Vier und eine Geschichte

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über das Schreiben

Das Schreiben klappt in der letzten Zeit wieder besser und allein in den letzten Tagen habe ich mir ca. vier mittelgute Geschichten ausgedacht und sie einfach so „runtergeschrieben“. Nur bei der Veröffentlichung, da schrecke ich noch etwas zurück, es klappt in der letzten Zeit nicht mehr so einfach wie früher. „Zu privat“ denke ich mir oder „da ist zuviel von mir drin“. Dazu kommt die Selbstentblößung vor einem Publikum, die mental sehr anstrengend sein kann, wenn man sich nicht 100- Prozentig sicher ist und die Texte einiges an persönlichen Gefühlen enthalten.

Und wer ist sich schon immer 100- Prozentig sicher? Bei einem wackeligen Projekt wie einem „Kunstprojekt“ oder so etwas flüchtigem wie reinen Gedanken und in Text gegossenen Emotionen kann man das nur schwer vorhersagen. Manchmal verflüssigen sie sich im Anschluss und werden wieder heiß, nass oder eisig-kalt… im Austausch mit anderen leben die Gefühle, und wenn man sie für sich behält, werden sie starr. Wenn man sie austauscht, kann man verletzt, angegriffen und kritisiert werden- wenn man sie für sich behält nicht. Wenn man die Texte veröffentlicht, braucht und erhält man dadurch automatisch eine innere Stärke.

So oft habe ich es mit dem Blog erlebt, dass ich mich beim Schreiben frei gefühlt habe und dann ein paar Stunden hinterher nochmal über die Texte nachgedacht und die Veröffentlichung dann bereut habe. Wenn ich ehrlich bin, ist das eher die Regel als die Ausnahme. Wirklich authentisch und „ehrlich“ zu sich selbst gegenüber Texte zu produzieren, erschafft auf der einen Seite lesenswerte Texte und gute Kunst, wie immer man sie auch definieren mag. Die authentischen Gefühle eines in eins-zu-eins abgebildeten Seelendiagramms ist durch eine konstruierte Geschichte kaum zu ersetzen.

Beim Kurzgeschichte-Schreiben merke ich das sehr oft: Wenn ich einen Aufhänger für einen „Plot“ habe, schreibe ich drauflos. Meistens ergibt das dann ein oder zwei Bildschirmseiten (150 Zoomgröße, bei 12 Punkten Schrifthöhe…). Irgendwann ist der Gedankengang fertig gesponnen und die Geschichte erscheint mir fertig. Der Schlusssatz, oder ein inneres Fazit folgen dann fast wie von selbst. Aber jeder Versuch, die Geschichte hinterher mit neuen Abläufen wieder aufzunehmen oder die anfängliche Geschichte weiter zu „dichten“ kommen mir dann magerer und nicht so spannend vor. Irgendwas fehlt den Geschichten dann immer, man merkt ihnen ihre Gezwungenheit an und dass sie nicht von sich selbst heraus entstanden, sondern eben konstruiert worden sind. Zwei Romane habe ich auf diese Art und Weise angefangen und beide vorzeitig abbrechen müssen, weil sie meinen inneren Qualitätsmaßstäben nicht genügen konnten. Und sie jetzt, nach den Jahren des Entstehens nochmal fortzuführen? Nein, das gleicht einem zerknüllten Papier im Eimer, dem man neugierig mit dem Finger angelnd eine zweite Chance gibt…

Das beste bei akuter Ideenarmut ist, einfach das Thema zu wechseln oder zu einem anderen Zeitpunkt nochmal neu anzufangen. Gute Aufhänger sind immer aktuelle politische Nachrichten, aber auch persönliche Gefühle, Unzulänglichkeiten, Einkaufserlebnisse, Reisegeschichten, Spaziergänge, Medienrezensionen, usw. Schreiben dient dann meistens der Nachbereitung des auch-egal-wie-gearteten Gesehenen und Erlebten. Und auch der biologische Zustand ist nicht zu unterschätzen. Wer gut schreiben will, braucht eine gesunde Ernährung und viel Sauerstoff im Gehirn. Hin und wieder ein Spaziergang an frischer Luft, kann wahre Wunder bewirken.

Aber die anfängliche Frage bleibt: Kann es irgeneinen Text überhaupt geben, der nichts privates und nichts persönliches enthält? Wenn doch alle Phantasien und Geschichten letztendlich aus dem eigenen Blickwinkel entstehen und aus der wie auch immer gearteten Erfahrungswelt der inneren oder äußeren Sinne- ja, was kann denn an einem Text überhaupt nicht persönlich sein? Man müsste dann wie eine Maschine schreiben und tunlichst darauf achten, jede persönliche Interpretation zu vermeiden und würde doch den Großteil des Selbst entblößen, selbst wenn man das nicht wollte.

Alles in einem Text ist gelebte und festgehaltene Persönlichkeit. Allein der Entschluss zu schreiben, führt am Ende darauf hin. Die Art zu schreiben, die Muttersprache, der verwendete Wortschatz, die Länge der Texte, die Rechtschreibfehler, der Erfahrungshorizont-Hintergrund, die politische Ansicht, die geschlechtliche Perspektive, der Tageszustand, die Laune, das verwendete Medium, die Zielgruppe und das Fazit: Sie unterliegen alle DIR, dem persönlichen Schreiber und der persönlichen Schreiberin. Und dies ist nicht als Mangel oder Schaden zu sehen, sondern im Gegenteil als Bereicherung für den, der sich darauf einlassen kann und die kreativen Kräfte der eigenen Seele zu seinem produktiven Nutzen macht.

