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Bahnfahren am 10. Juni 1891

Ich zeigte dem Damenbesuch aus der fernen Alpenmonarchie Österreich noch gerade den neu gebauten Bahnhof in der Arbeiterstadt Ludwigshafen, als wir schon das ferne Pfeifen der Eisenbahn vernahmen. Die Polizei-Beamten mit der glatt-gebügelten Uniform sahen uns mit strengem Blick an und ermahnten uns, den Gleisen fern zu bleiben. In unlängster Zeit gab es nämlich einige Zwischenfälle mit spielenden Kindern, die allzu forsch auf die Gleise gerannt waren und dem Lokführer, sowie den mitfahrenden Gästen einiges an Schrecken eingejagt hatten. Wir eilten, ihren Befehlen folgend, zur wartenden Lokomotive und den zahlreich angehängten, frisch gestrichenen Personenwagen.

Die mitreisenden Damen hatten lange Gewänder aus teurem Tuch an und so mussten alle Rücksicht nehmen und Ihnen beim Einsteigen auf die beschwerlichen und hoch gebauten Stufen helfen. Ich war so nett und hielt so lange die Sonnenschirme und Taschen der lustig-schnatternden Reisegruppe. Ein Schaffner mit sehr großer Mütze ermahnte uns, ein wenig zügiger in den Zug zu kommen, da man doch den Fahrplan gerne einhalten würde. Zum Glück hatte man extra eine eigene hölzerne Bank vor die steil aufragende Bahnleiter gestellt, so dass der Schritt bis nach oben nicht so groß sein musste.
Wir erklommen das Abteil und fanden einen freien Sitz auf den recht harten Bänken. Ein Kissen hatten wir leider nicht mitgebracht. Die Koffer waren uns vorher schon abgenommen worden und in den Gepäckwagen gebracht, so dass wir alle anderen, kleineren Täschchen unter die geräumige Ablage unter unseren Füßen schieben konnten. Auch die Sonnenschirme fanden dort ihren Platz. Ausnahmsweise war es heute erlaubt, die Waggons gemischt zu besetzen, da der Zug sehr voll wurde und der Fahrplan noch nicht regelmäßig angefahren wurde. Ansonsten fand natürlich immer eine strenge Trennung der Geschlechter statt. Die Herren mussten Gespräche über Arbeit und Politik führen und wollten dabei nicht gestört werden- während die Damen für sich die allerneusten Neuigkeiten aus der Kinder- und Familienwelt austauschten.

Es dauerte nicht lange und ein weiteres, sehr lautes Pfeifen der Lokomotive erschall von ganz nah an unseren Ohren. Welch unangenehmer Ton, der da mit Dampfkraft erzeugt wurde! Manche Damen erschraken und fuhren zusammen. Das Abteil war bis auf den letzten Platz voll gefüllt und die Stimmen verstummten für einen kurzen Augenblick. Alle Gäste schauten wie gleich gerichtet nach vorne, in Richtung des dampfenden und schnaufenden Stahl-Rosses, das sich nun langsam in Bewegung setzte. Noch ein weiteres Pfeifen und die Fahrt wurde schneller. Die Polizisten zogen an uns vorbei, stramm am Platze stehend und würdigten der vorbei fahrenden Bahn keines Blickes.

Ich hatte einen guten Platz am recht kleinen Fenster ergattert und schaute still in mich hineindenkend nach draußen. Da mir durch die viele Sonne des Tages etwas warm geworden war, hätte ich gerne das kleine Fenster nach oben geschoben, doch es war sorgsam verriegelt worden, damit man während der Fahrt nicht zuviel vom Rauch und Dampf in das menschen-gesättigte Abteil bekam. Freilich kam durch die sich ständig öffnende Tür zur Außenplattform noch genug Luft von draußen hinein.

Es rumpelte immer kräftiger und heftiger, als die Lokomotive Fahrt aufnahm. Der Wagen schaukelte über die Schienen und die reibenden Geräusche von Stahl auf Eisen wurden lauter und lauter. Das Schnattern der Reisegruppe wurde etwas leiser und ich beobachtete aus einem Augenwinkel vorsichtig die Mienen der mitgereisten Damen. Mir schien, einige sahen ängstlicher und bleicher aus, als sonst. Und auch die redseeligste unter ihnen wurde immer wieder leise und vergaß, einen neuerlichen Witz zu Ende zu erzählen. Auch die Forsche und Älteste unter ihnen war stiller als sonst. Für viele war es die erste Fahrt mit der Eisenbahn überhaupt.

Für mich freilich war es kein Problem, da ich als Handelsreisender schon viele solcher Reisen unternommen hatte und ständig in anderen Städten sein musste, um neue Verträge auszuhandeln. Auch wenn uns die Telegramme schon viel Arbeit abgenommen hatten, so musste man die meisten Dinge doch selbst erledigen. Und es ging eben nichts über ein mündliches Gespräch von Mann zu Mann.

Schon bald zog die neu gebaute badische Anilin- und Sodafabrik an uns vorbei, die sich erst von der Schiene aus gesehen, die auf einem leicht erhöhten Bahndamm verlegt worden war, in ihrer ganzen Vielfalt und Größe begreifen ließ. Ab dann erreichten wir die Außenbezirke von Ludwigshafen, die Landschaft wurde grüner, weite Felder und Wiesen lösten das eng bebaute Stadtbild ab. Unser Weg nach Frankfurt war lang und wir nahmen die Gespräche wieder auf.

Es dauerte keine halbe Stunde, als die erste der Damen etwas ungeduldig wurde und nach etwas zu Essen fragte. „Ob es denn kein Speiseabteil gäbe?“ Wollte sie wissen, denn von einem Schwager hatte sie gehört, dass man an manche Züge ein solches herangehängt hätte und dies „recht angenehm, gerade bei längeren Strecken“ wäre. Eine andere merkte noch an, dass der Zug im Vergleich zur Postkutsche doch etwas bequemlicher sei und sie sei überrascht und erfreut über die hohe Geschwindigkeit. „60 Kilometer in der Stunde! Das ist ja gewaltig!“ rief sie mit großen Augen hervor, als ich ihr die Konditionen der Bahn erklärte und konnte ihren Blick danach kaum noch von den vorbeiziehenden Häusern und Feldern abwenden.

