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Stuttgart 21, weitere Eindrücke (+ Links)

Zu Stuttgart 21 habe ich beschlossen, vorerst keine endgültige Meinung zu bilden. Wie so oft, je mehr Meinungen ich mir darüber einhole, desto unklarer wird das Bild.1

Nach meinem letzten Artikel, der am Ende in Richtung Satire gegangen ist, erhoffte ich mir vom Lesen eines Spiegel-Artikels und das Anschauen der heutigen Maybrit Illner – Sendung mehr Klarheit und Einsicht in die wirkliche Lage der Dinge, vor allem in die versprochenen „Sachargumente“, die sich nun mit der Vermittlung von Heiner Geißler jeder auf die verbalen Fahnen schreibt.

Aber obwohl der halbwegs mündige Bürger durch Nachrichtensendungen, Radio-Spezialberichte und tausenden andere Quellen ständig Meinungsfragmente und Wertungen erhält, fehlen auf dem Bodensatz der Diskussion noch immer die zurückgebliebenen Argumente. Wie ich im Nachhinein festgestellt habe, sind die Informationen aus dem Web, vor allem aus den Blogs, die besten und haben die meisten Details. Die Informationen, die man über regionale Zeitungen oder TV-Medien erhält, allerdings sehr dürftig.

So frage ich mich nach der Illner-Sendung immer noch, wofür der Bahnhof eigentlich steht? Wie wird er einmal aussehen? Was sind die Vorteile des neuen Bahnhofes und sind sie realistisch begründet? Warum hat kein Projekt-Befürworter auf dem Talkshow-Sessel Platz genommen und sich Frage und Antwort gestellt?

Wird der neue Bahnhof eines Tages wirklich Arbeitsplätze schaffen und wenn ja, wie viele und in welchem Bereich? Stehen die Kosten dazu in positiver Relation? Werden dafür auf der anderen Seite vielleicht Arbeitsplätze abgebaut? Wo ist der genaue, verkehrspolitische Unterschied zwischen einem Kopfbahnhof und einem Durchgangsbahnhof? (Stuttgart 21 ist letzteres; siehe hierzu auch die Links) Dazu brachte der Unternehmer (über den auf Twitter manche Leute gesagt haben, er würde klassische negative Unternehmer-Vorurteile bedienen) das Argument, dass er in China für die altmodische Infrastruktur in Deutschland belächelt wurde, was wiederum in ihm Aggressionen und Wut ausgelöst hat. Der Wortlaut des Chinesen war ungefähr „Deutschland ist ein lebendes Museum“. Wer die Bilder von aufstrebenden, chinesischen Städten im Kopf hat und diese mit der behaglichen Skyline deutscher Städte vergleicht, kann das wohl bestätigen.2
Skyline von Frankfurt

Aber dennoch, dieses wichtige Argument der Wirtschafts- und Fortschrittsgläubigkeit stieß nur auf wenig Begeisterung im Publikum, welches in Talksendungen immer als Resonanzverstärker der aktuellen Meinungen dient und daher von der emotionalen Wirkung nicht unterschätzt werden darf. Ich interpretiere das so, dass inzwischen für viele Leute der reine Fortschritt oder das Erreichen einer geldwerten Rendite nicht mehr das oberste Ziel ist. Wichtig ist eben auch die ökologische Nachhaltigkeit, wichtig sind die technologischen und sicherheitsrelevanten Fragen, wichtig ist auch die Frage “in welche Richtung wollen wir überhaupt gehen?” Viele Bürger sind sehr genau infomiert und sehen es nicht ein, für ein Projekt, das ihnen nicht wirtschaftlich sinnvoll erscheint, ihre Zustimmung zu geben.

Und daher ist Stuttgart 21, so fern dieses Schwaben-Projekt auch sein mag, eine wichtige Grundsatz-Entscheidung und Frage für alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland. Es geht um die Frage: Wie soll unser Land/ unsere Stadt / unser Bahnhof aussehen? Dieses ureigene Recht nach Selbst- und Mitgestaltung nehmen sich die Menschen, indem sie demonstrieren. Das ist für die Demokratie insgesamt gut und “für alle ein Gewinn”.

