Zukunftsbilder

image_pdfimage_print

Passende Musik: Kayleigh von Marillion

Wie wird die Zukunft aussehen?
Eine Frage, die ich mir recht selten stelle und für die es auch nur wenige „plausible“ Antworten gibt.
Über die Zukunft nachzudenken, sie sich vielleicht sogar „auszumalen“, mag unprofessionell und realitätsfern wirken.

Jemand im Blog schrieb mal, dass das grundsätzlich nicht geht. Streng wissenschaftlich. Zuviele Variablen. Selbst die beste Wetter-Vorhersage scheitert ja oft schon an drei Tagen. Wie soll man sich dann eine Woche, einen Monat oder gar ein ganzes Jahrzehnt berechnen können?

Das hat mich schwer beeindruckt und seitdem hab ich mich nicht mehr getraut, über die Zukunft nachzudenken…

Wenn man es nicht berechnen kann, heißt das aber nicht, dass man es sich nicht kreativ „vorstellen“ kann oder darf. Das ist ja die besondere Leistung des Gehirns, Bilder und Eindrücke zu formen, bevor sie überhaupt existieren.

Um also ein Bild von der Zukunft zu malen, muss man nur bestimmte gesellschaftliche Ereignisse und Rahmenbedingungen („Fakten“) nehmen und diese emotional und gedanklich extra-polieren.

Ich wage einfach mal einen wilden Querschnitt, gehe vom heutigen Stand der Dinge in Deutschland aus und schreibe drauf los:

Arbeit, Gerechtigkeit, Wohlstand

Die Menschen werden älter, noch viel älter als dass wir es uns vorstellen können. Die Lasten der Arbeiten und Steuern werden also auf immer weniger Schultern verteilt. Dazu kommt, dass noch weniger Kinder nachkommen und sich diese Entwicklung eigentlich nur zuspitzen kann. In der direkten Folge müssen die Abgaben und Steuern immer weiter nach oben gehen, weil ja irgendjemand die Sozialsysteme „füttern“ muss. Die Menschen und die Unternehmen sind gezwungen, ihre Produktivität zu erhöhen. Die individuelle Arbeitszeit nimmt zu, das Renten-Eintrittsalter verschiebt sich nach hinten. Lockerungen in dieser Hinsicht, die man heute schon eingeführt hat, um sich die Gunst der Wähler zu erkaufen, müssen irgendwann wieder zurückgenommen werden. Der einzelne Mensch hat noch mehr Stress und Belastung im Beruf, in bestimmten Berufen mit einem hohen Arbeitsaufwand (Krankenhaus, Altenheim, Kindergarten, etc.) wird man diesen Druck auch an der Qualität der Versorgung spüren können. Ein Warnzeichen dafür ist z.B. das Problem, das man schon heute mit Krankenhauskeimen hat (keine Zeit für Hygiene oder Geld für Hygiene-Fachkräfte) oder die schlechte hausärztliche Versorgung auf dem Land. Generell wird es die Gesellschaft überhaupt nicht vermeiden können, für all diese menschlichen Leistungen (die kaum durch Maschinen zu ersetzen sind) auch genügend Geld in die Hand zu nehmen.

Die Löhne müssen ansteigen, damit sich die Arbeit für den einzelnen lohnt und Fachkräfte europaweit angeworben werden können. Es werden in der Summe weniger Menschen arbeiten, aber diese müssen immer mehr leisten und durch ihre eigene Bildung (höhere Abschlüsse, Akademisierung) einen gewissen Mehrwert erzeugen. Weil menschliche Arbeitskräfte immer teurer werden, wird es Ausweichbewegungen geben: Die Tendenz zur Teilzeitarbeit, die Tendenz schlechte Löhne zu zahlen und Menschen aus ärmeren Ländern (Immigranten) durch schlechte Löhne auszubeuten. Deswegen wird es unweigerlich in der Gesellschaft knirschen und Streiks geben, eine Entwicklung, deren Vorboten schon heute zu erkennen sind. Weil menschliche Arbeitskräfte teurer werden, wird immer mehr der Produktion durch Maschinen ersetzt oder in Ländern ausgelagert, bei der die Menschen geringere Löhne bekommen (China, Singapur, etc.). In klassischen Industrieländern wie Deutschland und Frankreich wird auf Grund der Standort-Nachteile die Industrie-Produktion zurückgehen und nach und nach durch Dienstleistungen und geistige Arbeiten ersetzt werden. Deswegen ist es auch so wichtig, den digitalen Anschluss (Stichwort MINT-Fächer) nicht zu verlieren.

