Vom Privaten zum Gesellschaftlichen

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Einleitung

Ich bin derzeit in vielen Dingen gefangen, geborgen, versteckt und komme nicht zum Schreiben. Da ist zum einen mein Kindle, der eine schier endlose Kette an Informationen in sich birgt, die durch die kostenlosen Leseproben auch nicht mehr abreißen will. Die Inspirationen auf der einen Seite stoßen endlose Gedankenketten an und führen zu immer weiteren Büchern, in die ich dank der Testfunktion reinlesen kann und so stapeln sich inzwischen über 100 Leseproben, über die ich schon bald die komplette Übersicht verloren habe. Gelesen wird immer das „Obenauf“ und das Ganze wechselt sich munter miteinander ab.

Ca. 20 kostenlose Bücher schlummern im elektronischen Lesegerät, davon habe ich aber erst zwei zu mehr als 50 Prozent gelesen. Dazu kommen ca. fünf kostenpflichtige Exemplare, die ich mir „testweise“ gekauft habe und von denen ich sehr begeistert bin. Diese Bücher werde ich -durch Zitate oder kleinere Rezensionen- sukzessive im Blog vorstellen und erläutern.

Wie die LeserInnen ja wissen, hat mir mein Blog in der letzten Zeit sowieso keinen Spaß mehr gemacht und ich war/bin froh, auch mal etwas anderes machen zu können. Manchmal kann ein Abstand, vor allem ein längerer, sehr heilsam sein, um darüber nachzudenken, was man eigentlich macht und warum. Beim Bloggen fällt es mir aber trotz aller Zweifel und logischen Überlegungen, die mir die Unsinnigkeit so eines Projektes vor Augen führen sollen, stets leichter, einen neuen Text eins ums andere mal aufzusetzen als mich in Enthaltsamkeit zu üben. Für mich ist das ein untrügliches Zeichen, dass das Bloggen und das Schreiben selbst viel mehr ist, als man mit Logik begreifen kann. Es gibt anscheinend unbewusste, versteckte Motive, die mich dazu bringen, immer wieder zu schreiben. Und ich bin mir sicher, wenn ich das jetzt besser „erklären“ könnte, hätte man die Hauptmotivation dafür gefunden, warum es Menschen gibt, die leidenschaftlich gerne bloggen und dann wieder welche, die es überhaupt nicht machen und auch nicht gerne in anderen Blogs lesen.

Das Meta-Thema Blog

Da ist zum einen der Ausdruck über die Sprache. Der Mensch kann sich in vielen Dingen, in vielen Medien und ganz unterschiedlich äußern. Gerade die Kunst bietet einen unüberschaubare Vielfalt an Betätigungsmöglichkeiten (Tanzen, Singen, Modellieren, Malen, Musizieren, usw.); bei mir ist es eben die Sprache, die das Haupttor zur Welt geworden ist.

Daher stellt sich eigentlich auch nicht die Frage, warum man bloggt, selbst wenn man damit kein Geld verdient oder keine Rückmeldungen bekommt; freilich sind die Rückmeldungen auf diese ohnehin schon leidenschaftliche Tätgikeit wie ein Verstärker, der das ganze nochmal ums hundertfache steigert- aber ich bräuchte sie nicht allein, um mich dem Schreiben hin zu wenden.

Manch Mensch kann es nun seltsam erscheinen, warum ich mich auf dieses Experiment (des Nicht-Schreibens) immer wieder einlasse oder gar das Bloggen selbst ständig neu definieren muss. Wäre es nicht leichter, einfach zu schreiben und sich mehr auf die Sachthemen zu konzentrieren und quasi eine Betriebsblindheit zu entwickeln und eine Unzugänglichkeit zu Meta-Themen wie sie viele Bereiche und Berufe des heutigen Menschen mit sich bringen? Dass das nicht geht, liegt in der Natur des Sache, des Schreibens, Denkens und auch „Grübelns“ begründet. Wer richtig „denken“ will, muss auch lernen, den Selbstzweifel zu ertragen. Wer nicht mehr über sich selbst oder sein Tun nachdenken kann, wird sich langfristig von sich selbst entfremden.