„Nun denn“ merkte ich an zu der hungrigen Vertreterin, die mich nun immer kritischer musterte und ihre Abneigung und Unlust über diese Reise nicht ganz verbergen konnte. „Es wird nicht ganz so lange dauern, liebe Rosalinde, ich bin ganz sicher. Für unsere Reise sind nur drei Stunden veranschlagt und wenn ich dem Lokführer noch zurufe, dass er ein paar Kohlen zusätzlich in den Kessel wirft, geht es vielleicht noch ein paar Minuten schneller.“

Bald schon lief unser Reisezug in den ersten Bahnhof einer Kleinstadt ein. Von überall rannten Kinder auf den Feldern zu unserem Zug hin und jubelten begeistert. Die Strecke war recht neu gebaut worden und viele von ihnen hatte noch niemals eine echte Bahn gesehen. Der Aufenhalt im Bahnhof war recht kurz und schon bald wurde die Reise fortgesetzt.

Es war ein schöner Tag, dieser Tag in der Eisenbahn. Als wir endlich, nach mehreren Stunden, in der fernen Stadt ankamen, war unsere Kleidung zerknittert und die Damen klagten schon über die harten Bänke und wann es endlich etwas zu trinken gäbe? Man sollte wohl doch bald eine Unterkunft suchen, da die Müdigkeit von ihnen Besitz ergriff. Da ich viel auf der Außenplattform gestanden und mir der Fahrtwind um das Gesicht geblasen hatte, strich ich mit dem Finger prüfend über das Gesicht.

Er war ganz schwarz verfärbt vom Ruß… so dass auch ich Erleichterung verspürte, dass diese Reise endlich beendet worden war und mich auf ein anschließendes Bad freute.

Was der morgige Tag wohl bringen würde?

Nine Eleven

World Trade Center, Computergrafik

Heute jährt sich also der 11. September zum zehnten Mal… Im Fernsehen kommt man nicht umhin, mit hunderten von Dokumentationen überschüttet und beinahe über-informiert zu werden. Der Spitzenreiter ist eine über zwölfstündige Reportage über „den Tag“!

Zwölf Stunden Information und die ewig-gleiche Wiederholung der Schreckensbilder, wer kann da noch hinschauen? Es ist wohl eher als eine Dauer-Berieselung zu verstehen, wenn man von den anderen Sendern noch nicht genug „input“ bekommen hat.

Über 3000 Opfer waren zu beklagen, nochmal soviele gefallene US-Soldaten in den beiden folgenden Kriegen.. aber auch hundertmal soviel zivile und militärische Opfer in den beiden Ländern Irak und Afghanistan, über die keiner spricht, für die keiner ein Denkmal aufstellt… ((Die Zahl kommt aus einer der Reportagen, im Internet findet man ähnliches:ca. tote 3.800 tote US-Soldaten im zweiten Irak-Krieg, und offiziell 150.000 Tote auf irakischer ziviler Seite, andere Studien veranschlagen die Zahl sogar mit 650.000 Opfern. In Afghanistan kamen ca. 2600 Koalitionssoldaten ums Leben und ca. 3.600 Zivilisten; Wikileaks berichtet sogar von 24.155 Toten insgesamt; allein das Jahr 2010 forderte 2777 zivile Opfer, fast soviel wie im WTC; Quelle Wikipedia ))

Die große Sensation, die nun alle ausschlachten.. das Ereignis, das die westliche Welt vielleicht mehr als alles andere verändert hat.

Der Angriff auf die Demokratie und eine immense Herausforderung an Moral und Demokratie-Festigkeit. Wir alle wissen, dass diese „Festigkeit“ gleich dem Stahl des einstürzenden WTCs nur zum Teil gehalten hat. Die Moral ist weich geworden wie die Stahlträger, die durch brennendes Kerosin und 650 Grad Hitze anfingen fünzig Prozent ihrer Festigkeit zu verlieren. Unsere Gedankengebäude, unsere Freiheitsvorstellung der offenen, multikulturellen Welt ist tlw. eingestürzt wie die Stockwerke des in sich sackenden Weltfinanz- Gebäudes.

Unsere Worte wurden zu Staub und Asche, wie das sich mit Blitzgeschwindigkeit ausbreitende Leichentuch der Trümmer-Wolkenkratzer. Wir wurden in ihnen fortgetragen und Gesteinsbrocken und Kälte aus Hass und Rache fingen an, sich um uns auszubreiten.. Wir konnten nichts dagegen tun, konnten nicht mehr atmen, mussten uns unter Autos und großen Steinsäulen verstecken. Wir hofften auf die Polizei und Feuerwehr, doch auch sie wurden Opfer und mit dem Einsturz in den Tod gerissen. (( über 350 Todes-Opfer bei Feuerwehr und Polizei ))

Verschwörung

Umso unverständlicher finde ich auch die Reportagen über Verschwörungstheorien, die mind. genauso zahlreich wie andere Varianten über den 11. September sind und von einer sehr aktiven Szene in den USA genährt werden.

So habe ich unlängst eine Sendung gesehen, in der der 11. September als eine kontrollierte Sprengung eines geldsüchtigen Immobilien-Hais dargestellt wurde, mit zahlreichen (vermuteten) Verknüpfungen zur Finanz- und Politikwelt. In ca. zwei Stunden wurden sehr viele Beispiele dafür aufgeführt, um am Ende die gewagte Argumentationskette zu schließen.

Es wurde z.B. erklärt, das Stahl erst bei einer Temperatur von ca. 1200 Grad schmilzt, brennendes Flugzeug-Kerosin aber nur 650 Grad erreicht. Auch wenn der Stahl dabei weich wird, so ist es doch „sonderbar“, dass die Gebäude so schnell eingestürzt sind und der Einsturz von darunterliegenden Stockwerken nicht wenigstens gebremst wurde.

Über 47 Stahlträger waren im Kern des WTC verteilt, dabei jeweils über 10 cm Seitenlänge, das Gebäude wurde angeblich für den Einsturz eines Jumbo-Jet vorbereitet und entsprechend „sicher“ geplant (die Wikipedia schreibt hier aber, dass nur der Einsturz einer kleineren Boing 707 bei den Planungen berücksichtigt wurde). Es gab fehlerhafte, bzw. abgelöste Feuerschutz-Beschichtungen an den Stahlträgern, was ihr schnelles Schmelzen und Biegen zu einem Teil erklärt. Aber warum hat man dann im Fundament und den Trümmern geschmolzenes Stahl gefunden, das zum Teil noch tagelang kochte und brodelte und zusammen mit den Chemikalien einen giftigen Cocktail aus Dioxinen, Asbest und anderen krebserregenden Stoffen in die Luft pestete?

Man hat durch seismische Messungen jeweils 8 bzw. 10 Sekunden gemessen, bis die Gebäude jeweils komplett in sich zusammengesackt sind. Das ist fast schneller, als der freie Fall einer Billardkugel aus vergleichbarer Höhe. Nach Computerberechnungen hätte es vor allem durch untere Stockwerke eine deutliche Verzögerung geben müssen. Mögliche Erklärung: Das Gebäude wurde gezielt gesprengt. Nur bei gezielten Sprengungen sacken Gebäude so feinsäuberlich-ordentlich und beinahe senkrecht nach unten.

