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Kein Frieden

Alles ist verstummt, wenn die Waffen sprechen.

Keine Worte können die Grausamkeit annähernd beschreiben oder nachempfinden. Keine noch so schrecklichen Bilder können uns die Gefühle der Angst und Not näherbringen, die jetzt von den Menschen in der Ukraine empfunden werden.

Kein Mensch kann uns erklären, was Putin denkt oder was die jungen Soldaten in den russischen Panzern durch den Kopf gehen muss, als sie erfahren, dass es „keine Übung ist“. Und dass sie nun ihre Brüder im Nachbarland bekämpfen müssen, mit denen sie enge verwandtschaftliche und kulturelle Verbindungen haben.

Niemand kann verstehen, was es bedeutet, wenn ein Atomkraftwerk mit fünf Meilern von Raketen oder Artillerie beschossen wird. Niemand versteht überhaupt was ein „Super-Gau“ oder „Atomarer Krieg“ wirklich bedeutet. Vielleicht, bis auf ein paar wenige Autoren und Menschen aus der Friedensbewegung. Das ist unser Problem: Dass wir zu wenig verstehen, dass wir zu lange in einer Blase gelebt haben.

Dieses Risiko der weltweiten Eskalation gab es schon immer, aber wir haben es längst verdrängt. Wir haben es uns bequem gemacht und eingerichtet in unserer friedlichen, wirtschaftlich florierenden und satten Zeit. Bis das Virus kam und alles durcheinander gewirbelt hat. Zum Virus der Bronchien kommt jetzt noch das Virus des Krieges dazu. Die abartige Vorstellung war nicht kleinzukriegen, dass man mit Krieg und territorialen Eroberungen irgendetwas erreichen könnte. Hat man nicht genug aus den beiden Weltkriegen gelernt? Möchte man nach wirtschaftlichen Scheitern nun auf diesen Weg mehr Reichtum, mehr Sicherheit und mehr Macht gewinnen? Was erhoffen sich Menschen, die solche Entscheidungen treffen? Sie ernten Elend, wirtschaftlichen Niedergang, Hyperinflation, Isolation, Armut und Rohstoffmangel auch in ihrem eigenen Land. Aber dennoch erscheinen Panzer und Militärfahrzeuge als das Mittel der Wahl. Es ist ein einseitig männliches Denken, dass nur die Gewalt als Problemlösung sieht und alle anderen Optionen niemals in Betracht gezogen hat.

Der Westen, mit seinen auf Demokratie, Verhandlung und Diplomatie basierenden Regierungen ist schwer schockiert. Eine „Zeitenwende“ liest man überall. Jetzt werden wieder Panzer benötigt, die Aktien der Rüstungskonzerne gehen durch die Decke, während friedliche Technologien, die auf Austausch und Miteinander gesetzt haben, nach unten fallen.

Es sind keine guten Zeiten. Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg kommen wieder hoch. Das menschliche Elend auf der ganzen Welt, jetzt ist es zum Greifen nahe. „Hoffentlich erlebt ihr nie einen Krieg“ hat meine Oma damals gesagt, die von der Flüchtlingsbewegung in den 1940er Jahren geprägt war wie viele andere Deutsche. Ihre Hoffnung wurde nicht gehört, auch wenn sie immer viel gebetet hat.

Jetzt ist der Krieg also da. Zwei Länder weiter und somit so nah und real wie nie. Ein Überschwappen auf die Nato-Staaten kann ganz leicht passieren. Es fehlt nur noch der berühmte Funken, wir sind näher an der großen Eskalation als damals zu Zeiten der Kuba-Krise.

Die größte Flüchtlingsbewegung nach dem zweiten Weltkrieg wird erwartet. Während wir hier explodierende Energiepreise und Inflation haben. Es wird teuer für alle und wir alle zahlen einen hohen Preis für die Dummheit und den Egoismus von einigen wenigen. Wieder haben es einzelne Männer und Diktatoren „verbockt“ und mit ihrer Sturheit, Dummheit und Krankheit so viele Menschen in den Tod getrieben.

So lange es Waffen in der Welt gibt, wird es keinen Frieden geben.
So lange Männer über Frauen dominieren, wird es keinen Frieden geben.
So lange es Ungerechtigkeit und Diktaturen gibt, wird es keinen Frieden geben.

Was wir jetzt brauchen, ist eine neue Friedensbewegung.




Eingefroren und aufgetaut

Passende Musik (Cranberries-Zombie)

Über eine vergangene Freundschaft

Alles ist wie eingefroren, wenn ich ihre Stimme höre. Ich merke, dass ich noch keinen Zentimeter weiter gekommen bin als damals, vor knapp 2 Jahren.

Okay, die Gefühle haben sich ein bisschen geändert, es schmerzt nicht mehr ganz so stark. Was aber geblieben ist, ist mein partielles Unverständnis über ihre Entscheidungen und Gedanken. Ich kann es bis heute nicht wirklich nachvollziehen und das tut besonders weh.

Wie es gekommen ist. Was ich falsch gemacht habe. Warum es nicht aufzuhalten war.

Es kommt mir vor wie in einer anderen Zeit. Es war vor der Corona-Krise, als es noch mehr Leichtigkeit und mehr Austausch unter den Menschen gab. Aber schwer war es auch damals. Die Probleme waren schon damals da. Ich hab sie vielleicht nur nicht richtig gesehen.

Zusammen mit ihr hatte ich tiefe Gedanken, wie ich sie selten erlebt habe. Ich bin froh und stolz darauf, dass es nicht nur ihre Gefühle waren. Sondern dass es auch meine Gefühle waren, die aufgewirbelt wurden. Dass es die ganze Himmelsleiter des menschlichen Austauschs und Miteinanders war, dass uns zusammen gebracht hat. Ein „therapeutisches Zusammenkommen“ wie man nüchtern sagen würde. Manchmal braucht man diesen Austausch. Es ist die Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt und zu einem neuen Bewusstsein.

