Wetten, Dass .. es das nicht so schnell wieder gibt

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Das war also gestern die letzte Ausgabe von „Wetten Dass“. Nie wieder wird es eine Sendung geben. Freude, Erleichterung und Trauer, stille Wehmut mischen sich gleichermaßen, um dann in einem stillen Strom der endgültigen Gewissheit überzugehen. Oder in der gewissenhaften Gleichgültigkeit…

Natürlich bin ich – wie viele andere auch- mit der Sendung aufgewachsen und groß geworden. „Wetten dass“ war immer eine Konstante im Leben. Etwas, auf das man sich verlassen kann. Etwas, das man schauen kann, es aber auch nichts macht, wenn man mal eine Sendung verpasst. Dennoch sind die Erinnerungen angestaubt und schon leicht verblasst. Da war zuerst der ernste, aber dennoch amüsante und für die damalige Zeit als locker geltende Frank Elstner, der der Sendung zu erster Popularität verhalf: geniale Ideen, lustig verpackt für ein großes Familienpublikum. Die Diversität der Sender und Kanäle war noch nicht so ausgeprägt, man konzentrierte sich eben auf das, „was lief“. Immer wieder wurde die Sendung mit der „großen Samstag Abend-Sendung“ angepriesen und viele Jahre schien es das Konzept der deutschen Fernseh-Gegenwart zu sein. Als Kinder waren wir immer begeistert, wenn Prominenz in der Sendung Einzug erhielt. Echte Schauspieler und Sänger-Stars, lebensgroß zum anfassen! Wann hatte man schonmal die Gelegenheit prominente Deutsche beim lockeren Plaudern auf dem Sofa zuhören zu können? Das große Wohnzimmer der Showbühne kam gleichzeitig in das eigene Wohnzimmer mit Salzstangen, Schnittchen und Schlafanzug bis weit nach 22 Uhr…

Auch die Musik war ein Highlight, denn Musik-Sender wie MTV gab es ja noch nicht und von der freien, jederzeit verfügbaren Musikauswahl von Streamingdiensten und Internet war man noch Lichtjahre entfernt. Wenn man gute Musik im Fernsehen sehen wollte, war „Wetten Dass“ die erste Wahl. Legendär z.B. der Michael Jackson – Auftritt. Wenn man am Montag über eine Sendung sprach, dann über „Wetten dass“. Alles andere hat nie diesen Ruhm und diese Größe erreicht, keine andere Sendung konnte tiefer in die deutsche Fernsehseele blicken und in keine andere Sendung hat man je tiefer zurückgeschaut.

Dazu kam das neuartige Showkonzept, das mit den Wetten einen gewissen, unberechenbaren, chaotischen Faktor in die ansonsten biedere und streng durchregulierte Fernsehlandschaft brachte.

Umso bezeichnender, dass es in der letzten Sendung gestern nur noch vier Wetten gab und die Saalwette kurzerhand ganz gestrichen wurde. Dabei lief die Sendung über vier Stunden, in der gleichen Zeit hätte man bei der konkurrierenden Sendung „Schlag den Raab“ schon mind. 12 Spiele gespielt, drei Werbeblöcke und zwei Musikauftritte gesehen. Und das ganze „Gelaber“, das zusehends verkrampfter, überflüssiger und mit Markus Lanz nie besser wurde, schenkt man sich gleich dazu.

Richtig anarchisch wurde die Sendung erst mit Thomas Gottschalk, der für mich bis heute noch der beste aller „Wetten Dass“- Moderatoren war. Er brachte die Sendung auf ihren Höhepunkt, und zwar mit genau der richtigen Mischung aus frecher Schnauze, Improvisationstalent, dem richtigen Gespür und Geschick für die internationale und nationale Prominenz und sogar der Fähigkeit mit Kindern freundlich und respektvoll umzugehen. Bei der gestrigen Sendung war der Aufbau der Kinder-Wette zwar im Ansatz schön und süß gemacht („Hunde am Schlabbern erkennen“), litt aber unter den Kommentaren der anwesenden Prominenten und dem mangelnden Respekt und Feinfühligkeit für die Situation. Erst der frühere Kindersendung-Moderator Elton machte es besser, als er sich zum Clown machen ließ und wegen des verlorenen Wett-Tipps die Backe mit Leberwurst bestreichen ließ. Anschließend wurde diese von einem Hund, der auch Teil der Wette war, abgeleckt.

