Das weiße Blatt Papier

Heute habe ich mal wieder Lust zu schreiben. Nicht sehr oft in der letzten Zeit. Die meisten Alltagssachen kommen ins Tagebuch, aber darüberhinaus denke ich mir, dass es wohl niemanden interessiert. Früher hatte das öffentliche Tagebuch schon seinen Reiz. Das war auch die Zeit, als Blogs noch „neu“ waren. Heute sieht das ganz anders aus. Andere Medien dominieren. Die schnelle Information von Facebook oder Twitter, die „status updates“ vom digitalen Ego. Ich sehe das ganze nicht mehr kritisch, verstehe sogar die Leute, die das machen. Aber doch hab ich immer noch keinen Drag, mitzumachen. Es kommt auch nicht von selbst, so wie erhofft. Im Gegenteil: je mehr ich Abstand vom digitalen Leben nehme, desto weniger vermisse ich es. Ich hab keine Leere in mir, die ich irgendwie füllen müsste. Und ich will niemanden belehren oder mich irgendwie aufdrängen.

Vielleicht liegt es daran, weil mich mein restliches Leben auch schon so genug ausfüllt. Früher hab ich oft geschrieben, wenn es mir schlecht ging. Das Schreiben war dann ein Ventil für angestaute Gefühle, für die Dinge, die schief lagen. Vielleicht schreibt man auch mehr, wenn man jünger ist? Weil man dann gewisse Dinge klären möchte und sich über bestimmte Sachen unklar ist. Robbie Williams sagte mal eins im Radio-Interview, dass er früher, als er Liebeskummer hatte und in seinem Leben einiges schief lief, viel bessere Lieder schrieb. Heute ist er glücklich verheiratet (glaube ich), befindet sich in einem ruhigen Lebensabschnitt und sagt über sich, dass seine Songs immer schlechter werden. Die Kunst braucht also das Extreme! Das Leben zwischen Extremen, das Leben an der Kante! Die jugendlichen Gefühle, die Aufregungen, hoch-trabende Emotionen. Nur ein glatter Ozean oder ein See im Inneren des Landes ist langweilig, was man braucht, sind Sturm, Wind und Wellen.

Auch der sturste Geist lässt sich formen, lernt mit der Zeit. Es kann also nicht ewig mit allen Extremen so weitergehen, das würde ja bedeuten, man würde nie etwas dazu lernen. Jedes Schreiben würde wieder auf das „ungebildete und neue Ich“ stoßen. Bei jedem Satz, jeder Idee wäre man wieder baff erstaunt. Wie ein kleines Kind im Spielzeugladen würde man sich über jeden bunten Teddy freuen und jeden Würfel dreimal umdrehen. Zur Natur gehört auch die Gewöhnung. Die Tatsache, dass Gras über die Sache wachsen kann. Dass aufgerissene Wunden wieder zuheilen.

Irgendwann hat man alles gesehen. Auch im Inneren. Kennt die eigenen Gefühle, aber auch die Grenzen. Die Neugierde ist in jede Ecke vorgestoßen, hat alles untersucht, alles ergründet. Die Bereiche, bei denen man enttäuscht wurde oder schlechte Erfahrungen gesammelt hat, werden fortan gemieden. Man muss sich die Nase nicht zweimal anstoßen. Schmerzen haben auch einen guten Charakter.

Die Zeit, die ich mir z.B. jetzt nehme um über alles nachzudenken, ist dann „freie Zeit“. Luxuszeit, die von der anderen Zeit großzügig abgetrennt und mit dem Kuchenmesser zur Seite geschoben wird. Man lässt die Gedanken wandern, einfach so, weil man es kann und gerade Lust auf Nachtisch hat. Das ist das menschliche Schicksal. Das Gehirn muss einfach immer arbeiten. Dem Gehirn ist es egal, womit es gerade beschäftigt ist, Hauptsache es arbeitet. Nichts ist schlimmer, als nicht genügend Input, nicht genügend Stoff zum verarbeiten und das lohnende Gefühl, das dabei entsteht, wenn man wieder etwas geistig verdaut hat.
Vielleicht liegt es auch an der heutigen Zeit, dass wir immer weniger bei uns selbst ankommen, immer weniger Zeit zum nachdenken und vertiefen haben. Wir sind ständig von außen abgelenkt. Über diverse Medien, hauptsächlich jedoch Bücher, Fernseher und Internet können wir unser Bedürfnis nach Input ständig stillen. Wie ein niemals endend wollender Fluss aus süßer Milch mit Honig werden wir ständig gesättigt, manchmal sogar übersättigt. Wenn uns dann noch langweilig ist, fahren wir irgendwo hin. Laden uns irgendwas herunter. Konsumieren irgendwas.