Kann man ein Blog überhaupt als „Beruf“ definieren? Gewiss, ich schrecke oft vor den Leuten zurück und bin beeindruckt von ihren logischen Argumenten, wie sie sinnvolles und nicht-sinnvolles fein säuberlich auftrennen und das einzig und allein an der Menge der Geldscheine bemessen, die dann jeweils damit „verdient“ werden. Es ist eigentlich traurig, dass wir heutzutage einzig und allein diese Perspektive kennen und für alle anderen Perspektiven so blind geworden sind. Das ist der Grund, warum soviele Künstler und Dichter (Dichterinnen) ein Nischendasein führen und selbst bei allerhöchster künstlerischer Schreibproduktivität (die eine Produktivität im eigentlichen wirtschaftlichen Sinne ist) kaum bis gar nicht beachtet werden. Hier klafft eine Lücke, zwischen dem was „wertvoll“ ist und eine Demokratie ausmacht und zwischen dem, was die Gesellschaft als wertvoll erachtet und zwar durch Aufmerksamkeit, Zuhören, Zurückgeben oder gar einer materiellen Wertschätzung (die wiederum nur eine von vielen ist).

Private Werte vs. öffentliche Werte

Unsere Gesellschaft driftet an diesem Punkt auseinander und ich will erläutern, wie ich mir das erkläre:

Wenn sich nun Kinder um ältere Angehörige kümmern und sie zu Hause pflegen, wenn die Mutter ihren Job aufgibt, um sich um ihre Kinder zu kümmern und dafür das Alleinsein und den mangelnden Respekt oder gar eine Scheidung in Kauf nimmt, wenn die Geschwister für ihre eigenen da sind, wenn der Lehrer Überstunden an der Problemschule macht, von der seine Kollegen schon längst Abstand genommen haben; wenn der Landarzt seine alten und wenig „lukrativen“ und auch medizinisch und im Sinne der eigenen Karriere nicht reizvollen Patienten mit Liebe und Geduld versorgt, so leisten all diese Menschen einen unschätzbaren Wert für die Gesellschaft.

Sie alle leisten deutlich mehr, als die Gesellschaft bereit zu bezahlen ist. Sie leisten mehr, als dass sie Anerkennung bekommen und sie sind alle durch sich selbst motiviert und bekommen zum Großteil ihrer Zeit kein Lob, keine Aufmerksamkeit und keine staatlichen helfenden Hände, die sie unterstützen. Was sie vielleicht nährt ist ihre menschliche Überzeung, ihr Mitgefühl oder gar ihr Glauben an das Gute im Menschen. Der Zusammenhalt dieser Gesellschaft ist in diesem Moment von der Wertschätzung und dem Mitgefühl dieser Menschen in höchstem Maße abhängig- und obwohl es so evident ist, begreifen die wenigsten diesen „nicht messbaren“ Zusammenhang.

Diese Gesellschaft, so scheint es mir, hat an vielen Punkten den Wert für diese Menschen und diese Handlungen des Mitgefühls verloren; mehr als das, sie kann es nicht mehr wahrnehmen, nicht artikulieren und folglich auch nicht ändern. Viele Probleme werden privatisiert und sind sie erst einmal per Gesetz aus dem Blickwinkel des Staates verschwunden, braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen. Was übrigt bleibt, sind nicht weniger soziale Probleme, aber deutlich weniger verantwortliche Stellen, die man zur Rechenschaft zwingen oder eine Erklärung abringen könnte.

So schreibt z.B. Ulrich Schneider in seinem Buch „Armes Deutschland“:

Hat der Staat beispielsweise die Kostenübernahme für nicht verschreibungspflichtige Medikamente erst einmal gestrichen, wie in Deutschland geschehen, können ihm Heuschnupfen oder Hautausschläge herzlich egal sein. Er nimmt sie gar nicht mehr wahr. (Highlight Loc. 2250-52)

Er führt darin eine Überlegung auf, mit welchem Eigeninteresse „der Staat“ handelt (und nicht etwa die Politiker, auf die üblicherweise immer eingedroschen wird) und erklärt das Selbstbild dieses Staates. Der Staat ist im Wesentlichen abhängig von einer florierenden Wirtschaft (zwecks Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen und Vollbeschäftigung) und von seinen Bürgern (zwecks Steueraufkommen und Erhaltung der Macht durch Wählerstimmen). Und so kommt er im Kontext dieser Selbstdefinition zum Schluss:

Manche Argumente sind mehr, manche weniger zwingend. Manche treffen die Eigeninteressen des Staates mehr, manche weniger. Dass es einfach nur armselig ist, wie diese Alleinerziehenden mit ihren Kindern in Hartz IV leben müssen, ist vor diesem Hintergrund nicht nur kein zwingendes, sondern überhaupt kein Argument.