Auch das WTC 7, ein kleineres Nebengebäude und Sitz großer Finanzdienstleister, brannte stundenlang und sackte einer perfekten Sprengung gleich in sich zusammen. Die Verschwörungstheoretiker finden es seltsam, dass ein Brand alleine derartige Schäden angerichtet haben soll (Angeblich wurden in diesem Gebäude gezielt Beweise über Finanzspekulationen und illegale Aktivitäten vernichtet!). Seltsam auch der „Sprengknick“ in der Mitte des Gebäudes ((nur im Zeitraffer zu erkennen)), der für eine gezielte Zerstörung des Fundaments spricht.

Als weiterer Beweis dienen in der Reportage dann sog. „Knallfrösche“ : Blitze und herausfliegende Sprengstoffteile, die bei Gebäudesprengungen auftreten und zwar meist unmittelbar VOR dem Zusammensturz. Auch Blitze und heller Rauch, der z.B. von besonders heißem „Thermit-Sprengstoff“ stammen könnte, wurde auf den Fotos gezeigt…

So interessant und tlw. einleuchtend all diese „Beweise“ auch sein mögen, die Reportage hatte Mühe, all diese Vermutungen logisch zu verbinden und in ein ganzheitliches Konzept zu bringen. Was konnten z.B. die Motive sein? Die hohe Versicherungssumme für den WTC-Pächter, die sogar durch Gerichtigsstreitigkeiten von vier auf acht Milliarden Doller verdoppelt wurde? Die schlechte Miet-Rentabilität des Gebäudes, die einfache Tatsache, dass es keine Gewinne mehr abwarf? Die hohen Kosten für einer energetische und vor allem feuerfeste Sanierung? Das Vernichten von Beweisen und Akten, z.B. im Zusammenhang mit Finanzspekulationen?

Und warum konnte man dann mit Terroristen zusammenarbeiten? Hat man diese angeheuert? War der Präsident informiert um gleichzeitig einen Grund zu haben, in den Irak einzumarschieren und dort unsichtbare Massenvernichtungswaffen aufzuspüren? Dies wäre eine Verschwörung ungeheuren Ausmaßes, die die ganze Interpretation des 11. Septembers verändern würde.  „Diese Regierung kann keine Geheimnisse für sich behalten“ hörte man einen Mitarbeiter des weißen Hauses ironisch antworten, als man ihn zu Verschwörungstheorien befragte „so eine Sache wäre sofort aufgeflogen“, meint er.

Nutzen der Verschwörungstheorie

Überhaupt, darf man sich fragen, was Verschwörungstheorien für einen Nutzen haben, warum sie immer wieder entstehen und gerade im Anschluss an besonders schreckliche Katastrophen, die der Mensch nicht verstehen kann.

Man denke da z.B. an das berühmte Attentat auf Kennedy oder die Mondlandung.
(Wiki: Verschwörungstheorien)

Für die Opfer ist es ein Schlag ins Gesicht, sehr verletzend und in ihrer Trauer abwertend. Es ist nunmal was anderes, wenn man auf Terroristen und mutwillige Böswilligkeit sauer sein kann, oder auf einen verrückt gewordenen Immobilienhai oder gar die eigene Regierung! Vielleicht wollen die Opfer ja auch einfach nur diesen Fall abschließen.. das Ganze immer wieder aufzureißen ist dabei nur bedingt hilfreich.

Verschwörungstheorien stehen meiner Meinung nach aus dem besonders großen Unvermögen, eine Sache wirklich in jeder Dimension zu begreifen. Bei besonders tragischen Unglücken, ist es eine Möglichkeit unseres Verstandes (aber noch mehr der Gefühle) eine Zwischenlösung anzubieten oder sich auf etwas völlig anderes zu versteifen. Nicht zuletzt wird von Gegnern solcher Theorien behauptet, dass die Verschwörer absolut sicher seien, dass ihre Theorie die einzig richtige ist und alle andere unrecht haben. Das kann vielleicht auch als „Abwehrmechanismus“ auf große Angst oder große Wut verstanden werden. Menschen reagieren irreal bis schizophren, wenn sie in ihrem Weltbild so dermaßen erschüttert werden; im Schlechten ist das nicht nur ein Nährboden für (meist harmlose) Verschwörungstheorien, sondern auch für fanatistische Weltanschauungen (Fundamentalismus) oder eben eine Legitimation für einen Krieg, wie es dann in den USA auch passiert ist. Anstatt die Trauer still in sich rein zu fressen, wird sie in einer extremen Weise nach außen geschleudert und mittels des Rache- und Banditen-Motivs extrem übersteuert und in ihrer Wirkung vervielfacht. Erinnert sich noch jemand an die Cowboy-Rhetorik eines Präsidenten Bushs, der sich Fahndungsplakate zu Osama bin Laden ausdachte, mit dem uralten Wildwest-Motto „Wanted: Dead or Alive!“ ?

Hier wurden gezielt Emotionen angesprochen, die auf eine starke Resonanz eines in seiner Identität bedrohten Landes trafen. Bei den USA wurde es auf Grund des Selbstverständnisses und der eher positiv besetzten militärischen Tradtion viel besser aufgenommen, als es z.B. in Deutschland der Fall wäre.

Fazit und Ausblick

Die Frage bleibt bis heute: Hat sich die USA jemals richtig von den Anschlägen erholt? Waren die Mechanismen zur Angst- und Aggressionsbewältigung die richtigen? Konnte die Cowboy- und Rache-Rhetorik angemessene Lösungen hervorbringen?

Was ist mit der Aufarbeitung der Folter-Vorfälle, den Kriegsverbrechen im Irak und der juristischen Grenz-Legalität eines Guantanamo-Lagers?

Hat es der- hoch eingeschätzte- Nachfolger Obama geschafft, in der politischen Dimension einen wirklichen Wechsel zu erzielen? Hat man es geschafft, der aufgeheizten Stimmung in manch islamisch geprägten Ländern ein anders Außen- bzw. Feindbild zu präsentieren als den wild gewordenen, imperialistischen Cowboy aus dem Wilden Westen USA?

Ich denke bei vielen Fragen: nein, nur bedingt. Auch wenn das große Feindbild Osama bin Laden endlich gefasst, bzw. getötet wurde, so existieren die Kriege doch weiter, existiert der Terrorismus weiter und die diffuse Stimmungslage hat sich in vielen Ländern dern Welt kaum verändert. Auch die Ursachen für Gewalt und Terrorismus in vielen Ländern, wie z.B. Armut und schlechte wirtschaftliche Gesamtsituation konnten kaum verbessert werden.