Im weiteren Verlauf der Sendung tat sich die wichtige Frage auf, wer den harten Polizeieinsatz vom letzten Donnerstag zu verantworten hat und von welcher Seite eigentlich die Gewalt ausging. Die meisten Talkgäste und auch das Publikum waren der Meinung, dass Gewalt keine gute Lösung ist und es bessere Wege geben sollte, um den Konflikt zu entschärfen. Der Unternehmer nahm die Polizei in Schutz und auch von Claudia Roth (Die Grünen) war zu hören, dass die Polizei mehr ein Instrument der Politik ist und dass diese den harten Einsatz absichtlich verursacht hat („Stefan Mappus wollte Blut sehen“). Dieses Argument wiederum wurde von Christian Lindner (FDP) nicht gerne gehört, der sich vehement dagegen wehrte und sinngemäß meinte, dass es so was in Deutschland nicht gäbe (dass absichtlich Gewalt angeordnet wird, um die Demonstration zu zerschlagen). Dennoch machten sich, auch angesichts der eingespielten Bilder mit blutüberströmten Menschen und Polizei-Gewalt gegen eine am Boden liegende Schülerin, deutliche Zweifel an der Angemessenheit des Polizei-Einsatzes breit. So seien die berüchtigten Wasserwerfer in Stuttgart seit 40 Jahren nicht mehr im Einsatz gewesen.

Interessant waren die Augenzeugen-Berichte einer älteren Dame, die auf der Demo anwesend war und selbst hinter den polizeilichen Absperrungen mit Wasser beschossen wurde und Reizgas abbekommen hat. Mit einer erschütterten und ängstlichen Miene schilderte sie ihre Erfahrungen und dass sie erschrocken über die Härte des Einsatzes gewesen ist. Selbst bekannte sie sich erstaunlicherweise zu einer „konservativen“ CDU-Wählerin. Das zeigt indirekt, wie weit der Widerstand gegen das Projekt inzwischen auch in gut-bürgerliche Schichten vorgedrungen ist.

Gelbe Blumen, Nahaufnahme

Die Diskussion versuchte sich weiter mit gegenseitigen Argumenten. So stellte Claudia Roth fest, dass auch der Juchtenkäfer ein Lebensrecht hat, was ihr in der Runde niemand streitig machte. Der junge Mann, Gegner von Stuttgart 21, verblasste ein wenig in der Diskussion und meldete sich nur selten zu Wort, so dass die Hauptargumente gegen Stuttgart 21 von Frau Roth vorgetragen und jedes Mal heftig kritisiert wurden. Sie musste sich vor allem den Vorwurf anhören, dass die Grünen derzeit auf einer Protestwelle reiten, das Projekt Stuttgart 21 instrumentalisieren und insgesamt auf „Wolke 7“ schweben, wie der Unternehmer spöttisch in die Runde warf. Und auch der Einspieler zu gewaltsamen Protesten gegen Atommülltransporte, der von grünen Politikern damals medial kritisiert wurde, verstärkte diesen Eindruck.

Von Frau Roth hätte ich mir insgesamt mehr Sach-Argumente und weniger Emotionalität gewünscht, hängen geblieben ist vor allem die Aussage, dass man mit einem Kopfbahnhof die regionale Infrastruktur/ den Nahverkehr stärken möchte (und ein wenig Abneigung gegen überregionalen Verkehr hat? Warum sollte nicht beides zusammen gehen? hier wäre vielleicht ein guter Vermittlungsansatz). Aber auch der Unternehmer bestätigte das Klischee und sagte durch die Blume, dass mit Stuttgart 21 vor allem Geld verdient werden soll.

Wertvoll für alle, war die Erkenntnis zum Schluss, dass man das nächste Mal vorher über dieses Großprojekt reden muss (die Zahl 15 Jahre stand im Raum und dass den Bürgern bereits zahlreiche Beteiligungsmöglichkeiten geboten wurden) und dann erst ein Planfeststellungsverfahren einleiten sollte. Dieses übrigens sei ein guter Anwärter auf das Wort des Jahres..