Zuletzt schrieb ich in mein Tagebuch einen Satz, der dazu passt und der mit jetzt wieder einfällt:
„Der Mensch braucht auch mal Urlaubsphasen. Phasen, in denen das Papier wieder weiß werden kann.“

Wer zuviel „schreibt“, zuviel lebt, und zuvielen Eindrücken ausgetzt ist, kann das Weiß des Papiers nicht mehr sehen. Die Tinte tränkt das Papier und lässt es an den Rändern verwelken. Der Radiergummi hat die Seiten zerfetzt, der Kugelschreiber hat feine, aber schwer zu entfernende Rillen reingerieben.
Wo bleibt die beruhigende Stille, die über allem liegt? Die Ausgangssituation, die wir letztendlich alle teilen? Unser Geist ist formbar, theoretisch haben wir darin alle die gleichen Anlage. Von Geburt an sprechen wir noch nichtmal eine Sprache. Haben kein Geschlecht. Keine Nationalität. Keine politische Weltanschauung. Keine Erziehung. Keine Werte. Wir starten alle mit einem großen leeren Block aus Papier in diese Welt. Und schreiben dann alle etwas anderes drauf. Lassen auf uns herumschreiben. Lassen an uns reißen, manchmal zerreißen, manchmal wieder mit Klebeband zusammenkleben.

Ab und an braucht man zwischen all den Zeichen ein leeres, unbeschriebendes und reines Blatt Papier. Ein eigenes Blatt.

Das Blatt, mit dem wir gestartet sind und das frei von Meinungen ist. Als Lesezeichen. Als Löschpapier. Als Zettel des Friedens, der die Dinge voneinander trennt. Ein leerer Zettel, der Platz schafft und uns- die nötige Zeit zum ausruhen.




In Freundschaften investieren

Warum sollte man schon in Freundschaften und Menschen investieren? Wo man doch in soviele andere Dinge investieren kann: In Gold, in Wertpapiere, in steigende Unternehmenkurse, in anziehende Lebensmittelpreise, auf den Absturz des Euro, auf teures Heizöl…

Freundschaften sind nichts greifbares- für die einen nur Gelaber, ohne Substanz. Alles ist schnell und hektisch geworden, die Investition auf der einen Seite, mit Zeit und Geld verbunden, was wird sie schon bringen? Die Unverbindlichkeit, Emanzipation und Freiheit, die in modernen Beziehungen so wichtig geworden ist, ist auf der anderen Seite auch der Fluch der konservativen Werte, des Erhalts von Beziehungen und der zwischenmenschlichen Verlässlichkeit. Und Freunde und Menschen bekommt man an jeder Straßenecke, in sozialen Netzwerken in rauen Mengen, beim Einkaufen im Supermarkt in so großer Anzahl, dass man manchmal lieber wieder einsam wäre…. dennoch gibt es über fünf Milliarden Menschen auf der Erde und man das Kunststück fertigbringen, mit keinem einzigen wirklich „befreundet“ zu sein.

Freundschaften sind doch so unverbindlich! Man kann sehr viel Zeit und Mühe hineinstecken, aber den anderen doch verlieren. Es gibt noch nicht einmal ein geregeltes Anrecht, keinen Freundschafts-Besitzschein, keine Glücklichsein-Erlaubniskarte, keine Läster-Lizenz…. die beste Schulfreundin, nun nach Amerika gezogen. Jahre verbracht, Stunden verbracht und nichts ist übrig geblieben, außer einer guten Erinnerung. Mit dem besten Freund um die Straßen gezogen, geweint, gelacht, das Herz ausgeschüttet, getrunken, gefeiert, gefürchtet und gefallen… nun ist alles vorbei, die Investition verloren!