Hier sieht man den unsichtbaren Trennstrich, der zwischen den Eigeninteressen des Staates und den Interessen und „menschlichen“ Problemen seiner Bürger gezogen wird. Solange etwas dem Steueraufkommen dient und mit Macht verbunden ist (reiche Unternehmer, Drohung mit Abwanderung, große Lobbygruppen, etc.) kann und muss der Staat reagieren. Betrifft es allerdings Menschen, die sowieso schon vom geschäftlichen Erwerbsleben und damit einem Großsteil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sind (z.B. Hartz IV Empfänger) versiegt das Interesse und die Absicht in ihrem Sinne überhaupt etwas zu tun.

Anders ist es bei den Rentnern, die inzwischen eine Anzahl von 20 Millionen (!) haben, damit ein Viertel der Bevölkerung und ein Drittel der Wahlberechtigten stellen (Highlight Loc. 2284-85) und durch ihre entsprechenden Lobby-Gruppen und Vereine einer der mächstigsten Gruppen in Deutschland darstellen. Es erklärt sich von selbst, dass das Interesse von jungen Menschen dadurch in Schieflage gerät, weil diese jungen Menschen meistens deutlich weniger Zeit haben, sich zu organisieren (weil sie außer Haus arbeiten müssen oder 18 Stunden am Tag Kinder großziehen) und auch in weniger „Lobbygruppen“ organisiert sind. Der demografische Wandel trägt sein übriges dazu bei (immer weniger Schultern müssen immer mehr Münder ernähren und die Sozialkassen füllen; messbar z.B. durch die in den letzten Jahren ständig gesunkene „Aktivenquote“; die derzeit bei ca. 43 Prozent liegt). ((Allerdings führt er dieses Beispiel auf, um die Macht der Lobbygruppen und Eigeninteressen bestimmter Wählerschichten besser zu erläutern, und ihren Einfluss auf politische Entscheidungen darzustellen. Das kann man natürlich mit der Hoteliers-Entlastung der FDP, den Spritkonzernen, den Banken oder den Energiefirmen noch viel besser und medial wirksamer machen; Er redet dabei nicht „gegen die Rentner“ oder gar die Höhe der Sozialkassen, was bei einem Buch über Armut absurd wäre; das kann man auch hier in diesem Artikel leicht verwechseln oder missverstehen; dennoch ist es so, dass der Demografie- Faktor und vor allem die Lobbygruppen in der Politik eine wichtige Rolle spielen))

Die emotionale Berührung

Warum beschäftigt sich ein Mensch wie Schneider denn überhaupt mit der Armutsproblematik? Auch er wird nur indirekt davon profitieren und kein wesentliches Geld damit verdienen. In einem der anfänglichen Sätze macht er eine interessante Feststellung, die sich sodann wie ein rotes Band durch die weiteren Verläufe seiner Argumentation zieht:

Ohne Emotion ist die Verständigung auf einen tragfähigen Konsens zum diffusen Problem der Armut als Grundlage eines gemeinsamen Handelns schwer möglich. (637-38)

und

Um zu dem Schluss zu gelangen, dass es sich in einer ganz konkreten, alltäglichen Situation um Armut handeln könnte, reicht es nicht aus, sie lediglich intellektuell zur Kenntnis zu nehmen und zu reflektieren. Es braucht eine subjektive, emotionale Berührung. (634-36)

Kommen wir nochmal zum Schreiben und den gesellschaftlichen Problemen und Perspektiven, die damit verbunden sind, denn auch hier haben wir unzählige „emotionale Berührungen“ die uns tausendfach bewegen und immer wieder neu antreiben. Sie sind, da bin ich mir inzwischen sicher, der geheime Motor, der die eigene Schreibmotivation immer wieder am Leben hält.

