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Der Tempel des Konsums

und der digitalen Wandlung

Gestern ging es mal wieder durch den Supermarkt. An der Eingangstür erwartete mich bereits ein riesiger, fertig geschmückter Weihnachtsbaum und noch eine dekorative Reihe aus kleinen Bäumen, die mit etwas kitschigen, roten und gelben Glitzergeschenken behängt waren. Verwundert musste ich mir die Augen reiben. „Hab ich mich etwa im Monat geirrt? Ich hab doch noch gar keine Geschenke.“ Weihnachten wurde von mir noch erfolgreich verdrängt. Gerade dieses Jahr hatte ich mir eigentlich vorgenommen, den Stress und die Geschenkezahl deutlich zu reduzieren und die Adventszeit endlich mal zu genießen!1

Aber in den Supermärkten geht mir das oft so, denn hier ist der Einzelhandel seiner Zeit mal wieder weit voraus. Ich gehe noch etwas weiter und betrete die heiligen Hallen des Konsums. Auf der „gesonderten Verkaufsfläche“, die den Besucher auf ca. 100 qm immer als erstes empfängt, geht es munter weiter mit Geschenkpapier, Geschenkverpackungen, Weihnachtsaufklebern, Weihnachtsschmuck und kleineren, fertigen Präsenten, wie z.B. Packungen mit Parfüm oder Spielsachen für Kinder. Ich gucke nur kurz drüber, muss innerlich die Nase rümpfen und entscheide mich gegen den Aufruf zum Konsum. Wobei ich auch zugeben muss, dass die Verlockung groß ist. Allein dadurch, dass das Angebot bereit gestellt wird, wird man nämlich daran erinnert, dass da doch demnächst ein großes Fest kommt und man sich bitte darauf vorzubereiten hat. Es ist in Deutschland unmöglich, nicht daran zu denken. Weihnachten ist also so etwas wie politischer Mainstream, den man einfach zu übernehmen hat. Nur, dass der Mainstream diesmal nicht von den Politikern oder Kirchen, sondern allein vom Wirtschaftswesen und den Unternehmenschefs gesteuert wird. Mir wäre es wohler, wenn ich durch die Radioansprache eines berühmten Intellektuellen oder eines Kirchenvertreters an Weihnachten erinnert werde. Damit verbunden, die Ansprache zur inneren Wandlung, zur inneren Verantwortung und dass mal wieder jemand daran erinnert, welche Werte im Leben wirklich wichtig sind: Mitgefühl, Altruismus, Toleranz, Demokratie.
Aber gut, ich bin auch selbst schuld, denn sobald ich mich durch die Hallen eines „Konsumtempels“ bewege, muss ich natürlich damit rechnen, dass hier nicht „Liebe“, sondern „Konsum“ gepredigt wird. Wenn ich in einer Kirche sitze, erwarte ich ja auch nicht, dass man mir Gesangsbücher oder Geschenkgutscheine verkauft.

Also wird der Einkauf in gewohnter Manier fortgeführt. An den Kassen komme ich nochmal ins Grübeln. Es gibt hier fast 20 einzelne Kassen-Slots.. vor kurzem wurde diese komplett renoviert und mit neuster Technik ausgestattet. Es sieht auf den ersten Blick moderner und chicer aus. Der Kunde hat noch ein extra Display, das klarer und heller ist. Die Kassenautomaten sind insgesamt kleiner und noch „smarter“ geworden. Für die Zigaretten gibt es nun einen Automat mit Touchscreen. Man kann sogar berührungslos bezahlen.
Die wahre Motivation erkennt man aber erst, wenn man genauer hinschaut. Die Bänder sind wieder etwas kürzer und kleiner geworden, was den Stress beim Rauflegen erhöht, außerdem hat man den üppigen Platz an der „Auslaufzone“ etwas verkleinert, so dass es jetzt noch schwieriger wird, den Einkaufswagen zu drehen. Dafür wurde der Verkaufsbereich links und rechts der Bänder nochmal vergrößert. Das (anscheinend) sehr lukrative Sortiment aus Wodka-Flaschen, Kräuterschnaps, Hustenbonbons, Kinder-Spielzeug und Schokolade ist jetzt noch prominenter geworden. Dabei kaufe ich dort aus Prinzip nicht! Mir ist schonmal aufgefallen, dass hier die Preise sogar gesondert berechnet werden. (Batterien im Markt sind günstiger, an der Kasse zahle ich drauf) Außerdem werden immer ganz kleine Packungen hingestellt, was wiederum mehr Verpackung und teurer Verkaufspreis bedeutet.