Darüber waren sich alle einig, und so besteht am Ende der Sendung die Hoffnung, dass man vielleicht doch nochmal „an einen Tisch kommen“, sachliche Argumente austauschen und sich einigen kann.

Wenn es auch keinen „halben Tiefbahnhof“ geben kann und mind. ein Beteiligter von seiner Schwarz-Weiß Position abweichen müsste. Was anscheinend allen ein wenig schwierig fällt.

Weiterführende Links
…und ein Großteil der vermissten Fakten finden sich hier:


Anmerkungen:
  1. dazu gibt es sogar eine Gesetzmäßigkeit: Je mehr Informationen man über eine Sache hat, desto schwieriger ist die anschließende Handlung; manchmal ist es besser, mit nicht allen endgültigen durchgekauten Argumenten einfach zu handeln; und eine nur 50%ige Sicherheit ist dann besser, als eine theoretische von 100, die es in der Realität fast gar nicht gibt. Dieser Zusammenhang wird z.B. hier näher erläutert. []
  2. auf diese Aussage konnte man im Netz das Gegenargument lesen, dass die chinesische Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik nicht unbedingt nur ein Vorbild sein kann, da sie eben auch Fehler macht, wenig auf Nachhaltigkeit setzt und beispielsweise Umweltzerstörungen in Kauf nimmt; ein Punkt, auf den die demokratisch geschulten und mitdenkenden Menschen in Deutschland sehr feinfühlig reagieren []


Was von Stuttgart 21 hängenblieb..

Als ferne und komplett außenstehende Medienbeobachterin kann ich zu Stuttgart 21 nur den Eindruck vermitteln, den die Medien und die vielen dazu schreibenden Menschen bei mir vermittelt haben. Ich habe kaum reale Konversationen zu diesem Thema gehabt, entweder sind die Menschen zu unpolitisch oder es waren andere Themen wichtiger und Stuttgart „weit weg“. Oder die Meinungen sind so einseitig und von tausenden wiedergekaut, dass sie mich ganz furchtbar langweilen.

Daher will ich ganz offen und direkt alle meine Eindrücke aufschreiben, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Meinung, die gerade dominiert, sondern ganz persönlich und auch subjektiv:

Stuttgart 21 ist aus irgendeinem Grund „böse“, der Grund leuchtet mir aber noch nicht ganz ein: Da ist einmal dieser seltene Käfer, von dem ich noch nie gehört habe, der aber sehr wichtig zu sein scheint. Da sind die vielen Bäume, die für das Bauvorhaben gefällt werden müssen und auf Youtube konnte man den Umfang der einzelnen Stämme sehen: Gewaltig. Das ist wirklich ein Frevel, so wie jedes Bauprojekt für das die Natur weichen muss. Allerdings ist das ein generelles, kapitalistisches Wachstumsorientiertes-Geldproblem und ein Mangel von Nachhaltigkeit, den man überall findet. Selbst wenn man neue Bäume pflanzt, wird das ewig dauern, bis sie wieder soo groß sind.

Nicht gut, wenn man öko ist. (so wie geschätzte 2 Milliarden linke Bildungsbürger in Deutschland).

Da sind ferner die Kosten und die Geldverschwendung und dass die Bürger das Gefühl hatten, nicht gefragt zu werden. Das ist ein wirkliches Problem mangelnder Kommunikation. Auch wenn das Land eigentlich demokratisch ist, so hat sich der Eindruck bei vielen Menschen aufgedrängt, dass der Beschluss zu Stuttgart 21 eine un-demokratische Entscheidung war.

Summiert mit anderen Entscheidungen der jüngsten Zeit baut sich ein emotionaler Widerstands-Kloß im Hals auf, der irgendwie raus muss. Was wäre besser geeignet, als eine Sache, die man anfassen und sehen kann? Die die abstrakte Entfremdung des Menschen in einem System, das er nicht beherrscht, wieder konkretisiert und beherrschbar macht?

