In Zeiten des Jeck

image_pdfimage_print

Liebes Tagebuch,

der heutige Tag hatte keine klare Tendenz. So wie das Wetter scheinen mir auch die Menschen und meine eigenen, inneren Einstellungen. Tagsüber gibt es klaren Himmel, helle Sonne und die eine Seite in mir zieht es nach draußen, ruft „Aktivität“ ! Und am abend bin ich erschrocken, wie kalt es noch ist. Die Kälte kriecht durch die Ritzen und der Winter meldet sich lautstark zurück, dass man ihn nicht vergessen möge.

Auch bei den Menschen ist eine zwiespältige Haltung zu beobachten: Da ist eindeutig die klare Entschlossenheit etwas zu ändern. Das Jahr nun endlich beginnen zu lassen! Auf die hohlen Worte der Versprechungen und guten Vorsätze endlich die passenden Taten folgen zu lassen! Von der Straße klingen wieder mehr Geräusche, der Verkehr nimmt zu. Das Telefon klingelt wieder öfters, jeder der Stammesbewohner kriecht aus seiner Höhle und checkt mal so „die erste Lage“. Die Gespräche sind aber meistens kurz und wirklich viel offenbart noch niemand über sich. Ein erstes Angähnen am Morgen, so scheint mir die Situation.

Dazu kommt eine kleine närrische „Verrücktheit“. Die tollen Tage stehen vor der Tür und schon kribbelt es mir in den Fingern, mal wieder was verrücktes zu tun, die Sau raus zu lassen und auf den eingefrorenen Winter-Block die richtige Antwort zu geben.

Die Gehirnzellen jaulen auf, die Gedanken sind noch etwas schräg und unsortiert. Welcher von den vielen Strömungen sich durchsetzen wird, ist noch nicht zu bestimmen. Kaum startet die Initiative, wird sie im nächsten Moment von Müdigkeit und Antriebslosigkeit quittiert. Wie ein stotternder Motor eines Autos im Winter, der immer mal wieder will (brumm, brumm), aber dann doch abstirbt, egal wie oft man den Schlüssel dreht. Der Kopf will schon, aber der Körper kommt noch nicht so ganz hinterher…

Aus den Medien und der Nachrichtenwelt gibt es nur wenig erbauendes zu berichten. Wie so oft, fällt mir die Niveaulosigkeit und Einfallslosigkeit der Berichterstattung aus. Überall gibt es Nachrichten, aber nirgendwo gibt es Meinungen. Gerade bei den meisten Online-Tageszeitungen gleichen sich die Schlagzeilen beinahe aufs Wort. Aber keiner der Autoren schafft es, mal über die Agentur-Meldung hinaus zu recherchieren oder dem ganzen eine klare Richtung zu geben. Wenn man eine Meinung sucht, dann findet man sie meistens in den Kommentaren. Dort ist das gegenseitige Extrem: Es gibt sehr viele Meinungen und Bewertungen, viele gehen in ganz unterschiedliche Richtungen. Sachlichkeit vermisst man, dafür gibt es oft sehr subjektive Einschätzungen. Doch hin und wieder macht sich jemand die Mühe und hat einen längeren Kommentar, der beides enthält: Meinung, Wissen und Interpretation.

Welch Segen in der Medienlandschaft sind da die Blogs oder andere private Homepages! Wenn sie gut gemacht sind, vereinen sie sehr viele Vorteile: Sachwissen, Meinung, persönlichen Bezug und ein paar abweichende Meinungen von Kommentatoren und weitere Denkanstöße. Dazu noch kostenlos, also frei vom Einfluss eines Konzern oder eines externen Geld- oder Arbeitgebers. Wie schwierig das manchmal mit der Meinung ist, hab ich ja in diesem Artikel besprochen: www.ja-blog.de/2010/10/die-illusion-des-virtuellen/ So wie er da steht, hat er im Grunde auch heute noch seine Gültigkeit.

Die Zeitungen mögen zwar über fallende Verkaufszahlen jammern und den generellen Ausverkauf des Journalisten-Berufs beklagen- die Frage aber ist: Was wird dagegen gemacht? Auch zwanzig Jahre nach dem „Neuland Internet“ scheinen mir die meisten Zeitungen und Zeitschriften noch keine vernünftige Antwort über all die „neuen Entwicklungen“ gefunden zu haben.

Nebenfrage: Woran liegt es eigentlich, dass gerade ein hochentwickeltes Industrieland wie Deutschland keine Großprojekte mehr hinbekommt, neue Trends kategorisch ablehnt (oder verschläft) und anderen Ländern in Sachen IT meilenweit hinterherläuft? Besonders zum Nachdenken fand ich diese Meldung: Nur mit einer gemeinsamen europäischen Anstrengung ist es überhaupt noch möglich, einen Giganten wie Google „einzuholen“. Kein Forschungsetat eines einzelnen Landes reicht dafür aus. http://www.heute.de/marktmacht-von-google-zdf-interview-zur-konkurrenz-der-internet-suchmaschine-und-deren-chancen-37120362.html

(Aber Google in Amerika ging doch auch von ein paar Einzelpersonen mit wenig Kapital aus. Wie haben die das geschafft und warum geht das bei uns nicht?)

Es reicht nicht, einfach den Kopf in den Sand zu stecken. Denn wenn man neue Trends verschläft, gibt man langfristig auch die Kontrolle über sie ab. Da nützen die vielen Klagen gegen Google und die ganzen Gesetzesinitiativen der EU überhaupt nichts. Die EU mit ihrem aufgeblähten Beamten- und Gesetzesapparat wirkt wie ein nörglerischer Kleingeist gegen die flotte und agile Gründerkultur in den USA.

Weniger Vorschriften und einfach mal Mut zur Initiative und zu etwas Neuem! Auch dafür kann die jecke Jahreszeit einen guten Impuls setzen!

Also liebes Tagebuch, nun hab ich genug gejammert und geschimpft.

Mal wieder sage ich danke für Deine Geduld

viele Grüße,

Deine News-Kommentatorin

Ein Gedanke zu „In Zeiten des Jeck“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.