In welche gesellschaftliche Grauzone trifft das Schreiben also? Im Schreiben (vor allem im Blog) nimmt sich der private Bürger der gesellschaftlichen Probleme an, die in seinem Land nicht gut laufen und diskutiert sie mit anderen. Vor allem die Dinge, die von den staatlichen Stellen auf Grund ihrer Struktur oder gar Ignoranz gar nicht mehr wahrgenommen werden und um der Gesellschaft und seinen Mitmenschen zu erklären: Wir haben euch nicht vergessen.

Wenn er auch nichts in unmittelbarer Weise ändern kann, so hat er mit dem Blog doch wenigstens eine Möglichkeit zur Artikulation und kann darauf aufmerksam machen und sich mit anderen zusammenschließen oder Erfahrungen austauschen. Das eigene Leid kann genauso formuliert werden wie das allgemein gültige und „gesellschaftliche Leiden“. Lässt man die ganzen spitzfindigen Unterscheidungen weg, wird man wahrscheinlich feststellen, dass es zwischen ihnen keine sorgsam zu ziehende Trennlinie gibt.

Wenn man sich die Struktur des Staates, seine Eigeninteressen und seine innere Organisation anschaut, gibt es keinen anderen Weg. Darauf abzuwarten, dass die Politik eines Tages gutmütig und weise und alles im eigenen Sinne umstellen wird, ist nicht nur gutgläubig, es ist absolut realitätsfern. Selbst in einer Demokratie (oder gerade darin) gibt es die Verpflichtung zur Eigeninitative. Wir bekommen zwar keinen Weg diktiert, aber es ändert auch niemand was für uns, wenn wir nicht aktiv werden. Wir müssen lernen, selbstständig zu denken, wir müssen lernen uns auszudrücken und mir müssen in diesem Zusammenhang lernen, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und sie nicht ausschließlich als Konkurrenten oder Gegner zu sehen (wie unser Wirtschaftssystem uns leider teilweise dazu zwingt).

Fazit

Wenn du nicht mehr da bist, wird auch keiner mehr fragen, wer du warst. Gehört wird einzig und allein der, der den Mund aufmacht und seine Bedürfnisse und Ansichten formulieren kann. Jeder Blogartikel, so privat oder technisch er nun ist (denn auch als Verbraucher, auch als Liebender oder Liebende ist man Teil des Systems) trägt seinen Beitrag zur Gesellschaft bei. Der Staat, das ist in der Summe nicht die Hochrechnung aller Institute und Krawattenträger im fernen Berlin, der Staat sind wir.

5 Gedanken zu „Vom Privaten zum Gesellschaftlichen“

  1. Hallo Julia,

    schöner Artikel, der mich zum Nachdenken über Demokratie im allgemeinen angeregt hat.
    Ich denke auch, dass es wichtig ist, sich zu artikulieren und seine Meinung zu gesellschaftlichen Missständen kundzutun. Wird dies nicht sogar als „Bürgerpflicht“ bezeichnet? Ich denke, jeder demokratisch denkende Mensch muss sich einbringen; aber tut er es nicht, erklärt er sich damit mit der von der Mehrheit beschlossenen (Gesellschafts-)Politik auch gleich automatisch einverstanden, so wie es von vielen Leuten behauptet wird?
    Wie steht es in diesem Zusammenhang mit Wahlergebnissen, die aufgrund einer geringen Wahlbeteiligung ein verzerrtes Ergebnis zu Gunsten der Rechtsradikalen wie in Österreich z. B. liefern?
    Ich denke, eine der Ursachen liegt darin, dass sich „die Politik“ von den Menschen zu weit entfernt hat und die normalen Bürger keine Verbindung mehr zwischen einem Urnengang und der darauf folgenden Politik mehr sehen können. Seit Jahren werden vordem regierende Parteien vom Wähler durch starke Stimmenverluste „bedacht“, aber wie reagieren die so vom Volk in Opposition geschickten Parteien? Sie suchen sich einfach Koalitionspartner und regieren munter (und ohne echten Kurswechsel) weiter.
    Das kann der Bürger nicht verstehen und er denkt sich (zu Unrecht?) bei der nächsten Wahl: „Wozu noch wählen gehen? Ich kann ja doch nichts ändern.“
    Ich kann mich daher nur schwer mit der einseitigen Schuldzuweisung an die Bürger anfreunden; ich denke, es leiden viele europäische Länder schlicht und ergreifend an schlechter (=abgehobener, bürgerferner) Politik.
    Ein weiteres Problem in einer Demokratie ist es auch, dass sehr viele Menschen einfach zu wenig Informationen oder auch zu wenig Bildung haben, um schwierige Sachverhalte erkennen und beurteilen zu können.
    Aber es ist nun mal das Wesen der Demokratie, dass alle (ausser Unmündige) am Staat durch Wahlen teilhaben sollen.
    Durch die Vertretung des Volkes, der Regierung, wird da auf der einen Seite einiges an drohenden unsachlichen Entscheidungen „abgefedert“, auf der anderen geht aber auch ein Stück weit Demokratie verloren.
    Auch die Einflussnahme der Vermögenden im weitestenden Sinn auf Regierungsentscheidungen ist problematisch, das führt in vielen Dingen dazu, dass Entscheidungen nicht dem Gemeinwohl dienen sondern für einzelne finanzstarke Minderheiten getroffen werden. Dadurch entsteht eine Art soziale Ungerechtigkeit, die zu starken finanziellen Belastungen der Mittelschicht führt, denn diese Gruppe hat nur eine schwache Lobby – und irgendwer muss ja schließlich der „Systemerhalter“ sein, oder?