Warum fragt man bei all diesen Umbauaktionen eigentlich nie den Kunden? Warum wird immer alles von oben herab entschieden? Warum gibt es nie Demokratie in den kleinen Dingen des Lebens? Ich bin gezwungen, mich in das System Einkauf einzufügen, ob ich will oder nicht.

Beim Gespräch mit der Verkäuferin habe ich sogar erfahren, dass die Verkäuferinnen das System selbst nicht gut finden. Die Kassenautomaten wurden nämlich mal nach links und mal nach rechts ausgerichtet, so konnte man die Bänder-Zone noch vergrößern und den Platz optimal ausnutzen. Rechtshänderinnen haben aber nun massive Probleme, weil die Kassen tlw. für Linkshänder ausgerichtet sind. D.h. sie müssen den ganzen Tag vor einer „falschen Kasse“ sitzen und die Arbeit quasi mit der nicht-dominanten Gehirnhälfte aus delegieren. Warum sagt eigentlich da der Arbeitsschutz und die Gewerkschaft nichts? Gibt es solche Verbände eigentlich überhaupt noch? Auch als Kundin kann ich nichts machen, ich muss das ganze so akzeptieren oder woanders einkaufen gehen. Der einzige Ausweg, der noch bleibt, ist eine Protestmail an die Unternehmensleitung.

Es gibt jetzt mehr Bänder und Einkaufsslots, aber mir ist auch aufgefallen, dass seit der Umstrukturierung teils weniger Kassen geöffnet sind. Dieser Supermarkt hatte sich immer dadurch ausgezeichnet, dass viel Personal eingestellt war und man an den Kassen so gut wie nie warten musste. Das war ein Grund, warum das mein Lieblingssupermarkt wurde. Jetzt fällt mir auf, dass an bestimmten Flaute-Tagen (z.B. Donnerstag) die Anzahl geöffneter Kassen deutlich zurückgefahren wurde.

Ich schaue mir die Frauen mittleren Alters genauer an. Ich stelle mir vor, wie sie zu Hause Männer haben, die LKW fahren oder Handwerker sind und darauf angewiesen sind, ein zweites Einkommen zu haben. Plötzlich sagt mein Mann (der immer mit anderen Augen durch den Supermarkt geht als ich) das Stichwort „Automatisierung“ und dass diese Arbeitsplätze in den nächsten Jahren auch wegfallen könnten. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen! Er hat recht. Das sind die ersten Arbeitsplätze, die dran glauben müssen. Die Arbeit ist nämlich schon jetzt hochautomatisiert und digitalisiert. Auf jedem Produkt klebt ein Barcode, die Waren müssen nur über den Scanner gezogen werden. Alle Preise werden vom Warenwirtschaftssystem verwaltet und können von der Geschäftleitung kurzfristig angepasst werden (ähnlich wie bei den Benzinpreisen). Was spricht denn dagegen, die Kassen in nächster Zeit auf „Selbstscanner“ umzurüsten? Der Kunde könnte selbst scannen und an der Kasse müsste nur noch eine Person stehen, die alles überwacht. Das gibt es ja z.B. in der „Metro“ schon. Oder man denkt sich neue technische Lösungen aus, z.B. ein Einkaufswagen, in dem man die Waren reintut, die sich dann selbst (z.B. mit RFID-Chip) melden und dann nicht mehr entnommen werden können, bis der Kunde an der Kasse das Schloss wieder freischaltet.