Ich bin froh, dass sie damals so ehrlich gewesen ist und wirklich alles von der Seele geredet hat. Und ich bin froh, dass ich es auch getan habe.

Nie hätte ich gedacht, dass ein Mensch, den ich beinahe „zufällig“ getroffen habe, mal so viel in mir auslösen könnte.

Und auch wenn es vorbei ist, löst der Abschied von ihr immer noch eine große Traurigkeit in mir aus.

Ich bin mir heute sicher, dass ihr die Auflösung der Freundschaft auch nicht leicht gefallen ist. Zuviel ist im Leben passiert, zu schwer war der Gegenwind.

Es muss ein gewaltiger Schritt gewesen sein. Und was ich heute besser sehe: Wie sehr sie damals unter Druck stand. Wie das Haus des Lebens über ihr zusammen gebrochen ist. Dass sie da unbedingt raus wollte. Und dass das nur mit harten Entscheidungen ging.

Ich habe ihr dabei irgendwie geholfen, da bin ich mir heute sicher. Aber es war wie eine Geburt. Es war mit Loslösung und Ablösung verbunden, damit das Baby eigene Schritte machen kann.

Ich sollte in ihrem neuen Leben keinen Platz mehr haben. Sie wollte sich verändern. Beruflich, vom Wohnort her und auch vom Charakter. Ich passte da nicht mehr rein, denn ich stand für das, was sie verabscheute: Der Beugung unter das Schicksal. Das Ertragen der Realität. Das wollte sie nicht wahrhaben. Sie hasste mich dafür, dass ich es ihr so schonungslos sagte. Ich, die nun doch mehr Lebenserfahrung hatte und älter als sie war. Sie stellte es sich alles leichter vor. Sie hoffte, wenn sie den Schalter umlegte, würde alles verschwinden. Das Unbehagen, der Schmerz und das Gefühl, im falschen Film zu sein.

Ich bin mir sicher, einen Teil davon hat sie erreicht. Ein Teil hat sich wirklich verändert. Nach außen wirkt sie ganz stabil und irgendwie angekommen. So wie ich es jetzt auch bin.

Aber was im Inneren des Menschen steht, das ist eine andere Frage.

Je älter wie werden, desto mehr müssen wir erkennen, dass die traurig-schmerzlichen Erinnerungen das Einzige sind, was wirklich bleibt.

Wir sind ein Bündel aus Schmerzen, Erinnerungen, Freude und Trauer.

Manchmal sind diese seelischen Zustände wie eingefroren und manchmal werden sie wieder aufgetaut.




Der Sehnsuchtsort

Jeder Mensch kennt ihn : den Sehnsuchtsort.
Es ist ein Ort, tief im Inneren, an dem man gerne wäre. Ein Ort, von dem eine magische Anziehungskraft und Ruhe ausgeht. Aber auch ein Ort, der fasziniert und von dem man sich mehr verspricht.

Dieser Ort kann ein rein gedanklicher Rückzugsort sein, eine Ruhe-Oase, zu der niemand vordringen kann.

Oder es ist ein Ort, den man wirklich bereisen und anschauen möchte.

Bei der Fotografie habe ich immer wieder gemerkt, welche Faszination von „Orten“ ausgeht. Dieses Gefühl, an einer Stelle zu stehen, wo schon viele Menschen hingezogen oder sogar gepilgert sind. Man möchte dann Teil dieser Faszination sein. Ein Foto anzuschauen ist die eine Sache, aber wirklich an dem Ort zu stehen, der große Bedeutung, eine beeindruckende Aussicht oder eine besondere geschichtliche Bedeutung hat, das ist wirklich etwas anderes.

Bei Instagram gibt es diese „hot places“, die dann tausendfach geteilt werden und die dadurch wieder neue Besucher anziehen.
Stellenweise begeben sich die „Orte-Jäger“ dann in legale Grauzonen und überschreiten Grenzen, die eigentlich geschlossen sein sollten (z.b. werden dann Betretungsverbote ignoriert).

Es gibt aber auch Orte, die man aus dem Fernsehen oder anderen Medien kennt. Orte, bei denen man sich erhofft, etwas anderes zu finden: Mehr politische Freiheit vielleicht, besseres Wetter, mehr Sonne oder einfach die Freiheit, die man zu Hause nicht sehen und spüren kann.

Mein aktueller Sehnsuchtsort heißt: Los Angeles. Irgendwas in meinem Kopf sagt mir, dass ich diesen Ort unbedingt (wenigstens einmal in meinem Leben) bereisen sollte. Vielleicht, weil ich mittlerweile so viele Filme und Krimis kenne, die dort spielen (zur Zeit schaue ich die Serie „Bosch“ und spiele GTA 5). Oder weil ich immer wieder fasziniert bin von den Palmen und der untergehenden Sonne am Santa Monica Beach. Oder einfach, weil der Ort so abartig weit weg ist, dass man mit dem Flugzeug etwas mehr als 11 Stunden Flug benötigt. Und ich auf der anderen Seite schon sehr lange keinen weiten Flug mehr gemacht habe. Vielleicht auch, weil mir die amerikanische Kultur und Lebensart soviel anders als die deutsche, europäische Art anmutet. Immerhin waren die „Vereinigten Staaten“ über Jahrhunderte das Ziel von frustrierten, religiös eingeengten Europäern und Armutsflüchtlingen. Warum sollte sich so eine Auswanderungsbewegung nicht wiederholen, wenn Europa im Chaos versinkt?

Ich träume davon, wenn mich hier zu Hause die Arbeit mal wieder erschlägt und es einfach nicht aufhört zu stürmen und zu regnen. Wenn der Winter mal wieder vier Monate dauert und einfach nicht enden möchte. Wenn man nach zwei Jahren Lockdown und wirtschaftlicher Krise einfach nur noch eine Veränderung und einen Neuanfang möchte.