Dennoch, Gottschalk war und ist im Vergleich zu Lanz immer das bessere Gesamtpaket für diese Sendung gewesen. Er war irgendwann „Wetten dass“, Lanz hingegen wird immer Lanz bleiben.

Eine Sendung, die auf etwas so unvorhersehbaren aufbaute, wie es die meisten Wetten waren, musste einfach ein Erfolg werden. Die Wetten waren schon immer der Markenkern, das besondere an der Show. Die Botschaft war einfach: Jeder einfache Mensch von der Straße kann es auf die große Bühne des Rampenlichts schaffen, wenn er nur etwas wirklich besonders kann und leistet. Somit war die Sendung auch der Vorbereiter für die vielen Casting-Shows, die heute die Fernsehlandschaft überschwemmen. Und mit dem eingebauten Leistungsfaktor auch typisch deutsch. Die Botschaft ist immer die gleiche: Wir zeigen Dich, wenn du uns was zeigst. Streng Dich an, dann kannst du wenigstens für zwei Stunden deines Lebens mal den süßen Duft des Ruhmes und der Ehre um die Nase wehen lassen. Danach wirst du ebenso sicher wieder vergessen.

Tragik vs. Klamauk

Den einzigen Namen eines Wett-Kandidaten den man sich bis heute gemerkt hat, war der tragische Samuel Koch. Mit seiner traurigen, und stillen Bescheidenheit wirkt er wie ein erdfarbener Kontrapunkt zum dem sonstigen neonfarbenen Getöse der Show. Zugleich ist der Antizipator und Grabträger der Sendung.
Mit der Gier, die feilgebotenen Wetten auf ein Äußerstes auszudehnen und die Risiken und Dramatik immer weiter zu erhöhen, hat sich auch das Team um Thomas Gottschalk überhoben. Die große Blase der Sensationslust platzte in vielen Tränen und einem sehr traurigen Schicksal. Danach wurde es nicht mehr besser. Ein Nachfolger fand sich lange nicht. Mit Markus Lanz schien nur noch der „Nächstbeste“ in Frage gekommen zu sein. Obwohl mit einem fernsehtauglichen Nice Guy-Lächeln gesegnet, war er doch am Ende zu glatt, zu bieder zu wenig innovativ, um die Sendung aus der Leichenstarre befreien zu können. Das besondere an „Wetten dass“ war eben auch das Freche und politisch unkorrekte. Wo früher dezente Chaotik und gute Scherze standen, wandelte sich Wetten Dass zum Schlimmsten aller TV-Formate: Dem belanglosen Klamauk, den es so oder in leicht abgewandelter Form schon tausendfach gibt. Die Sendung wechselte sich vom hippen, coolen, unberechenbaren Jugend-Image zum biederen, trockenen, steifen, uncoolen Format. Spätestens als die ausländischen Stars in der Presse über die Sendung lästerten, hätten alle Alarmglocken angehen müssen. Wobei es da auch schon zu spät war.

Fazit
„Wetten Dass“ war eine einstmals gute Sendung, die sich nun vielfach überlebt hat. Einen guten, würdigen Nachfolger wird es lange nicht geben. Vielleicht fehlt es an mutigen, innovativen Konzepten in der deutschen Fernsehlandschaft, vielleicht aber auch an den passenden Charakteren für den Moderatoren-Job. Vielleicht sind auch das Publikum und die veränderten Lebensbedingungen schuld: Große Haushalte und Familien-Abende mit vier oder mehr Leuten sind selten geworden. Wozu da noch das Lagerfeuer der Nation entzünden?

Solange es nichts neues gibt, muss man auf Alternativen ausweichen, das beste ist noch „Schlag den Raab“.

Shows gibt es sowieso viel zu viele im Fernsehen. Lieber eine gute auf die man sich dann mal alle acht bis zwölf Wochen freuen kann, als tausend schlechte, die niemals satt machen und belanglos vor sich her vegetieren.

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