Ich schaue mir die anderen, vielen Menschen an, die anscheinend alle sehr glücklich sind, in diesem Supermarkt einen Job zu haben. Sie fahren die Paletten durch die Gänge und räumen die Regale ein. An einem durchschnittlichen Einkaufstag komme ich meistens auf 10 Verkäufer und Verkäuferinnen. Auch diese können durch „Industrie 4.0“ und Vollautomatisierung ersetzt werden. Roboter für Regale oder vollautomatisierte Lagersysteme gibt es ja jetzt schon. Vielleicht kreuzt mir beim Einkaufen demnächst ein kleiner Roboter den Weg, der mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und GPS das gewünschte Regal ansteuert und dort alles ablegt?

Was wird dann mit den Menschen, die jetzt froh sind, einen Job zu haben? Die bei der Programmierung der neuen Roboter vermutlich nicht dabei sein werden und die auch keinen Supermarkt geerbt haben?

Zugegeben- bei allem Optimismus über die schöne neue Welt- ist das eine Vorstellung, die mir Sorgen macht. Wenn man Populismus und extreme Wahlentscheidungen in Zukunft vermeiden möchte, muss man solche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen erkennen und Lösungen dafür erarbeiten. Beim Supermarkt-Beispiel gibt es dafür verschiedene Ansätze: Z.B. müssten die Löhne deutlich steigen, so dass Familien nicht unbedingt auf zwei Einkommen angewiesen sind. Auch die steuerliche Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen wäre dringend notwendig. Gewinne, die aus der höheren Produktivität und den technischen Fortschritten entstehen, müssten direkt an die Menschen und Arbeitnehmer weitergegeben werden. Es werden in Zukunft mehr Arbeiten durch Maschinen und Roboter erledigt, der Faktor Mensch kommt immer weniger vor. Also wäre auch eine “Maschinensteuer” denkbar.
Und es müsste mehr für Bildung in der Breite getan werden. Entwicklungen wie „Industrie 4.0“, Elektromobilität und Digitalisierung dürfen nicht verschlafen oder verdrängt werden. Die Industrie (und die Politik) muss wettbewerbsfähig bleiben, sich auf neue Entwicklungen rechtzeitig einstellen und auch dafür sorgen, dass sie Fachkräfte ausbildet und die Menschen bei diesem Wandel mitnimmt.


Anmerkungen:
  1. wie eigentlich erfolglos jedes Jahr []


Jahresendtext

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des J.A. Blogs fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch in das Neue Jahr! Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren und ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.

Passender Song: Wolke 4 von Marv & Philipp Dittberner

Jahresendspurt! Die Ereignisse überschlagen sich mal wieder und ich tippe immer noch auf meiner neuen/ alten Tastatur.
Soviele Dinge sind passiert, dass ich nicht sagen könnte, wo ich eigentlich anfangen soll. Nimmt man noch den Filter „nichts privates“ dazu und stülpt ihn über die Kamera-Linse, bleibt das Bild sowieso nur schwarz. Egal, eine Zusammenfassung muss trotzdem sein, oder wenigstens nur eine Momentaufnahme, ein Zwischenfazit, ein „snapshot“ aus dem Leben. Ja, mein Leben, was passiert denn gerade so mit Dir? Komm mit und lass uns mal schnell ein Selfie machen:

Im Großen und kleinen haben sich Dinge und Prioritäten verschoben und oft hatte ich das Gefühl „ja, das passiert jetzt so“… aber wirklich aufhalten oder ändern konnte ich es eigentlich nicht. Das ist erstaunlich, lebt man doch in einer sehr freien Welt, in einer „freien Marktwirtschaft“ und mit dem aufgeklärten „freien Willen“, der nur „aus der Vernunft heraus“ agieren vermag, stellen wir uns oft vor, dass wir völlig frei sind und dem Wandel nicht unterworfen. Und doch stellt sich am Jahresende heraus „huch, ich hab wieder sehr viel für andere, aber nix für mich gemacht“ oder „die großen Prioritäten des Lebens, die großen Ziele wurden nicht erreicht“, dafür viele kleine Zwischenziele. Und das große Ganze? Kommt viel zu oft aus dem Blickfeld.
Dazu die Prozesse des Alterns, die anscheinend ganz von selbst innere Schwerpunkte, Vorlieben und Leidenschaften verschieben. So dass es mir z.B. überhaupt nicht leid tut, wenn ich nicht ständig auf Facebook/Twitter aktiv war und dort meine Zeit vertrödelt habe und auch über die eine oder andere entgangene Party keine Träne vergieße (genau genommen, war dieses Jahr fast ganz ohne Feste oder feierliche Höhepunkte, bis auf die übliche Handvoll Einladungen zu Hochzeiten oder Geburtstagen). Aber Feiern bis in die Nacht? Unrealistische Träume träumen? Sich die Welt kunterbunt malen und doch nie in der Realität ankommen? Mir scheint, diese Zeiten sind so unendlich weit weg. Stattdessen stehen jetzt andere Dinge auf dem Programm. Dinge, die Ende 30 nunmal wichtig werden: Familie, Stabilität, Zuverlässigkeit, finanzielle Unabhängigkeit, Reisen.. auch mit dem einen Auge wird schon auf die Rente geschaut, denn die schlechten Nachrichten aus dem deutschen Polit-und Gesellschaftsumfeld scheinen nicht abzureißen. Was ist da noch sicher? Worauf kann man sich noch verlassen? Die Russen vor der Tür mit ihren Manövern, die „Ausländerproblematik“, der demografische Wandel und der unsichere Euro. Die „Germans“ sind von Angst und Unsicherheit umgeben und das, wo sie die Sicherheit und Planbarkeit doch so lieben. Was auch erklärt, warum Bewegungen wie „Pegida“ so erfolgreich sind. Wo wir doch alle meinten, die braune Gefahr in der bürgerlichen Mitte sei längst überwunden… Angst und Ressentiments sind aber die denkbar schlechteste Reaktion auf Veränderungen. Eigene Anpassung und Flexibilität scheinen mir besser zu sein (zugegeben, aber auch deutlich schwerer umzusetzen).

Für größere, kreative Projekte ist mir dies Jahr nicht soviel Zeit geblieben. Das Blog z.B. : Dieses Jahr hat es sehr gelitten, weil ich soviele andere Ideen und Pläne hatte und auch viel auf Reisen war. Ich hatte mehr Lust, im Äußeren was zu verändern, als immer nur im Inneren zu verharren und die Impressionen des Lebens wie ein Memory-Spiel tausendmal umzudrehen. Da es diesmal fast nur Geschäftsreisen und keine Privatreisen waren, mussten sie jeweils gut vorbereitet und nachbereitet werden. Kaum war eine Reise vorbei, folgte auch schon die nächste. In den Reiseberichten kam das etwas zum Ausdruck. Auf dem Zettel standen vor allem Frankreich, Dänemark und Belgien. Alles Länder, die ich kaum kannte, die mich aber alle auf ihre Art beeindruckt haben. Und ich hab Blut geleckt! Ich will noch mehr sehen. Das Reisen rückt den eigenen Kompass und die – manchmal starre- Weltanschauung zurecht.

Der Zeitrahmen für das intensive Bloggen war daher auch das erste, was abgeschnitten und anderswo zugeteilt wurde. Ja, ich muss es zugeben: Das Blog ist eben nur ein Hobby, Geld wird damit nicht verdient, es ist „freie Kunst“ und die leidet am ehsten, ordnet man sie den übrigen Pflichten des Alltags unter. Und wenn ich das Blog nicht pflege, mich nicht aktiv vernetze, kommen auch nicht soviele aktive LeserInnen und Kommentare. Dennoch sehe ich an den Suchergebnissen, dass die Leute durchaus mit der Suchmaschine hier landen und ganz gezielte Antworten auf bestimmte Fragen bekommen. Das freut mich irgendwie, leistet so das Blog auch seinen Dienst, wenn ich nicht ständig davor sitze und neue Texte produziere.