Die Dinge anders zu bewältigen, Hass und Krieg mit Demokratie und Gelassenheit, mit Vergebung und Verzeihen zu beantworten, wäre eine wichtige Aufgabe gewesen und wird es für die Zukunft sein. Sie ist es heute noch, eine wahrhaft christliche noch dazu (auf die der Westen ja so stolz ist). Wenn man seine eigenen Ideale nicht verraten will, muss man mit anderen Methoden, mit nicht-extremistischen und nicht fanatischen Ideen und Lösungen antworten. Nur so kann eine Demokratie wirklich „geschützt“ werden. Waffen und Bomben werden dabei nur bedingt hilfreich sein.

Es ist die Einstellung, nicht das Arsenal an Waffen, die den Unterschied zum Terrorismus macht.

Die politische Cocktailparty- Teil 2

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Ich raffe also mein Kleid zusammen und gehe diese verdammte Treppe nach unten. Der Alkohol ist mir schon etwas zu Kopf gestiegen und ich bin froh, als ich wieder festen Boden unter den hohen Schuhen habe. Zum Glück kann niemand die Flüche in meinem Kopf hören. „Wer hatte nur diese blöde Idee gehabt, hier hin zu gehen? Warum musste es unbedingt Journalistik sein?? Und warum gerade hier hin?“ Irgendwie muss ich die Veranstaltung hier besser aushalten.. Ich schaue mich um, ob ich noch was übersehen habe, ob es noch jemanden gibt, den ich mit meinem Charme belästigen könnte.

In einer anderen Ecke der riesigen und mehrgeschossigen Wohnung, die durch viele Raumteiler und meterhohe Bücherwände und allerlei Deko-Schnickschnack durchtrennt ist, sehe ich eine Gruppe eifrig diskutierender Menschen und beschließe, mir sie näher anzusehen. Ich angle mir vom vorbeiflitzenden Kellner noch schnell ein Glas grünlich-schimmerndes Etwas mit Zitrone, nicke ihm dankend zu und gehe mit kleinen Schritten- so gut es in dem Aufzug geht- schnell zu der Gruppe der zusammengestellten Sofas und Fernsehsessel. Es hat sich eine kleine Menschenmenge um die Diskutanten herum angesammelt und alle lauschen den Worten, die von da aus klingen.

Es sind sechs Personen. Eine Frau, die etwas jünger ist, sieht so aus, als ob sie die Runde leitet. Es gibt zwei ältere Herren, beide schon mit grauen Haaren und freundlich verschmitzt lächelnd. Aus ihren Augen spricht Lebenserfahrung und Weisheit. Ältere Männer sind mir immer auf Anhieb sympathisch, es gibt da nur wenige Ausnahmen. Klar, da gibt es auch die eklig-schleimigen, die blöde Witze über Frauen machen oder ständig aufschneiden wollen. Das wirkt auf Grund ihres Alters dann einfach unpassend, mir sind die intelligenten irgendwie lieber. Aus Intelligenz spricht auch Mitgefühl und die Frau in den Armen eines einfühlsamen Mannes… du merkst, wie deine Gedanken schon wieder abschweifen und vom stärker in den Adern pulsierenden Cocktail-Essenzen verfälscht wird. Aber gerade so, dass es noch angenehm ist. Du beschließt, diesen Level zu halten und schaust dir die anderen Figuren in der Runde an. Da sitzt noch ein pausbäckiger Mann, der etwas jünger als die anderen ist. Sein Gesichtsausdruck lässt sich nur schwer deuten. Er schwankt zwischen selbstbewusster Gelassenheit und strengem logischen Nachdenken. Von den Anwesenden ist er am wenigsten oft zu hören, stattdessen dringt nun die schrille Stimme einer mittelblonden Dame unangenehm an Dein Ohr. Sie ist eindeutig die Wortführerin in dieser Zusammenstellung. Es geht anscheinend um Feminismus, um Männer und Frauen, um Männer wie Strauss-Kahn und was sie sich alles rausnehmen dürfen und wie die Gesellschaft das zu interpretieren habe. Die Frau mit den blonden Haaren hat ihr Urteil schon längst getroffen und schmettert ihre Argumente wie ein Kasernenfeldwebel in die Runde. Da gibt es noch eine andere Frau, auch blond, aber irgendwie hübscher und zurückhaltender (das sind Eigenschaften, die sich oft ergänzen oder gegenseitig verstärken). Sie versucht, die aufgebrachte Wortführer-Dame mit ein paar Sätzen zu bremsen, aber die Feldwebel-Dame ist zu aufgeregt und in ihren Argumenten zu fest und unberirrbar. Dich verwirrt, dass sie so fest in ihren Aussagen ist und doch ständig selbstverliebt lächelt und grinst. Also ist sie sich doch bewusst, was sie sagt und macht sich einen Spaß daraus, in der Runde die Oberhand zu behalten? So sieht es aus, und die anderen in der Runde haben es schon längst aufgegeben, ihr Kontra zu bieten.

Du schaust, ob du was von dem Sinn der Wort begreifst, die dort diskutiert werden und ob es neben den nonverbalen Signalen auch Inhalte zu verwerten gibt.

Man redet z.B. über die amerikanische Gerichtsmentalität. Dass der IWF-Chef regelrecht vorgeführt wurde und dass es seinen Ruf jetzt schon ruiniert hätte. „Eine Verschwörung“ meinen die einen, das ist einfach zu eindeutig, galt er doch als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat für Frankreich und als mögliche Ablösung für den derzeit sehr unbeliebten Sarkozy. Ach, dagegen spricht doch, dass er schon soviele Vorgeschichten gehabt hat, die Menschen haben es doch gewusst! Das ist der eigentliche Skandal. Die mitteblonde Frau redet sich wieder in Rage. Das Machtgefälle hat ihn angemacht, die Ausübung sexueller Gewalt! Alle die sich das anhören, schweigen betroffen. So sehr sie auch ihren Mund bemüht, so sehr hat sie in diesem Punkt recht. Und warum haben berühmte Ehefrauen in solchen Fällen immer zu ihren Männern gehalten? Hm, auch darauf hat niemand eine einfache Antwort.

Aber darf und soll man nicht noch eine Unschuldsvermutung gelten lassen, wäre es zumindest nicht vom Gesichtspunkt der Menschenrechte aus angebracht? Natürlich, natürlich- eigentlich ist man sich da einig. Die amerikanischen Gerichte können gerne 75 Jahre Haft verordnen, das geht uns ja gar nichts an (dieses Argument des Juristen teile ich nur schwer, denn Gerechtigkeit sollte an nationalen Grenzen keinen Halt machen, sondern auch immer universal interpretiert werden dürfen)… aber die Frage ist, ob wir den noch nicht zur Schuld verurteilten Menschen schon jetzt mit unseren Augen zu Schuld verurteilen?