Kreativ „im Jetzt“ zu leben ist allemal besser, als stets nur den passiven Dauerkonsumenten zu geben, der sich ewig von anderen berieseln lässt, aber doch nie zu sich selbst kommt. Schreiben bedeutet, aktiv zu leben und aktiv zu denken – lesen oder Fernsehen ist das Gegenteil davon. Um glücklich zu sein braucht man beides, in angemessenen Verhältnissen zueinander. Niemand, der dauerhaft und intensiv liest, kann ohne Worte bleiben. Sie formulieren sich nach ausreichendem Lesegenuss fast wie von selbst, und sind am Ende vielleicht nur ein Echo auf das Erlebte, Gehörte und Gesehene.
Vielleicht betonen Pädagogen daher so die Bedeutung des Lesens. Lesen ist Schulung des Geistes und Schulung des Denkens, somit auch Schulung, Erziehung und Prägung des Menschen. Fernsehen und konsumieren alleine bewirkt das meistens nicht (wobei es auch Ausnahmen gibt und es sehr auf den Rezipenten ankommt). Um im Leben bestehen zu können, braucht man ein hohes Maß an innerer Energie und Bereitschaft, das Leben aktiv anzugehen. Denken und „Mitdenken“ sind die nötigen Grundlagen dafür.

Vielleicht sollten die Pädagogen nicht vergessen zu erwähnen, dass das Schreiben genauso wichtig wie das Lesen ist.

Im Schreiben kommt man zu sich selbst, erschafft man einen aktiven Abdruck seiner Seele auf realem oder virtuellem Papier (was genau ist dabei völlig unerheblich) und durch die Veröffentlichung öffnet man nichts anderes als einen offenen Kommunikationskanal, auf den sich andere einlassen können, wenn sie denn wollen und die ausreichende Geduld, Lebensweisheit oder Erfahrung mitbringen, sowie das nötige Interessie, die menschliche Motivation, die guten Absichten, die Neugierde und die Einsicht, dass es für sie nützlich sein könnte.

Wer offline erstellte Scripte schreiben kann, wird auch in der Lage sein, im echten Leben die richtigen Worte zu finden und sein „Leben zu schreiben“.

Und daher ist meine anfängliche Frage oder Skepsis wahrscheinlich unerheblich.

Der Schluss lautet so: Vier Geschichten für sich selbst und eine für das Publikum.

2 Gedanken zu „Vier und eine Geschichte“

  1. Ich glaube, daß professionelle Ghostwriter, die allwöchentlich ihren Beitrag für eine Heftromanserie abliefern müssen, mit der Zeit in einen Zustand geraten, in denen ihre Texte nichts mehr oder nur noch sehr wenig mit ihrer eigenen Person zu tun haben. Was für Folgen das für die Qualität hat, kann man für ein paar Euro fünfzig an jedem Kiosk selbst recherchieren.

    Wenn Schreiben mehr sein soll als nüchterner Broterwerb, mit dem man einen Cent pro Wort oder zehn pro Absatz verdient, dann muß einfach etwas aus der eigenen Persönlichkeit oder dem eigenen Erfahrungsschatz in einen Text oder eine Geschichte miteinfließen. Dies ist das zwischen den Zeilen versteckte Salz in der Suppe, der Punkt, an dem die eigenen Emotionen kochen und der letztendlich beim Leser etwas zum Schwingen bringt.

    Ja, schreiben kann wichtig sein – vor allem dann, wenn man es so versteht, wie Du es in Deinem letzten Absatz schreibst: als einen Abdruck (eines Teils) seiner Seele und als Öffnung eines Kommunikationskanals (der kann aber auch einseitig sein). Hinzu kommt aber noch die Phantasie, das Spiel mit der Kombination der Dinge, mit ihrer Extrapolation und den möglichen Wegen, in die eine Geschichte oder ein Sachverhalt sich entwickeln könnte. Sie hält die Aspekte, die Dich ursprünglich zum Schreiben motiviert haben, zusammen; sie bildet den Rahmen und macht aus einer groben Idee oder einem Plot am Ende mehr als nur eine zweiseitige Essenz, die dann später nicht – wie Du es nennst – „ungezwungen“ erweiterbar ist.

    Und schließlich brauchst Du – meiner Meinung nach – auch die Leser. Schreib ruhig in erster Linie für Dich selbst, aber laß gelegentlich den einen oder anderen Menschen daran teilhaben (es muß ja nicht immer die ganze Welt bzw. das ganze Netz sein). Und wenn es nur wegen des Gedankens ist, einen kleinen Teil von sich selbst im Kopf eines anderen verankert zu haben.

    Mein Vorschlag wäre also: Vier Geschichten für sich selbst und vier für ein (ausgewähltes) Publikum. 🙂

    Yva

  2. @Yva: Gute Idee! Aber nach Deiner Meinung hätte ich dann noch mehr zu tun. 😉 Die vier Geschichten sind mir schon leidlich schwer gefallen…und die fünfte kam mir stellenweise vor, wie eine Wiederholung des ständig gleichen.

    Ohne das Blog würde ich aber meine Schreibmotivation gänzlich verlieren. Bei manchen Sachen bin ich doch neugierig, was andere denken. Bei anderen wiederum bereue ich es hinterher. 😉

    Viele liebe Grüße
    Julia

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