Dann ziehe ich mir die Decke über den Kopf und stecke die kabellosen Ohrhörer in die Ohren, damit alles andere abgeschirmt bleibt. Ich schalte auf Youtube ein Video mit „Flugzeuggeräuschen“ ein. Leises, monotones „weißes“ Rauschen von den Turbinen. Das Geräusch beruhigt und wirkt einschläfernd. Dann schalte ich den Fernsehsessel auf „Liegeposition“. Langsam senkt sich die Rückenlehne nach hinten und ich schwebe plötzlich über den Wolken. Weit weg, die Menschen und Straßen werden immer kleiner. Bald durchstoßen wir die Wolkendecke. Hier oben ist strahlend blauer Himmel und die Sonne blendet in den Augen. Es geht nach Westen. Die Maschinen und Computer tragen uns wie an magischer Leine geführt bis an das Ziel.




Die Liebe klingt gut

Passende Musik (Talla 2XLC)

Gestern war sie seit langem mal wieder zu spüren. Die Liebe.
Hey Liebe, wo hast Du dich denn versteckt?
Du Liebe, kleines Mädchen, mit den großen, braunen Augen, die mich aus dem halbdunklen Licht neugierig mustert, wo warst Du nur gewesen ?!?

Und mit der Liebe ist zugleich der Humor zurück gekommen. Ich lache, als ob es kein Morgen mehr gäbe.
Ich lache einfach so! Aus nichtigem Anlass. Über kleine blöde Witze.

Maaann, Liebe, wie lange habe ich DAS NICHT GESPÜRT. Es ist immer wieder unglaublich, wenn sich was ändert.

Wenn ich mich ändere. Wenn Du Dich änderst. Es ist unaufhaltsam. Es ist einfach da. Es macht „puff“ und die Liebe ist da.
Es ist nicht zu leugnen. Es schwebt leise durch die Luft. Es knistert. Es vibriert ganz zart, um nur ein paar Stunden später in einer großen Sehnsucht und in einem allumfassendem Verständnis zu enden. Gedankenkino. Der andere wird wichtig. Der andere wird schön und begehrenswert. Die Gedanken fliegen hin und her, wie kleine Bits und Bytes, nur um in einem unendlich großen Terrabit-Datenstream zu enden. Und was noch viel wichtiger ist: Ich möchte alles über den Gegenüber wissen. Ich vergesse dabei mein Ich. Nur dann kann ich wirklich lieben. Wenn da das kleine Ego, welches immer so fest umklammert und behütet wird, endlich mal ein paar Schritte frei laufen kann.

Die Liebe ist der Strom, der Farben bringt. Der innere Begleiter, der wärmt und pocht.

Da ensteht plötzlich eine neue Dynamik. Die Dynamik zwischen Dir und mir. Wir brauchen es zum Überleben. Wie ein starker Puls, ein innerer Beat, der deutlicher und klarer wird – bis dann endlich neue Instrumente dazu kommen. Zuerst nur die Bass Drum, aber wehe dann, wenn wir uns mal länger kennen und das ganze Streichkonzert deines Lebens sich dazu gesellt. Wenn Du Dich endlich öffnest und ich Deine Biografie erahnen kann. Dann wird es bunt. Dann wird es interessant und schräg. Dann bekommt die Liebe ein Gesicht, nämlich Dein und mein Gesicht.

Dann wird es laut. Dann höre ich endlich wieder etwas. Dann klingt es endlich gut.




Das Ende der Krise

passende Musik (Adele)

Das Schönste an der Krise ist, dass sie irgendwann enden wird.
Das darf man nie vergessen. So lang die Corona-Krise (oder jede andere Krise) auch gehen wird.
Sie geht irgendwann vorbei. Sie endet. Bei der Krankheit hilft manchmal nur der Tod, der dann für sich genommen auch eine Erlösung ist.

Aber die Lebenden, die Lebendigen werden die Wiedergeburt noch in diesem Leben erleben!
Es wird der Tag kommen, wo es kein 2G, 3G und keine Maske mehr vor dem Mund geben wird.
Wo wir – buchstäblich- die Maske wieder fallen lassen können.

Wo wir uns wieder selbst fotografieren und lieben können. Wo wir das Bedürfnis haben, unser eigenes Ich mit dem Ich der anderen zu verbinden. Und eine höhere Transzendenz zu spüren. Eine Weiterentwicklung, die alleine niemals möglich gewesen wäre.

Wir werden uns wieder in den Armen liegen, und wir werden uns wieder die Hand geben.
Bevor der Krieg und die Gier nach immer mehr alles vernichtet hat.

Wir werden das Ende von Diktaturen und Repression erleben, im Großen wie im kleinen. Wir werden wieder Gerechtigkeit, Wohlstand und ein verbessertes Umweltbewusstsein erleben.
Wir werden erkennen, was wichtig ist und worauf es ankommt.

Es wird eine Zeit geben, in der alles besser wird. Wie eine zarte Knospe unter der Erde- ist es bereits zu spüren.
Die Anfänge sind gelegt. Wir brauchen nur noch ein bisschen Geduld.

Ich freue mich so sehr auf diesen Moment. Und je mehr ich ihn mir vorstellen kann, desto realer wird es.

Wir werden wieder auf Konzerte und Weinfeste gehen. Wir werden wieder zusammen tanzen und feiern und trinken bis in die Nacht. Und – das wichtigste von allem- wir werden uns wieder lieben.




Just do it!

In meinem WhatsApp-Profil habe ich eine einfache Lebensweisheit eingetragen.
Sie lautet „Just do it“. So kam es: Vor ca. einem Jahr habe ich einen interessanten Mann kennengelernt (nicht das, was ihr denkt, es ging um ein Verkauf und ich bin durch Zufall an sein Facebook-Profil gekommen), der hauptberuflich Schokoriegel verkauft und in seiner Freizeit Rennradfahrer ist (200 km+ am Tag) und mit seinem Wohnmobil überall hinfährt und dafür einen Standort sucht (so kamen wir in Kontakt). Kurzum, ein netter, lustiger interessanter Mann mit viel Humor. Mit all den Eigenschaften gesegnet, die ich nicht habe.

