Verwandtschaft und ihr Bezug zum Leben

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Was soll ich schon ausrichten? Jeder ist seines Glückes Schmied! Die Probleme der anderen berühren mich nicht. Soll doch jeder schauen, wie er glücklich wird.

Diese und andere Sprüche hört man oft, wenn es darum geht, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und sich um andere zu kümmern. Gerade im Verwandtschaftsbereich kommt es schnell zu Situationen, in denen die Emotionen hochkochen, die seelischen Blockaden zunehmen und die Gespräche erschwert werden. Doch es ist gerade der enge Verwandschaftsbereich, der die größte Tragweite für menschliche Bindungen überhaupt birgt.

Die Familie ist die Kernzelle der Gesellschaft. Aus ihrer Struktur leiten sich die engen, vertrauensvollen und wichtigen Bindungen ab, die die Großstruktur der Gesellschaft von unten her aufbauen. Wenn die Menschen sich in der Familie verstehen, halten sie mehr zusammen, bilden größere Einheiten, in denen sich alle vertrauen und gegenseitig helfen können. Gute soziale Bindungen, vor allem in den Familien, schützen ihre Mitglieder und stärken sie gegen feindliche Einflüsse von außen. Man kann generell sagen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und in der Gemeinschaft mehr Chancen und Möglichkeiten, aber auch mehr Sicherheiten hat.

Die Gemeinschaft ist hierbei kein Selbstläufer, sondern muss von allen Beteiligten ständig neu gepflegt werden, ähnlich wie bei einer guten Freundschaft. Je nach Veranlagung und Interessensgebiet sind es z.B. oft die Frauen, die diese sozialen Aufgaben übernehmen. Indem die Frauen die natürlichen Hüterinnen des Lebens sind, werden sie auch zu Chefinnen der Sozialstrukturen und haben kraft ihres Geschlechts mehr Möglichkeiten und Fähigkeiten, die Kleinkultur der Gemeinschaft zu überwachen und zu kontrollieren. Es ist z.B. erwiesen, dass Frauen mehr verbale Fähigkeiten haben und so (im Durchschnitt) einen größeren Wortschatz haben und sich besser mit anderen austauschen können. Der Mann ist von seiner Gehirnstruktur eher linear und logisch „verdrahtet“ und seine natürlichen Gebiete sind die Technik und die Außenbereiche, die körperliche Kraft und mathematische Problemlösungskompetenzen verlangen.

Dieser soziale Schwerpunkt ist für den durchschnittlichen Menschen selten ein Schwerpunkt im Leben, es sei denn, jemand hat explizit einen sozialen Beruf. Für die meisten Menschen ist es ähnlich wie der Haushalt, eine lästige Zusatzaufgabe, die sich nicht von alleine löst.

Ich möchte daher heute mal überlegen, wie sich die Verwandtschaftsbeziehungen im Guten wie im Schlechten auf das eigene Leben auswirken können, wo die Gefahren und die Chancen darin liegen.

