Bloggen ist:

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In der letzten Zeit war ich mal wieder ruhiger. Keine Lust zum Schreiben gehabt. Meine Gefühle waren durcheinander, aufgebracht und ich halte es dann für besser, zu schweigen. Mir ist klar, dass das Schreiben über eigene Gefühle die Grundlage für Kunst ist: Sich selbst zu offenbaren. Es bedeutet, tief in sich zu gehen, den Dreck, der sich im Laufe der Jahre auf die Seele wie Staub in einem Filter gelegt hat, einmal durchzupusten und dann das dahinter glänzende Metall zu bestaunen. Privates Bloggen hat also einen reinigenden, vielleicht sogar therapeutischen Effekt. Aber warum in der Öffentlichkeit?
Wenn man sich in der Öffentlichkeit zu etwas bekennt und seine Gefühle formuliert, macht man damit deutlich, dass man keine Hemmungen hat. Man beweist und übt durch das Schreiben, dass man darüber steht, dass man die Ängste überwunden hat. Es ist eine Therapie. Eine Art Konfrontations-Kreativitäts-Therapie. Angestoßen durch das Handwerk des Schreibens und somit sehr vielen Menschen mit einem Minimum an Bildung zugänglich. (jeder der Sprache oder Zeichen formulieren kann und seien sie noch so eingeschränkt oder „falsch“, kann diese Therapie anwenden).

Interessanterweise merkt man Texten sehr schnell an, ob sie nach einem Schema erstellt worden sind oder wirklich von Herzen kommen. Meine Erfahrung ist, dass die Wirkung des „von der Seele schreiben“ umso größer ist, je authentischer man wirklich Gefühle und Gedanken zulässt. Und die Texte werden auch besser, wahrer, überzeugender, weil sie von innen kommen und nicht aufgesetzt sind.

Mir passiert es dann oft, dass ich einen Text anfange, und noch nicht mal weiß, worüber ich schreiben will. Das ist ein Effekt, den man beim Improvisieren auf einem Musikinstrument auch haben kann oder wenn man ein Bild malt.

Man schreibt oder „malt“ los, man weiß nicht, was daraus entsteht, das ist der Trick. Man lässt das Ungewisse, die Angst zu, man lässt das Unbewusste sprechen. Das Unbewusste ist ein Speicher für unsere Erlebnisse und Erfahrungen. Es ist in keinem Leben der Welt auszuschließen, dass sich negative Dinge, Schmerzen, Frustrationen oder ähnliches einschleichen. Kreative Methoden wie das Improvisieren am Klavier, das Malen oder Schreiben helfen dem Unterbewussten sich auszudrücken und eine Sprache zu finden. Interessant ist zudem, dass unsere Gefühle nicht nach zuverlässigen oder gar einfachen Mustern funktionieren, sondern sehr komplex sind. Ein Satz wie „Ich bin traurig“ oder „Ich bin glücklich“ reicht da oft nicht aus, um die Komplexität zu ergreifen.

Dazu kommt auch, dass nicht jeder Mensch gleich gute Fähigkeiten hat, Gefühle zu verbalisieren oder auszudrücken. Es gibt vor allem in den Charakteren der Menschen große Unterschiede, so neigen manche Menschen mehr zu introvertierten „Krankheiten“ wie Depression und sozialer Isolation, andere fressen es in sich rein (Essstörungen) andere wieder betäuben sich mit Arbeit, Alkohol, Drogen, usw.

Man muss also ein Gespür dafür entwickeln, was einem am meisten zusagt. Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, habe ich alles für mich behalten und nur „Privat“ geschrieben. Das ist ein guter Start und auch schon schwer, weil man sich selbst gegenüber öffnet- manchmal der schwierigste Schritt. Krisen und schwierige Lebenssituationen zwingen uns dazu, einen spirituellen Schritt weiterzugehen und sich nicht vor sich selbst zu verstecken.

Wenn man genügend Mut hat, kann man diese eigentlich privaten Gedanken auch nach außen tragen, das kommt in gewisser Weise einem „Coming Out“ gleich und kann umgekehrterweise auch als sinnvolle Begleitung für ein richtiges Coming Out verwendet werden. Das Schreiben beschleunigt dann die Selbsterkenntnis und den Mut zu sich selbst.

Man kann niemanden zwingen oder „empfehlen“ das zu machen. Entweder man spürt die Bereitschaft und die Notwendigkeit dazu in sich selbst, oder man lässt es am besten gleich.

Auf der „Haben- Seite“ steht sehr viel: Mehr Selbstsicherheit, Ausgeglichenheit, emotionale Gesundheit, die sich auch auf den Körper auswirkt. Ruhigeren Herzschlag, besseren Schlaf, Vertrauen in die Welt und allgemeine Zufriedenheit. Leichteren Zugang zu anderen Menschen, stärkere Kreativität, mehr Ausdauer, weniger Hemmungen- letztendlich auch ein wichtiger Faktor für mehr Erfolg im Beruf!