Das ist eine hoch moralische Frage und hier springt die Wortführerin wieder mit beiden Beinen in die Bresche. Aber, wenn wir nun behaupten, dass es die Frau ist, die ihn verführt hat und vielleicht Teil einer Verschwörungskampagne ist.. dann wäre das doch wieder einseitig. Mir scheint, für sie existiert nur eine einzige Perspektive: Dass der Mann in jedem Fall schuldig ist. Mir scheint, sie interessiert eine mögliche Unschuld oder eine andere Heran-und Erklärungsweise der Situation gar nicht. Nun ja, sie muss es wissen, berichtet sie doch auch in ihrem Land… und dann noch für eine bekannte, nicht gerade als vorurteilsfrei geltende Zeitung…

Die Runde beginnt mir unangenehm zu werden. Was ich bei anderen Grüppchen schon im Ansatz beobachtet habe, ist hier noch stärker, dass muss an den Fernsehkameras und dem grellen Licht liegen, das auf diese Sofas scheint. Jetzt merke ich auch langsam, wie mir immer wärmer und ein wenig schwindlig wird. Ich habe doch zu wenig gegessen.

Nach ein paar Minuten ist die Konzentration weg und ich wende mich ab und gehe zur großen Außenterrasse, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Die Stimmung hier ist herrlich, die Geräusche von der großen Stadt dringen nur ganz leise und als angenehme Geräuschkulisse an mein Ohr. Es weht ein leichter Wind und die Luft riecht nach Sommer und Leben. Sie wird vom Parfüm und Körperdüften der anderen wenigen Gäste durchmischt, die hier einzeln in Vierer- oder Fünfer Grüppchen zusammenstehen und ab und zu dir rüberschauen.

Du beobachtest die Skyline und guckst dir die verschiedenen Marken und Schriftzüge an, die auf der Spitze der Hochhäuser angebracht sind. Die meisten kennst du, es sind wohl nur große Firmen, die sich so ein Logo leisten können. In vielen Büros sitzen noch Menschen, manchmal kannst du erkennen, wie sie vom Schreibtisch aufstehen und zum Kopierer gehen. Unter Dir fliegt gerade ein Helikopter vorbei.

Als er vorbeigeflogen ist, merkst du ein leises Brummes aus Deiner Handtasche, eine neue SMS ist eingetroffen. „Komme nun doch. Bist du um 21 Uhr noch da? Würde mich freuen. Gruß. H.“

In dem Moment fängt dein Herz an wild an zu pochen. Du würdest das gerne unterdrücken, aber es geht nicht. Es ist, als ob die ganze Anspannung auf einmal in dir gelöst wird. Plötzlich bekommst du gute Laune und die ganze Szenerie und die Menschen scheinen wie in einem anderen Filter, freundlich gefärbt. Deine Kiefernmuskeln entspannen sich plötzlich und du merkst, wie der Druck aus den Schultern weicht. „Endlich.“, seufzt du innerlich. Manchmal muss man doch ein wenig hoffen.

Munter und fröhlich gehst du wieder in die Höhle der anwesenden Party-Gäste.
Da kommt Dir dieser FDP-Mann entgegen, den du schon fast vergessen hattest. „Ah hier sind sie! Ich habe sie schon gesucht, weil ich noch ein paar Fragen habe.“ kommt er einnehmend auf dich zu. Zu spät. Jetzt kannst du nicht mehr ausweichen. „Wollen sie ein wenig plaudern? Ich wollte mal ihre Meinung zur letzten Wahl in Bremen hören.“

„Na gut, das können wir gerne machen“. Du schnappst dir den Anzugmenschen und verwickelst ihn in eine angeregte Diskussion. „Bis 21 Uhr“, denkst du dir, „ist es ja auch nicht mehr so lang.“

Dankbarkeit

Passsender Song Acrobat von Maximo Park

Stell dir vor, du bist gefangen. Gefangen auf der einen, falschen Seite. Quälst dich schon seit Jahren mit dir selbst herum. Rüttelst an den Stangen aber sie geben nicht nach. Keinen einzigen Millimeter. Eine ungute Mischung aus Rollenerwartungen, Erziehungsmodellen, Freundschaften, guten Manipulationen, unerwarteten Wendungen und anderen Dingen hat sich stets davon ab gehalten, alles in die Hand zu nehmen, alles zu ändern.

Und dann kommt irgend so ein dahergelaufener Typ von der Straße auf dich zu und lässt dich endlich raus.

Er lächelt dich milde an, mit der Kippe locker im Mundwinkel schwingend. Sie bewegt sich auf und ab, während er durch seine rauchig-gelben Zähne mit dir spricht. Er riecht ein wenig verschwitzt. „Ach Schätzchen“ sagt dieser eklige Typ zu dir, „es ist doch eigentlich ganz einfach. Spring einfach, mach den Satz über die Klippen. Sei einfach ein bisschen mutig!“

„Aber, aber …“ stammelst du noch zu ihm herüber, soviel Angst hast du vor der neuen, unbekannten Welt „da draußen“.

„Aber, aber…“ willst du noch sagen, da ist es schon zu spät. Er packt dich an der Schulter, mit dem anderen Arm greift er dir zwischen die Beine und hebt dich einfach hoch. Er trägt dich ein paar Meter, ohne dabei ins Keuchen zu kommen, ganz sanft trägt er dich über den tiefen Abgrund und seine fast zarten Hände streicheln deine Arme und Beine, als er dich auf der anderen Seite wieder herunterlässt.

Du bist so dankbar, dass du keine Worte finden kannst. Suchst nach ihnen, kramst in deiner hintersten Gedankenschublade. Und als du endlich ein Wort gefunden hast, das passen würde, hebst du deinen Kopf und willst zu ihm sprechen.

Da ist er schon weit weg und am Horizont beinahe verschwunden.

Willst du noch rennen und ihn einholen?

Ein Level weiter

passender Song „Love will come through“ von Travis

Manchmal schreiben sich Drehbücher von ganz alleine. Man muss nur die große, schwere Tür zum Leben aufstoßen und den anfangs kalten Wind hinein lassen. Mit der Zeit, wie er so den Staub der alten Gehirnzellen und die lieb gewordenen, aber träge und schlapp machenden Gewohnheiten aufwirbelt, bringt er mehr Licht in das von Asche und Dreck zugeworfene Bild des Lebens…dann hält man diese Tür noch ein wenig weiter auf, schaut, was das Leben so hinein bläst. Freut sich über die eine oder andere Zeile, die mehr geschrieben wird, die völlig von selbst auftretenden Wendungen und unerwarteten Ereignisse. Wie die Spannungskurve steil nach oben schnellt, nur um kurz vorm Ziel noch nicht ganz aufzuschlagen. Eine bibbernde, vibrierende Spannung die den Atem flach hält und den Blutdruck stabil, über Normal-Null.