Da ist die Bahn, die sowieso einen schlechten Ruf bei vielen hat, auf Grund der vielen negativen Dinge, die man inzwischen mit ihr assoziert: Der Hitze-Kollaps im Sommer, der zu einer „Qualitätsoffensive“ führt, die vielen Verspätungen, die unübersichtlichen Tarife, die regelmäßig angeprangert werden, sich aber dennoch nicht/nie ändern. Warum also dem großen anonymen Konzern nicht mal ein praktisches, reales Bein stellen und auf dessen Profit-Drüse drücken?

<———————– hier beginnt der politisch unkorrekte Satire- Teil ———————————>

Oder, warum nicht gleich mit einem günstigen Bahnticket in die Schwabenmetropole reisen und den Kopf mal zur Probe in einen Schlagstock halten?

Da ist die böse Polizei, die Männer in schwarz, die bedrohlichen und komplett ungeliebten Robocops unseres „Nazi-Diktatur-Polizeistaats“, auf die niemand Bock hat. Auch wenn das schöne grüne Fahrzeug mit dem weichen Wasser so lieb daherkommt, so scheint es ungesunde Auswirkungen zu haben, wenn man direkt in den Strahl blickt.1

Wer schonmal mit einem Hochdruckreiniger den Hof gesäubert hat, weiß dass in der Anleitung steht: „Bitte Schutzbrille benutzen!!“. Ein Motorradhelm tuts zur Not auch.

20 bar sind eine Menge Holz, wenn man bedenkt, dass in einem Autoreifen vielleicht 2,5 bar, in einem Radreifen keine 3 bar Platz finden. Und Wasser hat eine höhere Dichte und somit auch höhere Gefährlichkeit als „nur“ Luft. Daher steht auf Wikipedia zum Thema Wasserwerfer auch der Satz „Bei zu hohem Betriebsdruck kann ein direkter Wasserstoß zu schweren Verletzungen führen, daher gelten Beschränkungen bei der Druckregulierung.“

Also, Kinder nicht in den Strahl schauen, wenn die Polizei schlechte Laune hat. Reizgas auf beiden Seiten gilt auch schon als „politisch unkorrekt“. Trillerpfeifen, körperliche Belästigungen und Begrapschen, Besetzen von Polizeifahrzeugen, auf Bäume klettern, die gefällt werden, Plakate und Beschimpfungen der Polizei könnten unter Umständen auch als Aggression gewertet werden, aber wem der Zusammenhang zwischen Gewalt und Gegen-Gewalt nicht ganz klar ist, sollte eventuell… mal mit seinem Therapeuten darüber sprechen.

Oder zu einer Demonstration reisen und seinem Frust mal so richtig Lauf lassen!
Die blöden Politiker!
Die da oben!
Machen sowieso was sie wollen!

Denen gehört mal tüchtig in den Ar.. getreten!

Wenn wir schon Steuern zahlen, wollen wir auch demonstrieren dürfen- gehen- gehabt- wollen- sein.

Und – juchee- die Abstimmung mit den Füßen trägt bereits zarte Früchte: Der Südflügel bleibt vorerst stehen und der olle Mappus gesteht Fehler ein! Wenn das nicht mal ein Teilsieg auf voller Linie ist.

Ich bin begeistert.

Das nächste Mal reise ich auch ins Schwabeländlein. Wenn die Scheiß-Autobahn nicht immer so verstopft und Winterreifen nicht immer so teuer wären…


Anmerkungen:
  1. bitte nicht falsch verstehen, ich finde es auch schrecklich, was passiert ist und mir tun die erblindeten u. verletzten  Menschen sehr leid – ich finde es so erschütternd und traurig, dass ich die Frage wichtiger denn je finde, inwieweit eine Demonstration oder die Polizei eine angemessene Lösung für ein Problem ist, das politisch und mit Argumenten gelöst werden sollte; daher wende ich mich auch ein wenig gegen die Protestkultur und das Durchsetzen einer Sache mit Gewalt, egal von welcher Seite []