    Aber keine Angst, vom Kommunismus bin ich (noch) weit entfernt, auch wenn ich mich hier kritisch einbringe, aber hast du nicht gesagt, genau das wäre meine Pflicht?
    Doch halt – ich bin ja gar keine deutsche Staatsbürgerin! Na, dann darfst du meinen Kommentar auch nicht auf dein Land beziehen 😉

    Viele Grüße Cathi

  2. Hallo Cathi,

    danke für Deinen interessanten Kommentar!

    Ich denke, jeder demokratisch denkende Mensch muss sich einbringen; aber tut er es nicht, erklärt er sich damit mit der von der Mehrheit beschlossenen (Gesellschafts-)Politik auch gleich automatisch einverstanden, so wie es von vielen Leuten behauptet wird?

    Da du das als eine rhetorische Frage formuliert hast, kann ich Dir eigentlich nur beistimmen. Er muss nicht zwangsläufig zustimmen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn/ sie nicht mehr hören wird, steigt doch sehr stark durch das „Sich Nicht-Einmischen“.

    Wie steht es in diesem Zusammenhang mit Wahlergebnissen, die aufgrund einer geringen Wahlbeteiligung ein verzerrtes Ergebnis zu Gunsten der Rechtsradikalen wie in Österreich z. B. liefern?

    Das ist eine sehr allgemeine Entwicklung, die man leider nicht nur in Österreich beobachten kann. Euroskeptische Parteien beispielsweise gibt es inzwischen in fast jedem Land. Für viele Menschen ist es (emotional) leichter, einfach „nein“ zu sagen, als sich ernsthaft mit den Inhalten der Politik auseinander zu setzen. Und die Machtspielchen der Politker und ihre Abgrenzung nach unten, die wenig transparenten Enscheidungen verstärken diese Effekte dann gegenseitig.

    So oder ähnlich siehst du es glaube ich auch, wenn ich Deine weiteren Ausführungen durchlese.

    Ich glaube in der Masse der Köpfe bleibt oft der Eindruck hängen, dass man weder gefragt wird, noch wirklich teilhaben kann. In gewisser Form ist das ja auch so, Entscheidungen werden sehr bürokratisch und in fernen Parlamenten getroffen. Diese Entwicklung sehe ich aber als Gefahr für die Demokratie an und daher habe ich mit dem Artikel versucht, etwas „wachzurütteln“. Das Verständnis und Gefühl für den eigenen Staat muss man sich stets wachhalten, auch die Rechte die man hat und natürlich auch die Pflichten.