Plötzlich, in einem Moment, wird alles ganz klar, es sind nur ein paar Millisekunden, eine einzige Entscheidung, die alles verändern kann. Es ist, als ob plötzlich jemand auf den Lichtschalter gedrückt hat oder ein Trainer am Spielfeldrand ganz laut „Los“ ruft. Plötzlich laufen wir los, ein Zucken geht durch unseren Körper und ein kalter Schauer jagt uns den Rücken herunter. Das Adrenalin strömt durch den Körper und die Gefühle sind alle in einer Linie und auf vollem Impuls.

Wir sind jetzt ganz frei. Ganz klar und bei vollem Bewusstsein. Das Leben. Die Liebe, das schönste aller Gefühle.

Wir fühlen uns vereint und bei klarem Verstand. Verstehen die Welt plötzlich intuitiv. Es strömt in uns hinein und weil wir menschlich und anfällig und sensibel sind, können wir uns dagegen nicht mehr wehren. Dann strömt es wieder hinaus und wir werden süchtig nach diesem Stoff. Worte und Begriffe haben sich aufgelöst und wirken seltsam und ungewohnt machtlos.

Das Buch schreiben ist keine Arbeit mehr für bleiche Philosophen, die nie ihre Wohnung verlassen. Wir schreiben plötzlich die Hauptrolle, denn wir sind in die Hauptrolle geschlüpft! Wir brauchen nur das leere Buch aufzuhalten und zu warten, wie die Zeilen auf das Papier purzeln. Die Rolle verschmilzt mit unserer eigenen Persönlichkeit und in einem großen magischen Wandel aus zuckenden Blitzen wachen wir eines Tages auf und erkennen uns nicht mehr wieder.

Die Stimme verändert sich, der Körper verändert sich, das Denken verändert sich, das nächste Level wurde erfolgreich geladen.

Was bringt uns diese neue Welt? Welche Geheimnisse werde ich nun ergründen können? Nur der Autor des Spiels kann es bestimmen. Regie führen fremde Gestalten und Mächte, die mir nicht gehorchen. Sie lächeln mir zu, als sie mir die seltsamen Labyrinthe der Unergründlichkeiten vors Gesicht halten und sie freuen sich, wenn ich das Ganze nicht verstehe. Aber alles ist real, ein neues Laden nicht möglich. Jede Entscheidung zählt und die Sinne sind voll gefragt. Aber versagen, verlieren kann man nicht.

Nicht, wenn man sich unsterblich fühlt und zumindest die Grundlagen verstanden hat…

Die Maske

Passender Song : Korn- Wake up

Hinter dem ständigen Lächeln und dem Habitus des fleißigen Menschen schlummerte eine tiefe Unzufriedenheit und eine innere Verzweiflung, die sich an manchen Stellen wie Säure Löcher in ihre perfekte Maske der Anpassung gefressen hatte.
Man sah es ihren Augen und ihrem verkrampften Gesichtsausdruck an, dass sie stets perfekt sein wollte, doch aber nie genügte und einen unverarbeiteten Komplex mit sich herumschleppte, der ihr die Schritte schwer werden ließ und sie eins ums andere Mal zur Verzweiflung brachte. Alle waren Schuld, die Welt war Schuld, die Egoisten waren schuld und ständig wurden neue Gegner gesucht. Doch der größte Gegner war sie sich selbst. Und den konnte sie nicht überwinden. Er stand immer vor ihr, immer im Weg.

Sie hätte so gerne genügt, sie wäre so gerne geliebt worden. Doch in dieser Welt der Ellenbogen und des Profits zählten ihre Werte nichts. Eine Frau sowieso nichts. Und eine naive Frau doppelt nichts.

Lange hatte sie versucht, die gute Seite in ihr abzuschütteln, sich gegen sich selbst zu stemmen und ihre auf Vernunft gegründeten Einstellungen zu eliminieren. Sie wollte endlich stark sein. Groß und mit Macht gesegnet.
Je mehr sie es versuchte, desto mehr scheiterte sie. Es war traurig, diesen Kampf mit anzusehen. Wie ein kleiner wuscheliger Hase, der gegen einen hungrigen Löwe kämpfte. Der Löwe war die Welt und die Gesellschaft und der Hase war sie. Sie hatte keine Chance. Der Löwe gewann.

Derartig an die Wand gedrängt und beinahe als Futter verwertet, hatte sie kaum noch Alternativen. Auch wenn sie nicht wollte, eine Veränderung musste her. Jetzt.

Sie riss sich das Fell vom Leib. Zertrat ihre gehasste Maske mit den wuscheligen süßen Ohren und grunzte freudig dabei. Dann wuchsen ihr wie durch ein Wunder große starke Flügel, mit der sie endlich von der Erde abheben konnte. Der Löwe guckte nur blöd, aber er wurde bald immer kleiner. Lachhaft, dieses zarte, liebebedürftige Kuscheltier! Eine Runde Mitleid für das Raubtier… Kätzchen.

Die Flügel waren ihr neues Selbstbewusstsein und ihre Krallen die nötige Aggression, mit denen sie Gegner vom Leib halten konnte. Ihr Blut war grün geworden und ihre Augen verdunkelten sich zu kleinen Schlitzen. Plötzlich sah sie viel besser, viel schärfer und sie lernte, zu trennen.

Um, endlich- diese Welt zu verlassen. Und – endlich – sich irgendwo anders, weit weg in einer wesentlich besseren, anderen Welt, niederzulassen.

Als sie aufwachte, lag sie immer noch im Bett. Aber irgendwas war anders.

Sie war so glücklich wie seit Jahren nicht mehr.

Verschwunden

Passende Songs zum Text: And all that could have been von Nine Inch Nails oder Exit Music von Radiohead

verschwunden

Von heute auf morgen war sie verschwunden. Sie hatte niemandem Bescheid gesagt. Sie hatte einfach ihre Tasche genommen, die neuen Schuhe angezogen, die Winterjacke vom Bügel genommen und so schnell wie möglich das Haus verlassen. Am Abend zuvor hatte sie sich heftig mit ihrem Freund gestritten und seitdem sprachen sie kein Wort mehr nebeneinander. Die Nacht hatte sie auf dem Sofa verbracht, er wollte natürlich nicht aus einem gemachten Bett weichen. Sie schluckte bitter, als sie nachdachte, wie sie ihm letzte Woche noch mit Liebe alles frisch bezogen hatte.