Auf seinem FB-Profil teilte er ein Bild von seiner letzten Berlin-Reise. Ich schrieb nur „wow, Berlin wie toll, da wollte ich schon lange mal hin“. Und er entgegnete mir einfach „Just do it“. Und mit einem einfachen Satz, mit einer einfachen, banalen und doch leichten Message war mir klar, was des Pudels Kern ist und wie man im Leben deutlich weiter kommt als wenn man sich immer einen grüblerischen Kopf macht: „Just do it“ ! Machs einfach.

In der Botschaft steckt Leichtigkeit. Einfacheit. Aber auch Mut, Entschlossenheit (Männlichkeit) und vielleicht doch einfach nur ein Schokoriegel?

Wer etwas anfängt, findet Lösungen. Wer losgeht, kommt an. Wer grübelt und vorher alles wissen möchte oder glaubt, alles zu wissen, wird NIE ANKOMMEN.

Wer zuviel in der Theorie, in den Gedanken lebt, braucht einen gesunden Pragmatismus.

Einfach machen. Einfach losgehen. Das alte hinter sich lassen. Die Zweifel beiseite legen. Mutig sein. Neu anfangen.

Das ist für mich die Melodie der Stunde.

Und das ist auch das, was ich für die Gesellschaft wünsche.
Dass sie die Angst ablegt und endlich einen neuen Mut findet.




Auf die Probe gestellt

Feierabend.
Eine seltsame Zeit ist das im Moment.

Auf der einen Seite tut sich beruflich sehr viel, auf der anderen Seite gibt es emotional noch überall Blockaden.

Wer steht auf und wird sie mal lösen?

Ich sitze im Zahnarztstuhl und überlege, welches Konzept als nächstes kommt, was das beste ist, aber ich habe einfach keine Idee. Die alten Schablonen passen nicht mehr.
Es muss was neues her. Was komplett neues. Ich habe viel Zeit, die AssistentInnen haben mich vergessen, der Arzt, der „nur mal kurz schauen sollte“ kommt nicht. Nun sitze ich hier und starre Löcher in die Decke und habe Zeit. So. viel. Zeit.

Die größte Blockade gibt es im Bereich der „sozialen Medien“. Denn sozial sind die meisten nicht mehr und die Medien sind fad, grau und langweilig geworden.

Instagram macht mich nicht mehr satt und das Schreiben fehlt mir sehr.
Dieser Wunsch, mal wieder „nach innen zu gehen“ und mich selbst zu spüren. Wer bin ich, was möchte ich – jenseits der äußeren Bedürfniserfüllung und Aufgabenabarbeitung ?

Alles Auswirkungen von der Corona-Krise nehme ich an. Oder schon wieder eine neue Sinnkrise!

Der Austausch mit anderen Menschen ist stark zurück gegangen. Nirgendwo gibt es mehr „Input“.
Im Idealfall soll das dazu führen, dass das Virus beginnt sich zu langweilen.
Und wo es keine Party mehr machen kann, stirbt es ab. Aber wir sterben mit dem Virus gleichsam ab.
Ein Teil von uns muss sterben, damit der andere Teil leben kann.

Was kann ich im Moment beobachten? Auf der einen Seite ein großes Bedürfnis, sich zu öffnen, auf der anderen Seite eine große Verletzlichkeit.

Ich frage mich, wann diese Pandemie enden wird? Dieses Bedürfnis nach Nicht-Kontakt. Dieses Schweben unter dem Radar, dieses Unterdrücken von Lebendigkeit und Menschlichkeit?

Wann kommt der große Knall, auf den wir alle warten? Der Knall, der alles in die Luft fliegen lässt und endlich ein Ende bringt?

Aber dieses Virus geht nicht schnell weg. Es zehrt an unseren Nerven, es zermürbt und testet uns.
Es stellt alles auf die Probe.




Ein Tag in Ladenburg

Gestern ging es mit meiner langjährigen Blogger- und Foto-Freundin Sabine mal wieder auf eine schöne Fototour.

Sabine und ich am Marktplatz, Selfie

Wir wollten uns das schöne Ladenburg anschauen. Ich war erst einmal dort und habe bei weitem noch nicht alles gesehen und meine Freundin hat die Stadt in der letzten Zeit sehr lieb gewonnen, weil sie etwas ruhiger als das quirlige Heidelberg ist.

Treffpunkt war der Carl-Benz-Platz, wo auch das berühmte Carl-Benz Haus steht. Der berühmte Erfinder des benzingetriebenen Automobils stammt nämlich aus der beschaulichen Kleinstadt am Neckar. Ob er geahnt hat, wie stark seine Erfindung unsere Welt verändert hat?

Das Carl-Benz Haus. Ein Stockwerk, hübscher Giebel, ein Auto in dunkelblau parkt davor

Spuren von ihm und seinem Wirken findet man überall. Von Grünstadt aus kommend ist man relativ schnell im Rhein-Main Gebiet und die Zufahrt ist einfach. Einziges Problem sind die Parkplätze an der Festwiese, weil da derzeit ein Festival aufgebaut wird und zusätzlich noch an der Straße gearbeitet wird. Das nächste Mal ist es sicherlich ratsam auf eine der Tiefgaragen auszuweichen (Tipp!).