Der Wohlstand in der Gesellschaft muss trotzdem zunehmen. Vorausgesetzt, es wird keine weiteren Kriege in Europa geben, von dem ich mal nicht ausgehe (n möchte). Die Menschen erarbeiten sich ihre Lebensleistung und vererben diese Wohltaten an ihre Kinder (Immobilien, Schmuck, Wertpapiere, Produktivmittel). Wenn das laxe Steuerrecht in Bezug auf die Erben so bleibt, werden die Menschen immer mehr besitzen und immer weniger dafür arbeiten müssen. Es gibt ja auch weniger Kinder, das heißt die materiellen Güter in Bezug auf die Menschen werden mehr. Man hat ja sowieso jedes Jahr Produktivitätszuwächse, Zunahme an Gütern, die Leute arbeiten, stellen Sachen her, usw.
Die Gesellschaft und die Menschen werden reicher, was eigentlich eine positive Entwicklung ist. Bei vielen Dingen wird aber auch aus der Substanz gelebt, z.B. in Sachen Infrastruktur, Brücken, Autobahnen, sozialer Wohnungsbau, Schulen, Kindergärten. In der fernen Zukunft hat die Politik Milliarden-Beiträge in der Hand genommen und diese drängenden Aufgaben endlich gelöst. Im schlimmsten Fall geht das ganze den Bach runter und Deutschland verliert international an Anschluss. Die Hausaufgaben von heute bestimmen den Erfolg von morgen. Denn alles hängt miteinander zusammen: Mehr Geld für die Bildung bedeutet auch, dass man in ein paar Jahren bessere Arbeitskräfte hat, besser Kindergärten sorgen dafür, dass beide Elternteile Steuern zahlen können, usw. Eine bessere Infrastruktur ist sowieso unerlässlich: Der Warenstrom nimmt zu, die Güter werden auf die Straße verlagert. Durch den Online-Handel wächst das Paketaufkommen. Die Warenströme der Unternehmen werden immer vernetzter. Hergestellte Produkte werden komplexer, somit ist eine komplexe Zuliefererkette unerlässlich. Die Produktion wird evt. dezentraler und noch flexibler durch neue Entwicklungen wie 3D-Drucker.

Wenn die Gesellschaft reicher werden möchte und die Wirtschaft brummen soll, geht das nur durch eine bessere Infrastruktur. Auch ein besserer Ausbau der Datennetze wird maßgeblich über den Erfolg oder Misserfolg einer Volkswirtschaft entscheiden.
Deutschland wird das lange verschlafen, aber in ein paar Jahrzehten endlich erkenne, wie wichtig das ganze ist.
Einfach nur eine Politik der „schwarzen Null“ zu machen und sich darauf ausruhen, wird dann nicht mehr reichen. Die Politiker werden sich grundsätzlich verändern müssen. Was Deutschland wieder braucht, ist Realpolitik und weniger Klientel- und Lobbypolitik. Leider spürt das die breite Bevölkerung erst sehr spät, so werden wertvolle Jahre durch die falschen Politiker und teure Wahlgeschenke verschwendet.

Das Problem wird außerdem sein, dass dieser allgemeine Reichtum in Deutschland nicht gut verteilt wird. Das hauptsächlich reiche Erben und Unternehmer profitieren, es aber einen ständigen „Bodensatz“ an Verlierern gibt, die außerdem dazu benutzt werden, billige Arbeitskräfte zu haben, die man weiterhin ausbeuten kann. Das ist im Grunde nicht die Zukunft, sondern schon der heutige Status, aber ich vermute, dass diese Entwicklung noch weiter zunehmen wird und weitere Spannungen verursacht.
Eine große Chance zur Veränderung liegt also auch in der Erweckung des -noch ruhenden- Erwerbspotentials.

Schon heute gibt es keine richtige Partei mehr, die sich für die arbeitende Mitte der Bevölkerung, einsetzt UND gleichzeitig für soziale Gerechtigkeit und Steuergerechtigkeit sorgt. Die Parteien spalten mit ihren extremen Ansichten und Programmen die Bevölkerung, die Mitte bricht auseinander. Gewinnen kann aber nur eine Partei, die es schafft, Gegensätze zu vereinen und auch im diplomatischen Sinne gerecht vorzugehen. Wie man aktuell sieht, reicht dafür eine große Koaltion nicht. Siegen kann in Zukunft nur eine Partei mit einem klaren politischen Profil, die dann auch hält, was sie verspricht. Da das aktuell in Deutschland nicht vorhanden ist, können wichtige Veränderungen noch eine sehr lange Zeit brauchen.

