die vielleicht früher Christen gewesen sind- so auch mich.

Wenn ich im Blog über Religion rede, kann ich nur über zwei Strömungen reden: Über den Buddhismus und das Christentum.
Ich tue das mit einer neutralen, analytischen Sicht und ich versuche, nicht system-immanent, sondern immer wenig von extern die Sache zu untersuchen. Das erlaubt es mir auch, offene Kritik anzubringen und macht mich frei von Ängsten und verklemmten Moralvorstellungen.

Zur Zeit habe ich eine religiöse Sinnkrise, daher eignet sich dieser nicht-fertige Geisteszustand hervorragend, alle Aspekte über dieses Thema aus der verstaubten Truhe zu holen und neu einzuordnen.

Zuerst, die wichtigste Frage überhaupt: Wozu überhaupt Religion?

  • Religiöse Fragen sind Sinnfragen, sie tauchen auf, wenn man viel über das Leben nachdenkt. Je nachdenklicher ein Mensch also ist, desto eher wird er auch auf religiöse Fragen treffen: Sie helfen also, das Verständnis über kausale Zusammenhänge zu vertiefen
  • Religion kann dem Menschen Sinn und Halt geben und aus schweren Krankheiten befreien, z.B. von Depressionen oder allgemeinen Lebenskrisen. Dies ist wohl auch der Grund, warum Sekten Menschen immer dann „infizieren“, wenn diese in einer Sinnkrise und psychisch geschwächt sind. Der Mensch kann viel argumentieren, aber im Kern ist der Mensch ein rückbezügliches Wesen und braucht den Halt, den die Religion bietet.
  • Religion ist der Inhalt des „Über-Ichs“. Der Instanz im Menschen, die das Leben verwaltet und moralische Entscheidungen trifft und bewertet.
  • Religion ist also der moralische Kompass durch einen größer werdenen Dschungel an Möglichkeiten.
  • Religion deckt Fragen nach dem „richtig oder falsch“ ab, für die es sonst keine vernünftigen Antworten geben würde.
  • Religion ist Antwortgeber für ungelöste Menschheitsrätsel. Was passiert nach dem Tod? Welchen Sinn hat unsere Existenz? usw.
  • Religion ist Platzhalter für alle variablen und schwierigen Fragen. Sie ist der Nährboden für Hoffnung und gibt Kraft in dunklen Momenten. So kann z.B. der Glaube an die Wiedergeburt den Wunsch nach Suizid ausgleichen, indem man sich sagt, dass man sowieso wiedergeboren wird- wozu also sich selbst umbringen?

Religion hat aber auch ein paar handfeste Nachteile:

  • Wenn sich jemand stets nach moralischen Aspekten ausrichtet, dauern die Entscheidungen länger
    Diskussionen und Sinnfragen verschlingen Zeit und Energie; der augenscheinliche Sinn wird nicht gesehen; Religion wird als unwichtig klassifiziert
  • Religionen sind immer menschengebunden: der Gläubige wird vom Religions-Vertreter und dessen Meinung abhängig; Freiheit durch Religion kann also nur entstehen, wenn die Religion eigenständig ausgeübt werden kann.
  • Religionen sind Glaubens-Systeme, nicht die Realität. Es sind Muster, um die Realität zu verstehen oder zu deuten. Daher sind sie fehleranfällig. Sie können nicht jede Entscheidung abnehmen, sie helfen nicht immer. Der Glaube an etwas oder jemanden soll nicht davon abhalten, eigenständige Entscheidungen zu treffen!
  • Religion betrifft oft menschliche oder psychologische Fragen und greift tief in die natürliche Wesens-Anatomie des Menschen ein; wenn man falsch denkt oder zuviel mit Religionen beschäftigt ist, kann das normale Leben schwer oder bis zur Unlebbarkeit eingeschränkt werden. Das ist dann das Zeichen für eine falsche Interpretation!
  • Religionen sollten nicht dazu benutzt werden, augenscheinliches Unrecht zu rechtfertigen- leider ist gerade das schon oft passiert (Kreuzzüge, heiliger Krieg, Terrorangriffe, „Achse des Bösen“, usw.)

Die Religion, die mich am meisten interessiert ist, die, die ich selbst leben und verwalten kann- ist der Buddhismus. Der Buddhismus unterscheidet sich vom Christentum dahingehend, dass der Mensch mit seinen Taten als der allein Verantwortliche gesehen wird- es gibt keinen Schöpfergott und niemanden „von außen“. Im Buddhismus kann man sich nicht freikaufen, noch frei-predigen. Der Buddhismus unterstützt die menschliche Selbstständigkeit, aber auch die menschliche Freiheit.