Aber wie immer bedankte er sich dafür nicht und stellte es einfach als selbstverständlich hin. Nie lobte er sie, immer erwartete er nur und fühlte sich als Chef und wollte sie dominieren. Obwohl er gut verdiente und sie nur eine Halbtagsstelle hatte, sah sie von seinem Geld nie einen Cent und er gab auch meistens alles nur für seine Hobbys und teuren Technik-Spielereien aus. Hier eine Spielkonsole, da ein Motorrad, da ein neues Handy mit Vertrag und oder Tuning- Teile fürs Auto. Das Leben konnte verdammt teuer sein, wenn man so viele Wünsche hatte wie Carsten.

„Verschwunden“ weiterlesen

Die Andere

Im Supermarkt hat mich heute eine ältere Frau angefahren. Von weitem bemerkte ich schon ihre negative Energie und sie kam mir im schmalen Gang mit schnellen Schritten näher (ihre Aura spürte ich, ohne es zu sehen), gerade als ich den Blick vom Regal heben und in ihr zornerfülltes und angespanntes Gesicht blicken wollte, rempelte sie mich mit ihren Wagen an und vertrieb mich vom Gummibärchen-Regal. Dabei wollte ich mir auch gerade ein Päckchen Gummibärchen nehmen.

Ich schaute kurz zurück und in ein paar Millisekunden war mir klar, dass sie sich gerade geärgert hatte und auf irgendwas oder irgendwen furchtbar böse war. Ich, die junge Frau mit der unaufälligen Kleidung und dem leicht geschminkten Gesicht kam ihr gerade recht. Vielleicht erinnerte ich sie an ihre Schwiegertochter, die ihr ihren einzigen Sohn in Beschlag genommen hatte und nun gegen jeden weiteren Einfluss von außen (vor allem von ihr!) mit Verbissenheit verteidigte.

Ihren Sohn, den, den sie so geliebt hatte. Ihren einzigen. Das konnte nicht sein, sie war sauer und böse. An Weihnachten hatte sie mal wieder ihre weiblichen Attitüden ertragen müssen, die sie so überhaupt nicht ab konnte und die sie so an sie selbst erinnerten.

Sie wollte ihren Sohn behalten, aber es klappte nicht und sie merkte, wie sie ihn Schritt für Schritt an die andere Frau abgeben musste und das schmerzte.

Nun, da sie mich sah und mit meinem Gesicht erinnerte ich sie so an ihre freche Schwiegertochter, da musste meine Hand, mein Arm mein ganzer Körper hinhalten und ich habe noch nichtmal „Aua“ gesagt.

Gekaufte Plätzchen

Lebkuchen im Kerzenlicht
Lebkuchen im Kerzenlicht

Doreen nahm die Kopfhörer auf den Kopf, legte die Beine auf ihrem 2000 € Massage-Wohlfühlsessel zurecht, drehte die Lehne ein wenig zurück und hörte die neue X-mas CD, die sie sich heute nach der Arbeit noch schnell gekauft hatte. In der ganzen Stadt hing weihnachtlicher Schmuck, es roch nach Glühwein und auch der erste Schnee war heute endlich gefallen und hüllte die Innenstadt in eine behagliche, gemütliche vorweihnachtliche Atmosphäre.

Sie war etwas traurig, nachdenklich und verstand die Welt nicht mehr. Heute, kurz nach ihrem anstrengenden Büroalltag hatte sie noch schnell die Böden geputzt und danach ein hitziges Gespräch mit ihrer Freundin geführt.

Nach anfänglichem Geplänkel und den typischen „wie geht’s dir so“ Fragen war die Stimmung immer schlechter geworden, bis das Ganze schließlich in einem erbitterten Streitgespräch über weibliche Rollenmodelle und Aufgaben endete.

Ihre Freundin war vor kurzem Mutter geworden und immer wieder nervte sie mit Fragen, wann es denn bei ihr endlich soweit sei und ob mit Christoph denn noch „so gar nichts“ geplant sei.

Doreen nervten diese intimen Fragen und sie ärgerte sich über die Verbissenheit und Engstirnigkeit ihrer Freundin, mit der sie sich immer so gut verstanden hatte. Was ging sie denn ihr Leben an? Jeder konnte doch so leben, wie er wollte und nur weil sie jetzt auf diesen Mutti-Zug aufgesprungen war, den um sie herum so viele Frauen erfassten, brauchte sie da doch nicht mitzumachen. „Immerhin leben wir in einem freien Land“- da wird man als Frau wohl auch die Entscheidung gegen Kinder treffen dürfen, ohne von allen ausgeschlossen zu werden. Aber anscheinend befriedigte Sandra ihr eigenes Mütter-Unglücklichsein damit, dass sie die Lebensmodelle von anderen abwertete und ständig hinterfragte.

Doreen war glücklich, ohne Kinder. Christoph war gutverdienend und nett – genau so, wie sie einen Mann immer haben wollte. Sie verstand sich gut mit ihm, sie machten lange Reisen zusammen, sie neckten sich meistens und konnten stundenlang zusammen sein, ohne sich gegenseitig zu nerven. Auch im Bett lief alles hervorragend und sie war völlig frei von Babygeschrei, Verpflichtungen und Ärgernissen. Rundum: Sie genoss ihr Leben und es fehlte nichts. Ein Kind hätte sie selbst eher als Bedrohung oder Belastung empfunden. Sie war auch der Meinung, dass sie nicht genügend Zeit für die Erziehung aufbringen könnte und sie wollte nur ungern ihren Job an den Nagel hängen.

Ja, sie war glücklich in ihrem Leben und die Frage nach Kindern hatte sich ihr daher nie richtig gestellt. Nach dem Abitur hatte sie Jura studiert und der Job in der Kanzlei machte ihr Spaß. Sie war zwar nie selbstständig geworden, hatte aber ebenfalls einen netten Chef und verdiente nicht schlecht, manchmal sogar etwas mehr als ihr Mann- was den natürlich wurmte, aber er war tolerant und liebte starke Frauen.

Natürlich war ihre Mutter am Anfang entsetzt, da sie aber noch zwei Schwestern und einen Bruder hatte, die alle eine glückliche Familie vorweisen konnten, war ihr „Ausfall“ nicht so schlimm. Umso mehr nervten sie aber die Fragen und Sticheleien ihrer Freundin.