Freundschaften kann man nicht besitzen, aber lohnt es sich dennoch, in sie zu investieren?

Was ist eigentlich der Wert einer guten Freundschaft?
Jemanden haben, wenn es einem schlecht geht? Jemand schreiben können, jemand der zuhört? Jemand, der Anteil nimmt, sich die Sorgen anhört und das Leben teilt?

Sich mitteilen, heißt teilen. Teilen macht frei, alles für sich behalten, macht einsam und geizig… Wer einen einzigen guten Freund hat, hat alles, wer nur Geld und sich selbst hat, hat nichts.

Eine Freundschaft hat genau dann einen Wert, wenn sie gelebt wird. Man kann eine Freundschaft nicht „haben“, aber in ihr „sein“. Eine Freundschaft besteht solange, wie man miteinander redet und etwas miteinander macht. Wird das eingestellt, ist auch der „Besitz“ weg, der eigentlich nie einer war.




Haben oder Sein?

Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut dieser Klassiker auf unsere heutige Zeit passt- und der fromme Wunsch von Erich, dass sich schon bald etwas zum Guten wendet und die junge Generation (der siebziger Jahre) es vermag, Veränderungen in den materiellen/ seelischen Bereichen herbeizuführen sind leider (noch) nicht eingetroffen.

Das Buch, dass ich auszugsweise, quer und immer mal wieder lese, ist eine komplexe Antwort auf einen ganzen Lebensstil. Es ermöglicht, diesen Lebensstil des „Habens“ überhaupt zu erkennen. Es mag eine Grundlage sein, für die vielen Konsumkritiker und neuerdings „Bank/ Managerkritiker“ der Neuzeit, aber es ist nicht vollständig und es ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

Fromm beschreibt z.B. nicht ausführlich genug, worin die Verführungen des Habens-Typus genau liegen und warum soviele Menschen anfällig für diesen Lebensstil sind. Auch die genetischen, psychologischen Grundlagen für das Anhäufen von Dingen vermisse ich ein wenig.

Das Haben an sich und ohne jegliche Argumente zu kritisieren, wäre so, als ob man einen Durstigen für das Trinken verurteilt oder dem Hungrigen das Essen wegnimmt: Es gibt natürliche Bedürfnisse nach Dingen, die nicht abzustreiten sind. Dinge sind wichtig für das Leben und es ist eine soziale Ungerechtigkeit, dass sie so ungerecht verteilt sind und sich die Lebensentwürfe (auf Grund der ungerechten Verteilung von Geld, Besitz und Kapital) so sehr unterscheiden. Nicht das Haben an sich ist schlecht, sondern wie wir damit umgehen.

Aus der falschen Einstellung zum Haben herausfinden kann man nur, wenn man einhundertprozentig davon überzeugt ist, dass der Weg des materiellen (wie man ihn jetzt lebt) nur ein falscher sein kann.

Die Buddhisten würden sagen, dass das Mittlere der beste Weg ist, dass Überfluss, aber auch Armut nicht zu Glück führen können.

In unserer Gesellschaft ist es sicherlich so, dass das „Haben“ überwiegt, das die ganze Sphäre der Erlebnisse immer mehr davon durchzeichnet wird und das „Sein“ und somit auch das Menschliche zurückgedrängt wird. Aber es sind nicht nur Fabriken, sondern eben auch die Konsumenten, Passive, Ohnmächtige, Ausgelieferte und Mitläufer des Systems. Die Fabriken würden nicht laufen, wenn nicht wir- die Käufer- mit viel Geld die ständigen Anreize für neue Produkte und Herstellungsprozesse geben würden.

Die Schere des Konsums scheint uns allesamt fest im Griff zu haben: Kein Gang in die Stadt, ohne mit Geld und Preisschildern konfrontiert zu werden, kein Gespräch mit Verwandten oder Freunden, dass nicht zum Thema „Preise“ oder „Euro“ kommt. Kein schönes Leben ohne Geld, kein Überleben ohne bezahlten Beruf. Jeder Schritt meines Lebens, ob der morgendliche Luxus mit Kaffeemaschine, der Feierabend mit dem Computer und der Urlaub unter Palmen ist ein materieller Schritt. Ohne Geld kann man (fast) nicht leben.