Kaum war ich am Wasserturm angekommen, wurde ich schon von einem freundlichen Herrn angesprochen und er wollte wissen, ob ich wüsste, was für ein Fest da aufgebaut wird. Ich konnte es leider auch nicht sagen und antwortete, dass ich gerade erst gekommen sei und auch nur touristisch unterwegs sei. Dann schalteten sich noch zwei Frauen ein, die gerade mit dem Fahrrad vorbei gekommen waren. Die eine wusste, dass es anscheinend ein kleines Fest am Wochenende sei und sie schon Plakate gesehen hatte. Beim Recherchieren stelle ich fest, dass es kein geringerer als Milky Chance sein wird, der da mit einem „Picknick-Konzert“ erwartet wird. Nicht schlecht, für so eine kleine Stadt, aber die Location am Neckar ist auch wirklich schön und malerisch!

Sabine wollte mir unbedingt den Waldpark zeigen, wo unlängst die Literaturtage stattgefunden hatten. Da war ich natürlich auch neugierig, denn den kannte ich noch nicht. Zuerst führte uns der Weg durch die hübsche historische Alstadt, am Lobdengau-Museum und der Dalberg-Schule vorbei, wo die Kinder gerade mit ihrer Lehrerin ein paar Turnübungen abhielten. In der Lustgarten-Straße wurde gerade gebaut, so dass wir das malerische Panorama der Sebastianskapelle leider nicht einfangen konnten. Zum Glück hatte ich da vor zwei Jahren schonmal Fotos gemacht.

Wir kamen an einem lustigen Restaurant mit dem Namen „Die Kartoffel“ vorbei, wo es hauptsächlich Speisen aus des Deutschen liebsten Gemüses gibt. Lustig!

Jetzt wurden wir doch zum Marktplatz gezogen, weil mich die historischen Fassaden der Fachwerkhäuser doch sehr faszinieren.

Die meisten Bilder werde ich übrigens wieder auf Instagram posten, also bitte nicht verpassen: https://www.instagram.com/shared.light/

Am zentralsten Platz in Ladenburg gibt es einen schönen verzierten Brunnen und den Blick auf die historische „Dr. Fuchssche Apotheke“. Das Panorama mit den vielen Blumen und liebevollen Fassaden ist einfach bezaubernd. Besonders angenehm ist natürlich auch, dass die vielen Restaurants jetzt wieder geöffnet sind und man überall Tische und Stühle vor den Lokalen sehen konnte. Selbst an einem gewöhnlichen Mittwoch Vormittag waren schon einige Menschen unterwegs. Leider ist die Altstadt nicht verkehrsberuhigt, so dass beim Fotografieren immer auf vorbeifahrende Autos achten muss, die aber wiederum auch sehr rücksichtsvoll waren und tlw. auch warteten, bis die Aufnahme im Kasten war!

Wir bogen in den Weg zum Waldpark ein. Dort gibt es kleinen hübsch angelegten Naturgarten von Nabu, außerdem wurde gerade an der „Draußenschule“ gewerkelt.  Ein tolles Konzept für Unterricht im Freien, vielleicht auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und ihren besonderen Anforderungen an die Schulen entstanden? „Ich bin auf jeden Fall auch gerne an der frischen Luft“ sagte ich zu meiner Freundin „wenn ich die ganze Zeit nur drinnen sitzen muss, fällt mir irgendwann die Decke auf den Kopf“. Sabine stimmte mir zu. Der Reinhold-Schulz-Waldpark eignet sich perfekt zum Runterkommen, er ist ein schöner ruhiger Ort zum Entspannen. Kein hektischer Park mit tausendenen Spaziergängern und Radfahrern, sondern einfach eine Oase der Ruhe mit vielen Bäumen und naturbelassen. Am Wegesrand entdeckten wir eine originelle Schnitzerei, die aus einem alten Baumstumpf geformt worden war.

Nach der Erkundung des Waldparks gingen wir wieder zurück zur Evangelischen Stadtkirche bei der uns besonders der Platz zum Sitzen auffiel, der zur Ruhe und Gemütlichkeit einlädt. Ein paar Schritte weiter kommt man dann schon zur St. Gallus Kirche . Diese ist atemberaubend schön in Szene gesetzt, überall Blumenkübel und toll gepflegte Anlagen. Natürlich mussten wir hier einige Fotos schießen und konnten uns vom schönen Anblick kaum lösen.

Da wir nun schon einige Schritte hinter uns hatten und es auf Mittag zuging, beschlossen wir, eine kleine Stärkung einzunehmen. Nach einem Stück Kuchen und Kaffee ging es gleich weiter zum „Laden-Burger“.

ein leckerer Burger, mit dunklem Brötchen und einer kleinen Fahne obendrauf

Meine Freundin kannte das kleine Burger-Restaurant schon vom letzten Besuch und konnte es mir wärmstens empfehlen. Sie überzeugen durch leckere selbstgemachte Burger und ein besonders schmackhaftes Brötchen (kein Vergleich zu den üblichen Schnellrestaurants). Wir bestellten unsere Burger und nahmen draußen Platz. Nach einer kurzen Wartezeit (in der Mittagszeit kamen einige Bestellungen zum Mitnehmen rein) konnten wir dann die sehr lecker schmeckenden Burger im Schatten der Altstadt genießen.

Unseren kleinen Urlaubstag erweiterten wir anschließend mit einem Verdauungsspaziergang zur Festwiese und dem berühmten „Landungssteg Ladenburg“, das ist eine neu errichtete Konstruktion, auf der man einen tollen Ausblick auf den Neckar hat. Es wehte eine leichte Brise und die Sonne wechselte sich mit leichter Bewölkung ab- ingesamt ein fantastischer Tag für Ausflüge.

eine futuristische Konstruktion mit starken Linien, in schwarz weiß und sehr kontrastreich, Blick auf den Neckar

Hier muss auch erwähnt werden, dass die öffentlichen Toiletten in Ladenburg sehr gepflegt sind und ein längeres Verweilen in der Stadt noch angenehmer machen.

Ab 14 Uhr steuerten wir dann wieder in die Altstadt und schauten uns noch das „Lobdengau-Museum“ an.