Er ist sehr nahe der menschlichen Psychologie und leicht verständlich. Das Kausalitätsprinzip ist wissenschaftlich und verständlich. Die Regeln sind klar und gut nachzuvollziehen.

Dem Buddhismus aber fehlt der -emotionale hilfreiche- Halt des Gottes.

Das Schöne am christlichen Gott ist die Vorstellung, dass er die Karre schon aus dem Dreck holen wird, wenn man es selbst mal verbockt hat. Und das kann- weiß Gott- oft vorkommen! 😉

Im nächsten Teil wird es also um die Gott-Frage und die Kausalität des Buddhismus gehen- wir halten beides gegeneinander und schauen, wo die Vorteile und Nachteile liegen.

Damit wir auch morgen sagen können: Religion? 3..2…1 – meins!




Ostern ist der Sieg der Liebe

Okay, mit diesem Artikel hab ich den Bogen wohl überspannt: http://www.ja-blog.de/2009/04/freiheit-kommt-nur-durch-arbeit/

Alle feierten Ostern und ich vergesse doch glatt, zu Ostern meine Grüße auszusprechen. Stattdessen verwechsle ich- schusslig wie ich bin, Ostern mit dem Tag der Arbeit und gebe komisches, pseudo- sozialistisches Gesülze von mir. Herje!

Die Kritik kam auch prompt von vielen Seiten- wie immer, wenn ich offen das ausspreche, was mich bewegt und dafür nicht den richtigen Zeitpunkt oder den richtigen Ton treffe.

Wenn man bloggt, kann man nicht anders, als der Tagesform entsprechend genau das auszusprechen, was einen eben gerade bewegt. Und da ich die ganze Woche renoviert hatte (was ja an sich kein Problem ist) und auch erst Samstag abend spät aufgehört habe, fehlte mir die nötige, österliche Feierlaune am Sonntag vormittag- sorry dafür!

Ostern ist für mich kein anstrengendes, besinnliches Fest wie Weihnachten, sondern eher fröhlich und laut- so wie der Frühling eben ist. Auf Twitter sprach ich Ostergrüße an meine Lieblingsfollower (Lieblingswort) aus – ich hoffe, mir nehmt´s mir also nicht krumm, vor allem nicht die konservativen Christen. Zu allem Übel verlinkte ich noch den Song „Like a prayer“ von Madonna, den ich übrigens sehr liebe und fabelhaft finde. Dieser Song ist so zweischneidig wie das Leben und daher perfekt für meine kranken genialen Gedanken geeignet. Denn Madonna sagt selbst darüber, dass sie den Song ihrer sehr gläubigen, verstorbenen Mutter widmete, die strenge Katholikin war. Sie lernte durch sie die Frömmigkeit und den Glauben.

Und hinterher (in den 80er Jahren) regen sich alle über die Gotteslästerei in dem Song auf, die brennende Kreuze und was weiß ich noch alles?

Aber Kinder, genau das ist doch das Wesen des Glaubens, ganz gleich welcher Richtung. Genau hier liegt die Staubigkeit des Denkens von so vielen begraben! Ein Grund, warum sich die christliche Kirche momentan (und auch schon vorher) nicht weiterentwickelt.

War Jesus ein bequemer Mann? Oder nicht eher ein nachdenklicher, kritischer Mensch, der die Leute zum Nachdenken gebracht hat? Ein Prophet mit neuen, unbequemen Visionen? Hat man ihn nicht dafür gehasst und am Ende gekreuzigt? Weil er anders war und die bestehende Ordnung angegriffen hat? Ist Ostern nicht der Sieg der Wahrheits-Redenden über das Böse und Zweiflerische?

Menschen und Zeiten ändern sich und Madonna ist für mich eine Person, die genau diese Stärke von Jesus symbolisiert, wenn auch in moderner Form- was ihren Erfolg erklären mag: Zum Nachdenken angeregt, aber dennoch ihren Glauben ausgedrückt. Für mich ist sie somit eine bessere Christin oder gläubige Person, als viele andere.

Sie hat das gewisse Etwas, sie bewegt, sie strahlt aus und verändert. Das ist gelebter Glauben und ein starker, innerer unerschütterlicher Willen, den man nur von der Liebe bekommt.

Von Gott, von der Mama oder von innen- auf jeden Fall ist es Liebe! Und darauf kommt es an!