Was übrig bleibt von der Gesellschafts-Masse sind einsame Künstler und absolute Außenseiter, die mit ihrem langen Bart auf einer einsamen Insel leben. Aber sind diese ausreichend, um die Gesellschaft zu verändern? Wenn sie nur außen stehen und die Gesellschaft nicht durchtränken, sondern gleichsam von ihr isoliert werden?

In der Jugend kann man vielleicht so (besitzlos) leben, aber je älter man wird, desto stärker ist der Einfluss des Habens-Typus in der unmittelbaren Umgebung und je enger ist das damit aufgezwungene Korsett, dass wir uns anziehen (müssen).

Wo soll man ansetzen, wenn man zumindest den Kern des Buches für bare Münze hält und ihn umsetzen möchte?

Ich denke, die Essenz des Buches deutet darauf hin, mit dem „Haben“ richtig umzugehen. Überhaupt mal zu hinterfragen, wie sehr und ob der eigene Sinn des Lebens im Anhäufen und Kaufen von Dingen besteht- und ob es darüberhinaus noch andere Konzepte und Lebensentwürfe gibt. Wie sehr wird man von anderen Menschen beeinflusst und wie kann man dagegen steuern?

Wieviel Besitz brauche ich und wann ist Schluss? Wann macht mein Besitz Sinn und was davon ist Überfluss und Verschwendung? Ab wann kann ich meinen Besitz mit anderen teilen und möchte ich das überhaupt?

Aber auch: Kauf von umweltschonenen Produkten und Einkaufen mit Köpfchen, kontra bloße Verschwendungssucht!

Konsum bedeutet letztendlich nichts anderes, als Belastung der Natur und Verschwendung von Energie. Alles muss über Straße transportiert werden, wir machen uns oft nicht klar, wie aufwändig und ressourcenbelastend unser Lebensstil ist.

Schlimm wird der Konsum und das Besitzdenken dann, wenn er sich auf andere Menschen ausweitet: Der Fabrikbesitzer besitzt seine Arbeiter, der Geldgeber lenkt mit seinem Geld die Geschicke, der Staat verteilt „unser Geld“ (das ihm eigentlich nicht gehört), der Ehemann besitzt „seine Frau“, die Frau besitzt „ihre Kinder“. Jede dieser Konstellationen ist von Eigeninteressen motiviert und somit anfällig für Leid und Ungerechtigkeit.

Habgier führt zu niederen Emotionen, diese zu Streit und Streit im Großen zu Krieg. Wenn wir mehr verzichten könnten, würden wir den Weg zu Freiheit und Frieden ebnen. Das ist auch der Sinn der buddhistischen (oder christlichen) Askese: Verzichten macht frei.

Ein anderer Fall ist das Besitzen von Freunden und „Kontakten“, dass sich vor allem in der modernen Web 2.0- Welt sehr deutlich zeigt: Ich kommentiere nur bei anderen, wenn er bei mir kommentiert, die Freundschaft und Beziehung ist also eine vom Handel und Wirtschaftsdenken geprägte, aber keine auf Basis von echtem Mitgefühl und Vertrauen! Oder ich kommentiere bei anderen, um meinen eigenen Link zu präsentieren (ich spamme also Werbung).

Es ist sehr schwer Menschen zu finden, die vor allem im mitmenschlichen Bereich frei von Besitzdenken sind und ohne Eifersucht, Hintergedanken oder sonstige Dünkel „Freunde“ sein können.

Hier nur das bloße Sein entgegenzusetzen und sich jeglicher Habsucht, aber auch dem Besitzt-Werden zu widersetzen, mag der richtige Ansatz sein!

Der Konsum und der Besitz ist unser moderner Glaube- und kaum jemand zweifelt ihn an. Ja, wir haben uns sehr daran gewöhnt, dass das Buch „Haben oder Sein“ ein erster geistiger Schritt in eine andere Welt sein kann.

(Sponsored by ihre Ethik-Beauftragte) 🙂