Fassade in alt-rosa, hübsch verziert mit weißen Applikationen

„Wir sind kein Heimatmuseum, sondern ein echtes Museum“ versicherte uns der freundliche Mann vom Ticketverkauf immer wieder und lächelte dabei verschmitzt. Auch war es kein Problem, meinen großen und schweren Fotorucksack im Eingangsbereich bei ihm zu parken. Der Eintritt für zwei Personen war mit 7 Euro relativ günstig. Der Rundgang startete in der Vergangenheit, bei den alten Römern und der langen Geschichte, die diese Stadt hat. Hier brillierte das Museum durch ein besonderes Detailreichtum und ausführliche Beschreibungen der Ausgrabungen. Ob Gegenstände aus dem Alltag (Küchengeschirr), der Methode Brot zu backen oder die Ausrüstung der Legionen- zu allen Themen konnte man etwas erfahren.

Eine Puppe stellt einen Fahnenträger der Römer dar, mit Kettenhemd und Schild

Auch für die Jupitergigantensäule und die Umstände ihres Fundes gab es einen extra Themenraum und ausführliche Erklärungen. Die Musik der Videovorführungen war sehr dezent und passte hervorragend zur Stimmung im Museum.

 

im Inneren des Museums, Gewölbekeller und Schautafeln

Lobdengau-Museum 1. Stock, Weitwinkel-Aufnahme, historische Möbel

Es war natürlich nicht viel los, so dass wir viel Zeit für die Erkundung hatten. Beinahe übersahen wir, dass es ja im Erdgeschoss und im 1. und 2. Stock noch einige weitere Ausstellungsräume gab. Fast ein bisschen zu viel für uns, so setzten wir den Fokus auf die interessante Spielkarten-Ausstellung.

historische Spielkarten übersichtlich angeordnet

Dort erfuhr ich einiges über traditionelle Kartenspiele und dass es hier bei uns der Region auch Karten-Manufakturen gab.

Ein Schild des Römergarten und gelbe Blumen davor. Wand in Altrosa

Der Besuch wurde durch einen Abstecher im liebevoll angelegten Römergarten im „Zwinger“ abgerundet. Hier konnten wir sogar einen Zitronenbaum entdecken. In einem anderen Teil der Altstadt fanden wir sogar ein ganzes Blätterdach mit Kiwis! Besonders schön ist auch der neu eingerichtete „Erker“ im obersten Bereich des Museums. Wie uns der freundliche Museumsführer erklärte, war dieser Bereich lange im Umbau begriffen und hatte erst seit kurzem wieder geöffnet. Man hat da oben eine gemütlicihe Bank zum Ausruhen und einen schönen Blick über die Dr. Berndmarkt-Heukenes Anlage, die sich gleich dahinter befindet.

Sabine und mir hatte es gut gefallen, Ladenburg ist wirklich eine schöne Stadt zum Bummeln und Entspannen. Und fotografisch hat sie sehr viel zu bieten!




Ich habe meinen Pieks

Zuerst habe ich gedacht, ich würde nie drankommen. Dann ging es plötzlich ganz schnell.
Mein Mann wollte mich persönlich nach Bad Dürkheim zum Impfzentrum fahren. „Falls Du Nebenwirkungen hast und dann nicht mehr fahren kannst“. Und der Hund durfte mit.
Es war ein regnerischer, kalter Tag Ende Mai. Das Außenthermometer zeigte 11 Grad und ich überlegte noch, ob ich mir eine lange Strumpfhose anziehen soll, weil meine Mutter gemeint hätte, im Wartebereich wäre es kalt und man müsste tlw. lange warten.

Schon am Eingang wird mir klar, dass es irgendwie „ernst“ ist. Überall stehen hohe, weiße Absperrungen und Bauzäune, an denen wiederum Verbotsschilder und Hinweisschilder aufgehängt sind. Man wird als große Masse durch eine klar erkennbare „Impfstraße“ gelotst. Am Anfang steht ein Mensch mit sichtbar erkennbaren Migrationshintergrund und kontrolliert den Ausweis und die Terminbestätigung. Nur eine „leichte Kontrolle“, nach einer Minute in der Schlange geht es gleich weiter. Es ist 20:15 Uhr und ich bin- wie im Schreiben empfohlen- 15 Minuten früher gekommen.
Im ersten Wartebereich sitzt niemand, also kann es gleich weitergehen. Ich komme in die Innenräume der „Salierhalle“, ein freundlicher Mensch mit erkennbaren Migrationshintergrund hält mir die Tür auf und bittet mich freundlich herein.

Am Schalter sitzt ein etwas unwirsch erscheinender Mensch mittleren Alters, der meine restlichen Unterlagen durchsieht. Ich weise ihn darauf hin, dass auf meinem Impfpass noch eine falsche Adresse (nämlich die von meiner letzten Wohnung in Mannheim) steht und ob das man das ändern könnte. Er sagt nur kurz „das ist ihr Problem, spielt ansonsten keine Rolle“ und reicht mir die Unterlagen zurück.

Ich komme kaum dazu, über seine Aussage nachzudenken und werde weiter zu einer Dame mit Fieberthermometer geschleust „34,4 Grad“ sagt sie, als sie mich kurz mit Infrarot an der Stirn abgetastet hat. Sie lächelt. Das Ausbildungsniveau der Mitarbeiter steigt und damit auch meine Nervosität. Ich habe einen Zettel und ein Klemmbrett ausgehändigt bekommen und soll noch an zwei Stellen unterschreiben „hier“ und „hier“ hatte der Mann gesagt. Wo nochmal genau? Ich blättere mich gerade durch die Unterlagen, da werden wir von einer freundlichen Stimme hingewiesen, dass es jetzt schon zur nächsten Station geht. Verdammt.