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Weihnachtsmarkt – Bericht und Empfehlungen

Weihnachtsbaum im Levantehaus

Weihnachtsbaum im Levantehaus

„Die Deutschen lieben Weihnachtsmärkte“ habe ich letztens irgendwo gelesen.
So ging es mir dieses Jahr auch, es war irgendwie das Jahr der Weihnachtsmärkte. Gemütlich mit Freunden zusammenstehen und Glühwein trinken, kulinarische Genüsse an allen Enden, weihnachtliche Deko, schnell noch ein originelles Geschenk besorgen oder sich an allen Eindrücken erfreuen – wo kann man die Vorfreude auf Weihnachten besser zelebrieren, als auf einem Weihnachtsmarkt?

Für alle, die am letzten Adventswochenende vor Weihnachten noch auf einen Markt gehen wollen, hab ich hier eine kurze Zusammenfassung, Bewertung und Beschreibung der von mir besuchten Märkte. Wo es möglich ist, hänge ich auch eine URL oder ein Bild dran. Wenn ihr auch eine Empfehlung von einem Markt habt oder ein Bericht für das Blog schreiben wollt, freue ich mich über eure Anregungen, Links und Bilder!

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Der Weihnachts-Organismus

oder: Ein Tag in der Stadt

Passender Song

Kolonnen aus Blech rollen auf die Innenstadt zu. Am rechten Rand ein parkender Paketbote (von 2.000), der nach Erde und Dreck stinkende LKW schwenkt locker nach links und geht auf Tuchfühlung mit den Insassen hinter ihren Fenstern. Auch ihm wäre eine Paketzustellungs-Drohne vielleicht eine Entlastung gewesen. Ich frage mich, ob der Luftraum in nicht allzu ferner Zukunft mit kleinen Flugzeugen und Hubschraubern, so wie in den besten Science Fiction Filmen vollgestopft sein wird? Während ich das noch denke, reißt die Hektik den Blick wieder zurück auf die Straße und 4.000 Entscheidungen pro Sekunde sind zu tätigen.
Stossstange an Stossstange geht es eng gekuschelt vorwärts, aber dennoch erstaunlich schnell. Nur etwas für Menschen mit starken Nerven. Nicht gut für BeifahrerInnen und zittrige NervenbündelInnen. Im Parkhaus sind noch 17 Plätze frei. Im Parkhaus angekommen, die nächste Frage: wo sind diese freien Plätze? Und warum – in aller Not- werden diese Kurven und Parkbuchten immer so verdammt klein gebaut? Ich bin für eine Mietpreisbremse für Parkhäuser, dann würde der kostbare Platz -direkt am Nabel des Konsum- demnächst vielleicht großzügiger verschwendet.

Auto an Auto, Mensch an Mensch, aber doch, der einzelne erstaunlich oft mit Freundlichkeit gesegnet. Engheit bedingt Freundlichkeit. Soziales entsteht aus dem Kontakt. Respekt folgt der Aggression. Oben auf dem Weihnachtsmarkt angekommen, sticht als erstes der feine Geruch nach lebendigen Ponys in die Nase, die in Reih und Glied hintereinander stehen, etwas traurig in die Augen der Passanten blicken und noch auf Kinderlachen und -Beine warten. Eine Folge der niedrigen Geburtenrate? will ich noch denken, als schon die nächsten Eindrücke auf die Sinne stürmen: Läden voller Deko-Artikel kann mein Gehirn mittlerweile schon ganz gut einordnen, mit fachfraulichen Blick schätze ich Qualität, Ausstattung und VerkäuferInnen-Freundlichkeit inklusive Smalltalk-Faktor ein. Nur lieber nicht zuviel Smalltalk, das kann auch ermüdend werden, vor allem wenn man nicht mehr die Stornotaste findet. Das gedankliche Ergebnis der Stichprobe kann überzeugen, dennoch wird dieser Weihnachtsmarkt erstmal links liegen gelassen, um sich dem eigentlichen Plateau des Einkaufsrausches, langsam aber unaufhaltsam zu nähern.

Duftwelten folgen auf Kaffeewelten, Kleiderwelten folgen auf Straßenbahnen und Trubel und Autos und Essen und Düfte und Geld und Backwaren und Straßenschilder und Zettel und Quittungen und Tüten und Lachen und Freundlichkeit und Hektik und Stress und Höflichkeit und Drängelei.

Abends ist man dann, wen wundert´s, erstaunlich müde.