Verwandtschaftsbeziehungen, Pro und Contra

Contra

  • Als negativstes Beispiel fällt mir die Schwiegermutter ein, als Prototyp einer älteren, aufdringlichen und humorlosen Person, die sich ständig überall einmischt und mitbestimmen will, ihre Kinder nicht in Ruhe lässt und sich durch Einmischung und Aufdringlichkeit selbst zu einer unbeliebten Person degradiert. Ihre Schwächen sind die Kontrollsucht und das Problem, nicht „loslassen“ zu können. Sie klebt meistens an ihrer ursprünglichen Macht, nämlich Mutter zu sein und ihre Kinder lenken und manipulieren zu können. In den neuen Familienstrukturen wird sie ihre Macht immer wieder unter Beweis stellen und mit einer Mischung aus Erfahrung und Kontrollsucht die soziale Ausgeglichenheit belasten. Die Schwiegermutter hat es nicht leicht; ganz zurückziehen will sie sich meistens nicht, aber nerven will sie – nach eigenen Bekunden- auch niemand. Ich denke, sie ist eine traurige Person, die selbst oft nicht weiß, was sie will. Am besten ist, wenn sie loslässt und ein eigenes Leben leben kann. So ermöglicht sie ihren Kindern, ein eigenes Leben zu leben. Wenn sie auf Grund ihres Alters geschwächt ist und Pflege bedarf, muss sie lernen, auch in die umgekehrte, nämlich schwache Position zu fallen und Hilfe von anderen zu erhalten und anzunehmen. Diese Aufgabe dürfte das Schwierigste für sie sein.
  • andere Menschen in der Verwandtschaft reden einem rein und spielen sich als Oberlehrer auf; die natürliche Autonomie wird bedroht
  • eigene Zeit wird von anderen verplant, man ist nicht mehr Single, sondern muss ständig auf andere Rücksicht nehmen
  • die Kommunikation ist belastet, lässt sich nicht klären und führt zu emotionalen Spannungen; das wiederum führt zu Stress und Krankheiten
  • das Pflegen der Beziehungen kostet Arbeit, Zeit, Geduld; man sieht nicht unbedingt das Ergebnis, kann verzweifeln und die Lust verlieren

Pro

  • in Verwandtschaftsbeziehungen kann man sich gegenseitig praktisch und mit seelischer Hilfe unterstützen
  • die Menschen bilden ein Netzwerk und jeder hilft seinen Veranlagungen entsprechend
  • es finden sich mehr Experten und mehr helfende Hände; gemeinsame Projekte wie z.B. ein Hausbau gehen schneller voran
  • wenn jemand in Urlaub fahren will oder aus anderen Gründen verhindert ist, findet sich eher jemand, der auf die Kinder aufpasst oder die Blumen gießt
  • man bekommt Ratschläge und Anregungen, die das eigene Leben bereichern
  • ältere Menschen können ihre Erfahrung an jüngere abgeben
  • Großeltern übernehmen einen Teil der Erziehungs- und Hausarbeit (kochen, etc.)
  • man wird für Arbeit gelobt, die sonst niemand wertschätzt (wenn Frauen z.B. lästige Hausarbeit machen und von einer Mutter, Schwester, etc. dafür gelobt und motiviert werden)
  • es finden sich im gemeinsamen Gespräch mehr Lösungen für schwierige, seelische Probleme; eigene Probleme werden durchleuchtet und schneller gelöst
  • da die Menschen im Kontakt zusammenhalten, sinkt die Gefahr anfällig für Sekten und ähnliches zu werden
  • durch die gemeinsame Erfahrung werden die Gefahren reduziert, die durch unseriöse Werbung, Telefonvertreter, finanzielle Risiken, Verbraucherkredite, etc. entstehen
  • wenn jemand krank ist, findet er jemand, der ihn pflegt und sich um ihn kümmert
  • Depressionen und andere psychische Unregelmäßigkeiten können schneller erkannt und gelöst werden;
  • die Ernährung und andere gesundheitstechnische Aspekte (mangelnde Bewegung, Rauchen, etc.) können durch gegenseitige Kontrolle und Überwachung, vor allem durch menschliche Frühwarnsysteme eher erkannt und gelöst werden
  • meistens färbt der gesündeste und klügste Mensch auf alle anderen ab, mit denen er zu tun hat > Abschotten ist keine Lösung!

Ich denke bei dieser Liste, dass es trotz allem mehr Vor- als Nachteile gibt, die Verwandtschaftsbeziehungen zu pflegen. Das Wichtigste habe ich noch vergessen: Wenn sich alle gut verstehen und mehr Harmonie als Streit vorherrscht, haben alle etwas davon, sind ausgeglichener und glücklicher. Durch die „große Familie“ finden sich mehr Leute, mit denen man sich austauschen und reden kann. Die Erfahrungen steigen, das Leben wird lebenswerter.

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