Das Unterbewusste zu öffnen und an die Öffentlichkeit zu tragen kann auch gefährlich sein. Gerade weil unser Geist so machtvolle und „ehrliche“ Fähigkeiten in sich trägt, kann es passieren, dass man Tabus ausspricht. Dinge, vor denen andere Menschen Angst haben, die ihnen nicht passen. Ideen und Gedanken, die vielleicht reizvoll sind, aber mit Angst und Scham besetzt sind.

Darüber zu schreiben und vor allem darüber zu lesen, kann dann ähnliche Gefühle auslösen, als ob man sie selbst äußern würde- Widerstand ist die Folge, es entsteht ein „Trigger-Effekt“.

Ich kann nur davor warnen, diese Trigger absichtlich und bösartig einzusetzen, so nach dem Motto, „oh jetzt suche ich mal den wunden Punkt“ und ohne Überlegung und Feingefühl zu schreiben. Daher ist ein abschließendes Lesen mit einem „Verträglichkeits-Filter“ hilfreich.

Fragen können dann so aussehen:

Kann ich das schreiben? Verletze ich jemand damit? Ist es zu privat….

Ist es verständlich? Sind Logik-Fehler drin? Schreibfehler? Lücken, Brücken, usw.?

Für diese Verarbeitung der ehemals unbewussten und privaten, nun an die Öffentlichkeit gerutschten Fragen braucht man Leser, braucht man Vertrauen, braucht man Halt.

Wenn ein Feedback kommt, ist es schön und die Basis für Freundschaften. Man sieht, dass es Leute gibt, die sich damit beschäftigen, die etwas zurückgeben. Umgekehrt kann man auch bei anderen lesen und ihnen dieses Gefühl geben. Das ist wichtig! Es ist die Grundlage für Vertrauen, für menschliche Bindungen und Ausgeglichen-Sein.

Bloggen ist: das emotionale Leben von seiner schönsten Seite.

3 Gedanken zu „Bloggen ist:“

  1. Wenn man vorsichtig und behutsam bloggt, dann ist es eine wunderbare Form des öffentlichen Schreibens. Aber gerade in der letzten Zeit habe ich gemerkt, dass doch viele Bloggerinnen und Blogger ab und an eine Sinnkrise bekommen, dann stellen sie das Bloggen in Frage. Obwohl die eigentliche Frage, ja wahrscheinlich die der Art des jeweiligen Bloggens gilt und nicht dem Bloggen in seiner Gesamtheit.

  2. Ich lese sehr gern bei dir, Julia, vielleicht, weil auch ich oft auszuloten versuche, wo sind die Grenzen – ausgedrückt auch in der immer wiederkehrenden Frage: Was ist bloggen, warum bloggen?
    Therapeutisches Schreiben? hmm.., nein -oder, ja vielleicht, warum nicht, selbst wenn.. Jedoch habe ich für mich den Eindruck, dass es das Auffinden wollen der eigenen Positionen, Werte, Anschauungen …ist, aus einer wahnsinnig großen Anzahl von Möglichkeiten, die den Raum unseres gemeinsamen Lebens bildet.
    Mit dem, was wir bloggen – so meine Meinung – kratzen oder schmirgeln wir bisher erst leicht an der Oberfläche, wie an der eines Ei`s. Und da gebe ich dir Recht, ein neues Schmirgelpapier mit einer gröberen Körnung aufzulegen, bedarf noch Zeit, Geduld, Fingerspitzengefühl – um an das Eingemachte zu gelangen.
    Wem das zu weit geht, hat vielleicht eher ein Problem bei sich als bei dem Schreiber. Um das aber herauszufinden, muss es erst einmal überhaupt angegangen werden. In diesem Sinne: Es gibt viel zu tun, packen….

  3. danke für eure Meinungen, ich freue mich darüber!

    @ Claudia: das Bloggen zu hinterfragen finde ich immer wichtig- ich persönlich kann nicht genug davon bekommen- aber ganz aufgeben würde ich es wohl nie. 😉
    Selbst wenn ich mal sehr sauer auf alles und jeden bin, kommt immer wieder der Zeitpunkt wo ich einfach schreiben will. Ich kann nicht sagen, wann o. warum- aber er kommt.

    @ Menachem: Das mit der Oberfläche und dem mangelnden Tiefgang bei Blogs las ich zuletzt bei dir, und es hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Im Grunde fehlt noch ein Artikel, nämlich über die Nachteile des privaten Bloggens. Den bin ich noch schuldig, in ihm soll geklärt werden, woraus die Hemmungen und vielleicht berechtigten Ängste bestehen, gerade etwas nicht zu schreiben. Ein wahrscheinlich genauso wichtigerer Ansatz, um Barrieren zu überwinden.

    Oder zu überlegen, warum denn so oft an der Oberfläche gekratzt und nicht Wahrheit gesprochen wird?

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