    Interessanterweise sehe ich oft einen Zusammenhang zwischen einem „tugendhaften“ Menschen, einem Menschen der sein Mitgefühl und sein Interesse für die Gemeinschaft (Altruismus) stark entwickelt hat und einen „guten Staatsbürger“. Der gute Staatsbürger muss sich nämlich auch jeden Tag neu einbringen und für andere interessieren. Er darf nicht sagen, es geht ihn alles nichts an und nur in seinem Privatleben hinter verschlossenen Wänden hausen. Er muss sich verletztlich und angreifbar zeigen und wird dadurch immer stärker und gelassener (was ein Nebeneffekt des Mitgefühls ist, wie es zumindest im Buddhismus erklärt wird).
    Er darf sich nicht von Neidern, Zweiflern oder anderen entmutigen lassen. Er muss Mitgefühl für andere Staatsbürger aufbringen und er muss durch sein aufrichtiges Interesse auch ein Blick für die Zusammenhänge schärfen. Wenn alle Menschen nur ein wenig tugendhafter würden und vor allem diejenigen, die die Geschicke des Staates oder einer Gesellschaft maßgeblich bestimmen, dann wäre die Welt schon ein gutes Stückchen weiter, ja vielleicht sogar „besser“.

    Gerne beziehe ich Deine Aussagen auch auf „mein Land“- denn viele Sachen sind doch universell und leicht übertragbar. Und wenn es noch eine so hübsche und ausführliche Interpretation ist, dann fällt es mir umso leichter. 😉

    Viele Grüße zurück
    Julia

  3. Ich glaube, das wir in den letzten Jahrzehnten von der Demokratie verwöhnt wurden, die, so glaube ich auch, in der Summe gute Arbeit für die Bürger geleistet hat. Das hat vielleicht zum Zurücklehnen geführt, mit dem “ die machen ihr`s“ und „ich mache meins“, was auch nicht schlecht gelaufen ist.

    Nun ändern sich die Rahmenbedingungen, „Europa“ ist doch ein großer Brocken, der vielleicht von den Baukünstlern unterschätzt wurde. Nach dem Gesetz der Trägheit tun wir uns vielleicht auch alle schwer, uns wieder in Bewegung zu bringen und auch, in welche Richtung.

    Auf jeden Fall bin ich da ganz deiner Meinung, @Julia, wir selber müssen etwas tun, und zwar dort, wo jeder meint, am besten und wirkungsvollsten anpacken zu können. Da wird es auch noch viele Verwerfungen, falsche Wege, Kräfte bedürfen und Enttäuschungen geben – nur, und so sehe ich das auch, mit ständigen Schuldzuweisungen egal auf wen, auf arm, reich, Politiker oder Griechen, kommen wir nicht weiter.

    Es gibt so viele Kleinigkeiten, die jeder tun kann, und die in der Summe beträchtlich sein können, z.B. wenn jeder abends seinen PC ausmacht, im Haushalt und den kleinen Wirtschaftseinheiten, überall, wo es z.Zt schon möglich ist. Spart ein viertel bis halbes AKW.
    Und sicher müssen wir auch darüber kommunizieren, weil in der wahnsinnigen heutigen Informationsflut die Dinge einfach auch übersehen werden, nicht, weil ich dafür zu faul oder bequem bin. Manchmal fällt bei mir der Groschen nach „einem“ mal hören oder sehen, ein anderes mal wird mir die Konsequenz erst nach dem dritten oder vierten mal bewusst.

    So weitläufig und komplex das auch sein mag und man sich dabei im unendlichen verlieren könnte, am einfachsten ist es wohl, mit kleinen Schritten bei sich selbst anzufangen und sich in Bewegung zu setzen – der manchmal geistigen Schwerkraft des Menschen zum Trotz.

  4. @Menachem:

    Schön, dass Du mir im Wesentlichen zustimmst. Ich denke auch, dass die Demokratie uns verwöhnt hat, dass unsere Vorfahren sehr viel für uns geleistet haben, dass man aber heute noch viel machen kann und sich einbringen sollte.

    Neben den Worten sind es natürlich auch die Taten. Die Taten erfordern, dass man sich mit anderen abstimmt und die Diskussionen verstärken die Einsicht und Entschlossenheit, bestimmte Dinge zu ändern. (Energie zu sparen, sich mal aufs Fahhrad setzen, usw.).

    Viele Grüße
    und ein schönes Rest-Pfingsten noch 😉

    Julia

  5. Liebe Julia, da hast Du ja wieder einiges zum Drübernachdenken aufgeschrieben. Danke für die Anregungen und gutes Schreiben weiterhin.
    Viele Grüße rehtom.

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