Aus und vorbei

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Jetzt ist die EM also vorbei, aus Sicht der deutschen Manschaft noch etwas früher als geplant. Der großen Begeisterung und dem allgegenwärtigen Fahnenmeer ist eine absolute Nulllinie der Enttäuschung und der Ernüchterung gewichen.

Das ist das seltsame am Sport und den damit verbundenden Emotionen: Sie sind alle auf ein Ziel hin gerichtet und sind dabei sehr exklusiv. Nur der Sieg zählt, alles andere ist unwichtig. Liest man die entsprechenden Zeitungsartikel zum letzten Spiel und der Mannschaft im Allgemeinen wird mit deutschester Gründlichkeit noch jeder so kleiner Fehler analysiert und darauf herumgeritten. Dass die deutsche Mannschaft auch ein paar erfrischende Tugenden aufweisen konnte, freundliche und nette Spielercharaktere vorweisen konnte, sich mit dem Glanz des Multikulturellen schmückte wie sonst keine zweite im Turnier- all das ist jetzt nicht mehr wichtig. Die Fahnen im Vorgarten, auf den Außenspiegeln und an der Antenne wurden so schnell wieder abgerupft, wie sie gekommen sind.

Es ist anscheinend nicht möglich, den dritten, bzw. vierten Platz irgendwie als etwas positives zu sehen… ich freute mich noch auf das „Spiel um Platz drei“ bis ich merkte, dass es dieses in der EM (im Gegensatz zur WM) anscheinend nicht gibt. Wer also dritter oder vierter geworden ist, kann man gar nicht genau sagen und das interessiert eigentlich auch niemand. Noch schlechter wird es heute abend dem zweiten gehen… der wacker bis zum Schluss gekämpft hat und doch „nur“ zweiter geworden ist.

Aber warum konzentriert sich unser gesellschaftliches Wertesystem so sehr auf den Sieger? Warum ist es nicht möglich, die Siege der anderen mit in die Freude aller einzubeziehen? Wenn Fußball so interpretiert wird, dann offenbart er etwas sehr archachisches und im Grunde einen Kontrapunkt zu unserem modernen Wertesystem, wo es um Kooperation, Teamarbeit und Ausdiskutieren von Entscheidungen bis ins letzte Detail geht, die Hierarchien flach sind und eine Frauenquote möglichst für eine Untermischung von allzu einseitigen (patriarchalen) Strukturen sorgen soll. Dass „die Mannschaft der Star ist“, interessiert nach einer Niederlage keinen mehr und schon wird wieder am Konzept gezweifelt und ob man nicht doch ein paar Führungsspieler mehr gebraucht hätte. Ich gebe zu bedenken, dass auch das junge Alter der meisten Spieler, das einseitige Fokussieren auf mental geschwächte Bayern-Stars und die sprunghafte Umstellungs-Taktik des Trainers nicht nur vorteilhaft gewesen sind…

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Fußball derzeit (und im Allgemeinen) so beliebt ist. Im Fußball kann man noch seiner „wahren“ Natur nachgeben, die noch nicht so übersättigt vom demokratischen Wertesystem und der – manchmal einschnürenden- „political correctness“ ist. Man kann einfach mal „die Sau rauslassen“ , sich offen zu seinem Land bekennen und dicke Tränen weinen, wenn der „Großsieg“ über die anderen „Nationen“ nicht erreicht wurde. Letztendlich bietet das Erleben mit anderen auch eine nicht zu unterschätzende „identitätsstiftende Wirkung“.

Was leistet der einzelne schon, wenn er vorm Fernseher sitzt und die Spiele anschaut? Am Sieg oder der Niederlage hat er keinsten Einfluss, doch wird ein Sieg geschafft, ist die Freude so groß, als ob es ein eigener wäre…

Aber all die Freude, die dieses rauslassen und offene Zeigen von Ur-Emotionen mit sich bringt (inklusive lauter Tor-Brüller vor dem Fernseher und kaum auszuhaltendes Mitzittern bei einem Rückstand)…. bringt bei einer Niederlage nur das gegenteilige Extrem: Depression, Niedergeschlagenheit, Wegbrechen von projizierten Idealen und Größen-Phantasien.
An die Stelle der puren Begeisterung, die nichts anderes mehr kennt als sich selbst und den Siegesrausch, treten wieder deutsche Tugenden und das bekannte Einerlei: Suchen von Fehlern, suchen von Schuldigen, Abwenden vom Verlierer, kleinteiliges Rumnörgeln und überhaupt „war die ganze EM scheiße“ und endlich sind „die grölenden Fans vor meinem Fenster weg“.

Der Mann ist nur ein Mann, wenn er Siege, vollen Einsatz und Körperbetonung zeigt. Beim Kampf um die einzige Eizelle in ganz Europa gibt es viele Verlierer. Und die goldende Trophäe, die Fruchtbarkeit, Liebe und ein ewiges Leben bringt, darf am Ende nur einer mit verschwitzten Fingern in den Himmel heben… Jungs, für all diese Verlockungen hättet ihr euch aber wirklich mehr anstrengen können!

Was zurück nach Deutschland reist, sind geschlagene Helden, Verlierer, deren Namen wir morgen schon wieder vergessen haben…

Bei der Rückkehr der deutschen Mannschaft waren am Flughafen ca. 50 Fans anwesend (Quelle: Radionachrichten), wobei es in Hochzeiten des Public Viewing Hunderttausende in Berlin und 28 Millionen vor dem Fernseher gab. Die Blase ist geplatzt, die klatschnassen Pudel verziehen sich vom gut bezahlten Rasen-Spaziergang in ihre wohlverdienten Sommerferien…

Nur, was für ein Glück… in zwei Jahren geht das ganze Spektakel wieder von vorne los!

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