Warum meinten andere immer so gut zu wissen, was für eine Frau gut ist? Warum gab es soviele Leute, die ihr dabei helfen wollten, die richtige Entscheidung fürs Leben zu finden? Und wie konnte sie die Freundschaft zu Sandra aufrecht erhalten, ohne ständig dieses Thema anschneiden zu müssen?

Sie war verzweifelt und in ihrem Kummer stopfte sie immer mehr Weihnachtsgebäck in sich hinein. „Mit der Zeit werde ich davon auch einen runden Bauch kriegen“ dachte sie nur kurz verbittert, musste dann aber doch über ihren eigenen Witz lachen. Sie streifte sich einen Krümel aus dem Mundwinkel und dachte weiter nach.

Natürlich war alles gekauft, denn nach dem anstrengenden Büroalltag wollte sie nicht auch noch Zeit in der Küche verbringen. Das hätte sie höchstens am Wochenende machen können, aber da bereitete sie meistens die Arbeit nach oder wollte sich einfach bei einem guten Buch und einer gefüllten Badewanne entspannen.

Die gekauften Plätzchen schmeckten ihr genauso gut! Das war das Herz des Feminismus, der Gleichberechtigung. Niemand konnte sie zwingen, in der Küche zu stehen- wenn, dann würde sie es freiwillig machen.

Ihre Nachbarn waren allerdings ganz anders eingestellt und seitdem sie in diese Siedlung gezogen war, fiel ihr auf, wie wenig berufstätige Frauen es hier gab. Wenn sie mit ihrem BMW rückwärts in die Garageneinfahrt stieß, konnte sie manchmal eine Frau aus der Wohnung von gegenüber hinter den Gardinen sehen und sie bildete sich ein, dass sie etwas neidisch zu ihr geblickt hatte. Viel Kontakt hatte sie leider nicht mit den Nachbarn. Sie hatte es immer mit Freundlichkeit probiert, aber allen Versuchen zum Trotz waren diese eisig und unnahbar geblieben. Diese igelten sich in ihr eigenes Familienglück ein und so ging jeder seinen Weg.

Die eine Familie erarbeite die Steuergelder und die andere Familie von gegenüber, die nicht mit soviel Glück und Geld gesegnet war, bekam das Geld vom Staat und hatte Kinder.

„Manche Dinge ändern sich eben nie“ – seufzte sie immer noch leicht verbittert und schaltete den Fernseher ein.

Das Programm beruhigte sie und lenkte ab.

So schnell würde sie nicht mehr darüber nachdenken, darüber war sie sich sicher.

20 Jahre liegt die Mauer nun am Boden..

… doch viele hätte gerne wieder eine stehen.

Heute ist also dieser Jahrestag, den man so schwer umgehen kann, wenn man Radio hört oder Zeitung liest. Heute ist der Tag, an dem wir alle „kollektiv weinen“ uns gegenseitig an den Händen halten und andächtig der einzigen wirklichen deutschen Revolution für Freiheit erinnern müssen.

Ein paar Stimmen aus der Ministerriege ätzen sehr treffend gegen die Vernachlässigung im Straßenbau (wie ich im letzten Artikel mehr oder weniger auch festgestellt habe) und fordern den Aufbau West. Sehr gut, das finde ich auch. Es hat auch nichts mit Geschmacklosigkeit zu tun, es ist einfach so. Der Soli wurde lang genug gezahlt und zweckentfremdet. Schafft den Soli ab und kümmert euch um die wirklichen Probleme. Der Soli schürt den Hass, wo er längst nur zum Geld verschwenden instrumentalisiert wird.

Aber Wahrheiten sind bekanntlich schwer zu ertragen und am liebsten würden wir uns wieder mit Gedanken und Träumen und Visionen und sonstigen Dingen einlullen, die erstens an der Realität vorbeigehen und zweitens nicht zu bezahlen sind.

Was hat mir persönlich die Freiheit gebracht, warum soll ich mich dafür begeistern? Ich kenne niemand aus dem Osten und ich habe auch keine Bekanntschaften oder Freundschaften mit Ostdeutschen aufgebaut. Ich habe vielleicht mal Ostdeutsche gekannt, aber dauerhafte Freundschaften sind es (leider) nicht geworden.

Ich habe Verwandte aus dem Osten, die ich jetzt besuchen könnte, habe es aber nie getan (und sie haben mich auch nie besucht).

Nein, mir persönlich hat die Einigung nichts gebracht, aber ich finde es dennoch gut, dass das Unrechts-Regime beendet wurde. Wie es beendet wurde, das ist das Besondere. Es war das Volk selbst, die Stimmen der Künstler und Intellektuellen, die z.B. durch die Montags-Demonstrationen das innere Potential wachrütteln konnten. (Und nein, das hat kein Unternehmen, kein Geld, keine Lobby und keine Politik geschafft, das waren die Menschen selbst).

Es war ganz einfach der Wille von vielen, der das Unrecht besiegt und die Machthabenden zutiefst, bis zu ihrem Fall, erschüttert hat.

An der Wiedervereinigung sieht man sehr schön, wie weit Menschen kommen können, wenn sie etwas wirklich wollen und miteinander an einem Strang ziehen. Mich persönlich nervt die künstliche Zweiteilung von Ost und West immer noch sehr. Es gibt doch keine Grenze mehr, aber die Grenze im Kopf, die gibt es noch bei vielen Menschen. Warum trennt man jede zweite Statistik nach alten und neuen Bundesländern? Warum schürt man künstlich den Neid und Hass auf „Ossis“ und Hartz IV Empfänger zugleich ? Das ist doch total geschmacklos.

Der beste Film zum Thema ist übrigens „Goodbye Lenin“, weil er die Stimmung und Emotionen der Ostdeutschen beschreibt, die von heute Knall auf Fall ihr ganzes, bis dahin gekanntes Weltbild, aufgeben mussten. Auch das ist eine enorme „Anpassungsleistung“, wie z.B. gestern Alice Schwarzer bei Anne Will betont hat.

Ich war damals kurz nach der Wende mit meinen Eltern in Ostdeutschland und wir haben uns alles angeschaut. Es lagen Welten zwischen der westdeutschen Infrastruktur und der Ostdeutschen, es war, als ob man in ein dritte Welt Land kommt, die Straßen kaputt, die Häuser heruntergekommen, überall stank es nach Braunkohle und die Menschen waren irgendwie schroff und unfreundlich. Bezeichnend, dass ich damals in Ostdeutschland auf offener Straße von jungen Rechtsradikalen angegriffen wurde, das hat sich bei mir tief eingeprägt. Seitdem war ich nicht mehr in Ostdeutschland. Zu viel schlechtes Karma, möchte man meinen.

Vielleicht sollte ich das mal wieder machen und einfach mal in den Osten fahren.

Es hat sich viel geändert, so sagt man.