Jeder der Menschen hofft, noch schnell den Fuß in das Boot der Gewinner zu setzen, bevor es ablegt. Einige müssen aber zurückbleiben. Weil dieser Leistungsdruck immer schärfer wird, leiden auch bestimmte Werte wie Mitmenschlickeit, Vertrauen, Loyalität. Der Druck, zu den Gewinnern gehören zu müssen, verändert schon die Kinder. Eine Schule ohne Noten, ohne „Leistungsdruck“ bleibt ein ferner Traum. Kinder in Deutschland werden zwar in eine reiche Gegenwart geboren, spüren aber gleichzeitig auch, wie schwierig die eigene Zukunft wird und dass sie sich ordentlich anstrengen müssen, um nicht bei den Verlierern zu landen. In gewisser Weise ist unsere Gesellschaft da viel härter geworden. Dieser Umstand ist schwer zu fassen, aber dennoch ein Faktor, der eine Rolle spielt.

Die vielen Probleme, die Europa derzeit hat, wird weiterhin für Abwanderung und Arbeitskräfte-Flucht sorgen. Der Wettbewerb um die besten Fachkräfte findet schon heute international statt. Aber auch der Wettbewerb um die besten Ländern, in denen diese Fachkräfte arbeiten möchten!

Gerade junge Menschen leiden in Europa ganz besonders unter Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen Perpektivlosigkeit.
Für die Politik wird es in der Zukunft eine sehr schwierige Aufgabe werden, diese fundamentalen Gerechtigkeitsprobleme zu lösen. Das schaffen auch nicht mehr einzelne nationale Politiker, sondern das wird nur die EU als ganzes lösen können. Wenn man einfach so weitermacht, wie bisher, kann es eigentlich nur abwärts gehen. Die Zinsen gehen gegen Null, der Reichtum „stagniert“. Wir sind auf der Spitze eines Wellenberges und können überlegen, ob wir lieber links oder rechts runterfallen wollen. Aber fallen werden wir auf jeden Fall.

Das heißt aber nicht, das Europa „Insel der Glückseeligen“ bleibt. Die Erdbevölkerung wächst, und der Run auf die Rohstoffe und Ernährung wird sich weiter verschärfen. Weil gewissermaßen ein „Kampf um die Ressourcen“ beginnt, nehmen auch die politischen Spannungen zu. Die Flüchtlingsprobleme werden zunehmen und sich weiter verschärfen. Die EU wird lange nichts unternehmen und schön wegschauen, bevor es hoffentlich nicht zu spät wird.

Wenn es gut geht, verstärkt sich die Integrationsleistung in europäischen Ländern. Es wird mehr Geld für Sprachkurse, für Arbeitsplatzsuche und für Asylverfahren. ausgegeben. Die Kommunen alleine können das nicht stemmen, also wird das auch eine poltische Aufgabe, die man vor allem von Berlin aus angehen muss. Wenn die Entwicklung gut läuft, wird die bessere Integration von Flüchtlingen auch zu einer verbesserten Akzeptanz in der Bevölkerung sorgen.

Wenn es schlecht läuft, versucht man sich mit Zäunen, Grenzkontrollen, Strafen usw. noch weiter abzugrenzen. Das wird auf der anderen Seite die Wut und den Druck auf die europäischen Grenzen noch weiter verschärfen. In Zeiten der Globalisierung kann man nicht mehr sagen, das ist unser Land und das Elend ist euer Problem! Wir sind schon heute gezwungen, die ganzen Dinge europäisch anzugehen und entsprechend zu verhandeln.

Die Zukunft wird also auch maßgeblich davon abhängen, wie einig sich die Politiker, die Gewerkschaften und Unternehmen, die Bürger, Nachbarn, Freunde und Familien miteinander werden können. Der innere Zusammenhalt der Menschen formt die Gesellschaft und umgekehrt formt und fordert eine gerechte Gesellschaft auch gerechte und bessere Menschen.

Die Zukunft wird davon abhängen, wie sehr man verschiedene wissenschaftliche Strömungen miteinander verbinden kann: Überlegungen aus der nüchternden, mathematischen Betriebswirtschaft mit weicheren Elementen aus der Psychologie und Sozialwissenschaft.

Und von der individuellen Phantasie. Die Träume, Wünsche und Vorstellungen des Einzelnen prägen das Ganze.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.