Transition

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Passende Musik: Rollin

Ein langer Weg und es ging immer nur nach vorne.

Viele Steine galt es aus dem Weg zu räumen. Viele Menschen zu überzeugen. Gutachten wurden geschrieben und ich musste an höchst-richterlicher Stelle vorsprechen.

Viel Geld wurde ausgegeben, viele Tränen verweint. Es gab viel Verzweiflung, große Depressionen, tiefste Einsamkeit. Es gab Mobbing, Vertrauensbrüche und Gemeinheiten. Es kamen immer wieder neue Freunde, neue Abschnitte, neue Partner. Es gab es ein neues Haus, ein neues Umfeld, einen neuen Job, eine neue Berufung. Es gab neue Tätigkeiten, neue Hobbys und die politische Einstellung hat sich mehrfach gedreht.

Vieles hat sich im Inneren abgespielt. Unzählige Gedanken wurden im Kopf hin- und hergedreht. Mehrmals bin ich im Kreis gesprungen. Oft war ich wieder am Anfang und alles war umsonst. Unzählige Seiten in meinem Tagebuch wurden geschrieben, tausende Selfies wurden aufgenommen, unzählige Städte besucht und neue Eindrücke gesammelt. Nie hatte ich das Gefühl, „fertig“ zu sein. Immer war alles im Fluss.

Eine Vielzahl an starken Medikamenten wurden eingenommen, OP´s wurden gemacht, Ärzten wurde Vertrauen geschenkt, Krankenschwestern haben mir die Hand gehalten. Unzählige Kilometer wurden im Auto zurückgelegt, tausende Fragen wurden gestellt, Foren rauf- und runter gelesen. Die Fragen wurden nicht weniger. Im Gegenteil- Je mehr ich wusste, desto mehr neue Fragen kommen hinzu.

Bei der Suche nach Antworten und Erklärungen hab ich tausend andere Themen angeschnitten. Der Kopf wurde nicht leerer oder klarer, sondern immer voller. Das Leiden wurde voll erkannt.

Immer wieder hab ich die „Identität“ gesucht- und sie am Ende nie gefunden. Je genauer ich hingeschaut habe, desto weniger hab ich sie gesehen. Ich hab es nur gespürt. Tief im Inneren. Mehr eine Überzeugung. Ein Gefühl.

Man kann es nicht erklären. Nicht rechtfertigen. Man kann keine Zeichnung darüber anstellen. Nicht beweisen. Nicht verteidigen. Nur ER-LEBEN.

Der Weg endet nicht. Man fährt immer weiter durchs Leben. Es kommt eine Kreuzung, dann wieder eine Abzweigung. Es kommt ein Hügel, dann wieder eine Senke. Man kann nichts anderes machen, als immer weiter zu fahren.

Manche Leute gucken beim Fahren niemals in den Rückspiegel. Sie starren stur nach vorne und wollen das Leben hinter sich nicht sehen. Aber doch ist es da, man ist da gewesen. Jetzt ist man eben woanders. Manche fahren schnell, manche rasen, andere wiederum brauchen sehr viel Zeit. Es gibt kein perfektes Tempo.

Es gab nie Schwarz ODER Weiß. Es gab immer beides. Mal war das eine stärker, mal das andere.
Immer hab ich es im Zusammenspiel mit anderen erlebt. Der eine wurde männlicher, die andere wurde weiblicher. Das eine ist gewachsen, das andere ist geschrumpft. Hier gab es mehr Volumen, dort eine Abnahme.

Und wenn ich bei anderen Leuten schaue, wie ist es da? Auch nicht viel anders.

Genau dann wird das Leben spannend und aufregend. Wenn sich etwas verändert, wenn der normale langweilige Fluss durchbrochen und umgelenkt wird.

Denn alles ist im Fluss. Alles ist in der „Transition“.

 

3 Gedanken zu „Transition“

  1. Vllt. ist es dieses „nie fertig“, das einen beim nächsten Geburtstag denken lässt, dass man sich doch noch gar nicht so alt fühlt, wie man ist.
    Und dann guckt man die jungen Dinger an und stellt fest, dass die „noch“ unfertiger sind als man selbst. So glatte Gesichter und so. Die Falten fehlen.

    Aber wirklich reif fühlt man sich nie.

    1. schön geschrieben.
      In jungen Jahren hab ich mich mit 20 schon „erwachsen“ gefühlt… heute mit 40 Jahren denke ich mir, wie wenig ich erst weiß und wie viele Leute gibt, die noch mehr Lebenserfahrung haben. Ein Mensch alleine kann nicht alles wissen oder alles erlebt haben- der wahre Reichtum des Lebens wird einem erst bewusst, wenn man in Kontakt mit anderen steht.

      1. Kannst Du es auch nicht leiden, im eigenen Saft zu schmoren, immer nur das eigene um sich zu haben? Manche Leute sind sehr einzeln, selbstgenügsam, aber ich brauche explizit den Austausch, die Meinungen, … anderer.

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