Pünktlich zum Sonnenuntergang schnauben die Pferde noch ein letztes Mal, bevor sie die feinen Herrschaften vor der Villa absetzen, währendessen drinnen das Dienstmädchen schon den Kaffee aufgesetzt hat und die Sofakissen für den Abend aufgeschüttelt hat.

Dachte ich noch in meiner Phantasie, als ich aufwachte und die Realität auch ganz beschaulich fand.

Der gesunde Mittelweg

Alle Jahre wieder, auch diesmal, ist Weihnachten. Man merkt es zuerst im August, wenn die ersten Paletten mit Lebkuchen, Christstollen, Schoko-Weihnachtsfrauen und Advents-Deko in die Läden gerollt werden. Dann stellt sich schon so langsam das erste weihnachtliche Gefühl ein. Man fragt sich dann auch, wie es so einer Weihnachtsfrau wohl geht, wenn man sie bei 26 Grad im Schatten langsam und genüsslich aus der Folie rollt, ihr klebriges Etwas in den Fingern hin und her reibt und dann langsam von Kopf bis Fuss auf Tuchfühlung geht?

Oder ein Lebkuchen zum Grillfest, das wäre auch mal eine Idee! Das gäbe eine ganz neue Kombination! Ingwer mit Bratwurst, Zimsterne mit Grillspieß, warum eigentlich nicht? Grillpartys im Winter gibt es ja bereits, alles weitere wäre nur ein kleiner Schritt. Das ließe sich auch von der Weltanschauung gut kombinieren: Hier die nordischen Atheisten und Thor-Kultsanhänger mit purem Fleisch als Lebensgrundlage und dort ein wenig christliches Weihnachtsaroma, aber bitte nicht zuviel. Eventuelle Zweifel an der eigenen Religions-Identität lassen sich gut mit hochprozentigem runtergurgeln.

Wer dann im September immer noch keine Weihnachtsgeschenke hat, braucht nur den Fernseher anzumachen. Von überall werden wir leise erinnert, dass da ja Ende des Jahres noch der Super-Gau des Geldausgebens auf uns wartet. Aber nur für die, die Geld haben, am Rande bemerkt. Alle anderen können noch die Heizöl-Lieferung vom letzten Jahr abstottern, den Weihnachtsbaum verheizen und die Stromrechnungen der letzten drei Jahre als Einwickelpapier verwenden. Und wenn es dann immer noch nicht reicht, kann man sich verschulden, so wie von den Banken erwünscht. Geld ist nur etwas wert, wenn der eine nichts davon hat.

Spätestens unerträglich wird es im November, wenn jeder Werbesport im TV oder im Radio irgendwie das Thema Weihnachten berührt. Spätestens jetzt ist die Kommerzialisierung endgültig durchdrungen und die letzten Reste des christlichen Ursprungs weggefegt.

Wer möchte, kann sich noch in Diskussionen vertiefen, ob man nun schenken soll oder nicht oder ob dekoriert werden soll oder nicht. Wer sowieso schon nicht „in Weihnachtstimmung“ war, kann sie sich von puristischen Weihnachts-Atheisten und Klein-Aufrechnern endgültig vermiesen lassen (die letzten Geschenke waren so und soviel wert und diesmal schenken wir gar nichts, du musst aber schenken, weil ich sonst beleidigt bin).

Was ist da die beste Option? Einfach weglassen, einfach wegfahren, in ein Land fahren, in dem nicht Weihnachten gefeiert wird. Einfach mal den 24.12. verschlafen, das wäre eine Option.

Oder das genau Gegenteil, den Trubel voll und ganz mitmachen und noch eins obendraufsetzen. Statt 12.000 Weihnachtsbirnchen des Nachbars und den 2,5 Tonnen Kunstschnee (Klimawandel), nehmen wir halt gleich die Großpackung vom Großhändler (50.000 Birnen und 10.000 gratis) und die Familienpackung Kunstschnee mit Deko-Weiß als Sprühdose (Kosten 6.000 Euro).

Ein gesunder Mittelweg scheint auch in diesem Jahr- unmöglich.

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