An der nächsten Station steht wieder ein Mensch mit erkennbaren Migrationshintergrund und möchte mir das Klemmbrett mit den beiden Unterschriften abnehmen. „Ich bin noch nicht soweit!“ protestiere ich und merke, wie mir die Röte ins Gesicht schießt. Dabei bin ich doch extra 15 Minuten früher gekommen, aber irgendwie in den falschen Zug eingesteigen. „Kein Problem, machen sie es einfach fertig, ich hole die Unterlagen dann ab“ sagt er freundlich.

Schnell blättere ich mich durch die Papiere und möchte sie noch ein bisschen lesen, aber es ist genau das gleiche, was man zu Hause auch schon auf dem Computer ausdrucken konnte. Ich kritzele meine Unterschrift dahin, wo das unübersehbare X ist und stelle fest, dass der Kugelschreiber bald den Geist aufgibt. So wie meine Nerven.

Es folgt eine „Belehrung“ über die Impfung von einem Menschen ohne Migrationshintergrund mit erkennbaren höherem Ausbildungsstand (vielleicht ein Arzt). Neben mir sitzen ein paar dicke Menschen und unterhalten sich.

Im Hintergrund sitzt eine Frau und geht die gestapelten Klemmbretter mit den Impfpässen durch. Sie hat eine riesige Menge an Aufklebern dabei, checkt die Unterlagen und stempelt für jeden die Impfbestätigung „Comirnaty“ hinein.

„Sie werden heute mit einem sogenannten mRNA Impfstoff geimpft“ erklärt der höher-gebildete Mensch, der leider ein bisschen zu leise spricht oder ich bin zu weit weg. Was er so sagt, klingt ganz interessant, aber ich höre irgendwie nur die Hälfte. Dann nimmt er sich den Stapel mit den abgestempelten Klemmbrettern und Impfpässen und wird von der Dame darauf hingewiesen, dass noch ein paar Unterschriften fehlen. Er liest die Namen durch, geht zu den Menschen neben mir und weist nochmal darauf hin, dass man bitte da, wo das „X“ ist, unterschreiben sollen.

Dann bin ich schon dran. Er checkt meine Unterlagen „Alles richtig gemacht“, ich darf zur nächsten Station.

Hier beginnt klar erkennbar der medizinische Bereich. Große, aus Holz gebaute Impfkabinen, Vorhänge, Desinfektionsmittel. Man solle bitte die Garderobe an den Haken hängen und den Oberarm freimachen.
Es geht Zack auf Zack.

Ein Mensch mit blauen Klamotten, Arztschuhen und professionellem Auftreten kommt in die Kabine und legt eine kleine Schale mit Spritze auf den kleinen Tisch. Das wird also meine „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Spritze. Sieht unspektakulär aus. Ich schaue sie dennoch neugierig an und merke, wie in mir die Vorfreude auf Reisen, Restaurants, Freunde aufsteigt. Alles in dem kleinen Ding da, mit den Messenger-Botenstoffen und dem magischen Schlüssel gegen das Spike-Protein.

Ich sitze auf einem wackeligen Drehstuhl aus Plastik und drehe gelangweilt meinen Oberkörper hin und her. Gegenüber sind zwei Mädchen (eine Patientin und ihre Freundin) die kichern, sichtbar aufgeregt sind und ab und zu rüberschauen, was die ältere Dame da so macht..

Dann kommt nochmal Mr. Blaukleidung in meine Kabine, das Herz pocht, er zieht den Vorhang zu und sagt „bitte den Oberarm etwas lockerer“ lassen, weil ich natürlich angespannt bin. „Es kann gleich ein bisschen pieksen“, sagt er noch, dann tut es HÖLLISCH weh, weil er genau den Nerv getroffen hat, ich lächele ihn dennoch dankbar an und er meint „bitte in den Warteraum 15 Minuten warten, dann zum Checkout“.

Ich komme also zum Ende der Wartestraße. Noch mehr Schilder, bitte nicht fotografieren, kein Handy, dankbare Ruhe, beinahe wie in einer Kirche, nur dass man nicht zu dicht gedrängt, sondern mit mehr Abstand zusammen sitzt. Ich überlege, ob mir schummrig wird oder es nur die Aufregung ist?

15 Minuten Ruhe, Nachdenken, ein herrlicher Moment. Hin und wieder steht jemand auf und geht zu einem der Checkout-Schalter. Ich staune, wieviel Personal man für die Impfungen aktivieren konnte. Hier sitzen vielleicht 20 Patienten, aber es gibt drei Schalter mit gut ausgebildeten Menschen und einem Leiter, der hin und geht und ab und zu einen Kommentar macht. Warten. Der eine Mann hinter dem Schalter holt ein Wurstbrot aus einer Box und kaut darauf. Ich muss schmunzeln, hab auch schon wieder Hunger. Blick auf die Uhr: Noch 3 Minuten. Vor mir steht jemand auf und geht zum Schalter. „Danach ich“ denke ich mir und überlege, wie historisch dieser Moment ist. Und dass es sowas eigentlich noch nie gegeben hat.

Dann stehe ich auf und checke aus.

Draußen scheint immer noch ein bisschen die Sonne und mich empfängt eine herrlich klare frische Luft.

Am nächsten Tage habe ich nur etwas leichte Kopfschmerzen und fühle mich ansonsten einwandfrei. Ich bin sehr erleichtert und dankbar, dass das alles so gut organisiert wurde! Und sich soviele Menschen dafür einsetzen, dass wir wieder aus der Pandemie herauskommen werden.




Der Kreis der guten Freundinnen

Jetzt mache ich also den Neuanfang. Er fühlt sich gut an. Ganz klar und brachial. Gestern war noch Winter und jetzt haben wir einen Sommertag.

Ich treffe meine neue Freundin in Mannheim. Sie kommt pünktlich und ich komme pünktlich. „Oh ich muss nochmal zurück, hab meine Maske vergessen“.

„OK“ schreibe ich zurück. Zwei Minuten stehe ich da in Mannheim am Hafen und beobachte die Security, die gegen „sich versammelnde Jugendliche und Auto-Poser“ eingesetzt wird.

Es wird mir ein bisschen kalt am Rücken. Ob ich meine Jacke doch holen soll?

Ich kann den Gedanken nicht mehr zu Ende denken, denn endlich kommt sie um die Ecke. Sie ist schlicht gekleidet, so wie meistens. Aber schlauer als ich, hat sie noch was zum Drüberziehen dabei.

Sie lächelt. Nicht sehr aufgeregt, ganz nüchtern ist sie. Das gefällt mir gut.

Und sie redet. Und redet. Und redet. Ich komme kaum zu Fotografieren, weil sie soviel auf dem Herzen hat. Ich finde es spannend. Und höre zu.

Dann gehen wir ein Stück. Immer weiter, durch die Sonne und den Wind und reden und reden.

Ich frage mich, ob sie irgendwann doch noch mal aufhört mit dem Reden?
Aber es sieht nicht so aus.

Ich finde es so schön und genieße ihre Worte. Sie sind so anders als all das, was ich vorher gehört habe.

Es geht um ihren Job, um ihre Familie und Verwandtschaft, um ihren Mann, wir reden über soziale Medien, über Reisen und natürlich über Corona. Wir reden auch ein bisschen über mich. Über meine seltsame Ausbildung und dass ich in so einem technischen Beruf arbeite.
Darüber will sie erstaunlich viel wissen. Aber hier habe ich erstaunlich wenig zu erzählen. „Mein Job“, der läuft immer so nebenbei und auf den bin ich gar nicht so besonders stolz. Es ist halt eine Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Mehr nicht. Ich würde ihr lieber über meine Kunst erzählen. Über das Schreiben. Die Fotografie. Und die schönen Magnolien, die sie mir zeigt.
Sie blühen schon!

Ich würde gerne drei Stunden mit ihr am Stück die Magnolien betrachten. Sie sehen so besonders schön aus, heute. Es ist nur noch ein kleiner Sonnenfleck auf den großen rosa Blüten, und der Großteil des beeindruckenden Baumes wird schon vom Schatten des Schlosses verdeckt.

Dennoch genieße ich diese Pracht in vollen Zügen. Es tut so gut, meine Freundin zu treffen. Ja, ich habe endlich eine Freundin. Eine, die sich auch mit mir treffen möchte. Die selbst wenig Freundinnen hat und mit den meisten gar nicht soviel zu tun haben möchte.

Ich habe sie jetzt schon ein Jahr lang. Es ist eigentlich mehr eine „Brieffreundin“, bzw. eine „Instagram-Freundin“.
„Toll, dass du sie darüber gefunden hast“ findet meine Mutter.

Ja, so einfach ist das, neue Menschen zu finden. Wenn man wirklich will und bereit dafür ist.

Ich habe aber immer Angst, meine alten Fehler zu wiederholen. Mit jeder Freundschaft habe ich ein bisschen dazu gelernt.

Bei der ersten Freundin hab ich zuviel Druck gemacht. Das wollte sie nicht. Die andere Freundin wollte keine Bilder von sich. Auch das hab ich mir abgewöhnt. Ich hatte mal eine Freundin, mit der ich mich nur gestritten habe. Das war nicht gut. Ich hatte eine „seltsame Freundin“ und sie endete auch seltsam. Ich hatte viele männliche Freunde und auch ein paar Trans-FreundInnen.

Die neuste Freundin mag es nicht, wenn die beste Freundin andere beste Freundinnen trifft. Das kann ich verstehen.

Ich versichere ihr, dass sie fast meine beste Freundin ist oder auf jeden Fall zu einem sehr engen Kreis „sehr guter Freundinnen“ gehört.

Puh das ist ganz schön anstrengend. Ich merke, wie unsicher ich bin. Ich möchte nichts falsch machen, aber auch nicht so abhängig erscheinen. Es ist schwer, sich da in der Mitte vernünftig auszutarieren.

„Wollen wir einen Kaffe trinken?“ schlage ich vor. Sie stimmt zu. Wir gehen zur „Metzgerei“ im Lindenhof, wo es „Coffee to go“ gibt. Leider schließen sie gerade. Der Mann räumt gerade das Schild nach drinnen. „Dann vielleicht zur Eisdiele?“ schlägt sie vor. Aber weder sie, noch ich machen uns gerade etwas aus Eis. Der Kompromiss wird dann eine Bäckerei.

Ich drängel mich vor und bestelle einen Cappucino und einen halben Liter isotonischen Zitronensprudel. Sie bestellt einen Kaffe und nimmt noch Wasser mit. Draußen vor dem Schaufenster stehen der Zucker und die kleinen Milch-Portionen. Es ist so ein herrlicher Tag im Sommer, man vergisst fast, dass es je anders oder schlechter gewesen ist.

Wir reden über meine Depressionen und dass es zwischen Januar und März so schwierig gewesen ist. Ich kann es ihr aber nicht glaubhaft rüberbringen. Im Moment sind alle Depressionen verflogen. Es tut einfach gut, mit ihr zu reden. Die Zeit entschleunigt sich. Wir setzen uns vor die Kirche im Lindenhof und quatschen. Ich fühle mich so vertraut bei ihr, so angenommen.

Und sie anscheinend auch. Jetzt darf ich doch ein Bild von Ihr machen.

Ich bin happy, ich hab alles richtig gemacht.

Der Tag vergeht sehr schnell, aber dennoch hängen wir eine kleine Tour dran. Wir warten noch auf den Sonnenuntergang und reden und reden. Irgendwann dann pausiert sie. Sie schweigt für eine Minute. „Wollen wir nach Hause gehen?“ frage ich.

„Ja.. ok“ sagt sie. Zum Abschied würde ich sie gerne umarmen. Aber wir gehen einfach so.